Eine Reise durch Europa

Leseprobe In Paris folgt Pitts den Spuren Baldwins, in Berlin trifft er Rastafarians, in Moskau besucht er die einstige Patrice-Lumumba-Universität. Dabei wird deutlich, dass Europas Gegenwart stark von seiner kolonialen Vergangenheit gezeichnet ist
Eine Reise durch Europa
Ein Mann schaut in einen Friseur-Salon auf der Passage Brady in Paris

Foto: Ludovic Marin/AFP/Getty Images

Prolog: Sheffield

Ich wurde im Norden von Margaret Thatchers England als schwarzes Mitglied der Arbeiterklasse geboren. Firth Park in Sheffield, das Gebiet, in dem ich aufwuchs, ist nach Mark Firth benannt, einem wichtigen Stahlindustriellen während der industriellen Revolution. Seine Familie besaß außerdem einen Teil der einst weltbekannten Besteckfirma Firth Browns, in der Generationen meiner Familie beschäftigt waren. Firth Park wurde in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut, damit die Arbeiter mit ihren Familien in der Nähe ihrer Arbeitsstätten wohnen konnten. Die britischen Kolonien hatten zuvor schon Soldaten zur Verstärkung für die britischen Streitkräfte entsandt, und als es Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg an Arbeitskräften fehlte und das Land einen kostengünstigen Wiederaufbau anstrebte, öffnete es seine Tore für seine kolonialen Untertanen, um mit ihrer Arbeitskraft die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu stopfen. Dabei übersah die britische Nachkriegsregierung allerdings, dass es nicht so leicht sein würde, die angeworbenen Arbeiter wieder zu vertreiben, wenn sie ihren Dienst getan hätten. Großbritannien hatten einen beachtlichen Teil der Welt erobert, und die Kolonialisierung oft damit gerechtfertigt, dass es die Kolonialisierten »zivilisierte«, also »Briten aus ihnen machte«. Angesichts dieser Geschichte waren die Arbeiter aus den Kolonien nicht nur der Ansicht, dass sie sich das Recht zu bleiben verdient hätten, sondern einige dieser ersten Immigranten sahen sich sogar als Briten, die in ihr Heimatland zurückgekehrt waren. Man hatte ihnen beigebracht, englisch zu sprechen, zu handeln und zu denken, und sie in britischer Geschichte unterrichtet. Dagegen waren ihre eigenen Überlieferungen, ihre eigenen Religionen, ihr eigenes Wissen aus ihren Heimatländern und die Erfahrungen ihrer Vorfahren verschüttet und entwertet worden. Als der Krieg vorbei war und das normale Leben langsam wieder begann, stieß die Anwesenheit schwarzer und asiatischer Männer und Frauen in Großbritannien auf Widerstand, und kaum jemand fragte sich, warum diese neuen Communitys überhaupt da waren. Sie waren natürlich da, weil Großbritannien zuerst dort gewesen war.

Mehrere aufeinanderfolgende britische Regierungen versäumten es, dies ordentlich zu erklären. Die Abgeordneten in Westminster hatten nicht direkt mit den Neuankömmlingen zu tun, mussten nicht mit ihnen zusammenarbeiten und nicht den guten Willen aufbringen, den man braucht, wenn man mit Nachbarn aus einer anderen Kultur Kontakt haben will. Der Bau solcher Brücken oder manchmal auch die Weigerung, sie zu bauen, blieb den Arbeitern überlassen. Oder zynischer ausgedrückt: Die neuen Communitys waren sichtbare Sündenböcke, denen man nach Belieben für jeden gesellschaftlichen Missstand die Schuld in die Schuhe schieben konnte. Macht, Einfluss und Wohlstand Großbritanniens waren nach dem Zweiten Weltkrieg geschrumpft, aber statt nach den wahren Ursachen zu suchen, konnte man für die hohe Arbeitslosigkeit, das sinkende Bildungsniveau und die erschütterte nationale Identität einfach die ein bisschen anders aussehenden und sprechenden Leute vom anderen Ende der Straße verantwortlich machen. Wie es bei Immigranten der ersten Generation oft der Fall ist, zeigten die ersten schwarzen Menschen in Nordengland, die in kleineren Enklaven des Anderseins überleben mussten als ihre Londoner Schicksalsgefährten, generell Wohlverhalten und taten alles, um sich in ihrer neuen Heimat zu integrieren und beliebt zu machen.

Ich erinnere mich, wie ich einmal den weißen Bruder einer ehemaligen Freundin von mir besuchte, der bei einem Friseur in Barnsley arbeitete. Ich zog zwar zunächst ein paar neugierige Blicke auf mich, aber dann konnte ich mich setzen und in Ruhe warten, bis mein Freund mit der Arbeit fertig war, weil die Leute mir, obwohl ich der einzige schwarze Mensch im Raum war, kaum mehr Beachtung schenkten. Etwa eine halben Stunde nach mir betrat Charlie Williams, der berühmteste schwarze Komiker, den der englische Norden je hervorgebracht hat, den Laden, erspähte mich sofort, zeigte auf mich und brüllte: »Sie mal an, mein Cousin!«, und alle brachen in Gelächter aus. Er bekam ein Stück Schokolade aus einer offenen Schachtel auf einem Kaffeetisch angeboten und sagte: »Na gut, ich nehm eins, damit ich nicht die Farbe verliere.« Williams nutzte seinen Humor als Entschuldigung für unsere sichtbare Andersartigkeit, weil er fand, dass er den Elefanten im Raum thematisieren musste, bevor sonst jemand Gelegenheit dazu bekam. Das heißt, er machte eigentlich eine ähnliche Aussage wie der Südasiate in Andrea Dunbars Theaterstück Rita, Sue and Bob Too, wenn dieser sagt: »Ich kann nicht anders, als Paki zu sein.«

Ich verspürte niemals das Bedürfnis, mich für meine Anwesenheit zu entschuldigen. Die multikulturelle Struktur von Firth Park, wo ich aufwuchs, umfasste nicht nur eine Community weißer Arbeiter, sondern auch etablierte Communitys von Jemeniten, Jamaikanern, Pakistanern und Indern und später auch Communitys mit wirtschaftlichen und politischen Flüchtlingen neueren Datums aus Syrien, Albanien, dem Kosovo und Somalia. Mein Kinderschlafzimmer war jahrelang eine Art Ehrenloge für das Straßentheater des Viertels. Dort sah ich alles: Feste wie Diwali und Eid, Reggae-Partys, Joyrider, Bandenkriege, Rap-Battles, jemenitische Hochzeiten und immer wieder mal »Prince« Naseem Hameds roten Ferrari, der vor dem Nachbarhaus parkte (unser Nachbar Mohammed war mit dem Profiboxer verwandt). Firth Park war kein multikulturelles »Utopia« im konventionellen Sinne, doch es war lebendig und gesellig, unternehmerisch und dynamisch, getragen von der toleranten Atmosphäre, die entsteht, wenn ein Raum täglich von Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Kultur geteilt wird. Ich war stolz darauf, aus Firth Park zu stammen, da viele der benachbarten homogenen weißen Gebiete mit sozioökonomisch ähnlich schlechtem Status von Langeweile, Depression, Paranoia und Demoralisierung zerfressene postindustrielle Kadaver waren. Firth Park dagegen war alles andere als langweilig. Es war hart, aber voller Kultur und Gemeinschaftsgeist.

