Leseprobe : Die Scham muss die Seite wechseln

Gisèle Pelicots Mut brachte Gesetze ins Wanken und gab Betroffenen weltweit neue Kraft. Sie brach das Schweigen – und inspiriert mit ihrer Geschichte, für Selbstbestimmung einzustehen. „Eine Hymne an das Leben“ ist ihre offizielle Autobiografie

Gisèle Pelicot wurde mit ihrem öffentlichen Kampf zur Stimme von Millionen

Foto: CHRISTOPHE SIMON/AFP/Getty Images

Zum Kommentar-Bereich
Eine Hymne an das Leben

Eine Hymne an das Leben

Gisèle Pelicot

Hardcover, gebunden

256 Seiten

25 €

In Kooperation mit Piper Verlag 2026

Eine Hymne an das Leben

1

Den Frühstückstisch decke ich immer am Vorabend. Ich verteile die Tassen, die Teller, das Besteck und die Servietten, danach stelle ich den Honig und die Marmeladengläser hin. Als könnte ich so über die Nacht, die mir von jeher Angst macht, hinwegsteigen und für die Harmonie des nächsten Tages sorgen. Dann müsste nur noch die Butter herausgeholt, der Wasserkocher eingestöpselt, der Duft von Kaffee und geröstetem Brot verbreitet werden. Alles würde gut gehen.

Und so hatte ich an diesem Abend alles vorbereitet. Ich hatte sogar Dominiques Kleidung herausgelegt. Nennen wir ihn Dominique. So hatte ich ihn nie genannt, ich mochte lieber Kosenamen, Doumé oder Mino, später wusste ich nicht mehr, wie ich ihn rufen sollte. Ich sagte Monsieur. Monsieur Pelicot. Jetzt, da ich unsere Geschichte aufschreibe, entscheide ich mich für seinen Vornamen. Ich hatte die flaschengrüne Cordsamthose für ihn herausgesucht und das rosa Polohemd von Lacoste, das die Kinder ihm geschenkt hatten. Wir sollten am nächsten Morgen auf der Polizeiwache erscheinen.

Der Termin war um 9:30 Uhr. Während wir unseren Kaffee tranken, hörten wir die Nachrichten auf RTL. Die Covidpandemie nahm wieder weltweit Anlauf. Ein neuer Lockdown trat in Kraft. Ich saß vor dem Küchenfenster und betrachtete den Himmel dahinter, das Wetter war herrlich, ich regte für den Nachmittag einen langen Spaziergang an, als eine Art Gegenbefehl zu den Weisungen der Regierung und sicher auch als heilsames Gegenmittel zur morgendlichen Vorladung. Dominique saß mir schweigsam gegenüber. Ich bemerkte, dass mein Bruder Michel an diesem 2. November neunundsechzig geworden wäre. Er seufzte und sagte, er möge den November nicht, es sei nie ein guter Monat, vermutlich spielte er auf all die Rechnungen und Mahnungen an, die über uns hereinbrechen würden. Für einen Moment hingen meine Gespenster und unsere Geldsorgen in der Luft. Aber wir hatten schon immer mit beidem gelebt. Und das schweißte uns in gewisser Hinsicht zusammen. Während ich den Tisch abräumte, ging Dominique unter die Dusche. Bevor wir das Haus verließen, zog er eine Windjacke an, die überhaupt nicht zum Outfit passte, das ich für ihn vorbereitet hatte. Als ich ihn darauf hinwies, zuckte er mit den Achseln. Wir nahmen mein Auto, und er fuhr uns zur Polizeiwache von Carpentras.

