Leseprobe : Humboldts Netzwerke und Nachwirkungen

Ingrid Männl gewährt Einblick in Alexander von Humboldts facettenreiches Wirken: Sie zeigt, wie der Forscher, Reisende und königliche Berater durch seine Kontakte und Sammlungen das geistige und kulturelle Erbe Preußens nachhaltig prägte

Alexander von Humboldt in seiner Bibliothek (1856)

Foto: Fine Art Images/Heritage Images/Getty Images

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Auf Alexander von Humboldts Spuren

Auf Alexander von Humboldts Spuren

Ingrid Männl

Hardcover, gebunden

mit 67 farbigen Abbildungen

268 Seiten

49,90 €

In Kooperation mit Duncker & Humblot

Auf Alexander von Humboldts Spuren

Ein Vorwort

von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

„Blickt man vom obersten Treppenpodest des Alten Museums über den Boulevard Unter den Linden bis zum Humboldt Forum im Berliner Schloss, so wird bereits in mehrfacher Hinsicht deutlich, was Alexander von Humboldt bis heute mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verbindet. Nur drei Jahre nachdem er von seinem langjährigen Forschungsaufenthalt in Paris wieder in seine Geburtsstadt Berlin zurückgekehrt war, wurde im Jahr 1830 das Alte Museum im Lustgarten gegenüber dem preußischen Königsschloss eröffnet. Es war das erste öffentliche Kunstmuseum in Preußen.

Schon in seinen Pariser Jahren war Humboldt von Friedrich Wilhelm III. von Preußen mehrfach damit beauftragt worden, Kunstgegenstände zur Ausstattung des neuen Museums anzukaufen. Nach seiner Rückkehr nach Berlin trug er durch zahlreiche Gutachten, die er nunmehr als königlicher Ratgeber in Kunst- und Wissenschaftsangelegenheiten verfasste, noch erheblich zur weiteren Bereicherung der Museumsbestände bei. Unter Friedrich Wilhelm IV., dem nachfolgenden preußischen Herrscher, entstand der Plan, die Spreeinsel zu einer Freistätte für Kunst und Wissenschaften auszubauen. Bis zum Jahr 1930 wurden hier noch vier weitere Häuser errichtet, um die preußischen Sammlungen zur Kunst und Kulturgeschichte Europas und des Nahen Ostens angemessen zu präsentieren.

Seine Vollendung erhielt der Museumsstandort in Berlin-Mitte jedoch erst jüngst mit der Eröffnung des Humboldt Forums in dem wiederaufgebauten Berliner Schloss und dem Einzug der außereuropäischen Sammlungen in die dortigen Ausstellungsflächen in den Jahren 2021 und 2022. Dieses neue kulturelle Zentrum ist nach den Humboldt-Brüdern benannt, die beide von kosmopolitischem Denken geprägt waren und sich mit den Weltkulturen beschäftigten, der ältere Wilhelm als Sprachforscher und der jüngere Alexander ausgehend von seinen Forschungsreisen zunächst nach Amerika und später nach Zentralasien. Somit ist auch Alexander von Humboldts Name sowohl mit den Anfängen der Museumsinsel als auch mit der Weiterentwicklung der historischen Mitte Berlins zu einem Ort der Weltkulturen verbunden.

Das Bildmotiv auf dem Buchcover lässt dabei bereits konkrete Spuren von Alexander von Humboldts Wirken sichtbar werden. Im Jahr 1833 erhielt König Friedrich Wilhelm III. von seinem Schwiegersohn, dem russischen Kaiser Nikolaus I., einen verkleinerten Eisennachguss einer aus der römischen Antike stammenden Vase als Geschenk, die nach ihrem späteren Besitzer als Warwick-Vase bezeichnet wurde. Er beauftragte Alexander von Humboldt gemeinsam mit Karl Friedrich Schinkel, dem Architekten des Alten Museums, nach einem geeigneten Platz zur Aufstellung der Vase im Museum zu suchen. In den Akten des Geheimen Staatsarchivs ist neben zwei Skizzen von Schinkel auch das Gutachten von Humboldt überliefert, in dem er sich dafür ausspricht, die Vase auf dem obersten Treppenpodest im Museum aufzustellen, wo sie noch heute zu sehen ist.