Mein Nachbar Mohammed war mehr ein älterer Bruder als ein Nachbar für mich. Er gehörte einem größeren Netzwerk von Leuten an, die sich umeinander kümmerten. Seine Familie gab mir zu essen, machte mit mir Ausflüge kreuz und quer durch das Land und gab mir stets Rückendeckung, wenn ich mit einer der härteren Familien in der Gegend Schwierigkeiten bekam. Ich verehrte Mohammed, weil er immer cool und clever und charmant war und in der Community großen Respekt genoss. Als junger Mann war er nicht nur ein guter Fußballer und ein ziemlicher Frauenheld gewesen, sondern auch, was ihm die größte Bewunderung einbrachte, der lokale Champion in Street Fighter 2, das man an einem einsamen Videospiel-Automaten im Kenya Fried Chicken spielen konnte. Mohammed war jemenitischer Abstammung, gehörte aber kulturell zu dem großen ideologischen Konstrukt der »Blackness«, dessen Grundlagen in den siebziger und achtziger Jahren gelegt wurden und das in den neunziger Jahren in der Hip-Hop-Kultur Früchte trug. Es war Mo, der mich in den Hip-Hop und alles, was damit zusammenhing, einführte und der mir raubkopierte VHS-Kassetten von Wild Style!, Der Exorzist und Scarface und von billigen chinesischen Kung-Fu-Filmen vorspielte (dem Quellenmaterial, auf das sich damals jedes Hip-Hop-Album zu beziehen schien). Außerdem brachte er mir bei, einige der Kraftausdrücke aus diesen Filmen auf Arabisch zu wiederholen. Auch das Schachspiel und die Freuden der arabischen Küche lernte ich durch ihn kennen. Ich aß Kohbs, Lahme und Aseeda, wohingegen ich sonst von einer Diät aus Findus Crispy Pancakes, Mars-Riegeln und Pommes vom Imbissstand gelebt hätte.

Am meisten beeindruckte mich an Mo, dass er seinen arabischen Wurzeln treu blieb und sich dennoch in die Community der weißen Arbeiterschaft integrierte, und zwar ohne ein Clown im Stil Charlie Williams’ zu sein. Viele andere ethnische Minderheiten der zweiten Generation erwarben sich in unserer Gegend den Respekt der Weißen durch brutale Gewalt: Was sie nicht bekamen, nahmen sie sich, und sie wurden gefürchtet. Mo dagegen fand ein positives Mittel. Er überlebte, ohne seine Integrität zu verlieren, und feierte sein jemenitisches Erbe, indem er es irgendwie relevant und sogar attraktiv für Weiße machte und indem er verschiedene Kulturen gekonnt zu einer zusammenmischte, mit der er arbeiten konnte. In dieser Beziehung war er ganz ähnlich wie der Boxer Prince Naseem, der nach einem Kampf eine Mischung aus jamaikanischem Patois, afroamerikanischem Ebonics und einem ausgeprägten Sheffielder Arbeiterdialekt sprach, bevor er Allah für seinen Sieg dankte, als ob es das Natürlichste von der Welt sei, all diese Dinge miteinander zu verbinden. Und genau das war es natürlich auch. Charlie Williams war in den vierziger Jahren noch eine Art Anomalität auf den Straßen von Yorkshire; Naseem Hamed war es den neunziger Jahren nicht.

Im Gegensatz zu einigen der weißen »Problemfamilien« (wie meine Mutter sie nannte) hatte Mohammeds Familie einen positiven Einfluss auf mich, was die Solidarität mit der Community, kultivierte Gespräche und die hohe Bewertung von Spiritualität und Bildung betraf. Unser Umgang hatte eine lockere Street-Culture-Fassade, doch sein Zuhause und seine Gewohnheiten waren von Wissen, Bildung und Kunst geprägt, und das trug zu meiner Allgemeinbildung bei, wo die Schule versagte. Schließlich ist der Islam eine Buchreligion, in der Wissen hoch geschätzt wird.

Die jemenitische und die jamaikanische Community hatten es irgendwie geschafft, ein Stück Großbritannien zurückzuerobern und es nach ihrem eigenen Bild zu formen, indem sie eine Kunst, eine Kultur, einen intellektuellen Diskurs und, trotz widrigster Umstände, eine eigene Form von Leben entwickelten. Es war dieser lebendige, atmende Multikulturalismus der Straße, der zunächst ausgenutzt, übernommen oder studiert und dann von Politikern, Akademikern und Theoretikern aus einer verzerrenden Distanz heraus entweder oberflächlich verklärt oder grausam verteufelt wurde. Tony Blairs New Labour war natürlich ein Fortschritt im Vergleich zur Politik von Margaret Thatcher, aber allzu oft nur auf der symbolischen Ebene. Doch diese lokale Community, die wunderbarerweise einen authentischen und bereichernden Lebensstil geschaffen hatte – also genau das, was ihr systematisch verweigert wurde –, konnte sich nur eine beschränkte Zeit halten, bis sie dem externen Druck von rassistischer Benachteiligung, Klasse und Geografie erlag. Das war der Grund, der mich zwang, nach einer Energie jenseits der Liebe zum Lokalen und der abgehobenen Distanz des Nationalen und Globalen zu suchen – nach einer kaum wahrnehmbaren, translokalen Energie, die letztlich Gemeinschaft mit einer größeren schwarzen europäischen Diaspora stiftete. Diese Energie hat mir Lauf der Jahre geholfen, das Gleichgewicht zu wahren und die eher lähmenden Aspekte meiner Adoleszenz zu überwinden. Ich hatte erlebt, wie viele meiner Kameraden im Lauf der Jahre einer Art Partizipationserschöpfung erlagen, weil die Magie, die unter dem Partizipationsdruck entstand, ohne zusätzliche Nahrung zu anstrengend wurde.

