Auf der Suche nach Wegen aus unserer Bildungskrise begab sich Alexander Brand auf eine Reise: In Finnland, Estland, Japan und Singapur besuchte er sechs Monate lang 30 Schulen – zuletzt im Schuljahr 2024/25. Sein Ziel: herausfinden, was diese PISA-Siegerländer anders machen. Und was deutsche Schulen von ihnen lernen können. Seine Erkenntnisse schildert er in seinem Sachbuch „Die Bildungsweltmeister“ (Beltz, Februar 2026).
Fünf Konsequenzen für Deutschland
1. Deutschland verwechselt Differenzierung mit Absenkung der Leistung
„An deutschen Schulen bekommen schwächere Kinder häufig leichtere Aufgaben. Damit senken wir die Erwartungen genau für diejenigen, die besonders gute Unterstützung brauchen. Die PISA-Spitzenländer muten ihnen dieselben Ziele zu und helfen ihnen intensiver, diese zu erreichen.“
Erfolgreiche Systeme halten für möglichst viele Kinder an gemeinsamen, anspruchsvollen Lernzielen fest. Wer zusätzliche Hilfe braucht, erhält mehr Zeit oder intensivere Begleitung.
2. Förderung muss Aufgabe des Systems werden
„Deutschland wartet oft, bis aus einer kleinen Lernlücke ein dauerhaftes Leistungsproblem geworden ist. Dann sollen Nachhilfe oder engagierte Eltern auUangen, was die Schule versäumt hat. Die Schulen der PISA-Sieger organisieren Förderung frühzeitig und verlässlich für jedes Kind.“
Länder wie Finnland, Estland und Singapur erkennen durch flächendeckende Diagnosetests Lernlücken früh und organisieren flexible Kleingruppen- oder zeitweilige Eins-zu-eins- Förderung parallel zum Unterricht. In Deutschland hängt zusätzliche Hilfe häufig vom Elternhaus oder vom freiwilligen Engagement einzelner Lehrkräfte ab.
3. Die frühe Selektion ersetzt keine Förderung
„Deutschland sortiert Kinder schon nach der vierten Klasse auf unterschiedlich anspruchsvolle Schulformen. Internationale Studien zeigen, dass diese frühe Aufteilung Leistungsunterschiede verfestigt. Länder wie Finnland, Estland oder Japan halten länger an gemeinsamen Zielen fest und investieren mehr Ressourcen in die Förderung.“
In Finnland, Estland und Japan lernen Jugendliche bis etwa 15 gemeinsam – bei gleichzeitig hohen fachlichen Anforderungen. Auch Singapur fährt die frühe Einteilung nach Leistungsniveaus zurück.
4. Ohne Wissen bleiben Kreativität und kritisches Denken leer
„Deutschland behandelt Wissen und Kompetenzen wie Gegenspieler. Dabei braucht jeder anspruchsvolle Gedanke eine fachliche Grundlage. Ohne Wissen können junge Menschen die Antworten von Suchmaschinen und KI kaum prüfen und bleiben von ihnen abhängig.“
Estland, Japan und Singapur konzentrieren ihre Lehrpläne auf zentrale Inhalte und formulieren klare fachliche Erwartungen. Dieses Wissen wenden Schülerinnen und Schüler anschließend in anspruchsvollen Problemen, Diskussionen und Projekten an.
5. Guter Unterricht braucht gemeinsame Entwicklungszeit
„In Deutschland bleibt die Weiterentwicklung von Unterricht meist Privatsache. Lehrkräfte brauchen feste Zeiten, in denen sie gemeinsam Unterricht planen, beobachten und auswerten. Solange Kooperation zusätzlich zum eigentlichen Arbeitspensum stattfinden soll, wird sie eine Ausnahme bleiben.“
In Japan untersuchen Lehrkräfte ihren Unterricht gemeinsam in sogenannten „Lesson Studies“. In Singapur arbeiten sie wöchentlich in professionellen Lerngemeinschaften zusammen. Kooperation und Fortbildung haben einen festen Platz in der Arbeitszeit.