Leseprobe : Ein Gefängnis im Gefängnis

Die Augen darf er nur bei Nacht schließen, Sport wird als Fluchtvorbereitung gewertet - und immer ist es bitterkalt. Im ersten Kapitel nimmt Andrei Pivovarov die LeserInnen mit in den harten, überwachten Alltag in der russischen Einzelhaftzelle

Foto: fhm/Getty Images
Zum Kommentar-Bereich
Inside Russia

Inside Russia

Andrei Pivovarov

Hardcover

352 Seiten

26 €

In Kooperation mit Klett-Cotta

Inside Russia

5:00 Uhr Aufstehen
5:10 Uhr Bettzeug und Matratze abgeben
5:15 Uhr Morgengymnastik
5:30 – 6:30 Uhr Frühstück
6:30 – 6:50 Uhr Zeit zur freien Verfügung
6:50 – 7:30 Uhr Erziehungsmaßnahmen
8:00 Uhr Kontrollgang durch die Zellen und ärztliche Untersuchung
9:00 – 9:15 Uhr Zeit zur freien Verfügung
9:15 – 10:30 Uhr Schreiben von Briefen und Anträgen
10:30 – 11:30 Uhr Mittagessen
11:30 – 12:30 Uhr Erziehungsmaßnahmen,
Lagerordnung wird verlesen
12:50 – 15:20 Uhr Hofgang, Lagerordnung wird
verlesen oder Radio gespielt
15:40 Uhr Zeit zur freien Verfügung
16:30 Uhr Abendessen
17:00 – 17:30 Uhr Reinigung der Zelle
17:30 – 17:50 Uhr Zeit zur freien Verfügung
17:50 – 18:40 Uhr Erziehungsmaßnahmen,
Lagerordnung wird verlesen
19:20 – 19:40 Uhr Zeit zur freien Verfügung
20:00 Uhr Durchsuchung
20:45 Uhr Ausgabe des Bettzeugs und der Matratze
20:55 Uhr Klappbett wird heruntergelassen
21:00 Uhr Nachtruhe