An diese Tatsache wurde ich brutal erinnert, als ich vor dem Aufbruch zu meiner Tour durch Europa in London die Zelte abbrach und noch einmal bei meiner Mutter in Sheffield wohnte. Dort wurde ich eines Morgens durch folgende Auseinandersetzung geweckt: »Ich hätte dich oft genug einbuchten lassen können, habe ich aber nicht. Und das nicht, weil ich auf Crack bin, du Idiotin.« Das kam von Tina, einer Jamaikanerin, die drei Reihenhäuser neben uns wohnte. Ich griff nach meinem Smartphone und checkte die Zeit: 7:15 Uhr. Dann linste ich durch die Jalousie auf die Horninglow Road hinaus, ein Blick, den ich besser kenne als jeden anderen. Das Fenster war vom Morgenfrost mit einer dünnen Eisschicht überzogen, und durch sie hindurch sahen die Reihenhäuser in der Mischung aus dem Blau der Morgendämmerung und dem Gold der Straßenlaternen beinahe malerisch aus. Tina zankte sich mit einer jüngeren Frau Anfang zwanzig, die aus einer allgemein bekannten weißen Familie stammte, und der Streit war noch nicht zu Ende.

»Hör mal du kleine Schlampe. Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«, schrie Tina, die einen großen Stock in der Hand hatte.
»Tina, du Mongo, gib mir meine Tasche zurück, oder es gibt richtig Ärger«, fauchte die weiße Frau im harten Straßenslang von Sheffield, einer seltsam befriedigenden Mischung von nordenglischem Arbeiterdialekt, jamaikanischem Patois, Urdu und anderen Elementen. Tina hatte nicht nur den großen Stock in der Hand, sondern auch eine billig aussehende braune Kunstlederhandtasche unter dem Arm. Es gab ein Gerangel, als die weiße Frau nach der Tasche griff. Tina schwang wild ihren Stock, und verfehlte das Gesicht der jüngeren Frau nur knapp. Die zog sich einen Moment zurück, schrie aber weiter. Und Tina stachelte sie noch zusätzlich an:
»Komm bloß her, du blöde Sau!«
Plötzlich drehte sich die jüngere um und rannte davon. Aber nach einer kurzen Pause, schrillte ihre Stimme wieder durch die Morgenstille: »Und was sagst du jetzt? Wer ist jetzt die Stärkere?« Sie hatte sich aus einem Garten in der Nähe einen Ziegelstein geholt und kam damit auf Tina zu.
»Gib mir meine Tasche zurück, oder ich schlag dir damit deine verdammte Fresse ein«, sagte sie.
»Na, dann komm doch, du kleines Gör. NA LOS!«, schrie Tina.

Sie torkelte auf die junge Frau zu und schlug ihr ins Gesicht. Es kam zu einem Gerangel, Fäuste flogen. Irgendwann fiel der Stock zu Boden, und am Ende hatte Tina den Ziegelstein und die junge Weiße die Tasche in der Hand. Plötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, gab Tina auf. Sie ließ den Stein fallen und ging wortlos zurück in ihr Haus. Doch die Jüngere schimpfte weiter.

»Pass bloß auf, du Schlampe! Du hast mir voll ins Gesicht geschlagen, und ich hab es nicht mal gespürt. Ich komm zurück und schlag dich zusammen, das kannst du mir glauben! Du blöde Schlampe, du! Pass bloß auf. Mir egal, wen du kennst. Ich bringe einen Mann mit, der dich fertigmacht!«

Sie sagte das, während sie Tina, wenn auch in sicherem Abstand, Richtung Haustür folgte. Als die Tür schließlich zu war, kam sie mit völlig zerzausten Haaren und feuerrotem Gesicht an meinem Haus vorbei. Dann sah sie Mohammed, der im Nachbarhaus aus dem Fenster lehnte, und sagte mit weicher, warmer Stimme: »Tut mir echt leid, Mohammed, mein Lieber. Ich wollte dich nicht wecken, Schatz. Aber die hat echt versucht, meine Tasche zu klauen, nicht?« Und damit stolperte sie weiter die Straße hinunter.

Tina war nicht immer so fertig gewesen. Ich weiß noch, wie sie jung und gut gekleidet war, dass sie mich immer wegen meines großen, widerspenstigen Afros aufzog und dass sie mich anflehte, meine Haare in ordentliche Cornrows flechten zu dürfen. Sie fragt mich immer noch, wenn sie mich sieht, aber heute sind es ihre krausen und verknoteten Haare, die die Aufmerksamkeit nötig hätten, die sie meinen angedeihen lassen will. Die putzmuntere, blitzgescheite Frau von einst ist jetzt ein Crackhead. Sie hat ihr Reihenhaus in eine Crackhöhle verwandelt, wo bewaffnete Polizisten regelmäßig Razzien veranstalten und man oft Pistolenschüsse hört. Tinas Zustand war eine Erinnerung daran, warum ich diesen Ort unbedingt hatte verlassen müssen. Tatsächlich gab es viele solche Erinnerungen: Firth Park war voll von Tinas. Die Menschen, mit denen ich aufgewachsen war, wurden ihrem statistisch zu erwartenden Schicksal gerecht. Eine Zeit lang war jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, ein Freund aus meiner Kindheit auf der Titelseite des Sheffield Star. Einer ermordete ein dreijähriges Kind; ein anderer, der weiter unten in der Straße wohnte, wurde erstochen; ein früheres Mitglied meiner Fußballmannschaft kriegte zweiundzwanzig Jahre Knast für versuchten Mord; sein Vater war nur wenige Jahre zuvor im Park des Viertels umgebracht worden … Und immer wieder höre ich von Schulfreunden, die in der Psychiatrie gelandet sind, weil sie die traumatischen Erlebnisse und den Druck nicht ausgehalten haben, die man aushalten muss, wenn man als schwarzer Mensch in einer pathologisch rassistischen Gesellschaft in der Spur bleiben soll. Ich hatte sie als Kids gekannt, die gern mit Transformers spielten oder im Park kickten. Wir spielten bei meiner Mutter in der Küche Schach oder lieferten uns auf der Straße Wasserschlachten. Ab etwa sechzehn oder siebzehn begannen sich unsere Leben auseinanderzuentwickeln. Ich ging aufs College und bekam anschließend einen Teilzeitjob in der Jugendarbeit, aber viele von meinen Freunden blieben irgendwann auf der Strecke.

