Alles hängt zusammen

Leseprobe "Dies ist ein Buch über das große Ganze, über das Leben auf unserem kleinen Planeten. Es ist eine evidenzbasierte praktische Anleitung für die entscheidenden Fragen, denen wir uns stellen müssen."
Alles hängt zusammen

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

EINFÜHRUNG

Willkommen in einem neuen Zeitalter

Seit Beginn der Aufzeichnungen hatte unsere Art in jedem Jahr mehr Ressourcen zur Verfügung als im Jahr zuvor. In den letzten 50 Jahren hat sich die Wachstumsrate auf 2,4 % pro Jahr eingependelt und sich mit der Zeit mehr als verdreifacht. Im Jahrhundert davor waren es eher ein Prozent pro Jahr, und wenn wir in der Geschichte zurück blicken, ist das Wachstum noch niedriger, wenn auch positiv, von dem einen oder anderen Ausreißer mal abgesehen. Wir sind immer mächtiger geworden, nicht nur, weil wir immer mehr Energie produzieren, sondern weil wir sie effizienter und mit mehr Erfindungsgeist einsetzen. Dabei haben wir unsere Welt zunehmend beeinflusst, sozusagen aus einer Mischung aus Zufall und bewusstem Handeln. Die regenerativen Kräfte unseres Planeten sind inzwischen fast gleich geblieben, das Machtgefüge verschiebt sich also – und ist nun gekippt. Im Laufe der Geschichte haben die dominanten Kulturen unseren Planeten im Vergleich zu dem, was wir mit ihm angestellt haben, als großen und stabilen Ort behandelt – und dieser Ansatz hat bisher noch nicht zurückgeschlagen.

Aber in den letzten Jahrzehnten haben sich die Dinge gewandelt. Wann genau, darüber lässt sich streiten, aber angenommen, es ist erst vor Kurzem geschehen. Vor etwa 100 Jahren, im Ersten Weltkrieg, hätten wir die Erde noch nicht zerstören können, so viel Mühe wir uns auch gegeben hätten. Aber vor 50 Jahren, vor allem mit der Atomenergie, wurde klar, dass wir es völlig vermasseln können, wenn wir uns nur dämlich genug anstellen. Heute müssen wir uns gar nicht mehr so anstrengen: Wenn wir uns nicht genug Mühe geben, bringen wir die ganze Umwelt um die Ecke. Und wenn sich die Trends beim Energieverbrauch nicht grundlegend ändern, wird die Welt in 50 Jahren im Verhältnis zu unserer ständig wachsenden Macht noch zerbrechlicher sein.

Um eine andere Sicht auf das menschliche Energiewachstum zu erhalten, denken wir an den 24. Dezember 2004 zurück, als in Asien ein Tsunami 230.000 Menschen in den Tod riss. An diese Naturkatastrophe können sich wohl die meisten erinnern, die dieses Buch lesen. Die Energie, die diese Welle freisetzte, entsprach dem Energieverbrauch aller Menschen auf der Erde innerhalb von 24 Stunden. Vor 150 Jahren hätte die Menschheit ungefähr einen Monat gebraucht, um dieselbe Energie aufzubringen und zu verbrauchen. Heute sind es nur noch 18 Stunden.

Dieses Syndrom, »großer Mensch, kleiner Planet«, hat einen Namen, der uns noch nützlich sein wird: das Anthropozän. Ich nutze den Begriff, um das Zeitalter zu beschreiben, in dem der menschliche Einfluss die dominante Ursache für Veränderungen im Ökosystem ist.

Unsere Ankunft in diesem »Anthropozän« ist wie ein Experiment zur pH-Titration. Im Labor tropft man Säure in einen Kolben mit alkalischer Lösung. Ewig lange gibt es keine Farbveränderung, weil die Base noch immer dominiert, doch plötzlich fehlt nur ein Tropfen, und das Gleichgewicht verschiebt sich. Die Flüssigkeit wird sauer, der Indikator schlägt von blau auf rot um, und die Welt in diesem Kolben ist nicht mehr dieselbe. In unserem globalen Experiment haben wir dem Mix immer mehr menschliche Macht zugegeben, doch für Jahrtausende dominierten die regenerativen Kräfte des Planeten. Zwar haben wir ein paar Arten ausradiert, doch immerhin sind wir bisher kaum bestraft worden, obwohl wir den Planeten wie einen großen, stabilen Spielplatz verwendet haben. Plötzlich ist er fragil. Der Spielplatz geht kaputt, wenn wir unsere Art zu spielen nicht völlig ändern. Und dieses Titrationsexperiment hinkt als Vergleich, denn während man im Labor immer langsamer tropft, je näher man dem Gleichgewicht kommt, geben wir im richtigen Leben immer schneller Gas.