Zwei Monate zuvor war Dominique von einem Wachmann des Kaufhauses Leclerc ertappt worden, als er drei Frauen unter den Rock filmte. Damals befand ich mich bei unserer Tochter Caroline und ihrem Mann Pierre im Pariser Umland, um meinen Enkel bis zur Rentrée zu hüten. Danach hatten wir ein Wochenende in ihrem Haus auf der Île de Ré verbracht. Dort war ich, als Dominique mich anrief und mit ungewohnt nervöser Stimme sprach. Er stammelte, er habe sein Handy verloren, er brauche einen Code, um das neue zu aktivieren, das er sich gerade gekauft habe, und diesen Code habe er an meine Nummer senden lassen. Ich hatte ihm den Code gegeben, wobei mir schien, dass bei diesem sonst bestens organisierten und methodisch vorgehenden Mann plötzlich alles aus dem Ruder gelaufen war. Als er mich ein paar Tage später am Bahnhof abgeholt hatte, wirkte er abgemagert. Kaum waren wir zu Hause angekommen, brach er in Tränen aus. Er sagte, er wolle mich nicht verlieren. Sofort hatte ich Papa beim Tod meiner Mutter vor Augen. In meiner Vorstellung ist ein weinender Mann immer mein Vater, der unaufhörlich schluchzt, während ich an seiner Seite bin, ohne ihn trösten zu können. Im Fall von Dominique hatte ich zunächst befürchtet, er wäre krank, sein Krebs wäre zurückgekehrt und würde ihn am Ende umbringen.

Als er mir schließlich gestand, dass er in der Woche davor im Leclerc in Carpentras die Beherrschung verloren und mehreren Frauen unter den Rock gefilmt hatte, und dann auf der Polizeiwache gelandet war, wo man sein Telefon und seinen Laptop beschlagnahmte, war ich zwar betrübt, aber auch fast erleichtert. Es war furchtbar, sich auszumalen, wie mein Mann diesen Frauen nachstellte, dass er zu solchen Übergriffen fähig war, aber nicht ganz so schlimm wie Krankheit und Tod, die mir als Erstes in den Sinn gekommen waren.

An jenem Tag sagte ich ihm, ich würde das Ganze für mich behalten, würde selbst den Kindern nichts verraten, um sie zu schonen, ich würde ihn nicht im Stich lassen, er müsse sich aber unbedingt bei den Frauen entschuldigen, die er gefilmt hatte, und eine Therapie machen, außerdem dürfe so etwas nie wieder passieren, ansonsten würde ich mich von ihm trennen. Ich verspreche dir, dass es nie wieder vorkommt, versicherte er mir. Ich würde nicht vergessen können, was er getan hatte, es war ein Alarmsignal, aber wofür? Ich wusste es nicht. Ich wollte, dass unser Leben trotzdem so weiterging wie bisher, im gelben Häuschen mit den blauen Fensterläden, unserem Ruhesitz in Südfrankreich. Der Pool war schon zugedeckt. Der Oleander blühte nicht mehr. Es wurde Herbst.

Mitte Oktober fuhr ich wieder nach Paris, diesmal, um nach den Kindern meines Sohnes David zu sehen, der sich einer kleinen Operation unterziehen musste. Man brauchte mich nur zu fragen, und schon reiste ich hin, um mal die einen, mal die anderen zu hüten. Der Schulferienkalender war zu meinem geworden. Ich eilte auch bei unerwarteten Ereignissen herbei. Ich war Maminou, die mobile Oma. Vor dem Altern hatte ich keine Angst, ich wusste, dass es ein Privileg ist. Bei David verbrachte ich viel Zeit mit meinen Enkelinnen. Charlize weigerte sich jeden Morgen standhaft, etwas anderes zu tragen als einen Trainingsanzug. Ihre Zwillingsschwester Clémence hingegen zog sich gern immer wieder um und hatte einen Hang zu Prinzessinnenkleidern. Sie waren neun, das Alter, in dem ich meine Mutter verloren hatte.

An diesem Morgen hörte ich das Telefon nicht klingeln. Ich saß in den Zuschauerrängen eines Tennisplatzes. Charlize jagte jedem Ball nach, Clémence und ich folgten ihr mit dem Blick. Ihre Vorhand hatte sich verbessert. Mein Display zeigte mir einen verpassten Anruf an. Die Nummer war nicht in meinen Kontakten verzeichnet. Ich rief kurze Zeit später zurück: »Guten Tag, Sie wollten mich sprechen?« Der Mann am anderen Ende stellte sich vor: »Kommissar Laurent Perret von der Polizeiwache in Carpentras. Vor einigen Wochen haben wir Ihren Mann vernommen, wissen Sie darüber Bescheid?« Ich sagte, ja, mein Mann habe mir alles erzählt. Meine Antwort hallte triumphierend in mir wider: Unsere lange Ehe war von Vertrauen und Transparenz geprägt. Ich fügte hinzu, dass ich seit fünfzig Jahren mit diesem Mann zusammenlebte und er mich noch nie hintergangen hätte.