Der einzig erkennbare Unterschied zwischen uns bestand darin, dass meine Eltern für ein einigermaßen stabiles Heim sorgten. Meine Mutter hatte die Unterstützung ihrer weißen Arbeiterfamilie, und mein Vater, ein afroamerikanischer Schauspieler und Sänger, genoss ein gewisses Ansehen als Entertainer. Wegen ihm machten wir auch Reisen, und das nicht aus Notwendigkeit, sondern zum Vergnügen. Meine Mutter und ich reisten ihm an verschiedene Orte im ganzen Land und manchmal auch ins Ausland nach, um ihn in einem Theaterstück oder Musical zu sehen.

Ich hatte also immer wieder, und das nicht nur auf dem Fernsehschirm, einen Blick auf eine Welt erhascht, die sehr viel größer war als Firth Park, und deshalb beruhten meine Erfolgsmaßstäbe auch nicht auf der Mikropolitik des Viertels – einer Politik, die unter anderem in den sogenannten »Postleitzahlenkriegen« zum Ausdruck kam. Damals trug »mein« Gebiet mit der Postleitzahl S5 mit dem nahe gelegenen Gebiet S3 einen Konflikt aus, der mit einer Flut gewaltsamer Angriffe und Morde verbunden war.

Es ist vielleicht seltsam, an diesem Punkt Alain de Botton zu zitieren, doch er analysiert in StatusAngst treffend, was mit den Menschen in meinem Umfeld passierte:

Die ohne Status bleiben unsichtbar, sie werden kurz abgefertigt, ihre nicht minder differenzierten Lebensansprüche werden mit Füßen getreten, ihre Gesichter schlichtweg ausgeblendet. Ein niedriger Status […] fordert seinen Preis […] vor allem in der Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls. Einschränkungen kann man lange klaglos hinnehmen, wenn sie nicht mit Demütigungen einhergehen, das zeigt sich am Beispiel der Soldaten oder der Forschungsreisenden, die einst bereitwillig Entbehrungen weit über das Los der Ärmsten ihrer Gesellschaft auf sich nahmen und sich mit dem Gedanken trösteten, dass ihr Einsatz hohe gesellschaftliche Wertschätzung genieße.

Genau das war es. Ich bin mit der Erkenntnis aufgewachsen, dass das Alter zu den bösen Jungs nicht nett ist. Eine einstweilige Verfügung wegen antisozialen Verhaltens war auf der Straße fast genauso so viel wert wie ein Realschulabschluss, und wir waren alle fasziniert von der attraktiven Mischung von Gefahr und Aufregung, die in der Popkultur mit der Identität junger Schwarzer verbunden war. Obwohl Tupac Shakurs Geschichte sehr viel tiefer reicht, weiß ich, dass ich nicht als Einziger Tagträume davon hatte, wie er erschossen zu werden. Was aber geschieht, wenn man erwachsen wird und als Dreißigjähriger sein Sixpack verliert, nicht lesen und schreiben kann und von Verhaltenstherapeuten und Knastpsychologen die Diagnose Soziopath verpasst bekommen hat? Was passiert, wenn der Ghettoglanz verflogen ist?

Von Firth Park ins Stadtzentrum ist es eigentlich zu weit zum Laufen, aber ich gehe trotzdem immer zu Fuß, weil auf dem Weg disparate Fragmente meiner Kultur auf mich lauern. Zufrieden mit meinem mäßig großen Rucksack, der genug Kleidung und Unverzichtbares für fünf Monate auf dem Kontinent enthielt, ging ich durch das »Flower Estate«, wo Drogendealer und Autodiebe die Honeysuckle Road, den Sunflower Grove, den Lavender Way, die Clover Gardens und die Primrose Avenue bevölkern. Das ist Sheffield: Die schlimmsten Orte haben die schönsten Namen. Die Chaucer School – an der Wordsworth Avenue – ist eine der schlechtesten Schulen der Stadt, und der Durchschnittsbewohner von Southey Green weiß romantische Verse gewiss nicht zu schätzen. So weit war Robert Southey von der Wirklichkeit entfernt, in der ich aufwuchs, dass ich erst in meinen späten Jugendjahren erfuhr, dass das Gebiet nach einem Dichter benannt ist, der »suthie« ausgesprochen wird, auch wenn die Bewohner fälschlich »southee« sagen.

Von Firth Park geht es weiter nach Wincobank, wo sich angeblich ein im Jahr 500 vor unserer Zeitrechnung erbautes Fort aus der Eisenzeit befindet, von dem allerdings heute kaum mehr eine Spur zu finden ist. Man stößt dort nur auf Reihenhäuser und einen Schnapsladen mit einer hellgelben Fassade, die selbstgestrichen aussieht. Mein Weg von Firth Park ins Stadtzentrum führt auch am größten denkmalgeschützten Gebäude Europas vorbei, was großartiger klingt, als es ist. Es handelt sich um die brutalistischen Park Hill Flats, die bis zu ihrer Gentrifizierung und Privatisierung wie ein monolithisches Monster über der Stadt dräuten und alles darunter in ihren dicken Schatten tauchten. Dennoch ist Park Hill ein angemessenes Wahrzeichen: Die Sheffielder lieben es, ihre Stadt zu hassen. Sie werden nostalgisch, wenn die Bausünden abgerissen werden, über die sie sich jahrelang beschwert haben, und sind beleidigt, wenn jemand von außerhalb genau wie sie selbst die Ansicht vertritt, dass Sheffield ein übles Loch ist.
Der ungern eingestandene heimliche Stolz der Sheffielder auf ihre zerzauste urbane Landschaft wurzelt in einer, wie ich glaube, unbewussten Anerkennung dessen, was diese Landschaft bietet: ein bodenständiges, keinem festen Muster unterworfenes Freiheitsgefühl. Knapp 230 Kilometer von Westminster entfernt, stehen die mehr und mehr verschwindenden Nachkriegsgebäude für die gesellige, von der Arbeiterklasse geprägte Atmosphäre, die in der Stadt herrschte, bevor Primark und Starbucks die Hauptstraßen kolonisierten – in einer Zeit, als die Gewerkschaften noch mächtig waren und sich die Kultur der Arbeiter noch nicht auf Kim Kardashians Kurven und die Bauchmuskeln in der Serie Love Island beschränkte. Die Pläne für die Stadt, die der Architekt John Lewis Womersley im Auftrag des Stadtrats in den fünfziger Jahren entwarf, waren kühn und sozialistisch geprägt. Im Lauf der Zeit habe ich nicht nur die Zerstörung der Räume der Arbeiterklasse in der Gemeinde erlebt, sondern sogar die Zerstörung der Idee der Gemeinde in der Köpfen der Arbeiter. Das Streben nach privatem Wohlstand hat den Gemeinschaftsgeist und das intellektuelle Engagement für Ideen, die über kapitalistische Bequemlichkeit hinausgehen, verdrängt. Communitys, die einst durch lokale Industriebetriebe miteinander verbunden und durch Stolz und handwerkliches Können geprägt waren, wurden durch die anonymen Nachbarschaften der Globalisierung ersetzt. Mit Callcentern und Einkaufsgalerien als Zentrum lässt sich nicht viel Kultur aufbauen. Ich spreche hier von den Arbeitervierteln im Norden Sheffields, wo ich geboren und aufgewachsen bin, nicht von den grünen Enklaven der Universitätsprofessoren, Studenten und Künstler, die sich im wohlhabenderen mittelständischen Süden der Stadt entwickelt haben.