Der Befehl, mich zu isolieren, muss von ganz oben gekommen
sein – aus Moskau. So landete ich in der Strafkolonie
IK-7 in Segescha, Karelien, knapp 500 Kilometer von St. Petersburg entfernt.1 Nachdem ich anfangs in zwei verschiedenen
Strafzellen untergebracht worden war, kam ich in
Strafisolationshaft – Einzelhaft in einem sogenannten »zellenartigen Raum«. Einzelhaftzellen sind ein Gefängnis im
Gefängnis. Dort sitzen vermeintlich renitente Häftlinge ein.
In so einen Käfig mit einer Fläche von drei mal dreieinhalb
Metern sperrte man mich – laut Gefängnisverwaltung »eine
gute Zelle«. In der Mitte waren ein Tisch und eine Bank aus
Metall mit dem Boden vernietet. Außerdem gab es eine Pritsche, die an der Wand befestigt und tagsüber hochgeklappt
war, sowie ein kleines Schränkchen, das ich nicht brauchte,
weil ich nichts besaß, was ich darin hätte aufbewahren können.
Erlaubt waren nur eine Zahnbürste, Zahnpasta, Seife
und Toilettenpapier. Ein Buch durfte ich ebenfalls besitzen,
lesen jedoch nur zu den dafür vorgeschriebenen Zeiten. Die
Kloschüssel war durch eine schulterhohe Trennwand abgeschirmt. Alles andere befand sich im Blickfeld der Überwachungskamera.
Obwohl ich bereits gefängniserprobt war, brauchte ich
meine Zeit, um mich im karelischen Straflager zurechtzufinden.
Nach eineinhalb Jahren Haft hatte ich mich zwar an
die Gefängnisordnung gewöhnt, doch hier funktionierte
alles anders. Ich wurde rund um die Uhr überwacht und gezwungen, Regeln zu befolgen, deren Einhaltung teilweise
schier unmöglich war. Jeder Fehltritt wurde bestraft. Wenn
man etwas schneller erledigte als in der dafür vorgesehenen
Zeit und die verbleibenden Minuten nutzte, um ein Buch
zur Hand zu nehmen, verstieß man gegen die Regeln. So erhielt ich eine Meldung – für ein Buch von Erich Maria Re9
marque. Ewig musste ich auf dem Boden sitzen, den Rücken
an den Heizkörper gelehnt, denn das war erlaubt. Verboten
war dagegen, sich auf dem Boden auszustrecken, obwohl er
dafür sauber genug war, schließlich musste ich ihn drei
Mal am Tag wischen. Nur während der Nachtruhe im Bett
durften die Augen geschlossen sein. Sich hinzusetzen und
die Hände in den Schoß zu legen, war ebenfalls verboten.
Klappte man die Pritsche auch nur ein paar Minuten zu früh
herunter und legte sich hin – sagen wir um 20:53 Uhr statt
um 20:55 Uhr – , galt das bereits als Verstoß. Hinlegen durfte
man sich um 20:55 Uhr, zudecken jedoch erst ab 21:00 Uhr.
In Einzelhaft muss man schon um 5:00 Uhr aufstehen,
eine Stunde früher als die anderen. Man hat keine zwei Minuten Zeit, um die Matratze einzurollen und sich anzuziehen,
schon geht die Tür auf, und man muss antreten. Dann
wird die Zelle durchsucht, die Matratze hinausgetragen,
die Pritsche hochgeklappt und an der Wand befestigt. Um
5:10 Uhr ist alles erledigt. Die Morgengymnastik nach den
Anweisungen aus dem Lautsprecher besteht aus fünf einfachen Übungen für Nacken, Arme, Beine und Rücken. Andere
Übungen, etwa Liegestütze oder Kniebeugen, sind verboten.
Um 5:30 Uhr wird das Frühstück ausgegeben. Einen Kühlschrank gibt es nicht, aber man kann Lebensmittel anfordern, die Angehörige mitgebracht haben und die getrennt
aufbewahrt werden, wie gezuckerte Kondensmilch, Rosinen
oder Nüsse. Im Gefängnisladen gibt es so etwas nicht.
Dort ist das Sortiment deutlich bescheidener. Geliefert wird
nur das Billigste, nichts Verderbliches. Für Delikatessen haben
die meisten Häftlinge ohnehin kein Geld.
Als Nächstes steht eine »Erziehungsmaßnahme« auf dem
Programm: Mehrmals täglich wird vom Band über Lautspre10
cher mit monotoner Stimme die Lagerordnung heruntergeleiert. Um 8:00 Uhr ist wieder Kontrolle: wieder auf dem
Gang antreten, wieder die Durchsuchung der leeren Zelle
mit dem Becher, der Zahnbürste und der Seife. Der Arzt
erkundigt sich pro forma: »Alles in Ordnung?« Alle antworten mit »Ja«, Beschwerden werden nicht akzeptiert. Danach
kommt ein Offizier, bei dem man zumindest theoretisch etwas einfordern kann. So geht das jeden Morgen.
Für 75 Minuten werden uns Kugelschreiber und Papier ausgehändigt. Die Möglichkeit, Briefe und Gesuche zu schreiben,
nutze ich maximal aus. In weiteren 20 Minuten, die
man zur freien Verfügung hat, darf man weiterschreiben.
Zwischen 10:30 und 11:30 Uhr wird das Mittagessen ausgegeben, für das man 30 Minuten hat. Eigentlich ist es noch
Morgen, aber wenn man seit fünf Stunden wach ist, fühlt es
sich bereits wie Mittag an.
Zum Nachtisch wird noch einmal die Aufnahme mit der
Lagerordnung abgespielt, bevor es nach draußen in einen
der Höfe geht. Der Hofgang ist der Höhepunkt des Tages –
das einzige Mal, dass man garantiert aus der Zelle an die frische Luft kommt. Mit Glück landet man in einem Betonhof
von vier mal fünf Metern, mit Pech in einem winzigen von
eineinhalb mal drei Metern. Der große Hof macht einem
Mut, der kleine zieht einen runter. An den Mauern stehen
Aufschriften, die später übermalt werden sollten, zum Beispiel: »1 Jahr Arrestzelle abkacken.« Die Häftlinge rufen einander
laut über die hohen Betonmauern zu:
»Wann ist deine Einzelhaft vorbei?«
»In drei Monaten.«
»Bei mir 2027.«
Der Hofgang dauert genau eine Stunde. Wenn der Hof
noch belegt ist, darf man manchmal beim Warten Radio
hören. Draußen kann man im Kreis laufen. Ich renne und
mache Liegestütze. Es ist verboten, die Jacke aufzuknöpfen.
Nimmt man auch nur kurz die Mütze ab, dauert es keine
30 Sekunden, bis es heißt: »Gefangener, was machen Sie
da?«
Der Winter in Karelien ist bitterkalt. Auf den Betonböden
der Höfe bilden sich Eiskrusten, sodass man leicht ausrutschen und stürzen kann. Beim Sport wird einem sofort
heiß, und der Schweiß fließt in Strömen. Danach kann man
das T-Shirt regelrecht auswringen. Täglich die Wäsche zu
wechseln ist allerdings nicht möglich: Ersatzkleidung darf
nicht in der Zelle aufbewahrt werden und Zugang zur Kleiderkammer erhält man nur auf Antrag. Meine Socken wasche ich jeden Tag und trockne sie auf der Heizung, wobei
nie sicher ist, ob sie bis zum nächsten Morgen tatsächlich
trocken sind.
Nach dem Hofgang wird erneut 60 bis 90 Minuten lang
die Aufnahme mit der Lagerordnung abgespielt. Macht man
auch nur kurz die Augen zu, gibt es sofort eine Meldung. Vor
dem Abendessen um 16:30 Uhr gibt es 20 Minuten zur freien
Verfügung. Danach sind 20 Minuten für das Aufräumen der
Zelle vorgesehen, obwohl ich allein bin und die Zelle so
sauber ist, dass man vom Fußboden essen könnte. Anschließend bekommt man ein weiteres und letztes Mal an diesem
Tag 20 Minuten zur freien Verfügung. Sport ist in dieser Zeit
allerdings verboten, das wird als Fluchtvorbereitung gewertet. Danach folgen noch eine Stunde und 15 Minuten, die
ausschließlich für Korrespondenz vorgesehen sind.
Abends wird wieder die Lagerordnung abgespielt und zur
Abwechslung auch mal Radio. Gegen 20:00 Uhr gibt es einen
weiteren Zellenrundgang. In dieser Zeit kann man versuchen, heimlich etwas zu lesen – in der Hoffnung, dass ge12