»Wann kommen Sie zurück?«

»Am 21. Oktober. Ich kann Sie dann gleich aufsuchen.«

»Bloß nicht, wir haben alle Hände voll zu tun. Kommen Sie am 2. November mit Ihrem Mann.«

Und nun war es der 2. November. Dominique hatte nicht den geringsten Grund, so zu schluchzen wie mein Vater, als Maman gestorben war. »Keine Sorge, das ist eine reine Formsache«, sagte ich zu ihm, während ich vor der Polizeiwache parkte, einem kleinen, schlichten Neubau, gelb wie unser Haus, das Gelb des provenzalischen Putzes. Wir gingen hinein, mit diesen blassblauen Quadraten maskiert, die inzwischen sämtliche Münder des Planeten bedeckten. Kaum hatten wir uns am Empfang gemeldet, beugte sich ein Mann mit Bürstenschnitt über die Brüstung im ersten Stock.

»Zuerst will ich Monsieur Pelicot sprechen, Madame danach«, rief er uns zu.

Es war Kommissar Perret. Dominique ging in seiner unpassenden Jacke hinauf, ohne sich nach mir umzusehen. Kurz danach tauchte der Polizist wieder auf und winkte mich zu sich. Jetzt ging ich die Treppe hinauf, leichten Schrittes, in der Annahme, Dominique vorzufinden. Er war nicht dort. Der Kommissar ließ mich Platz nehmen, ihm gegenüber, aber ein gutes Stück von seinem Schreibtisch entfernt, sodass ich meine Maske ablegen konnte. Als Erstes entschuldigte ich mich wortreich für das Vergehen meines Mannes. Mein Gegenüber war groß, stämmig, er hatte ein markantes Gesicht und breite Schultern, die perfekte Verkörperung von Autorität, wobei er mit mir recht sanft und behutsam umging. Er bat mich um meine persönlichen Daten. Geburtsdatum und -ort: 7. Dezember 1952 in Villingen, Deutschland. Mädchenname: Guillou. Namen der Eltern: Yves Guillou und Jeanne Prot. Dann fragte er mich, wie wir uns kennengelernt hatten. Es war bei der Schwester meiner Mutter, antwortete ich, im Juli 1971. Es habe auf Anhieb gefunkt, fügte ich hinzu. Als er mich bat, die Persönlichkeit meines Mannes zu beschreiben, sagte ich:

»Sehr freundlich und zuvorkommend. Wirklich ein feiner Kerl, darum sind wir immer noch zusammen.«

Dann wollte er wissen, ob wir Freunde zu uns einluden. Ich antwortete, das sei regelmäßig der Fall, und als ich ihm schildern sollte, wie es abends normalerweise bei uns zuging, sagte ich, es gebe da keine Routine, wir seien schließlich keine verknöcherten Greise. Er erkundigte sich danach, um welche Uhrzeit ich schlafen ging, ob immer gleichzeitig mit meinem Mann, ob ich Mittagsschlaf hielt. Ich fand seine Fragen etwas befremdlich.

»Betreiben Sie Partnertausch?«

Ich war fassungslos. Ich hörte mich sagen, nein, nie im Leben, das sei ja grauenhaft, ich hörte mich stammeln, Partnertausch komme für mich nicht infrage. Ich würde es nicht ertragen, wenn Fremde mich anfassten. Für mich komme es auf die Gefühle an. Er fragte mich, ob ich meinen Gatten so gut zu kennen glaubte, dass er mir nichts verheimlichen könne. Ich antwortete mit Ja.

»Ich zeige Ihnen jetzt Fotos und Videos, die Ihnen nicht gefallen werden.«

In seiner Stimme klang jetzt nicht so sehr Befangenheit an, sondern eine seltsame Mischung aus Bedrohung und Beschützerhaltung. Er teilte mir mit, dass sie Dominique gerade wegen besonders schwerer Vergewaltigung und Verwendung schädlicher Substanzen in Polizeigewahrsam genommen hatten. Da habe ich wohl geweint. Ich trat an seinen Schreibtisch und setzte meine Maske wieder auf. Er zog ein Foto hervor, reichte es mir. Eine Frau mit Strapsen liegt auf der Seite. Ein schwarzer Mann liegt hinter ihr und dringt in sie ein.

