Wie der Westen in Afghanistan scheiterte

Leseprobe Ohne Plan und klare Ziele besetzten die USA 2001 Afghanistan. Sie finanzierten ein korruptes Regime in Kabul, während Tausende Zivilisten bei Drohnenangriffen starben. Ein Land verändern zu wollen, ohne es zu verstehen – das ist Größenwahn
Händer:innen auf einem Markt in der Darwaza-e-Kandahar in Herat, Afghanistan.
Händer:innen auf einem Markt in der Darwaza-e-Kandahar in Herat, Afghanistan.

Foto: WAKIL KOHSAR/AFP via Getty Images

«Wir haben die Taliban vernichtet.» – George W. Bush, US-Präsident, Mai 2003

«Was die Zukunft der Vereinigten Staaten in Afghanistan anbelangt, so wird sie Feuer sein und Hölle, sie erwartet eine vernichtende Niederlage. Nicht anders, so Gott will, wie es vor ihnen den Sowjets und den Briten ergangen ist.» – Mullah Mohammed Omar, Begründer der Taliban

«Eine siegreiche Armee erzielt ihre Siege, bevor sie in die Schlacht zieht. Nur eine Armee, der die Niederlage bestimmt ist, kämpft in der Hoffnung auf einen Sieg.» – Sunzi, chinesischer General, Militärstratege und Philosoph, 6. Jh. vor Christus

«Realitätsverleugnung, die Quelle der Selbsttäuschung, spielt eine bemerkenswert große Rolle auf Regierungsebene. Wunschdenken führt dazu, die Faktenlage zu übersehen.» – Barbara Tuchman, Historikerin