In der Vergangenheit konnte sich der Mensch im Laufe seiner Entwicklung immer mehr ausbreiten, doch plötzlich ist das für jetzt und für die Zukunft vorbei. Das ist eine massive Veränderung. Selbst für die, die die Veränderungen des Planeten als temporär betrachten (dazu komme ich später), formulierte es der Astrophysiker Stephen Hawking so: »Wir werden innerhalb der nächsten 100 Jahre keine autarken Siedlungen im Weltraum aufbauen, also müssen wir bis dahin sorgsam mit der Erde umgehen.«

Es gibt keinen PLANet B.

Ein Handbuch über alles

Dies ist ein Buch über das große Ganze, über das Leben auf unserem kleinen Planeten. Es ist eine evidenzbasierte praktische Anleitung für die entscheidenden Fragen, denen wir uns stellen müssen. Es geht darum, die Chance zu nutzen, besser als jemals zu leben, und die Gefahr zu besiegen, dass unser Leben schlechter wird oder wir gar aussterben. Es geht um den Unterschied, den jeder einzelne von uns bewirken kann, trotz der globalen Herausforderungen, denen wir uns gegenüber sehen.

Vor ein paar Jahren stand der Klimawandel vollkommen im Mittelpunkt meiner Arbeit. Nicht, weil nur der Klimawandel von Bedeutung war, sondern weil es eine nützliche und praktische Vereinfachung zu sein schien, diese eine Komponente der anthropozänen Herausforderung relativ isoliert vom Rest der unübersichtlichen Gemengelage aus ökologischen, politischen, ökonomischen, technologischen, wissenschaftlichen und sozialen aktuellen Problemen zu betrachten. Allerdings wurde mir zunehmend bewusst, dass man sich dem Klimawandel als multidisziplinärer Problematik stellen muss.

Außerdem wurde immer klarer, dass der Klimawandel zwar das greifbarste Umweltproblem ist, jedoch nicht das einzige, und auch nicht das letzte. Jahrzehntelang wurde vor dem Klimawandel gewarnt. Diese Zeit haben wir jedoch durch Leugnen erfolgreich verschwendet, zuerst leugneten wir das Problem an sich, dann die notwendige Lösung. Wir stellen uns bei der Annäherung an eine globale Lösung, die wirklich helfen würde, schon ziemlich dämlich an. Im Anthropozän können wir uns nicht darauf verlassen, dass uns jedes Problem so intensiv vorwarnt. Wir sollten unsere globalen Steuerungsmechanismen effektiver anwenden, denn es könnte gut sein, dass wir auf etwas viel schneller reagieren müssen, das ebenso wenig greifbar wie der Klimawandel daherkommt. Was genau? Das ist der Punkt: Wir wissen es noch nicht. Vor allem aber müssen wir verstehen, wie wenig wir eigentlich wissen.

Ich bezeichne dieses Buch als Handbuch, weil es Informationen zur Entscheidungsfindung auf jeder Ebene liefern soll, vom Individuum bis zu Regierungen. Alltagstipps sind mit unterschiedlichen Botschaften für Politiker, Wähler und Unternehmer gedacht. Manche beziehen sich auf das, was ich als »Intensivstation« der Dinge bezeichnen würde: wie wir die bekannten und greifbaren Herausforderungen des Klimawandels, der Nahrungssicherheit und Biodiversität meistern. Eng damit verflochten, aber dennoch davon zu unterscheiden, sind die tiefgreifenderen Fragen, wie wir solchen Herausforderungen bereits entgegentreten können, bevor sie sich als solche ereignen, die Fragen der »langfristigen globalen Gesundheit«.