»Das sind Sie auf dem Foto.«

»Nein, das bin ich nicht.«

Ich zückte meine Brille und er ein zweites Foto. Dieselbe Frau liegt auf dem Rücken, neben ihr ein tätowierter Mann.

»Das sind Sie.«

»Nein.«

Ich erkannte diese Männer nicht. Und auch nicht die Frau. Ihr Gesicht war so schlaff. Ihr Mund ebenfalls. Eine Stoffpuppe.

Ein drittes Foto. Der Mann hatte seinen Feuerwehrpulli anbehalten.

Was der Polizist sagte, hörte ich nicht. Besser gesagt, ich hörte es, aber ich fühlte mich nicht gemeint. Es war wie das ferne Echo einer Stimme. »Das ist Ihr Zimmer. Das sind doch Ihre Nachttischlampen?«

Na und. Nicht ich liege da reglos auf dem Bett. Das ist eine Fotomontage. Das Machwerk einer Person, die Dominique Übles will. Erst am Vorabend, als in den Fernsehnachrichten eine Frau gezeigt wurde, die wegen Covid intubiert war, hatte mein Mann zu mir gesagt, dass er es nicht ertragen würde, mich so zu sehen.

Der Kommissar nannte eine Zahl: Dreiundfünfzig Männer seien zu uns nach Hause gekommen, um mich zu vergewaltigen. Ich bat um Wasser. Mein Mund war wie gelähmt. Eine Psychologin gesellte sich zu uns. Eine junge Frau. Ich brauche sie nicht. Ich bin weit weg, selbst wenn wir uns im selben Raum befinden. Ich bin mir meines, unseres Glücks sicher. Bald fünfzig Jahre verheiratet, und die Erinnerung an unsere erste Begegnung noch ganz klar. Sein Lächeln. Sein scheuer Blick. Sein gelocktes, schulterlanges Haar. Sein Seemannspulli. Er würde mich lieben. Mein Gehirn war im Büro von Kommissar Perret erstarrt.

Articles & Services

Gisèle Pelicot im Porträt

Gisèle Pelicot im Porträt

Gisèle Pelicot machte die Vergewaltigungen durch ihren Ex-Mann und über 50 Männer öffentlich – und wurde so zur globalen Symbolfigur im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Für ihren Mut wurde sie in den vergangenen Jahren international vielfach geehrt

Sexualisierte Gewalt: Mehr als Einzelfälle

Sexualisierte Gewalt: Mehr als Einzelfälle

„Gewalt gegen Frauen ist ein enormes gesamtgesellschaftliches Problem. Doch Medien behandeln Tötungen und Angriffe meist als tragische Einzelfälle – und werden der strukturellen Dimension des Phänomens damit nicht gerecht.“

Ein Buch von großer Stärke

Ein Buch von großer Stärke

Stimmen aus dem Netz: „Schritt für Schritt holt sie sich, wenn auch gezeichnet, Autonomie und Lebensfreude zurück. Gisèle Pelicot verklärt das Leben nicht – sie verteidigt und behauptet es. Darin liegt die große Kraft ihres Buches.“

Gisèle Pelicot | Eine Hymne an das Leben

„Eine Hymne an das Leben“ von Gisèle Pelicot ist ein beeindruckendes Porträt einer Frau, die das Schweigen überwindet, Gerechtigkeit einfordert und dabei allen Widerständen zum Trotz nie den Glauben an die Liebe verliert

Gisèle Pelicot | Im Gespräch

Im Gespräch mit ZDF-Frankreich-Korrespondentin Anne Arend spricht Gisèle Pelicot über das öffentliche Gerichtsverfahren, ihre Entscheidung, die Scham umzudrehen – und darüber, wie sie ihr Leben neu aufbaut

Gisèle Pelicots Kampf | Wer sind die Täter?

Über Jahre betäubte Dominique Pelicot seine Frau und ließ Dutzende Männer an den Vergewaltigungen teilhaben. Der Fall erschüttert Frankreich – und zeigt, wie tief Besitzansprüche am weiblichen Körper verankert sind. Was sagt der Prozess über Gewalt?

Gisèle Pelicot | Eine unauslöschliche Ikone

Gisèle Pelicot steht vor einer Collage, die sie selbst abbildet. Das Foto wurde im Winter 2024 während des Missbrauchsprozesses von Avignon gemacht, bei dem die Welt Gisèle Pelicot als Ikone im Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Frauen entdeckte