Vorwort

Auf einmal waren sie da. An einem strahlend schönen Sonntag im Hochsommer, dem 15. August 2021, zogen die Taliban in den Präsidentenpalast von Kabul ein. Kampflos, als stünde ihnen der Sieg verdientermaßen zu, nach 20 Jahren Krieg gegen die USA und ihre Verbündeten, darunter Deutschland. Es war der längste Krieg, den Washington je geführt hat, länger noch als der Vietnam-Krieg. Gleichzeitig war es der längste Krieg auch der NATO, der erste zudem fernab der eigenen Landesgrenzen, fernab der Weiten zumal des «Nordatlantiks», den das Bündnis bereits im Namen trägt. Angefangen hatte er als Vergeltung für die Terroranschläge des 11. September 2001, allen voran in New York. Obwohl kein einziger der Attentäter aus Afghanistan stammte, erschien das Land am Hindukusch als das ideale Angriffsziel. Dort waren die Taliban an der Macht, weltweit geächtete Glaubenskämpfer, die Osama bin Laden Zuflucht gewährten. Das wirtschaftlich und politisch eng mit den USA verflochtene Saudi-Arabien anzugreifen, von wo 15 der 19 Attentäter stammten, oder gar Hamburg zu bombardieren, wo die Terrorzelle um Mohammed Atta die Anschläge vorbereitet hatte, wurde nicht ernsthaft erwogen. Es wäre auch die schlechtere Wahl gewesen. Nicht notwendigerweise aus Sicht der Afghanen, wohl aber aus der Washingtons (und einiger anderer). In der Tat gelang es bereits wenige Wochen nach 9/11, die Taliban in Kabul zu stürzen. Doch 20 Jahre später erfolgte ihr fulminantes Comeback, marschierten sie erneut und ohne nennenswerten Widerstand in die Hauptstadt ein. Was für ein unerhörter Vorgang: Guerilleros in Sandalen hatten die Weltmacht und ihre Juniorpartner besiegt. Parallelen zur amerikanischen Niederlage in Vietnam drängten sich auf. In den westlichen Hauptstädten, in den Reihen der NATO, in den Medien herrschte großes Erstaunen: Wie konnte das geschehen? Wo kamen die auf einmal alle her? In Wirklichkeit aber war der Siegeszug der Taliban alles anderes als eine Überraschung. Seit 2005 spätestens erschien eine Niederlage des Westens am Hindukusch sehr viel wahrscheinlicher als ein Sieg. Dieses Buch erzählt davon. Doch sahen Politiker wie auch Militärs wenig Anlass zu einer Kurskorrektur. Der Westen ist in Afghanistan gescheitert wie vor ihm das britische Empire und die Sowjetunion. Der von Washington und seitens der NATO bis zuletzt verfolgte Plan, mit Hilfe einer Marionettenregierung in Kabul und westlich ausgebildeten Sicherheitskräften für Ruhe und Ordnung zu sorgen, konnte nicht aufgehen. Warum nicht, wird im Folgenden erklärt. Auf das große Erstaunen folgte hektischer Aktionismus. Unvergessen die teils erschütternden Fernsehbilder ausreisewilliger oder flüchtender Afghanen, die vor dem Abzug der letzten westlichen Truppen zu Tausenden den Flughafen von Kabul zu erreichen suchten. In der Hoffnung, an Bord von Militärmaschinen, auch der Bundeswehr, irgendwie ins Ausland zu gelangen. Nach diesem globalen Medienereignis herrschte noch für einige Zeit Betroffenheit: Wie den zurückgelassenen Ortskräften helfen? Wie den Afghaninnen, die ein weiteres Mal einer ungewissen Zukunft entgegensehen? Dann aber trat das Thema Afghanistan merklich in den Hintergrund, wurde es in Deutschland verdrängt von dem Bundestagswahlkampf, Corona, Regierungsbildung, Nabelschau, dem vertrauten Einerlei. Der verlorene Krieg wurde ad acta gelegt, obwohl er unbedingt der Aufarbeitung bedürfte. Zwar hat die Ampel-Regierung in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, den Afghanistan-Einsatz umfassend aufzuarbeiten – ob solchen Ankündigungen auch nennenswerte Taten folgen, ist jedoch fraglich. Allein deswegen, weil SPD und Grüne die deutsche Afghanistan-Mission 2001 auf den Weg gebracht haben. Warum sollten sie sich selbst nachträglich in Frage stellen? Gerade wir Deutschen, so überaus geschichtsbewusst, hätten allen Anlass, uns nicht zuletzt mit einem verdrängten Massaker in Afghanistan zu befassen: «Oberst Klein und das laute Schweigen in Berlin», lautet demgemäß eine Kapitelüberschrift. Darüber hinaus stellen sich weitere, grundlegende Fragen: Wie sinnvoll sind Auslandseinsätze der NATO? Warum hat Berlin sein Engagement in Afghanistan nicht schon zehn Jahre früher beendet, wie etwa die Niederlande? Wenn NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach der Machtübernahme der Taliban zu erkennen gibt, man habe das alles so nicht erwartet – was sagt uns das über die Fähigkeiten des Militärbündnisses? Und was bedeutet eine solche gravierende Fehleinschätzung für den Umgang der NATO mit Russland oder China? Ist die Bereitschaft, das Vermögen und der Wille, die Realität auch dann zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie mit den eigenen Wunschbildern nicht übereinstimmt, in anderen Bereichen ausgeprägter? Das Buch geht auf diese und ähnliche Fragen ein. Vieles liest sich geradezu surreal. Die Rolle Hollywoods etwa. Die Hingabe, mit der die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan so lange gefälscht wurden, bis das Ergebnis den maßgeblichen Entscheidern im Westen gefiel. Die Hofierung von Drogenbaronen und Warlords der übelsten Sorte – engen Partnern auch Berlins. Die unbändige Energie, mit der Washington hinter den Kulissen alle Hebel in Bewegung setzt, um ja nicht für amerikanische Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Weder in Afghanistan noch anderswo. Die gewaltige Kluft zwischen der moralischen Selbsterhöhung westlicher Akteure und der Realität ihrer Kriegsführung in Afghanistan, die Zehntausende Zivilisten das Leben gekostet hat – mit Wissen und Billigung der maßgeblichen Dienststellen. Nicht zuletzt versteht sich das vorliegende Buch als Warnung. Vor dem, was geschieht, wenn der Tunnelblick das Denken ersetzt, wenn das Streben nach Vorherrschaft universelle humanitäre Werte missachtet und missbraucht. Dieser Krieg war in erster Linie ein Verbrechen an der afghanischen Zivilbevölkerung. Auch und vor allem deswegen haben nicht allein wir Deutsche allen Anlass zu Demut und Scham. Leider deutet nichts darauf hin, dass die Niederlage am Hindukusch zu einem Umdenken auf höchster Ebene geführt hätte, dort auch nur nachdenklich stimmen würde. Die nächsten Ziele befinden sich längst im Visier. Das Mindeste, was wir uns selbst wie auch den Menschen in Afghanistan schuldig sind: Klartext zu reden und staatstragenden Beschönigungen oder Auslassungen nicht zu folgen, sie vielmehr kenntlich zu machen. Als Dienst an der Aufklärung. Nicht allein in Sachen Afghanistan.

19:42 12.02.2022

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