Leseprobe : Scharfsinnige Analyse

Scharfsinnig beschreibt Jana Hensel den langen Weg nach rechts, der für viele Ostdeutsche einmal links begann und durch eine wiedervereinte Bundesrepublik führt, die gerade selbst in der tiefsten Krise ihrer Geschichte steckt

Ein Teilnehmer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „German by birth“ und dem Emblem der ehemaligen DDR bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Thüringen

Foto: JENS SCHLUETER/AFP/Getty Images

Zum Kommentar-Bereich
Es war einmal ein Land

Es war einmal ein Land

Jana Hensel

Hardcover, gebunden

263 Seiten

22 €

In Kooperation mit Aufbau Verlag 2026

Es war einmal ein Land

Über eine Reise, die kein Aufbruch ist

Das ist ein Buch, das ich nie schreiben wollte. Und dieser Satz ist nicht kokett gemeint, denn natürlich will alle Welt Bücher schreiben. Und ich selbst natürlich auch. Aber dieses Buch sollte es nicht sein, so ein Buch sollte es nicht sein. Es ist nämlich ein Buch über das Ende eines Traums. Über das Ende einer Ära, so weit kann man auf jeden Fall gehen. Dieses Wort ist nicht zu groß, obwohl es freilich ziemlich groß und zweifellos einschüchternd und auf den ersten Blick mindestens erschreckend wirkt. Und ich meine damit nicht weniger als die (kurze) Ära der Demokratie.

Und auch wenn sie nicht nur im Osten zu Ende geht, tut sie es hier dennoch radikaler, als wir uns das vorstellen mochten. Als wir uns das zu denken gestattet haben. Als wir es uns noch immer einzugestehen erlauben. Und sie tut es gleichzeitig direkt vor unserer Haustür und wie eigentlich das meiste, das im Osten passiert, dennoch wie in einem toten Winkel. Auf der einen Seite klingt es ungeheuerlich, auf der anderen aber ist es ganz einfach, so wie jede Wahrheit letztlich einfach ist: Ein immer größer werdender Teil der Ostdeutschen will die Demokratie nicht mehr.

Bei der Bundestagswahl am 23. Februar wurde die mittlerweile als gesichert rechtsextrem geltende AfD in allen östlichen Bundesländern stärkste Kraft. Sie lag mit 32 Prozent mit weitem Abstand vor der CDU (18 Prozent), die ehemaligen Ampel-Parteien kamen zusammen auf etwas mehr als 20 Prozent. Gut 35 Jahre, nachdem Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen sind, um, nein, nicht nur für Bananen und Westautos zu demonstrieren, sondern vor allem für bürgerliche Freiheitsrechte wie Meinungsfreiheit, freie Wahlen und Reisefreiheit geht die Ära der Demokratie hier fürs Erste zu Ende.

Ich weiß das, weil ich selbst dabei gewesen bin, als es anfing. Als der Traum der Demokratie Wirklichkeit zu werden begann. In den Herbsttagen des Jahres 1989 bin ich an der Hand meiner Mutter als 13-jähriges Mädchen zu den Leipziger Montagsdemonstrationen gegangen. Kein Kind mehr und doch in vielem noch ein Kind. Ahnungslos, staunend, erschütterbar. Und mich erschütterte, was ich damals sah. Atemberaubend schön war es. Die vielen mir unbekannten Menschen zu sehen, die ebenfalls aus allen Ecken der Stadt ins Leipziger Zentrum strömten, weil sie ihre Angst überwunden hatten und nun bereit waren, für die Freiheit, also etwas, das sie so genau gar nicht kannten, zu kämpfen. Diese Menschen gingen ins Offene, wie Angela Merkel oft gesagt hat. Später tat es ein ganzes Land. So begannen Jahre voller Glück und Unglück, mit vielen Siegen und reichlich Niederlagen. Oft sogar bei ein und derselben Person, in ein und demselben Leben. Zerriss Familien und Freundschaften, ließ neue entstehen.

Ich ahnte damals nicht, dass mich diese Tage, Wochen und Monate, dieser Anfang, ein Leben lang nicht loslassen und wie markieren würden. Bis heute. Und mich auf eine schwer zu beschreibende Art von all jenen unterschied, die damals nicht auf der Straße waren. Weil sie zu jung oder zu alt waren. Weil sie nicht konnten, weil sie nicht wollten.

Die Tage im Herbst 1989 rissen mein Leben in einen Teil davor und einen danach auseinander. Wie das vieler anderer auch. Seitdem war ich damit beschäftigt, über den Riss, die Zäsur, die Wende, den Epochenwandel nachzudenken. An ein Ende kommt man damit eigentlich nie. Jedenfalls bin ich damit bisher nicht ans Ende gekommen.

Die Demokratie war dabei meine ständige Begleiterin. Ich glaube an sie, ich lebe in ihr, gebrauche sie täglich, verlasse mich auf sie und will mir gar nichts anderes vorstellen, will in nichts anderem, in keinem anderen System als einer Demokratie leben. Aber wird das auch in Zukunft so sein? Was, wenn es in Zukunft nicht mehr so sein würde?

Erst kürzlich musste ich wieder daran denken. Das war in den Tagen nach der Bundestagswahl Ende Februar. Ich schaute auf eine der vielen Karten mit den Wahlergebnissen. Die aus dem Osten war tiefblau, aber auch im Westen konnte man, wenn man genauer hinsah, erkennen, wie das Blaue sich immer mehr ausbreitete.

