Das Warum und Wozu: Was mich zum Schreiben dieses Buches bewogen hat
Seit einigen Jahren erleben wir, dass die Großmächte und die Europäische Union massiv aufrüsten. Noch vor zwanzig Jahren bestand weltweit ein starker Friedensoptimismus. Das lag unter anderem daran, dass 1987 nach einem Treffen Michail Gorbatschows mit Ronald Reagan ein Durchbruch in den Genfer Abrüstungsverhandlungen gelang; 1989 durchtrennten die Außenminister Ungarns und Österreichs den Grenzzaun, so dass der Eiserne Vorhang Lücken bekam; im selben Jahr setzten russische Soldatenmütter mit Protesten den Abzug des russischen Militärs aus Afghanistan durch; im November fiel die Berliner Mauer und 11 Monate später kam es zur Wiedervereinigung Deutschlands.
Mit der Auflösung der Sowjetunion schien Russland sich auf den Weg zu einem demokratischen Regierungssystem zu begeben. Diese Ereignisse stimmten zuversichtlich und weckten die Hoffnung, dass nach Jahrhunderten von Machtkämpfen und Kriegen Regierende die drängenden Probleme unserer Zeit miteinander und nicht mehr gegeneinander in Angriff nehmen würden!
Doch seit etwa zwanzig Jahren herrschen wiederum raue Töne. Regierende der Großmächte üben auf kleinere Länder Druck aus, und ohne erst fair zu verhandeln, drohen sie mit Gewalt und führen leichtfertig militärische Aktionen durch. In vielen Ländern ist auch bei innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Zivilgesellschaft eine zunehmende Radikalisierung zu beobachten, die Polarisierung und Frontenbildung zur Folge hat.
Was geschieht da zu einer Zeit, in der die Menschheit vor noch nie dagewesenen Herausforderungen steht? Denn es geht darum, große Probleme gleichzeitig zu lösen: Es geht um Maßnahmen zur Verhütung der Klimakatastrophe, das Überwinden von Elend und Hunger in ehemaligen Kolonien, Kriege und Fluchtbewegungen, das Sichern einer gesunden Ernährung für die wachsende Weltbevölkerung, und noch vieles mehr. Jedes der genannten Probleme erfordert neue Denkansätze und besondere Anstrengungen und Investitionen. Wird es nicht zu noch mehr sozialen Konflikten kommen, wenn bei der Suche nach leistbaren Lösungen ganz unterschiedliche Ideen und Interessen aufeinanderprallen?
Die Verflechtung der Probleme zur komplexen Poly-Krise stellt außerordentliche Anforderungen an alle, die Entscheidungsverantwortung tragen. Unser aller Zukunft hängt davon ab, ob wir – im Privat- und Berufsleben, in Kultur und Politik – mit Differenzen konstruktiv umgehen können, da diese Probleme von keinem Land im Alleingang gelöst werden können. Darum ist entscheidend, wie Regierungen bei Problemlösungen zusammenarbeiten. Politisches Bodybuilding mit Schönheitswettbewerben ist da völlig fehl am Platz.
Wird das gelingen? Was steht wirksamen Problemlösungen im Weg? Sind wir Menschen den Herausforderungen gewachsen oder überfordern sie uns? Was können Menschen in Politik und Wirtschaft tun? Und können Menschen in der Zivilgesellschaft dazu etwas beitragen?
Diese existenziellen Fragen haben mich zum Schreiben dieses Buches gedrängt. Die Komplexität der Aufgaben fordert Menschen auf allen Ebenen in Politik und Wirtschaft und der Zivilgesellschaft heraus, sie bewirkt bei vielen negativen Stress und entmutigt viele. Deshalb ist in allen Lebensbereichen die Fähigkeit wichtig, mit Differenzen konstruktiv umgehen zu können, so dass es nicht zu noch mehr sozialen Konflikten kommt.
In Kapitel 1 geht es um die Frage: Wie kann die Logik des Krieges überwunden werden?
In großen Zügen stelle ich wichtige Erkenntnisse der Hirnforschung und der Psychologie vor, die verständlich machen, wie durch negativen Stress die Ich-Steuerung gesunder und gereifter Menschen geschwächt und die psychischen Fähigkeiten beeinträchtigt werden, so dass in ihnen eine kämpferische Haltung ausgelöst wird. Wenn bestimmte Emotionen vorherrschen, entsteht eine «Affektlogik», die das Denken, Wollen und Handeln bei Auseinandersetzungen korrumpiert. Diese «Logik» wird nicht durch rationales Denken, sondern durch Affekte generiert, ich nenne sie «Kriegslogik» und präsentiere sie in 16 Thesen. Ihnen stehen 16 Thesen der Friedenslogik gegenüber und ich zeige, wie die Prinzipien der Friedenslogik zum De-Eskalieren von Konflikten praktisch genutzt werden können. Es kommt darauf an, Gelegenheiten dazu – die «Windows of Opportunity» – rechtzeitig zu erkennen und richtig zu nutzen. Dabei geht es nicht nur um Maßnahmen von Diplomatinnen und Berufspolitikern, sondern um Möglichkeiten, die auch von Menschen in der Zivilgesellschaft ergriffen werden können.