Als Margaret Thatcher Großbritannien in den achtziger Jahren für den Freihandel öffnete und die industriellen Grundlagen des englischen Nordens zerstörte, waren die sozioökonomischen Bedingungen und Stadtlandschaften in meinem Teil Sheffields verblüffend ähnlich wie die im New York der siebziger Jahre. Diese Eigenschaft in Kombination mit den Raubkopien des bahnbrechenden Films Wild Style! über die Hip-Hop-Kultur von 1983, die damals die Szene überschwemmten, führte dazu, dass sich ein großer Teil der Stadt in den wichtigsten europäischen Tummelplatz für Graffitikünstler und Musiker verwandelte. Die sozialistischen Gebäude wurden zu Betonleinwänden, und die obersten Stockwerke der Hochhäuser wurden von Piratensendern genutzt. Dies war die Kehrseite von all dem Tod und der Gewalt, mit denen ich in meiner Jugend konfrontiert war. Die Entwicklung einer der wichtigsten kulturellen Bewegungen des späten 20. Jahrhunderts: des Hip-Hop, einer Bewegung, die unsere Probleme sowohl bekämpfen als auch verschärfen konnte.

Sheffields Ruf als sicherer Hafen für Graffitikünstler wurde abrupt zerstört, als Mitte der neunziger Jahre ein Zweiundzwanzigjähriger, dessen Tags jeden Quadratzentimeter der Stadt zu bedecken schienen, erwischt und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Simon Sunderland alias Fista (seine Signatur entstand durch einen Rechtschreibfehler in »first«, als er sein erstes Graffito anfertigte) war von der Hip-Hop-Kultur inspiriert, doch es dauerte nicht lange, bis das Sprayen als Selbstzweck bei ihm zur Sucht wurde. Seine Arbeit überschritt oft die feine Grenze zwischen Straßenkunst und dem, was viele als Vandalismus betrachten; und seine Motivation lag irgendwo zwischen genuinem politischem Protest und der eines Adrenalin-Junkies.

»Die Gesellschaft ist blind«, sagte er in einem Interview, kurz bevor er erwischt und ins Gefängnis geworfen wurde. »Jeden Tag, und wohin wir auch gehen, bombardiert man uns mit großen Werbeanzeigen, die Geld einbringen und Lügen verkaufen. […] Die Werbung versucht, uns durch Bilder von einer materialistischen Gesellschaft den Verstand zu vernebeln.« Immer wieder einmal tauchte ein wunderschönes, voll ausgemaltes, in Blockbuchstaben ausgeführtes »Piece« von Fista auf: die Art von Graffiti, die öde urbane Landschaften aufhellt. Wofür ihn jedoch die meisten Leute in Erinnerung haben, ist sein »Bombing«, seine schnell und ökonomisch hingeworfene Signatur an Bushaltestellen, Zugtunneln, Autobahnbrücken, Fabriken, Schienenfahrzeugen und allem, was er sonst erreichen konnte. Der Unterschied zwischen ihm und anderen Graffitikünstlern jener Zeit bestand darin, dass er mit Absicht auffällige Flächen in der Stadt wählte, weshalb sich sein Name wie jede groß angelegte Werbungkampagne in das Unbewusste eingrub. Er wurde eine lokale Berühmtheit, die das Licht der Öffentlichkeit scheute, eine wohlbekannte Marke, die einem nichts zu verkaufen versuchte, eine geheimnisvolle Präsenz, die überall den Klatsch dominierte. Schulkinder sagten, Fista sei ihr Bruder oder Cousin, oder behaupteten sogar, selbst Fista zu sein.

Im Jahr 1996, als Fista weggesperrt wurde, fiel im Westen eine ganze Menge subversiver Traditionen einer Entwicklung zum Opfer, die damals viele für fortschrittliche Politik und progressive Innovation hielten. Im Internet entfalteten sich die ersten sozialen Medien, die Wirtschaft boomte, und Tony Blair sollte bald zum Premierminister gewählt werden. In den Vereinigten Staaten wurde der Besitz an Radiosendern durch ein neues Mediengesetz auf ein paar wenige große Unternehmen beschränkt mit der Folge, dass sich der Hip-Hop in diverse Mainstream- und Untergrund-Lager aufspaltete (und ihm praktisch der Garaus gemacht wurde). In ganz Großbritannien und Amerika wurden die Hochhäuser der Nachkriegszeit abgerissen; in East London löste Harry Handelsmans Manhattan Loft Corporation eine Gentrifizierungswelle aus; Rudy Giuliani, damals Bürgermeister von New York, veränderte die soziale Landschaft der Stadt für immer; und Tupac Shakur wurde ermordet, was letztlich zum Ende von Death Row Records führte, dem Phänomen, das in den neunziger Jahren der Black Panther Party am nächsten gekommen war.

Damals entwickelte sich das Stadtzentrum von Sheffield zu einem stärker überwachten und mehr von Firmen dominierten Raum, und Menschen wie Fista passten nicht mehr ins Bild. Also steckte die Regierung eine Menge Geld in die Grime Busters, eine Einheit zur Bekämpfung von »Vandalismus«, deren Aufgabe darin bestand, sämtliche Graffiti der Vergangenheit und der Gegenwart zu eliminieren. Statt dass man den Versuch gemacht hätte, das kleine bisschen kreative Energie zu fördern, das irgendwie aus der Armut und der hohen Arbeitslosigkeit einer postindustriellen Arbeiterklasse erwachsen war, diffamierte man deren führende Köpfe. In derselben Zeit, als sich Gemälde des toten Jean-Michel Basquiat, der in seinen Anfängen als Graffitikünstler (in einem ähnlichen Stil wie Simon Sunderland) in New York City SAMO getaggt hatte, für eine halbe Million Pfund verkauften, sperrte man Fista in einem üblen nordenglischen Gefängnis weg und tilgte alle Spuren seiner Arbeit.