rade niemand vor den Monitoren sitzt. Aber das ist riskant.
Um 20:50 Uhr bekommt man seine Matratze und Tabletten
ausgehändigt, darunter das Antidepressivum Amitriptylin,
für einen festen Schlaf. Die Pritsche ist noch hochgeklappt
und mit einem Bolzen an der Wand befestigt. Von außen
wird der Verschluss gelöst, die Ketten bekommen Spiel, und
die Pritsche wird an ihnen heruntergelassen. Hinlegen darf
man sich erst fünf Minuten vor der offiziellen Nachtruhe.
Die Häftlingskleidung muss vorher vorschriftsmäßig gefaltet werden. Hose und Hemd sind ordentlich auf der Bank
oder dem Tisch auszulegen.
Die Überwachung wird hier ins Absurde getrieben. Die Mitarbeiter folgen einer einfachen Logik: »Ich mache dich fertig,
damit ich nicht fertiggemacht werde.« Nothing personal.
Mit den Offizieren lässt sich nicht lange diskutieren: »Das
wird der Chef aber nicht gern sehen.« Mit dem Vorgesetzten
erst recht nicht: »Verstehst du, wenn Moskau Wind davon
bekommt, sind wir alle dran.«
Das Leben in Einzelhaft ist die reine Geometrie. Ein
Hocker, ein Tisch, eine Pritsche, eine Tür, eine Essensklappe.
Keine Zufälle. Die Zeit folgt hier ihren eigenen Gesetzen.
Alle Handlungen sind auf die Minute genau getaktet, und
man verschwendet keinen Gedanken daran. Dafür kommen
einem Dinge in den Sinn, die man fast vergessen hatte: nicht
die Verhaftung oder das Gerichtsverfahren, sondern beispielsweise die Leningrader Kommunalka,2 in der man seine
Kindheit verbracht hat.
_
Ich wurde 1981 in Leningrad (seit 1991: St. Petersburg) in
eine typische Leningrader Akademikerfamilie hineingebo13
ren. Die ersten Jahre lebten wir mit den Eltern meines Vaters
im Stadtzentrum, in einer Kommunalka an der Ecke Newski-Prospekt und Majakowski-Straße. Mein Großvater war
habilitierter Ingenieurwissenschaftler, Professor an der Baltischen Staatlichen Technischen Universität und am Aufbau
des Leningrader Fernsehens beteiligt. Er durfte ins Ausland
reisen und brachte von seinen Reisen Souvenirs aus Afrika
mit nach Hause. Ich erinnere mich an kleine Figuren aus
geheimnisvollen Ländern und an eine Sammlung bunter
ausländischer Streichholzschachteln im Vitrinenschrank.
Meine Großmutter war ebenfalls Wissenschaftlerin, gab
ihre Arbeit jedoch nach der Geburt meines Vaters und seines
Bruders auf.
Mein Vater ist promovierter Physiker und hat über Quarzglas geforscht. In den 1990 er-Jahren wechselte er in den
Lehrerberuf und arbeitet bis heute am Akademischen Gymnasium der Staatlichen Universität St. Petersburg, dem früheren
Internat Nr. 45. Das ist eine der wenigen Schulen in
Russland mit physikalisch-mathematischem Schwerpunkt
für hochbegabte Jugendliche und Preisträger wissenschaftlicher Schülerolympiaden – für zukünftige Ausnahmeforscher. Wenige Jahre nach mir machte auch der Telegram-
Gründer Pawel Durow seinen Abschluss an dieser Schule.
Mein Vater leitete dort das Schullabor für Experimentalphysik. Meine Mutter arbeitete als Ingenieurin im Bauwesen.
Ich besuchte sie manchmal bei der Arbeit, und gelegentlich
erlaubte sie mir, am Computer zu spielen. Für mich war das
das Größte.
Unsere Familie lebte in drei Zimmern einer riesigen
Sechs-Zimmer-Wohnung. Das Haus war uralt. Die Decken
waren hoch und mit Stuck verziert, die Zimmer gingen ineinander
über. Im mittleren Zimmer befand sich das Wohn14
zimmer mit Fernseher und großem Esstisch – dort wohnte
mein älterer Bruder. Rechts davon lebten die Großeltern,
links meine Eltern und ich. Als ich zehn oder elf Jahre alt war
und wir bereits umgezogen waren, erfuhr ich, dass einst die
ganze Wohnung unserer Familie gehört hatte. Nach der Oktoberrevolution 1917 waren nach den sowjetischen Regeln
des »verdichteten Wohnens«4 weitere Bewohner einquartiert worden.
Mehrere meiner Vorfahren waren Opfer sogenannter »stalinistischer Säuberungen«5 geworden. In derselben Wohnung, in der ich meine Kindheit verbrachte, hatten vor der
»Verdichtung« Angehörige meiner Großmutter gelebt –
die Familie des Holzindustriellen Parmen Markowitsch. Er
war ein erfolgreicher Unternehmer und verbrachte in den
1920 er-Jahren viel Zeit in den USA. Seine Frau wollte nicht
auswandern. In Russland besaßen sie schließlich eine Wohnung, eine Datsche6 und ihr gewohntes soziales Leben. Als
Markowitsch endgültig zurückkehrte, brachte er zwei Eisenbahnwaggons voller persönlicher Dinge mit, die sofort beschlagnahmt wurden. Einige Jahre durfte er noch zu Hause
leben, 1937 wurde er schließlich verhaftet und zu zehn Jahren
Lagerhaft verurteilt. 1947 kam er frei und starb nur wenige Jahre später.
Mein Urgroßvater väterlicherseits, Nikolaj Wiktorowitsch Wolkow, unterrichtete Russisch und Literatur an der
Militärakademie der Fernmeldetruppe am Tichorezki-Prospekt. 1937 wurde ihm auf Parteiversammlungen immer
häufiger vorgeworfen, die russischen Klassiker falsch zu interpretieren und ein Offizier der sogenannten »Weißen Armee
«7 gewesen zu sein. Zur gleichen Zeit begann eine Welle
von Verhaftungen unter den Lehrkräften und Mitarbeitern
der Akademie. Nikolaj Wiktorowitsch war gut mit dem
Rektor befreundet, und nach einer der Versammlungen gab
dieser ihm zu verstehen, dass man höchstwahrscheinlich
auch ihn bald abholen würde. Wenn er sich jedoch vorher
das Leben nähme, bekäme er ein feierliches Begräbnis und
seine Familie bliebe verschont. Mein Urgroßvater beging
Selbstmord. Bei seinem Begräbnis spielte tatsächlich ein Orchester, und seine Familie wurde in Ruhe gelassen.
Meine Großmutter mütterlicherseits hatte die Leningrader
Blockade8 überlebt. Als junge Frau half sie, Kinder aus
der Stadt zu evakuieren, und blieb selbst während der gesamten Blockade in Leningrad. Ihr Mann, mein Großvater,
war an der Front. Nach dem Krieg wurde er Direktor eines
großen wissenschaftlichen Forschungsinstituts. Sie hatten
drei Töchter, eine davon war meine Mutter. Meine Großmutter lebte fast bis zur Jahrtausendwende und sprach nie
über die Blockade. Erst später erfuhr ich, dass ihr erstes Kind,
ein Junge, diese Zeit nicht überlebt hatte. Wie bei fast allen
St. Petersburgern wurde die Erinnerung an die Blockade
auch in unserer Familie gepflegt. Von allen sowjetischen
Feiertagen begingen wir nur den vom Ende der Leningrader
Blockade am 27. Januar und den Tag des Sieges der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland am
9. Mai.
Meine Eltern waren nicht in der Partei, und die Gespräche
zu Hause atmeten kaum den Geist der sowjetischen Nachrichten. Doch mich, noch ein Kind, versuchte niemand aufzuklären. Ich wuchs auf wie alle anderen: Im Kindergarten
hing ein Porträt Lenins an der Wand, im Fernsehen lief tagein,
tagaus derselbe Käse. Ich weiß noch, wie ich einmal
beim Essen ganz ernst proklamierte: »Wenn Lenin nicht gewesen wäre, würden wir alle im Stall leben.« Die Erwachsenen
mussten schmunzeln, sagten aber nichts. 1987 verstan16
den sie, dass man einem Sechsjährigen lieber nicht erklärt,
wie die Dinge wirklich liegen. 1991, während des Augustputsches,
10 schickten sie mich mit meiner Großmutter auf