In Kapitel 2 lautet die Leitfrage: Wie eskalieren soziale Konflikte? Wie werden Auseinandersetzungen im Stil der Kriegslogik, erst in Worten, dann in Taten über neun Stufen intensiver und destruktiver, bis zur Zerstörung und Selbstvernichtung? Welche psycho-sozialen Mechanismen treiben die Intensivierung und Ausbreitung des Konflikts bis in die Selbstvernichtung? Es wird gezeigt, wie der destruktive Umgang mit Differenzen (A) im privaten und beruflichen Bereich zum sozialen Konflikt wird und eskalieren kann, und wie der Konflikt (B) in zwischenstaatlichen Beziehungen eskaliert. Die Kenntnis der Eskalationsdynamik ist für Betroffene nützlich zur Selbsthilfe und für professionelles Konfliktmanagement im privaten und organisationalen Lebensfeld, wie auch für Friedensprozesse im internationalen Bereich. Denn friedenstiftende Initiativen und Maßnahmen wirken nur, wenn sie den Besonderheiten der akut bestehenden Eskalationsstufe gerecht werden.
In Kapitel 3 gehe ich der Frage nach: Sichert Rüstung den Frieden? Die geschichtlichen Daten lassen erkennen, dass durch Aufrüstung Angriffskriege nie verhindert werden konnten. Der Rüstungswettlauf ab dem Jahr 1906 zwischen Großbritannien, Frankreich, dem Deutschen Kaiserreich, Österreich-Ungarn und Russland hat den Ersten Weltkrieg nicht verhindert, sondern heraufbeschworen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand im Kalten Krieg und nach Auflösung der Sowjetunion ein Ressourcen-verzehrendes Wettrüsten statt, im Glauben an das «Gleichgewicht des Schreckens» durch Atomwaffen. Vor diesem Hintergrund schildere ich die Hauptlinien der Eskalation, die zum Ukrainekrieg 2022 geführt hat, weil die maßgeblichen Entscheiderinnen und Entscheider der Kriegslogik folgten. Dieses Kapitel schließt mit friedenslogischen Ansätzen zum Auflösen fataler Teufelskreise und mit Vorgehensweisen gemäß der Friedenslogik. Die Darstellung destruktiven Denkens und Verhaltens soll jedoch nicht zur Stimmung beitragen, es gebe zu den Fehlentwicklungen keine Alternativen. Deshalb stelle ich Möglichkeiten zum De-Eskalieren und für Friedensprozesse dar, die von der Diplomatie ergriffen werden können, aber auch von engagierten Mitgliedern der Zivilgesellschaft.
An den Beispielen wird die Paradoxie des Wettrüstens deutlich, denn das Aufrüsten führt das herbei, was es zu verhindern vorgibt.
In Kapitel 4 ist nach der Auseinandersetzung mit Gewalt die Kernfrage: Was bewirken gewaltfreie Kampagnen? Hier berichte ich über alternative Ansätze der Konfliktbewältigung, die nicht von der Kriegslogik geleitet werden. Dabei stütze ich mich auf die Ergebnisse einer empirischen Studie zweier Konfliktexpertinnen, Erica Chenoweth und Maria Stephan. Sie erforschten 323 Kampagnen zur Überwindung von Gewaltherrschaft und Diktatur in der Zeit von 1900 bis 2006 und verglichen sehr genau die Wirkungen gewaltsamer und gewaltfreier Kampagnen. Sie wiesen nach, dass gewaltfreie Strategien etwa doppelt so erfolgreich waren wie gewaltsame. Ich fokussiere zur Illustration auf den konkreten Fall der erfolgreichen Strategie auf den Philippinen, die den Diktator Marcos mit seiner Familie und seinem Personal zur Flucht in die USA zwang. Die Erkenntnisse der empirischen Studie sind dazu geeignet, die von Vertretern gewaltsamer Änderungsstrategien oft verkündete Meinung als Vorurteil zu entkräften, dass Gewaltfreiheit zwar ein schönes, idealistisches Wunschmodell wäre, jedoch völlig unrealistisch und gegenüber massiver Gewaltherrschaft wirkungslos sei. Auch Menschen, die aus ethischen Gründen gewaltfreies Handeln befürworten, kennen selbst oft nicht die Methodenvielfalt des Vorgehens, auch nicht die Erfolgsfaktoren, und noch weniger die Wirksamkeit solcher Strategien. Die Forschungsergebnisse ermutigen zum praktischen Handeln gemäß der Friedenslogik.
In Kapitel 5 gehe ich der Frage nach: Gelingt Demokratie nach dem Sturz einer Diktatur? Einige Jahre nach dem Sturz des Diktators auf den Philippinen gab es wieder Rückschläge, sogar der Sohn des Diktators kam an die Macht. Darum stelle ich hier Überlegungen an, was getan werden kann, damit nach dem erfolgreichen Überwinden despotischer Herrschaftssysteme die errungenen humanen und demokratischen Verhältnisse gegen Rückfälle gesichert werden und sich darüber hinaus weiterentwickeln können. Dafür stelle ich die ganzheitliche Strategie der «Multi-Track-Diplomacy» vor, die im Geiste der Friedenslogik zur Entwicklung von Freiheit im kulturellen Bereich, Gleichheit im rechtlichen Bereich und geschwisterlicher Solidarität im wirtschaftlichen Bereich beiträgt und förderliche Lebensbedingungen für die geistige, seelische und physische Existenz von Menschen schafft. In allen Kapiteln und den Beiträgen im Anhang des Buches geht es darum, wie ein Vorgehen nach der Friedenslogik dazu beitragen kann, dass im Großen und im Kleinen die Kriegslogik überwunden werden kann.