Ein Mitglied der Grime Busters sagte in einem Interview im Lokalfernsehen: »Stellen Sie sich vor, Sie hätten Ihr Auto in der Einfahrt stehen lassen, und wenn Sie am nächsten Morgen aufwachen, hätte jemand einen großen Adler darauf gemalt, und die Leute sagten: ›Das ist ein schöner Adler.‹ Darum geht es nicht, oder? Das Auto ist Ihr Eigentum, und Sie wollten keinen Adler darauf haben, also sollte er auch nicht dort sein, nicht wahr?« Ich aber frage mich, was die Hausbesitzer in der, sagen wir mal, Rutland Road von dem riesigen protzigen Plakat von Virgin Media vor ihren Häusern halten. Hat man sie um Erlaubnis gefragt? Wie stellt man es an, seine Zeichen und Symbole oder seine Werbung offiziell anerkannt zu bekommen? Kein Mensch, mit dem ich aufwuchs, wusste das. Wir wussten nur, dass es viel mehr Geld kosten würde, als einer von uns je zu besitzen hoffen durfte.

Eine Weile spielten die Grime Busters und die Graffitikünstler Katz und Maus. Tagger aus Sheffield machten landesweit Schlagzeilen und wurden in der Daily Mail verteufelt und im Untergrund als Helden verehrt. Mist1, Crome, Des, SB2 und andere kamen zusammen mit Fista in das Pantheon der Sheffielder Graffitiszene und wurden, wenn auch nur für kurze Zeit, berühmt. Aber genau wie Breakdancer und MCs wurden auch die Graff Cats älter, mussten irgendwann eine Familie ernähren und fanden es immer schwerer, eine Kultur aufrechtzuerhalten, mit der man nicht nur spielen kann, sondern die gelebt werden muss. An den Wänden im Stadtzentrum kam neue Anti-Graffiti-Farbe zu Einsatz, und der Fleiß der Grime Busters zahlte sich schließlich aus: Die Graffiti, die sie mit ihren Motorspritzen nicht sofort wegspülten, verblassten mit der Zeit und wurden nicht ersetzt – bei der Geschwindigkeit, mit der sie zerstört wurden, war es sinnlos geworden. Dies führte im Zusammenhang mit dem generellen Niedergang des Hip-Hop nicht nur als Musikgenre, sondern als Kultur der jüngeren Generation im ganzen Westen, und mit der Bedrohung durch mehrjährige Gefängnisstrafen zum fast völligen Ende der einst legendären Szene.
Ich wählte »afropäisch« (statt »europäisch«) als potenziell progressive Bezeichnung für mich, weil das Wesen Europas etwas an sich hat, das durch Assimilation zerstört, ein Phänomen, das ich aus erster Hand kennenlernte, als ich nach London zog und in die Londoner Hip-Hop-Szene eintauchte. Sie wurde hinter den Kulissen von weißen Privatschülern geführt, die über den UK Grime die Nase rümpften, weil er nicht real war – ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen komplexen, privat finanzierten Lyrik auf Old-School-Beats, die sie aus teuren Sammlungen alter Vinylplatten zusammenstoppelten.

Immer wenn ich nach Sheffield zurückkehre, suche ich die Straßen ab in der Hoffnung, ein Tag von Fista zu finden, eine Geisterspur des alten, vordigitalen Sheffield, das ich aus meiner Kindheit in Erinnerung habe. Das harte Urteil gegen Fista hatte dem Rest der Graffiticommunity eine Lehre erteilen sollen, und seine Tags wurden von den Grime Busters heftiger bekämpft als alle anderen. Als ich endlich auf einer Brücke in der Nähe des verlassenen Bahnhofs Brightside eines fand, sahen die trotzigen weißen Buchstaben müde und skelettartig und, mehr als alles andere, geschlagen aus. Das System hatte gewonnen. Heutzutage sind die Graffiti, wie auch die meisten anderen Elemente des Hip-Hop, heruntergedimmt, kastriert und kommerzialisiert. Sie werden von Leuten in Auftrag gegeben, die Schablonengraffiti im Banksy-Style auf den Wänden ihrer Kulturindustrietempel haben wollen. Sie sind genauso oft Bestandteil der Werbeplakate, über die sich Fista beklagte, wie sie auf irgendeine Wand um die Ecke gesprayt werden, nur dass es sich bei der Werbung um legalen, von Konzernen betriebenen Vandalismus handelt.
Meine Nostalgie für Fistas Graffiti wurzelt in deren Verbindung mit den randständigen Communitys der Stadt. Wie die Graffiti hatte auch die schwarze Community von Sheffield etwas Vergängliches. Sie war nie so gefestigt und selbstsicher wie die von London, und alles, was mit ihr zu tun hatte, spielte sich heimlich und im Untergrund ab. Der Freund eines Freundes weihte einen ein und erzählte einem von den illegalen jamaikanischen Bluespartys, die Docker oder Donkeyman veranstalteten, oder er gab einem die Frequenz von SCR, dem Piratensender, der unter den Dächern verschiedener Sheffielder Hochhäuser Garage, Ragga, RʼnʼB und Hip-Hop spielte, der in der Zeit vor dem Internet so schwer zu kriegen war. Eines der ersten großen schwarzen Festivals war Summer Jam, ein karibisches Do-it-yourself-Straßenfest in Pitsmoor. Daraus wurde schließlich das Festival Music in the Sun im Don Valley Bowl – eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sich die ganze schwarze Community Sheffields einmal im Jahr an einem Ort versammelte. Obwohl es ein paar wichtige, ältere Organisationen wie die Non-Stop Foundation gab, bestand immer das Gefühl, dass die Prunkstücke des multikulturellen Sheffield organisch aus der Community gesprossen waren.