Dieses Buch lädt dazu ein, auf Alexander von Humboldts Spuren – geführt von der Historikerin und Archivarin Dr. Ingrid Männl – eine Entdeckungsreise durch den schier unermesslichen Kosmos der so verschiedenartigen Sammlungen und Bestände in den Museen, Bibliotheken und Archiven der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu unternehmen. Ausgehend von den Hunderten von Briefen, die von seiner Hand im Geheimen Staatsarchiv überliefert sind, folgt dieses Buch den Spuren, die von seinem vielfältigen Wirken bis heute in den Sammlungen der Staatlichen Museen und der Staatsbibliothek zeugen. Diese Spuren führen zu den Objekten, Handschriften und Büchern,

die er selbst als Forschungsreisender aus Amerika und Russland mitbrachte, zu den Kunstobjekten und kulturellen Zeugnissen, die aufgrund seiner Gutachten für die Königlichen Sammlungen und Museen angekauft wurden, zu wissenschaftlichen Werken, die durch seine Empfehlungen für die Königliche Bibliothek angeschafft wurden, und zu vielem anderen mehr. Auf diese Weise wird sichtbar, welche kulturellen Zeugnisse und Kunstschätze die Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Alexander von Humboldt bis heute zu verdanken haben.

Die Drucklegung des Manuskripts erfolgte mit Mitteln aus dem großzügigen Vermächtnis, mit dem Christian Heinz Martin Haase (1951 – 2007) die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bedacht hat.“

Einleitung

Am 19. Mai 1826 fand in Paris bei „Very“, einem renommierten Restaurant im Palais Royal, eine große Abendgesellschaft statt. Gastgeber war Alexander von Humboldt, der damals berühmteste Naturforscher und Forschungsreisende der Welt. Von der französischen Metropole, die in der damaligen Zeit als das Zentrum der Wissenschaften in Europa galt, war Humboldt im Oktober 1798 zu seiner ersten außereuropäischen Forschungsreise aufgebrochen. Hierhin war er nach seiner fünfjährigen aufsehenerregenden Amerika-Reise im September 1804 wieder zurückgekehrt. Nach kurzen Aufenthalten, die er in den Jahren 1805 bis 1807 in Rom und Berlin verbracht hatte, lebte er nunmehr schon annähernd zwanzig Jahre in Paris, um hier die Ergebnisse seiner Forschungsreise zu publizieren.

Den Anlass für die große Abendgesellschaft im Palais Royal bot die Verabschiedung von Karl Friedrich Schinkel, des bedeutenden preußischen Architekten, der nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in Paris in den nächsten Tagen nach London abreisen wollte. Von Schinkel stammte der Entwurf für das neue Museum, das soeben im Berliner Lustgarten gegenüber dem Schloss erbaut wurde und Preußens erstes öffentliches Kunstmuseum werden sollte. Im Frühjahr 1826 beauftragte ihn König Friedrich Wilhelm III. mit einer Reise nach Paris und London, damit er in den dortigen Museen Anregungen für die Einrichtung des neuen Museums in Berlin sammeln könne. In Paris sollte ihm Alexander von Humboldt die Gelegenheit dazu verschaffen, genauere Kenntnisse von den dortigen Museumssammlungen zu erlangen.

In dem Tagebuch, das Schinkel auf seiner Reise führte, vermerkte er nicht nur, welche Besichtigungen und Begegnungen während seines Aufenthalts in Paris durch Humboldts Vermittlung zu Stande kamen. Er notierte auch die Namen der Gäste, die zu seiner Verabschiedung in das Palais Royal eingeladen wurden. Wie in einem Brennglas gebündelt, spiegelt die Zusammensetzung der Abendgesellschaft wider, in welchen Kreisen Humboldt verkehrte und in welche weitreichenden Netzwerke er eingebunden war. Unter den eingeladenen Personen befanden sich sowohl Wissenschaftler wie der Astronom Arago, der Chemiker Gay-Lussac, der Archäologe Quatremère de Quincy und der Altphilologe Karl Benedikt Hase als auch Künstler und Museumsverantwortliche wie der Maler Gérard und der Direktor des Louvre, Comte Forbin, sowie einige diplomatische Vertreter, darunter der preußische Gesandte Heinrich Wilhelm von Werther und der russische Diplomat Fürst Sergius Dolgorukow.