Ich hoffe, Sie haben Freude an diesen perspektivbildenden Fakten, Statistiken und Analysen, von denen uns bei manchen angesichts unserer aktuellen Lebensweise vielleicht die Luft wegbleiben wird, und an den Chancen, es besser zu machen.

Das hier ist quasi ein Rundumschlag, denn kein anderer Ansatz würde dem Thema gerecht werden. Es reicht einfach nicht mehr, die technischen Fragen von Nahrung, Energie oder Klimawandel separat zu untersuchen, losgelöst von den Fragen nach Wert, Ökonomie oder unseren ureigensten Denkweisen. All diese Dinge sind zu eng miteinander verflochten, um das traditionelle »immer eins nach dem anderen« anwenden zu können. Wir müssen all diese komplexen Probleme gleichzeitig betrachten und dafür eine Reihe von Disziplinen oder Sichtweisen verwenden.

Für dieses Buch bedeutet das, wir werden uns vom großen Ganzen zu den Details und wieder zurück bewegen, von einer Disziplin zur nächsten, sobald es notwendig wird. Ich hoffe, das bringt Sie auf eine interessante Reise.

In über hundert Vorträgen, Workshops und Seminaren wurde mir inzwischen wohl jede nur denkbare Frage gestellt: »Wer sollte die Führung übernehmen?«, »Sind Menschen an sich zu egoistisch, um sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen?«, »Wenn ich nicht fliege, fliegt nicht jemand anderes stattdessen?«, »Was bringt es, wenn ich meinen Beitrag leiste, wenn ich doch nur ein Staubkorn unter sieben Milliarden bin?«, »Müssen wir das Wirtschaftswachstum einfrieren?«, »Geht es alles auf die Überbevölkerung zurück?«, »Warum soll ich mir Sorgen machen, wenn doch eh alles im Eimer ist?« und so weiter. Ich habe den naiven Jubel über die einfachen Freiheiten und Chancen erlebt, die eine CO2-arme Welt mit sich bringen würde. Und als ich The Burning Question mit Duncan Clark schrieb, hatte ich mit der Schwermut zu kämpfen, die entstand, weil wir Tag für Tag überlegten, wie weit fast alle davon entfernt sind, die wesentlichen Grundzüge des Klimawandels zu verstehen, ganz davon zu schweigen, das Problem richtig anzugehen.

Seitdem habe ich kleine aber reale Schritte erlebt, die Grund zur Hoffnung sind. Ich habe die Widersprüche und Heucheleien meines eigenen Lebensstils überdacht und gewälzt. Obwohl ich wusste, wie schädlich fliegen ist, flog ich dennoch – und fühlte mich schuldig. Das Radfahren gefiel mir, auch als Entschuldigung, etwas ungepflegt bei der Arbeit zu erscheinen. Allerdings wurde ich von den Kopfverletzungen meines Freundes auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, nachdem dieser auf dem Heimweg vom Rad gestürzt war. Inzwischen müssen sich die größten Dilemmas und Konflikte auch in meinem Kopf abgespielt haben, oder? Natürlich stimmt das nicht. Aber ich habe mir viele Gedanken gemacht, darüber gesprochen und versucht, mir einen Reim darauf zu machen. Ich habe die Hirne vieler sehr schlauer Leute angezapft. Und nun ist es, unter Zuhilfenahme möglichst vieler Personen und Quellen, Zeit, alles in einem Buch darzulegen.

In diesem Buch geht es darum, wie wir den Übergang zu einer neuen Lebensweise schaffen, die für uns funktioniert und dennoch in den Kontext passt – einen Modus operandi, der nicht alles kaputtmacht und uns dennoch erfolgreich leben lässt.

Wenn es doch global ist, was kann ich selbst tun?

Das ist eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit.
Zwar steigt unsere kollektive Macht, jedoch gleichzeitig auch die
Weltbevölkerung, also wird jeder von uns ein noch kleinerer Teil des Ganzen. Da fühlt man sich leicht wie ein Staubkorn oder die Ameise in der unaufhaltsamen Bahn der Ära Mensch auf dem Planeten Erde. Da könnte man schon versucht sein, zu denken, dass wir selbst keinen Einfluss haben, ob es uns gefällt oder nicht, wohin die Reise führt.