die Datsche, während sie selbst auf die Barrikaden vor dem
Mariinski-Palast11 gingen.
Wenn einem schon im Kindergarten die Liebe zu »Großvater Lenin« eingeimpft wird, man zu Hause aber nach und
nach erfährt, wie die Bolschewiki mit der eigenen Familie
umgegangen sind, wächst der Hass auf die Kommunisten
und Stalinisten ganz von selbst. Für mich sind Menschen,
die Josef Stalin hochhalten, entweder für das Regime tätig
oder einfach dumm. Das ist wie ein Lackmustest. Von Kindheit
an hatte ich ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlicher
Propaganda. Jeder offiziellen Darstellung wollte ich auf den
Zahn fühlen. Die Ideen von Freiheit und selbstständigem
Denken hatten mich längst gepackt, auch wenn mir das damals
noch gar nicht bewusst war.
1989 bekam mein Großvater als Professor und habilitierter Wissenschaftler eine eigene Wohnung in einer der besten Gegenden der Stadt zugeteilt, und so zogen wir in die
Bolschaja Konjuschennaja um, die damals noch Scheljabow-
Straße hieß. In der Nachbarschaft lag die im 18. Jahrhundert
gegründete Petrischule, die ich mehrere Jahre besuchte.12
Danach wechselte ich an das Humanistische Gymnasium
des Russischen Museums am Platz der Künste mit seiner
prächtigen Fassade, den Legenden über berühmte Künstler
und einer langen Reihe prominenter Absolventen. Ein
begnadeter Lehrer unterrichtete uns in Kunstgeschichte,
Alexej Grigorjewitsch Bojko. Er war etwas untersetzt, trug
einen Schnauzer und strahlte eine Heiterkeit aus, die von
Herzen zu kommen schien. Uns Kindern begegnete er auf
Augenhöhe, verstand es, uns für sein Fach zu begeistern,
und nahm uns auf Führungen und Exkursionen mit. Viele
Jahre später, während meiner ersten ernsthaften Verhaftung, besuchte er das Gerichtsverfahren, um mir beizustehen.
Die Schule war hervorragend. Dort fand ich Freunde,
erste Liebschaften und erlebte sogar einen Besuch von Margaret Thatcher. In der Oberstufe wechselte ich allerdings an
das Akademische Gymnasium, an dem mein Vater arbeitete,
um mich auf das Studium vorzubereiten.
Die neue Schule befand sich in Peterhof, einer Vorstadt
von St. Petersburg. Die Lehrer waren Universitätsdozenten,
und die Abschlussprüfung galt zugleich als Aufnahmeprüfung für die Staatliche Universität St. Petersburg. Wer die
Schule erfolgreich abschloss, bekam automatisch die Zulassung, dort Physik, Chemie, Biologie oder an einigen anderen
Fakultäten zu studieren. Hochbegabte Jugendliche aus
dem gesamten Nordwesten kamen hier zusammen. Meine
Mitschüler lebten im Wohnheim, während ich jeden Tag
dorthin pendelte. Von unserer Wohnung in der zentral gelegenen Bolschaja Konjuschennaja raste ich morgens los, um
den Zug um 8:05 Uhr zu erwischen, der mich nach Peterhof
brachte. Der Unterricht begann um 9:30 Uhr und endete
gegen 16:00 Uhr. Die Rückfahrt dauerte weitere eineinhalb
bis zwei Stunden. Es fuhren weder Busse noch Schnellzüge.
In den letzten beiden Schuljahren wohnte ich schließlich
ebenfalls im Wohnheim und fuhr nur noch am Wochenende
nach Hause.
Die Schule war sehr anspruchsvoll. Jeder aus unserer
Klasse mit dem Schwerpunkt Physik und Mathematik wird
sich sein Leben lang an unsere Chemielehrerin Irina Michajlowna Luzkaja und ihren Lieblingssatz erinnern: »Für eine
Eins in Chemie ist nur der liebe Gott gut genug, und ich
höchstens für eine Zwei. Aus euch will ich wenigstens
Dreien herausholen.« Im ersten Halbjahr gab es in unserer
Klasse mehrere Fünfen, ein Meer von Dreien und immerhin
einige wenige Einser. Für diejenigen, die als Einserschüler
nach einem strengen Auswahlverfahren ins Internat aufgenommen
worden waren, brach eine Welt zusammen. Gegen
Ende des ersten Schuljahres mussten einige die Schule verlassen, und der Rest hatte sich immerhin auf eine Drei hochgearbeitet. Der Chemiestoff von damals sitzt bis heute.
Im Abschlussjahr klotzte ich ordentlich ran. Ich hatte es
schwerer, weil die Abschlussprüfungen unserer Schule für ein
Wirtschaftsstudium an der Staatlichen Universität St. Petersburg nicht angerechnet wurden. Aber ich schaffte die
Aufnahmeprüfung und wurde im Studiengang Wirtschaftskybernetik an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät
immatrikuliert. Mit mir begannen Absolventen der besten
physikalisch-mathematischen Schulen des Landes ihr Studium.
Viele von ihnen machten später Karriere im Finanzwesen,
in der IT-Branche oder in großen Staatsunternehmen.
Aber etwa die Hälfte der klügsten Köpfe wanderte aus.
So anspruchsvoll die Schule auch war, sie nahm nicht meine
ganze Zeit ein. Von der 9. bis zur 11. Klasse war ich Fan der
Rockband Alisa. Ich sah aus wie ein typisches Groupie: zottelige Haare, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Die
Alisa-Fans lagen ständig mit den Skinheads im Clinch, über
die die übelsten Geschichten kursierten. Ich weiß noch, wie
wir Ende der 1990 er-Jahre gewarnt wurden, an Adolf Hitlers
Geburtstag lieber nicht das Haus zu verlassen, weil Rechtsextreme aus dem ganzen Land auf den Straßen St. Petersburgs herumlungern würden.13
Das alles spielte sich vor meinen Augen ab und zog mich
in seinen Bann. Die »Rechten« galten als »hart« und »echt«.
Ich suchte keinen Anschluss, wollte aber verstehen, woher
ihre Ideen kamen. Damals lebte ich regelrecht in einer Buchhandlung, die auf militärhistorische Fachliteratur spezialisiert war. Neuerscheinungen konnte ich mir nicht leisten,
doch in der Antiquariatsabteilung fand ich viele Publikationen
zu reduzierten Preisen. Zu einem meiner Geburtstage
bearbeitete ich meine Mutter so lange, bis sie mir das Geld
für eine zwölfbändige Ausgabe von Dokumenten der Nürnberger Prozesse gab. Ich freute mich wie ein Schneekönig, als
ich die Bände mit letzter Kraft nach Hause geschleppt hatte.
Später sollte ich durch den Fußball noch viel näher mit der
rechten Szene in Berührung kommen. Im Jahr 2000 wurde
ich Fan von Zenit St. Petersburg, ein Jahr später ein richtiger
Ultra. In vielerlei Hinsicht hatten mich Bücher und Filme
dorthin geführt. Einer davon war Trainspotting, die Geschichte einer Gruppe von jungen Außenseitern im Hafenviertel von Edinburgh. Drogen, Kleinkriminalität, Lebensdramen – manches war abstoßend, manches komisch, vor
allem aber erzählte der Film eindrücklich davon, dass selbst
in den schlimmsten Situationen noch eine Chance steckt
und letztlich alles von den eigenen Entscheidungen abhängt. Und er erzählte er auch davon, dass man die Finger
von Drogen lassen sollte.
Die britische Subkultur erschien mir als der perfekte Lebensentwurf: Du feierst deine Stadt und deinen Verein,
hörst angesagte Musik, gehst auf Konzerte. Eines Tages sagte
mein Freund Alexej zu mir: »Du hast doch Irvine Welsh gelesen? Komm mit ins Stadion, um die Jungs kennenzulernen.
« So entstand unsere Community. Es gab einen unausgesprochenen Ehrenkodex: Wir repräsentieren unser Team,
also betrinken wir uns nicht, lassen uns nicht gehen und halten den Dresscode ein. Geld hatten wir nicht viel, und die