Alle damals beteiligten Organisationen haben sich aufgelöst, und selbst in ihrer Blütezeit wirkten sie auf mich verwundbar und temporär. Sobald der Stadtrat versuchte, sie unter Kontrolle zu bringen, wusste man, dass dies ihren Tod bedeutete. Wenn sich das System einmischte, Sperrstunden verhängte, die Musik genehmigte und den Raum durch Firmensponsoren sanktionierte und kolonisierte, kam wieder einmal das Gefühl drohender Entfremdung auf. Die Führung wurde Leuten übertragen, die nicht aus der Community stammten oder mindestens Außenseitern verantwortlich waren. Wenn ich heute durch die schal gewordenen Räume wandere, die einstige Heimat einer verlorenen Geschichte, derer niemand gedenkt, stelle ich mir gern so etwas wie die blauen English-Heritage-Gedenktafeln vor, die die ehemaligen Unterkünfte berühmter und herausragender Gelehrter, Künstler und Entdecker zieren. Ich würde an einer Zeile von Reihenhäusern eine Tafel mit der Inschrift »Mr. Menace, bester MC Sheffields« anbringen oder durch eine Tafel an einem niedrigen Studentenwohnheim, an dessen Stelle einst ein städtisches Hochhaus mit Sozialwohnungen stand, den Passanten mitteilen: »Hier wurde Sheffields bahnbrechender Piratensender SCR ausgestrahlt«.

Black Culture in Sheffield hatte, wenigstens für mich, nicht ausschließlich mit schwarzen Menschen zu tun. Mein Weg in die Community führte nicht über meinen Vater (der als ein »mondäner« afroamerikanischer Sänger nicht besonders stark mit der Erfahrungswelt britischer Schwarzer verbunden war), sondern über Leon Hackett, einen weißen Freund, der in Pitsmoor aufwuchs. Die meisten Bewohner seines Viertels stammten aus Jamaika, also musste er, um zu überleben, sehr schnell alles über die Kultur Jamaikas lernen und identifizierte sich in vieler Hinsicht mehr mit ihr als mit der weißen Arbeiterklasse Sheffields. Er und seine Brüder gehörten zu einer großen Familie. Sie sprachen perfekt Patois, und viele von ihnen wurden MCs und DJs der Szene. Neben Mohammed war es Leon, der mich erstmals mit dem Hip-Hop bekannt machte, einer Kultur, die sich damals noch nach einem Underground-Club anfühlte, in den man nicht so leicht aufgenommen wurde. Leon und ich rappten stundenlang auf Instrumentals und unterzogen uns der mühevollen Prozedur, Mixtapes anzufertigen, indem wir auf SCR die Sendungen von J Rugged und MC Niges aufnahmen und dafür die Stopp- und Starttasten unserer Kassettenrekorder benutzten.

Leon war ein weiterer Grund, warum ich den Rest von Europa durch die Augen der Black Culture sehen wollte. Wie hatte sie sonst noch das Bewusstsein der weißen Bevölkerung des Kontinents beeinflusst und durchdrungen? Wie viele Spuren dieser umgekehrten Kolonialisierung würde ich finden? Die afrikanische Kunst hatte Art déco und Kubismus in Frankreich beeinflusst; Jamaikaner hatten in Deutschland eine riesige Reggae-Szene und eine Identifikation mit dem Rastafarianismus entstehen lassen; Stuart Hall hatte das Studium der Kulturwissenschaft an den britischen Universitäten radikal verändert. Welche Beispiele konnte ich dafür finden, dass die Assimilation für schwarze Communitys wirklich funktioniert hatte und wirklich Einfluss darauf hatte, wie Europa aussah und sich anfühlte? Ich wusste nur zu genau, dass dieser Einfluss schon lang besteht, weil er für meine Existenz verantwortlich ist: Ich bin ein Kind des Northern Soul.

»Northern Soul« ist der von dem Musikjournalisten der Zeitschrift Blues and Soul Dave Godin geprägte Begriff für ein musikalisches Phänomen, das in den sechziger und siebziger Jahren die Clubs und Casinos der Arbeiter in nordenglischen Industriestädten erfasste.
»Die britische Besessenheit von der Klassenzugehörigkeit hat im Lauf der Jahre dazu geführt, dass weiße Arbeiter eine Erfahrung machen, die zu der der schwarzen Amerikaner parallel läuft«, sagt Godin in dem Versuch, diese seltsame Einheit der Kulturen zu erklären. Ich muss ihm widersprechen: Man kann die rassistische Gesetzgebung und die Gewalterfahrung der schwarzen Amerikaner nicht mit den Härten im englischen Norden oder dem dortigen Klassenkampf in den sechziger Jahren vergleichen. Dennoch lag etwas im Schneid und Schmerz der aus der Unterdrückung geborenen Musik der amerikanischen Schwarzen, das in den Communitys der weißen Arbeiter einen Nerv traf. Die Familie meiner Mutter hatte wie viele Arbeiter in Nordengland irische Vorfahren, die während der großen Hungersnot von der Insel geflohen waren, und es kann gut sein, dass die Erinnerung an diese Flucht über den Atlantik irgendwie mit der Musik der über den Atlantik verschleppten und in einer amerikanischen Diaspora verstreuten schwarzen Menschen harmonierte. Weit wichtiger war jedoch das Motiv des Eskapismus: Es war einfach befreiend, eine Woche der Plackerei in den Gruben oder Minen oder Stahlwerken damit abzuschließen, dass man auf der Tanzfläche ein paar Stunden in einer fremden »exotischen« Kultur verlor. Das war definitiv bei meiner Mutter der Fall, deren Familie zu den ärmsten in dem Sheffielder Bezirk Burngreave gehörte. Die Musik brachte etwas Farbe in ihr Leben in der schmutzigen Industriestadt, und sie lernte in dem verfallenen viktorianischen Haus in Pitsmoor, wo der der 2018 verstorbene Frauenheld und Unternehmer Peter Stringfellow den Club The Mojo aufgemacht hatte, meinen Vater kennen.

Mein Vater kam 1969 mit der Band The Fantastic Temptations erstmals nach Großbritannien. Er und seine Bandkollegen tourten mit Hits wie »My Girl« und »I Wish It Would Rain« durch den englischen Norden und gewannen eine ordentliche Zahl von Fans. Sie wurden landesweit für ihre Live-Auftritte bekannt. Das Problem war nur, dass sie eben nicht die echten Temptations waren und für einen betrügerischen Promoter arbeiteten, der aus dem Erfolg der Originalband Kapital schlug. Das war kein Einzelfall: Dem soulhungrigen weißen Arbeiterpublikum, das nicht zu viele Fragen stellte, wurden statt berühmten Soulbands wie den Platters, den Drifters oder den Isley Brothers oft andere Gruppen verkauft. Und wenn ihre Mitglieder gut aussahen, schwarz waren, singen konnten und tanzbare Musik lieferten, waren alle zufrieden. Außer den Originalmusikern.