Diese Bedenken sind berechtigt. Wie wir später sehen werden, wirken im globalen Maßstab mächtige Rückkopplungen, die bisher gegen die meisten Maßnahmen immun gewesen sind, nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Organisationen und selbst von Nationen. Im Moment ist die Menschheit Sklave des dynamischen Zusammenspiels wachsender Energie, Effizienz und Technologie, einer Bewegungskurve, die wir bisher nur wenig oder gar nicht beeinflussen konnten. Ein Beispiel: Alle Aktionen zum Klimaschutz weltweit hatten bisher wenig oder keinen spürbaren Einfluss auf die steigenden globalen Emissionen. Immer mehr Energie und Technologie haben uns bisher viele gute Dinge beschert, und plötzlich ist es gefährlich geworden, unkontrolliert wie bisher weiterzumachen. Um das zu erreichen, muss unsere Spezies endlich aufwachen und das Spiel ändern.

Wir brauchen dringend neue Methoden zur Problemlösung, anders als in Zeiten einfacherer Probleme. Aber unsere Denkweisen zu ändern ist nicht einfach, denn wir haben es mit Gewohnheiten zu tun, die sich über Jahrhunderte tief eingeprägt haben.

Eine Möglichkeit ist, das Gleichgewicht unserer Evolution neu herzustellen. Unsere technologische Brillanz hat uns in eine Situation gebracht, in der wir uns schnell auch in andere Richtungen entwickeln müssen. Das Leben kann besser sein als je zuvor, aber das wird nicht funktionieren, wenn wir unser technisches Genie nicht mit der Entwicklung völlig anderer und komplementärer Denkmethoden ins Gleichgewicht bringen.

Ist unser bisheriges Scheitern, die Führung dabei zu übernehmen, der Beweis, dass wir machtlos sind und das globale System nicht beeinflussen können? Ich bin nicht der Meinung, aber in diesem Buch werde ich die Frage ernsthaft besprechen. Wir werden die großen Systemdynamiken untersuchen und fragen, was sie uns verraten, wie sich der Einzelne nützlich machen kann. Ich glaube, wir können jeder weit mehr bewirken, als wir annehmen, aber wir müssen viel schlauer werden und verstehen, welche Dinge einen echten Unterschied machen und welche nicht. Wir müssen über das unmittelbar vor uns Liegende hinaus denken und die Wirkung unserer Aktionen lenken, und wir müssen die dadurch entstehenden Wellen hinterfragen, wie sich die Aktionen einer Person, eines Unternehmens oder Landes multiplizieren lassen, statt sich gegenseitig auszubremsen und vom System ausgelöscht zu werden.

Zwar ist es nicht meine Art, jemandem Vorgaben zu machen, dennoch enthält dieses Buch viele Vorschläge zum Handeln. Ich tue das, weil es so einfach ist, zu behaupten, wir könnten ohnehin nichts tun, und ich möchte, dass jeder erkennt, dass das nicht stimmt. Meine Vorschläge sind häufig ganz einfach. Und keine Sorge, das ist auch keine Anleitung für den Lebensstil des perfekten Menschen. Ich selbst bin bei Weitem nicht perfekt und erwarte das auch nicht von Ihnen. Aber wie ich machen Sie sich Gedanken und wollen mehr darüber erfahren, was in welchem Umfang sinnvoll ist – von privat bis global. Also hoffe ich, dass Sie hier einiges finden, das Ihnen weiterhilft.

Welche Werte liegen diesem Buch zugrunde?

Der wichtige Bereich der Werte bekommt gegen Ende des Buches noch einen eigenen Abschnitt, dort betrachten wir aus rein praktischen Erwägungen, welche Werte uns über die nächsten hundert Jahre zum Erfolg verhelfen können und welche nicht. Für den Moment will ich nur einige anführen, die als Grundlage für dieses Buch dienen. Wenn Sie damit oder mit etwas Ähnlichem nicht leben können, sollten Sie besser nicht weiterlesen – das wäre dann nicht wirklich sinnvoll. Wenigstens habe ich Ihnen damit Zeit gespart.