Klamotten mussten wir im Secondhandladen kaufen, aber
es war der Versuch, zumindest einen halben Kopf über das
Grau in Grau um uns herum hinauszuwachsen. Wie Edinburgh besaß auch St. Petersburg eine lebendige Clubszene.
Am Sonntag traf man schon mal beim Fußball jemanden,
mit dem man erst am Abend zuvor im selben Club feiern
war. Und schon fühlte man sich als Teil einer eingeschworenen
Gemeinschaft.
Ich schloss mich einer Fangruppe von Zenit an. Die Petersburger Fanszene war damals, so nahm ich es wahr, überwiegend rechts geprägt. Fußball stand an erster Stelle, doch
viele vertraten rechte Ansichten. Vielleicht war das mein jugendlicher Protest: Ich stammte aus einer Akademikerfamilie, meine Kommilitonen waren belesen und friedlich. In der
Fanszene begegnete ich Menschen aus einem völlig anderen
Milieu. Einige kamen gerade von der Armee, andere hatten
eine Berufsschule besucht, nur wenige studierten. Der Sprecher der Gruppe und sein engstes Umfeld waren gebildet
und standen mitten im Berufsleben. Aber es gab dort nicht
viele Intellektuelle, gemeinsame Interessen hatten wir kaum.
Was uns verband, war etwas anderes: die bedingungslose
Loyalität zum Verein, der Teamgeist. Mich faszinierte dieses
Gefühl von Brüderlichkeit und Courage.
Anfang der 2000 er wurden die Fans noch wenig von der
Polizei ins Visier genommen, und wir spielten ständig mit
dem Feuer. An eine Aktion erinnere ich mich bis heute als
meinen kleinen persönlichen Triumph. Zu einem Spiel reisten Fans von Torpedo Moskau an. Üblicherweise wurden sie
morgens vor dem Stadion hinter den Kontrollschleusen
zusammengepfercht und anschließend unter Polizeibegleitung zum Gästeblock gebracht. Ich ging zu den Bullen und
sagte: »Guten Tag, wir sind aus Moskau und wollen zum