Im Laufe des Jahres 1826 fasste Humboldt den Entschluss, nach einem fast zwanzigjährigen Aufenthalt in Paris wieder in seine Geburtsstadt Berlin zurückzukehren. Noch im Herbst desselben Jahres kam er hierher, um Gespräche über seine künftige Stellung am preußischen Hof zu führen. Der König hatte ihn bereits im Jahr 1805 unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Amerika zum Kammerherrn ernannt. Nunmehr wollte Humboldt, ohne eine „bestimmte Anstellung“ anzunehmen, „durch Abstattung von Gutachten über Gegenstände der Staats-Verwaltung und der Künste und Wissenschaften nützliche Dienste leisten“. Zudem erhielt er vom König die Erlaubnis zu einem jährlichen Aufenthalt in Paris von drei bis vier Monaten, der zwar seinen Forschungen vorbehalten sein sollte, aber von königlicher Seite de facto auch mit diplomatischen Aufträgen verbunden wurde. Es waren also die Gebiete der Künste, der Wissenschaften und der Diplomatie, auf denen Humboldt nach seiner Rückkehr nach Berlin im Frühjahr 1827 im Auftrag des Königs Wirksamkeit entfalten sollte. Inwieweit würde er in diesen Tätigkeitsfeldern auf seine weitreichenden Netzwerke, über die er zu den einschlägigen Kreisen jeweils verfügte, zurückgreifen? Welche Spuren hat er mit seinem Wirken in den entsprechenden Institutionen der damaligen Zeit, nämlich den Königlichen Museen, der Königlichen Bibliothek und dem Geheimen Staatsarchiv, hinterlassen? Welche dieser Spuren sind in deren Nachfolgeeinrichtungen, die heute zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehören, den Staatlichen Museen und der Staatsbibliothek zu Berlin sowie dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, sichtbar geblieben?

Dies sind die leitenden Fragestellungen, denen das vorliegende Buch nachgeht. Dabei liegt der zeitliche Schwerpunkt der Darstellung auf Humboldts letztem Lebensdrittel, den Jahren 1827 bis 1859, in denen er in Berlin ansässig war. Dennoch werden in den Kapiteln, die seinem Wirken in Kunst, Wissenschafts- und diplomatischen Angelegenheiten gewidmet sind, auch entsprechende Tätigkeiten aus seinen früheren Lebensabschnitten berücksichtigt. Dies gilt insbesondere für seine diplomatischen Einsätze, die schon in den 1790er Jahren bei seiner Anstellung als Oberbergmeister in Ansbach-Bayreuth zu seinen Aufgaben gehörten und die ihn Ende des Jahres 1807 wieder nach Paris führten. Auf die Rolle, die Alexander von Humboldt als erster Kanzler der von König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1842 zur Auszeichnung von Wissenschaftlern und Künstlern gestifteten Friedensklasse des Ordens Pour le mérite spielte, wird in einem separaten Kapitel eingegangen. Ebenfalls in eigenen Kapiteln werden die Objekte, Handschriften und Bücher, die Humboldt von seinen Forschungsreisen nach Amerika (1799 – 1804) und nach Russland und Sibirien (1829) mitbrachte und als Geschenk den königlichen Sammlungen und der Königlichen Bibliothek überließ, vorgestellt. Einige der ethnologischen Objekte, die aus Mesoamerika stammen, sind heute im Humboldt Forum zu sehen.

Die Idee zu dem vorliegenden Buch geht auf eine Lesung von Briefen Alexander von Humboldts aus dem Geheimen Staatsarchiv zurück, die anlässlich seines 250. Geburtstags im Jahr 2019 von der Autorin konzipiert und in der Humboldt-Suite des Westin Grand Hotels in Berlin-Mitte veranstaltet wurde. Das Buch orientiert sich an der Konzeption der Lesung, wonach mit den Briefen zugleich die darin erwähnten Objekte, Handschriften und Bücher aus den Staatlichen Museen und der Staatsbibliothek vorgestellt werden. Erweiterung erfuhr die Quellenbasis insofern, als nunmehr auch die Bestände des Zentralarchivs der Staatlichen Museen und weitere bereits durch Editionen bekannt gemachte Schriftstücke von Humboldts Hand einbezogen wurden.

Einer vorläufigen Schätzung zufolge soll Alexander von Humboldt zwischen 30.000 und 35.000 Briefe geschrieben haben; nicht zu Unrecht wurde er daher jüngst als „Weltmeister des Briefeschreibens im 19. Jahrhundert“ bezeichnet. Vermutlich ist sogar das Geheime Staatsarchiv der Aufbewahrungsort mit den meisten von ihm verfassten Schriftstücken. Hunderte von Briefen und Gutachten, die seiner Feder entstammen, liegen hier, zum Teil noch unveröffentlicht, in den Ministerialüberlieferungen und den Nachlässen preußischer Könige, Minister, Diplomaten und weiterer Personen. Einige von ihnen werden an dieser Stelle erstmals in ihrem Wortlaut wiedergegeben. Die von Humboldts Hand stammenden Schriftstücke legen nicht nur ein beredtes

Zeugnis von seiner Eloquenz und seinem eleganten Stil ab. Sie lassen auch eine Persönlichkeit wieder aufleben, die sich durch außerordentliches diplomatisches Geschick, ein die Menschen für sich einnehmendes und humorvolles Wesen, Offenheit und Zielstrebigkeit auszeichnet. Alles dies macht seine Briefe zu einem großen Lesevergnügen.

Ingrid Männl

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