Die Übergabe
Wir waren um zwölf Uhr mittags verabredet und klingelten. Dann öffneten wir das Tor und traten ein. Karl Prager stand in der Tür, als wir den Weg bis zum Haus entlanggingen. »Sie hätten nicht zu klingeln brauchen«, sagte er, »das Haus gehört doch seit heute Ihnen. Seit Mitternacht.« Man konnte erkennen, wie schwer ihm die Worte fielen. Es lagen Trauer darin und auch ein Groll, den er nur mühsam verbergen konnte. Bevor wir vorhin in die Straße eingebogen waren, in der das Haus liegt, war ich in eine Haltebucht gefahren und hatte angehalten. »Was ist?«, hatte Anna gefragt. »Es ist mir nur gerade klargeworden, wie monströs dieser Moment für ihn sein muss«, sagte ich. »Er ist in dem Haus aufgewachsen und hat später jahrzehntelang darin gewohnt. Und nicht nur gewohnt, sondern auch seinen Beruf als Restaurator ausgeübt. Heute Morgen ist er das letzte Mal darin aufgewacht. Wie sagte er bei unserem letzten Treffen: ›Ausräumen – das werden Sie machen müssen; ich will nicht mit ansehen, wie sie mein Leben hinaustragen.‹ Und nun sitzt er dort drinnen, sieht auf die Uhr und wartet auf unser Klingeln. Ich weiß nicht: Das ist doch gar nicht auszuhalten. Oder?« »Nein, eigentlich nicht«, sagte Anna. »Und wenn man noch dazunimmt, dass er von hier ins Pflegeheim fährt, um zu sterben – nein, so etwas sollte niemand ertragen müssen. Aber er wollte es so: sich die Leute, die das Haus kaufen, selbst aussuchen, solange er so etwas noch kann. Seiner Tochter traut er nicht. Und außerdem lebt sie in Übersee. Aber du hast recht: Sein Warten dort ist schrecklich. Lass es uns jetzt beenden.«
Auf der Theke in der Küche hatte Prager die Schlüssel hingelegt, ganz penibel in einer Linie ausgerichtet und mit genau gleichen Abständen. »Hier, die vier sind für die Haustür, die zwei größeren für das Atelier und die beiden kleineren für die Hintertür«, sagte er. Er berührte jeden Schlüssel kurz mit dem Zeigefinger, dabei verrutschte einer, und er schob ihn sachte zurück. »Liebevoll«, sagte Anna später darüber, »es lag seine ganze Liebe zu dem Haus in der Bewegung, ich musste schlucken.« Prager sah unsere Blicke. »Es sind halt meine Schlüssel«, sagte er. »Oder waren es.« Dann tat er etwas Überraschendes, das uns verstörte: Mit einer heftigen Bewegung schob er die Schlüssel zu einem kleinen Haufen zusammen, es gab ein reibendes, ratschendes und klirrendes Geräusch, das uns in dem stillen Haus laut und aufdringlich vorkam. Ich glaube, er war selber erschrocken über das Zerstörerische, das in der heftigen Bewegung gelegen hatte, denn nach einem zögernden Blick auf die unordentlichen Schlüssel ordnete er sie wieder an wie zuvor. Er streifte uns mit einem scheuen, verlegenen Blick. »Ich würde gern noch mit Ihnen durch alle Räume gehen«, sagte er.
Er ging mit schweren Schritten die Treppe hoch und umklammerte das Geländer mit festem Griff. Ich fragte mich, ob das sein gewöhnlicher Schritt war, wenn er die Treppe hinaufging. Irgendwie kam es mir vor, als vergewisserte er sich mit jedem der schweren Schritte, die fest auf die Holzstufen drückten, dass er immer noch in einem Haus unterwegs war, das ihm gehörte. Aber das mochte Einbildung sein. Er ging den oberen Flur entlang in sein Schlafzimmer. Ich tauschte mit Anna einen Blick. Es war uns schon bei der ersten Besichtigung unangenehm gewesen, sein Schlafzimmer zu betreten. Zwei Betten mit einem Nachttisch dazwischen. Auf dem einen lag statt Bettzeug eine bunte indianische Decke, es musste das Bett seiner Frau gewesen sein. Sein eigenes Bett war ordentlich gemacht, alles glattgestrichen. Prager deutete auf das Bett. »Was hätte ich heute Morgen anderes tun können, als es zu machen wie immer?«, sagte er. »Aber das ist es nicht, was ich Ihnen zeigen wollte.« Er machte einen Wandschrank beim Fenster auf. »Hier. Der Weihnachtsschmuck.