Spiel.« Wie erwartet hakten sie nicht großartig nach, sondern fragten nur:
»Wie viele seid ihr?«
»Drüben sind unsere Jungs.«
Die Jungs nickten sofort energisch: »Ja, ja, wir kommen
aus Moskau.«
So gaben wir uns als organisierte Torpedo-Fans aus. Fanartikel oder Logos hatten wir zwar keine, aber anhand der
Kleidung konnte man uns eigentlich nicht davon unterscheiden. Unsere ganze Gruppe wurde auf die Gästetribüne
von Torpedo gelassen. Die Moskauer schauten uns zwar
misstrauisch an – sie kannten sich schließlich untereinander
– , doch keiner verpfiff uns an die Bullen. Wir setzten uns
etwas weiter oben hin und warteten auf den Anpfiff. Allmählich wurde klar, dass wir nicht zu ihnen gehörten. Die
ersten spitzen Bemerkungen fielen, allerdings ohne jede Aggression. Uns war klar, dass wir dort nicht lange durchhalten
würden. Also standen wir schlagartig gemeinsam auf, rissen
die Arme hoch und skandierten: »Zenit!« Im Fanblock von
Zenit herrschte erst Verblüffung, dann Begeisterung. Die
Torpedo-Fans waren entrüstet und wir – wie im Rausch. Die
Polizei reagierte schnell. Wir wurden umstellt und aus dem
Stadion geführt. Aber unsere Mission hatten wir erfüllt. Wir
waren auf der Gästetribüne gewesen und hatten direkt vor
der Nase der gegnerischen Fans unseren Verein gefeiert –
besser ging es nicht.
In Wirklichkeit besteht das Leben eines Ultras nicht nur
aus endlosen Schlägereien. An einem wichtigen Spieltag
trafen wir uns morgens in einem unscheinbaren Café, und
dann begann das eigentliche »Spiel«: die Suche nach unseren
Gegenspielern. Als kleine, unorganisierte Gruppe zogen wir
einfach durch die Straßen und hofften auf den Zufall. Besser