Aus meiner Sicht haben alle Menschen den gleichen Wert als menschliche Wesen: Reiche, Arme, Schwarze, Weiße, Amerikaner, Europäer, Afrikaner, Chinesen, Syrer, Muslime, Buddhisten, Christen, Atheisten – jeder ist gleich viel wert. Für viele scheint es fast zu offensichtlich zu sein, als dass man es aufschreiben müsste, aber häufig sind die Werte hinter bestimmten Ideen nicht explizit genug formuliert, obgleich die Implikationen für die Wirtschaft, für die Nahrungspolitik, die Klimapolitik und so ziemlich alles andere immens sind, was man braucht, um im Anthropozän erfolgreich zu sein. Um es klar zu sagen: Dasselbe Prinzip der inhärenten Gleichwertigkeit aller Menschen ist universell. Es betrifft auch alle Weltpolitiker, Verbreiter richtiger und falscher Nachrichten, unermüdlichen Helfer, Linke und Rechte, Milliardäre und Sozialhilfeempfänger, Ihre eigenen Kinder und selbst den Mitarbeiter im Callcenter, der Sie beim Abendessen anruft und Ihnen ungefragt eine Versicherung verkaufen möchte. Der inhärente Wert eines Menschen ist unabhängig von seiner Lebensweise oder den Entscheidungen, die er in seinem Leben getroffen hat oder die für ihn getroffen wurden.

Auch andere Lebewesen haben ihren Platz – weil sie fühlende Wesen sind, nicht nur, weil wir sie als Nahrung oder Medizin brauchen. Mein Sohn fragte mich nach dem relativen Wert einer Waldlaus und eines menschlichen Embryos gleicher Größe. Diese Frage kann ich nicht beantworten. Für dieses Buch wollen wir jedoch annehmen, dass alle Lebensformen wichtig sind.

Ich versuche, mich durchweg an diese Werte und den Wert der Gleichwertigkeit zu halten, aber das wird nicht leicht. So vieles, was im Alltag und in der Politik passiert, steht nämlich im krassen Gegensatz zu diesem einfachen Prinzip. Und um es deutlich zu sagen, ich muss gar nicht so weit schauen, um auch in meinem Leben Konflikte mit diesen Werten zu finden – ich bin da nicht besser als jeder andere auch.

Wenn Sie im Großen und Ganzen mit diesen Werten konform gehen, wollen wir uns einige logische Schlussfolgerungen anschauen. Das heißt, wenn Sie für Ihr Land Gutes tun wollen, darf das nicht auf Kosten anderer geschehen. Wenn Ihr Land »großartig« sein soll, oder gar »great again«, sollten Sie darauf achten, nicht auf Kosten der »Großartigkeit« anderer Länder zu agieren. Es heißt, wenn Sie das Beste für Ihre Kinder wollen, dürfen andere Kinder nicht darunter leiden. Es heißt, wenn Sie im Krankenhaus dafür sorgen wollen, dass Ihre betagten Eltern nicht unnötig sterben, versuchen Sie nicht um jeden Preis, Ihnen die beste Behandlung zu besorgen, wenn es auf Kosten anderer geht, die dasselbe benötigen – das ist hart, ich habe es durchgemacht. Es heißt zum Beispiel auch, wenn Sie die Chance hätten, zu bestimmen, ob Ihr Land in der EU verbleiben soll, würden Sie nicht nur an die Interessen Ihres eigenen Landes denken, sondern auch an die der gesamten EU und der ganzen Welt. Es heißt, wenn Sie einkaufen gehen, entscheiden Sie sich nicht nur für das Produkt, sondern auch für die ganzen Implikationen für alle anderen, die an der Produktion beteiligt waren. Das sind die versteckten Fakten, die von der Werbeindustrie fast komplett ignoriert werden, auf die wir uns einstimmen müssen.

Was kann unser Ziel sein?

Ist es möglich, eine universelle Vision zu verfolgen, die allen genügt? Während die Idee, den Klimawandel einzudämmen, wie eine riesige Schadensbegrenzung wirkt, ist sie den meisten von uns gelinde gesagt, egal. Häufig wird sie in erster Linie so dargestellt, als wolle sie lediglich Dinge verbieten, die wir gern haben. Und da die Menschen – alle Menschen – überhaupt nicht gern über Unangenehmes nachdenken, widerstehen wir nur schwer der Versuchung, bei diesem Thema einfach abzuschalten. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, so funktioniert unsere Psyche nun einmal. Auch unglaubhafte Zukunftsfantasien funktionieren nicht – sie lassen uns glauben, dass unsere Wünsche ohnehin unerreichbar sind.