Schließlich kam man den Fantastic Temptations auf die Schliche und drohte ihnen rechtliche Schritte an. Also tauften sie sich schnell in The Fantastics um und hatten sogar einen gewissen eigenen Erfolg. Mein Vater erinnerte sich noch, wie er in Sheffield die wirklichen Temptations traf. Er machte sich schon auf eine Schlägerei gefasst, als er merkte, dass sie gar nicht wütend waren. Die falschen Temptations hatten gute Arbeit für sie geleistet, indem sie ihren Namen in Großbritannien bekannt gemacht hatten – ein Erfolg, der die Fantastics in den frühen siebziger Jahren zu dem eigenen Top-Ten-Hit »Something Old, Something New« anspornte.

Der Northern Soul bot nicht nur der Arbeiterklasse in Sheffield eine Möglichkeit, der harten Realität ihres Alltags zu entfliehen, er war auch für meinen Vater ein Mittel, den zahlreichen Straßengangs in Brooklyn und dem potenziellen Kriegsdienst in Vietnam zu entkommen. Die Musik war ein Ticket in ein Land, wo er als Afroamerikaner nicht als Teil eines nationalen Problems wahrgenommen wurde. Während die schwarze britische Community mit Molotowcocktails gegen die Polizei in Brixton kämpfte, trat mein Vater im West End in diversen Musicals von Andrew Lloyd Webber auf. Dass er schwarz war, stand in hier in Europa in keinem direkten Zusammenhang mit einem Kolonialreich oder einer problematischen gemeinsamen Geschichte. In Großbritannien passierte es ihm, dass weiße Engländer zu ihm sagten: »Sind diese Amerikaner nicht übel? Komm herein, Richie, mein Lieber, und trink einen Tee mit uns«, während dieselben Engländer ihre Augen vor dem Schicksal der weniger glamourösen schwarzen Community in Großbritannien verschlossen, das ihr Problem hätte sein müssen. Die Engländer im Allgemeinen und die Sheffielder Engländer im Besonderen empfanden meinen Vater als eine attraktive und aufregende Bereicherung für ihr Land, weil er ihnen dank seiner Abstammung und seiner kulturellen Distanz kein Unbehagen verursachte und seine Existenz nicht zu viele widersprüchliche Fragen aufwarf. Jedes Mal, wenn die Familie meiner Mutter zusammenkam, war er der Stargast. All diese Arbeiter und Arbeiterfrauen mit ihren Tätowierungen und Biergläsern drängten sich um ihn. »Das ist Richie«, sagten sie. »Der Sänger aus New York!« Ich halte den weißen Teil meiner Familie nicht für rassistisch, doch mein Vater konnte unmöglich mit einem der Kanaken vom anderen Ende der Straße verwechselt werden.

Es ist schwer zu beurteilen, ob und wie sich der Kulturaustausch durch den Northern Soul und ähnliche Bewegungen wirklich darauf auswirkten, wie weiße Europäer schwarze Menschen sahen. Ich besuchte vor einiger Zeit mit meinem Dad einen Northern Soul Weekender (der in einem Holiday Park von Pontins stattfand), und wir hatten das surreale Erlebnis, Skinheads, die wie Hooligans aussahen, voller Hingabe zu schwarzer Musik tanzen zu sehen. Die Fans kannten die Musik besser als die Musiker.

Mein Dad hatte einen gewissen Bekanntheitsgrad bei diesen Wochenendveranstaltungen, und die Veranstalter stellten ihm stets ein Ferienhaus zur Verfügung und zahlten sein Essen und all seine Drinks. Er erzählte mir, dass ein paar mit ihm befreundeten afroamerikanischen Musikerkollegen etwas Ähnliches passierte. Sie bekamen einen Anruf mit der Bitte, einen Song zu spielen, von dem sie fast vergessen hatten, dass sie ihn aufgenommen hatten. Der Song war in der britischen Northern-Soul-Szene ein Riesenhit, aber in den USA vielleicht sogar nur als Demo aufgenommen worden. Am interessantesten war der Northern Soul für Sammler, denn er war durch ein seltsames Phänomen in den sechziger und siebziger Jahren entstanden. Damals waren britische DJs in die USA geflogen und hatten massenweise Platten gekauft, die die Händler nicht loswurden. Die Plattenfirmen waren froh, ihre Lager leer zu bekommen und verlangten nur wenig Geld für ihre Ware. Doch die jungen britischen DJs waren clevere Unternehmer. Sie hatten einen Markt entdeckt, und es sollte Jahre dauern, bevor die amerikanischen Plattenfirmen merkten, was die Briten taten: Sie kauften Ladenhüter, verkauften diese als schwer zu kriegende US-Importe an ein hungriges weißes Publikum in Nordengland und verdienten damit ein Vermögen. Die so importierten Tracks wurden, oft ohne, dass die Musiker und ihre Plattenfirmen dies wussten, in der britischen Clubszene riesige Underground-Hits. Auch drei bis vier Jahrzehnte später besteht bei den älteren, heute fünfzig- bis siebzigjährigen Clubbesuchern, die ihre beste Zeit wieder heraufbeschwören wollen, noch eine Nachfrage nach den Musikern von damals. Selbst wenn der Northern Soul keine große kulturelle Lektion für die weißen Briten war, so verschaffte er schwarzen »Stars«, die zuvor nie wirklich hell gestrahlt hatten, immerhin ein bisschen Ruhm an ihrem Lebensabend. Und ganz ähnlich wie die nach dem Krieg überall in Westeuropa stationierten amerikanischen Streitkräfte hinterließ auch der Northern Soul eine Generation multiethnischer Kinder, die heute mit einer irgendwie anderen schwarzen europäischen Identität auf dem Kontinent leben.

Als ich den Zug der Midland Main Line nach London bestieg, wo der Eurostar auf mich wartete, suchte ich nach einem Weg, das Wissen und die heimliche Schönheit zu bewahren und gleichzeitig zu transzendieren, die sich, wie ich wusste, hinter all dem Chaos meiner Kindheit und Jugend in Firth Park verbergen mussten. Der Rückblick auf das Übermaß an Gewalt und Tod und die Erkenntnis, dass dieses Ausmaß nicht unbedingt normal war, hatte in mir den Wunsch geweckt, meine Reise zu machen. Ich reiste im Namen derer, die nicht reisen konnten oder wollten: der Community schwarzer Arbeiter und Kinder von Immigranten, und machte mich auf die Suche nach einem Europa, das sie und ich womöglich als unser eigenes erkennen könnten. So kam es, dass ich mich als ein extrem seltener Vogel auf den Weg machte: als schwarzer Backpacker.

12:49 09.09.2020

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