organisierte Gruppen fuhren in Autos durch die Stadt und
suchten gezielt nach den Fans der gegnerischen Mannschaft.
Das Ziel war simpel: eine Gruppe gegnerischer Fans aufzuspüren und anzugreifen, eine Prügelei nach den eigenen
Regeln des »Fair Play« anzuzetteln, wenn man das bei einem
Straßenkampf überhaupt so nennen kann. Zu wirklich ernsten Zusammenstößen kam es allerdings selten. Pro Saison
gab es vielleicht ein paar Fälle, in denen Hooligans gegnerischer Mannschaften aufeinander losgingen. In jenen Jahren
kam es in St. Petersburg zu etwa drei solcher Massenschlägereien.
Viel häufiger waren kleinere Auseinandersetzungen:
ein Gerangel in der Metro oder ein Fanmarsch, dessen hinteren
Abschnitt die Polizei kassierte. Das war ein Katz-und-
Maus-Spiel: Du suchst sie, sie suchen dich, und die Polizei
macht gleichzeitig Jagd auf alle. Der Adrenalinkick bestand
darin, den Gegner auszutricksen, ihm einen Schritt voraus
zu sein und genau dort aufzutauchen, wo niemand mit
einem rechnete. Es gab Fangruppen, die Busse mieteten, um
durch die Stadt zu rasen und ständig den Standort zu wechseln. Heute, bei praktisch lückenloser Videoüberwachung
auf den Straßen, ist davon fast nichts mehr übrig. Geblieben
sind höchstens vereinzelte verabredete Schlägereien im
Wald.
Allmählich hörte die Fanszene auf, eine Gegenkultur zu
sein. Das Kämpfen rückte zunehmend in den Vordergrund,
und es ging deutlich härter zur Sache. Kampfsportler stießen
dazu, die sich weniger für das Spiel interessierten als für das
Kämpfen und darin entsprechend gut waren. Es ging nicht
mehr um Fußball und Courage, und ich verlor das Interesse.
Meine Zeit in der Kurve war vorbei. Ohnehin stand ich kurz
vor dem Studienabschluss und merkte, dass es langsam an
der Zeit war, mich ernsthaft um einen Job zu kümmern. Die