« Er zog ein Knäuel von Kabeln mit elektrischen Kerzen heraus. »Sehen Sie die Haken dort oben, neben der Vorhangstange? Da muss man sie befestigen, und dort unten ist die Steckdose. Ich habe weit und breit den schönsten Schmuck, das sagen alle. Sie werden das ja sicher fortführen wollen.« Wir sagten nichts, und für einen langen Moment blieb er zwischen Schrank und Fenster stehen, ein Kabel mit Kerzen in der reglosen Hand. »Ich …«, begann er, dann brach er ab und blieb noch eine Weile still stehen. Schließlich stieg er auf einen Schemel neben der Heizung, zog an dem Kabel in seiner Hand, bis noch mehr Kerzen aus dem Schrank kamen, und befestigte das Ende des Kabels am Haken neben der Vorhangstange. Jetzt stieg er wieder vom Schemel herunter. »Können Sie es sich vorstellen?«, fragte er. Wir nickten. Dabei war es ein grotesker Anblick: ein Kabel mit Kerzen, das aus einem Wandschrank kam und ohne erkennbaren Sinn neben der Vorhangstange befestigt war. »Wenn das alles richtig montiert ist, wird es nachts sicher sehr schön aussehen«, sagte ich. »Wir wollen jetzt hinausgehen«, sagte Prager steif, und wir verließen sein Schlafzimmer mit dem hängenden Kerzenkabel. »Dieses Kabel, das ohne Sinn und Zweck aus dem Schrank kam und dann in diesem großen Bogen durchhing, und Prager, der mitten im Versuch, die Vergangenheit festzuhalten, erstarrte – all das war kaum auszuhalten«, sagte Anna später. Und sie hatte bemerkt, was auch ich sah: Beim Hinausgehen zog Prager die Tür des Schlafzimmers mit einer Festigkeit und trotzigen Bestimmtheit zu, die zu sagen schien: Hier kommt nie mehr jemand Fremdes herein. Ich dachte: Wir gehen auf dünnem Eis.
Das Zimmer daneben war das kleinste Zimmer. Prager trat ans Fenster und drehte an der Jalousie, damit es heller wurde. »Dieses Licht gefällt mir am besten«, sagte er. Er ließ den Blick durch das Zimmer gleiten. »Es war immer das Kinderzimmer. Zuerst für mich und später für Charlotte, unsere Tochter. Am Ende war es das Zimmer, wo Dorothea nähte und bügelte. Lange Jahre stand dort in der Ecke ein Glasschrank mit Figuren aus Murano. Wir sind oft in Venedig gewesen und dann stets auch nach Murano zu den Glasbläsern gefahren. Eines Tages wollte Dorothea die Figuren nicht mehr im Haus haben und verkaufte sie, ich habe nicht verstanden, warum.« Er sah uns an. »Was werden Sie aus dem Zimmer machen?« Das wüssten wir noch nicht, sagten wir. Prager trat in den Korridor hinaus. »Eigentlich will ich es auch gar nicht wissen«, sagte er leise, wie zu sich selbst, als er voranging. Plötzlich blieb er stehen, holte sein Telefon aus der Jackentasche und ging zurück ins kleine Zimmer. Wir hörten ein leises Klicken. »Das war das eine, was ich vergessen hatte zu fotografieren«, sagte er, als er zurückkam, »die Striche an der Wand, die anzeigten, wie ich und Charlotte größer wurden. Das Zimmer ist mehrfach neu gestrichen worden, aber die beiden Kolonnen mit den Strichen haben wir ausgespart.« Er zeigte uns das Foto auf dem Telefon. »Ich will es bei mir haben«, sagte er.
Das dritte Zimmer im Obergeschoß hatte schräge Wände und ins Dach eingelassene Fenster. Es war als Wohnzimmer eingerichtet. Ein feiner Geruch von kaltem Pfeifenrauch hing in der Luft. »Hier haben Dorothea und ich oft gesessen, als meine Eltern noch unten wohnten«, sagte Prager. »Wollen Sie nicht einen Moment Platz nehmen?« Er holte eine Pfeife und Tabak aus der Jackentasche. Anna und ich sahen uns an. Geduld, sagte ihr Blick. Wir setzten uns. Prager riss ein Streichholz an, hielt es an den Tabak und zog. Plötzlich hielt er inne. »Ich hätte Sie fragen müssen, ob ich rauchen darf«, sagte er, ein bisschen schuldbewusst und auch ein bisschen trotzig. »Das ist schon in Ordnung«, sagte Anna. Es war so viel Gelassenheit in der Art, wie sie es sagte. Ich dachte: Sie ist die Frau, genau die Frau, mit der ich hier einziehen will.