Glücklicherweise gibt es reichlich Raum für realistische Verbesserungen, für die man sich durchaus begeistern kann. Bisher haben wir die Qualität des menschlichen Lebens bei weitem noch nicht optimiert. Indem wir die großen Probleme angehen, bekommen wir die Chance, Dinge zum Besseren zu wenden. Wir verbringen nicht genug Zeit damit, uns eine gute Zukunft vorzustellen, also machen wir weiter wie bisher, nur weil wir nicht ausreichend über etwas Besseres nachgedacht haben.

Ich will nun niemandem zu enge Vorschriften machen, denn wir alle sehen die Dinge verschieden (zum Glück!), aber hier ist mein Versuch, darzulegen, was wir erreichen können und was sich die meisten von uns wünschen. Ich bin nicht auf Perfektion aus, aber je näher wir ihr kommen, desto besser wird das Leben sein, und selbst ein Schritt in diese Richtung ist schon einmal eine gute Erfahrung.

Also los. Das Buch zeichnet eine Zukunft wie folgt:

Die Luft ist frischer, das Leben ist gesünder, länger, entspannter, macht mehr Spaß und ist aufregender. Unsere Ernährung ist abwechslungsreich, schmeckt und ist gesund. Mehr Menschen bekommen so viel sie wollen, sowohl physisch als auch sozial. Reisen wird einfacher – aber wir sind kürzer unterwegs. Wir fühlen uns freier, unser Leben auf für uns selbst bedeutsame Weise zu leben, immer im Einklang mit dem Recht anderer Menschen, es ebenso zu tun. Es gibt auf jeder Ebene weniger Gewalt. Städte blühen, während sich das Land mit der Tierwelt verträgt. Unsere Jobs sind interessanter, und der Druck ist ein selbst auferlegter. Wir erwarten, fordern und bekommen höhere Standards von Vertrauen und Wahrheit, in der Politik, in den Medien, überall. Wir haben ein besseres Verhältnis zu den Menschen in unserer Umgebung und zur globalen Gemeinschaft. Wir widmen anderen mehr Zeit und Aufmerksamkeit und nehmen mehr von unserer Umgebung wahr und freuen uns daran. Zum Spaß können wir miteinander in Konkurrenz treten, aber wo es wichtig ist, arbeiten wir besser als je zuvor zusammen.

Natürlich lässt sich da noch einiges verbessern, und es gibt riesigen Spielraum, wie jeder Einzelne in dieser Welt lebt. Fügen Sie doch einfach Details hinzu und überlegen Sie, wo Sie sich persönlich in diesem Leben auf Planet A wiederfinden möchten!

Nicht das letzte Wort ...

Dieses Buch legt vor allem Beweise offen, die eigentlich für sich sprechen, aber wo ich Deutungen eingefügt habe, hoffe ich, dass sie Ihnen sinnvoll erscheinen. Natürlich ist dies nicht das letzte Wort zu all diesen Themen, ich möchte lediglich grobe Konturen zeichnen, die dann verbessert werden können. Ich hoffe, sie sind ein guter Ausgangspunkt. Wenn ich Fehler gemacht habe, hoffe ich, dass Sie sie finden. Ich wünsche mir, dass es heiße Diskussionen geben wird, denn die sind bitter nötig. Ich bin begeistert von jedem, der meinen Text wegen eines besseren ablehnt, und wo Sie glauben, ich hätte etwas vergessen, füllen Sie bitte die Lücken, sodass Sie es schließlich besser verstehen als ich. Bitte schreiben Sie konstruktives Feedback und Verbesserungen an mike@theresnoplanetB.net. So mangelhaft mein Versuch auch sein mag, ich bin mir sicher, dass es besser ist, eine grobe Skizze von allem auf einmal zu haben, als immer nur durch die eine Brille zu schauen, wie perfekt die Sicht auch sein mag.

Wenn Sie auf Twitter aktiv sind, teilen Sie bitte ihre Ideen mit #NoPlanetB.

12:59 09.01.2020

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