Vorwort: Wie aus Grün Blau wurde
»Can young people in Germany only vote for Nazis or Communists? Have they learned nothing from their own German history?«
Mein Telefon klingelte. Ich ging ran. Am anderen Ende der Leitung eine aufgewühlte Stimme, die mich auf Englisch fragte: »Können die jungen Deutschen nur Nazis oder Kommunisten wählen?« Diese Frage stellte mir ein US-amerikanischer Journalist, unmittelbar nachdem wir einige Tage zuvor unsere Pressemitteilung mit dem Titel »Das politische Cherry-Picking der Erstwähler-Generation« veröffentlicht hatten. Von überall auf der Welt bekamen wir Anrufe, die Politikredaktionen der größten Zeitungen stürzten sich auf das Thema. Wenn teilweise auch etwas pauschalisierend, wie wir an der Frage des US-Journalisten sehen können – schließlich sind nicht alle Politiker der Linken Kommunisten und nicht alle Af D-Politiker Nazis. Doch seine
polarisierende Formulierung der Frage lässt vermuten, dass die gegenwärtige politische Kommunikation so stark zugespitzt ist, dass gemäßigte Parteipolitiker hinter den politischen Extremen anscheinend unsichtbar werden.
In der Pressemitteilung kurz vor der Bundestagswahl 2025 hatte ich mit dem Institut für Generationenforschung eine Jugendwahlstudie veröffentlicht. Dazu hatten mein Team und ich bundesweit junge Menschen zu ihren politischen Einstellungen, Positionen, Ängsten, Sorgen und Nöten befragt, aber auch zu ihren Hoffnungen, Wünschen und ihrer Sicht auf die Regierung und ihre Akteure. Die Studie war einzigartig, da wir einen Methodenmix als Erhebungsmethode wählten. Im ersten Schritt sprachen wir junge Menschen auf der Straße an und wollten wissen, was sie vor der Bundestagswahl umtreibt. Wir wollten junge Menschen aus der gesamten Bundesrepublik befragen, von Nord nach Süd, von Ost nach West, in urbanen und in ländlichen Gebieten, um ein möglichst unverfälschtes Stimmungsbild einzufangen. Oft haben wir nur zugehört. Und oft waren wir anscheinend die Ersten, die das ohne (Vor-)Verurteilung getan haben. Viele junge Menschen berichteten uns, dass ihnen das Gespräch mit uns guttat, dass da jemand ist, der nur zuhört und nicht wertet, was sie sagen und wählen werden.
Wir sammelten Informationen darüber, welche Parteien junge Menschen wählen werden, was ihre Beweggründe dafür sind, was sie in den zurückliegenden Wochen beschäftigt hat und wie sie auf ihre Zukunft blicken. Und da kam jede Menge, oft auch Widersprüchliches. Da gab es zum Beispiel die Schulfreundinnen Amelie und Dana aus Düsseldorf, 18 Jahre jung und im dritten Ausbildungsjahr zur Industriekauffrau. Wir fingen sie in ihrer Mittagspause ab. Beide berichteten, große Angst vor einer Zunahme der Asylmigration zu haben und davor, in Zukunft häufiger durch migrantische Männer belästigt zu werden. Amelie, die schwarz ist und deren Familie aus Togo stammt, hatte darüber hinaus auch Angst vor der sogenannten »Remigration«. Dana konnte das nicht nachvollziehen. Sie wollte, wie ihre gesamte Familie, die Af D wählen, denn es sei die einzige Partei, die etwas gegen die Übergriffe durch Araber oder Afrikaner unternehmen würde. Amelie berichtete uns, dass ihr Vater bei der Einreise aus Togo einige Fehler gemacht und ihre ganze Familie bis dato nur den togolesischen Pass habe. Daher hatte sie Angst davor, dass sie und ihre ganze Familie jederzeit abgeschoben werden könnten, und das, obwohl sie nur Deutschland kenne. Ihre Eltern wollten damals, dass sie möglichst schnell »deutsch« wird, sich maximal integriert. Zu Hause sprachen sie nie Französisch, zudem besuchte die Familie nie wieder Togo. »Wenn ich abgeschoben
werde, komme ich in ein fremdes Land, dessen Sprache ich nicht spreche, dessen Kultur ich nicht kenne, das wäre für mich als bekennende Düsseldorferin mein absoluter Albtraum! Leider kann ich aber auch in Deutschland nicht wählen. Und ja, ich verstehe auch die Menschen, die die Af D wählen ...«
Dana wiederum berichtete uns, dass ihre Familie ursprünglich aus Polen komme, und zog ihre Herkunft als Legitimation dafür heran, die Af D wählen zu »dürfen«. Gerade weil sie ja selbst migrantische Wurzeln habe, könne sie mit ihrer Wahlentscheidung nichts falsch machen. Sie sei der lebende Beweis dafür, dass die
Partei gar nicht so ausländerfeindlich sei. Ihr Vater, erzählte sie uns weiter, könne immer noch nicht richtig Deutsch, sei aber ein absoluter Af D-Anhänger. Dana konnte nicht nachvollziehen, wieso Amelie Angst vor der Remigration hatte. Denn remigrieren sollten ja nur die »Bösen«, die, die sich nicht anpassten, die »Grapscher«. Amelie versuchte Dana ihre Gedanken zu erklären: »Dana, du bist nicht schwarz, du fühlst das nicht. Ich habe Ängste in beide Richtungen, du nur in eine, du kannst sie also auch besser kanalisieren, ich kann leider gar nichts machen.«
Solche oder ähnliche Aussagen und Konstellationen – dass der beste Freund oder die beste Freundin die Af D wählen würde, man selbst aber zur Linken tendiere und man dennoch miteinander befreundet war – begegneten uns immer wieder. Die politische Einstellung war für viele der von uns interviewten jungen Menschen gar nicht so wichtig. Oft schien es den Befragten gleichgültig, welche Partei die Mehrheit bekomme.
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