»Später, als ich mit Dorothea allein im Haus wohnte, wurde es das Raucherzimmer«, sagte Prager und machte mit der Pfeife eine ausgreifende Bewegung, die den ganzen Raum einschloss. »Dabei ist es geblieben. Wenn ich rauchen will, komme ich hierher.« Eine Weile saßen wir schweigend da. Mein Blick ging hinüber zu dem Bücherregal. Prager folgte meinem Blick. »Das meiste sind Bücher über Tischlerei und das Restaurieren von Möbeln, dazu einige über Architektur«, sagte er. »Ich hätte auch gerne gelernt, wie man alte Fresken restauriert, aber dazu ist es nicht gekommen. Ich habe nicht mehr genau in Erinnerung, was Sie mir sagten, aber haben Sie nicht einen damit irgendwie verwandten Beruf?« »Wir sind Archäologen«, sagte ich, »und ja, das ist schon irgendwie verwandt.« »Mein Vater«, sagte Prager, »war auch Tischler und hat Möbel restauriert. Ich war schon als Knirps ständig in der Werkstatt unten und wollte nie etwas anderes werden.« Er zog an der Pfeife und fuhr sich dann mit der Hand übers Gesicht. »Ich wünschte, ich hätte einen Sohn, der das alles weiterführte. Charlotte – sie lebt in einer so ganz anderen Welt. Haben Sie Kinder?« Ich schüttelte den Kopf.
Abrupt stand Prager auf. »Entschuldigen Sie mich«, sagte er, »ich muss schnell ins Bad.« »Lass uns hinuntergehen«, sagte Anna, »er kommt dann schon nach.« Ich sah auf die Uhr: Es war nach zwei. »Wir müssen ihm Zeit lassen«, sagte sie, »denk an das, was du sagtest, als wir vorhin im Auto saßen.« Wir gingen hinunter in die Küche, standen nebeneinander und sahen zum Fenster hinaus, den Weg entlang bis zum Tor. Anna fasste mich um die Taille, und ich legte ihr den Arm um die Schulter. »Wer da wohl im Laufe der Jahre alles durch dieses Tor kommen wird?«, sagte Anna. »Ich warte auf den Moment, wo Prager es hinter sich schließt und wir unser neues Leben hier in Angriff nehmen können. Wir sind uns doch einig, dass die Küche komplett ersetzt wird?« »Nicht nur die Küche«, sagte ich.
Prager kam die Treppe herunter, langsam, fast im Zeitlupentempo. Er würde bei jedem Schritt spüren, dass es auf dieser Stufe der letzte war. »Können wir noch einmal hochgehen?«, fragte er. »Ich möchte Ihnen zeigen, wie man die Dachfenster verstellen muss, wenn man sie von außen putzen will. Es ist ein Trick dabei, den Sie kennen sollten.« Wenn es so weiterginge, dachte ich, würde ich irgendwann explodieren. »Danke, das ist sehr freundlich«, sagte Anna mit aller Selbstverständlichkeit der Welt, »aber wir haben dort, wo wir bisher gewohnt haben, genau die gleichen Fenster.« Davon konnte keine Rede sein, wir wohnten im Erdgeschoß, aber ich pflichtete Anna bei.
Prager ging voran ins Esszimmer. Dieses Zimmers wegen hatte mich Anna vor einigen Tagen mitten in der Nacht geweckt. »Wir können das Haus nicht kaufen!«, hatte sie aufgeregt gesagt.
»Warum nicht?« »Dieser Kronleuchter und der riesige Tisch mit den hohen Stühlen – wie in einem schäbigen Schloss. Ich habe davon geträumt und bin hinausgerannt, ins Freie.« »Aber das kommt doch alles weg«, sagte ich, »die Räume werden ganz anders aussehen, wenn sie neu tapeziert sind und unsere eigenen Möbel dort stehen.« Anna hat eine reiche und präzise Phantasie, und ich war verwundert, dass sie Pragers Haus nicht längst möbliert und zu unserem gemacht hatte. Es dauerte lange, bis sie wieder einschlafen konnte.
»Ich habe den Tisch und die Stühle in einem Laden für ausgediente Theatermöbel erstanden«, sagte Prager. »Alles sah abgenutzt und schäbig aus, wie es dort stand. Ich habe es komplett restauriert.« Er fuhr mit der Hand über die Tischplatte. »Ist das Holz nicht edel? Ich habe ein Furnier aus Kirschholz daraufgelegt.« Anna berührte die Platte und nickte. »Wie lange haben Sie daran gearbeitet?« Mein Gott, das darfst du ihn doch jetzt nicht fragen, sonst dauert es noch eine Stunde länger, dachte ich. »Aber Georg«, sagte Anna später, als wir darüber sprachen: »Es war das letzte Mal, dass er seinen geliebten Tisch und die Stühle sehen, berühren und darüber sprechen konnte. Wie mit allen anderen Dingen auch: Es war das letzte Mal, dass er sie vor sich hatte. Danach würde alles nur noch Erinnerung sein. Da durften doch die Zeit und unsere Ungeduld keine Rolle spielen.« »Natürlich hast du recht«, sagte ich.