Längst haben wir uns auf eigenartig beängstigende Art und Weise an diese Karten gewöhnt. Und dennoch braucht es wahrscheinlich stets diesen einen besonderen Moment, in dem wir ihren eigentlichen Sinn wirklich verstehen. Für mich war das dieser: Ich schaute also auf die Karte von Sachsen, sie war ebenso blau wie die der anderen östlichen Bundesländer, weil die AfD so gut wie alle Wahlkreise gewonnen hatte. 45 von möglichen 48. Und auch in Sachsen gab es nur noch einen einzigen roten Flecken, linksparteirot war der. Auf genau diesem Flecken im Leipziger Süden steht mein Elternhaus. Also genau der Ort, an dem ich im Herbst 1989 aufgebrochen war. Erst zu den Demonstrationen, dann in mein Leben.

Nun aber war also dieser Ort, der mir bislang als nichts anderes als einer von vielen Orten in Ostdeutschland erschienen war – so besonders, wie auch andere Orte für mich besonders sind –, plötzlich zu einer Insel inmitten eines blauen Meeres geworden. Ein Eiland, eine Oase gar? Der Anblick war ein Schock für mich. Denn ich fragte mich, wer ich war? Wer ich werden würde? Hatte ich doch mehr als mein halbes Leben lang über den Osten nachgedacht, geschrieben. Hatte dabei stets versucht, ihn aus sich selbst und seiner eigenen Geschichte heraus zu erzählen, die progressiven Linien aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu ziehen.

Manche behaupten, ich hätte dabei auch für den Osten gesprochen. Aber galt das noch? Konnte das, was ich einst schrieb und dachte, noch gelten? Oder musste ich mir nicht in diesem Augenblick, blau auf weiß sozusagen, eingestehen, dass mir der Osten längst entglitten war? Dass er einen anderen Weg gegangen war als ich selbst. Und sich damit so weit von mir entfernt hatte, dass ich ihn gar nicht mehr kannte. Mehr noch, kaum eine Berechtigung mehr haben würde, über ihn sprechen und schreiben zu können. Nun, wo er so anders geworden war als ich selbst. Nun, wo er zu großen Teilen das geworden war, was er nie werden sollte: ein Landstrich, der sich immer mehr anschickte, sich von dem zu verabschieden, worauf wir uns vor 35 Jahren einmal geeinigt hatten. Nämlich ein normales demokratisches Land inmitten anderer demokratischer Länder zu sein.

Aber da wären wir wieder bei dieser einfachen Wahrheit von vorhin: Immer mehr Ostdeutsche glauben nicht mehr an die Demokratie, weil sie ihnen offenbar nichts gebracht hat. Obwohl das Wörtchen nichts wahrscheinlich ein bisschen übertrieben ist. Einigen wir uns darauf, dass die Demokratie ihnen nicht das gebracht hat, was sie sich erhofft hatten. Dass es zu wenig war, dass es nicht reichte und auch in absehbarer Zukunft höchstwahrscheinlich nicht reichen wird. Wovon träumten sie einst? Wovon träumen sie heute? Und was lag dazwischen, wie unaufhaltsam war, wie unumkehrbar ist dieser Prozess?

Articles & Services

Chronistin des Ostens

Chronistin des Ostens

Jana Hensel, Jahrgang 1976, wurde mit »Zonenkinder« zur Stimme einer ostdeutschen Generation. Als ZEIT-Journalistin und Bestsellerautorin prägt sie Debatten über Ostdeutschland – vielfach ausgezeichnet, heute lebt sie in Berlin

Ostdeutsche Erfahrungen

Ostdeutsche Erfahrungen

„Für Jana Hensel war die Wahl Kemmerichs eine Zäsur. Danach musste die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zurücktreten, weil sie den Thüringer Landesverband nicht davon abhalten konnte, gemeinsam mit der AfD abzustimmen.“

Demokratie in Ostdeutschland: Aus der Traum?

Demokratie in Ostdeutschland: Aus der Traum?

Stimmen aus dem Netz: „Jana Hensel widersetzt sich gängigen Erzählungen über den Osten, konfrontiert mit unbequemen Wahrheiten und bewahrt ihren eigenen, unverwechselbaren Ton.“

Jana Hensel | Im Gespräch

Paul Ronzheimer spricht mit Autorin Jana Hensel über ihr neues Buch „Es war einmal ein Land“ - und über die These, dass sich viele Ostdeutsche von Parteien und demokratischen Institutionen verabschiedet haben, obwohl sie formal „demokratisch“ wählen

Jana Hensel | taz-Talk

Das neue Buch von Jana Hensel geht der Frage nach, warum das demokratische Versprechen, das vor mehr als 35 Jahren mit Aufbruch verbunden war, heute von vielen Ostdeutschen infrage gestellt wird. Ein Gespräch über die Krise in Ostdeutschland

Ostdeutsche Wut, westdeutsche Eliten | Doku

Auch 35 Jahre nach dem Mauerfall herrscht Ungleichgewicht: Viele Chefposten im Osten sind immer noch durch Menschen aus dem Westen Deutschlands besetzt. Warum ist das so? Eine Dokumentation von ZDFinfo

...und was ich jetzt bereue | UNBUBBLE

ZDFunbubble bringt drei junge Menschen zusammen, die eins verbindet: Sie alle waren lange in der rechtsextremen Szene aktiv. Sie erzählen uns, warum es so einfach war, reinzurutschen – und warum sie heute anti-rechts sind