Aussichten waren gut: Banken, Unternehmensberatungen,
die klügsten Kommilitonen gingen in den Bereich Audit. Es
war völlig klar, dass man dort nicht mit einem Veilchen oder
einer gebrochenen Nase auftauchen konnte.
Als ich anfing, mich für Fußball zu begeistern, teilte ich viele
der rechtskonservativen Ansichten in der Fanszene. Ein
Nationalist war ich jedoch nie, so beteiligte ich mich nie an
den sogenannten »Russischen Märschen«.15 Im Gegenteil:
Der Familientradition folgend empfand ich Sympathie für
die Demokraten. Etwa zur selben Zeit kam ich über Aktivismus, kreative Protestaktionen und meine erste Verhaftung
mit der Politik in Berührung. Doch gerade der Block hatte
mir das nötige Selbstvertrauen gegeben. Dort lernte ich,
Straßenaktionen zu organisieren und sie zu einem Happening zu machen.
Man könnte meinen, das seien einfach nur drei voneinander
getrennte Bereiche meines Lebens gewesen: meine
Familie, das Leben als »Zwölfter Mann« und die Politik im
öffentlichen Raum. Damals hätte ich mir nicht im Traum
vorstellen können, dass all das ein Vorspiel dessen war, was
noch kommen sollte.

Articles & Services

Interview mit dem Autor

Interview mit dem Autor

"Das Urteil steht oft schon fest, bevor der Prozess überhaupt begonnen hat". Andrei Pivovarov im Gespräch mit der Friedrich Naumann Stiftung. Dieses Interview erschien erstmals im März 2025

The detention of Andrei Pivovarov | EU debate

During the plenary session (7-10 June 2021) in the European Parliament in Strasbourg, MEPs debate on cases of breaches of human rights, democracy and the rule of law: the detention of Andrei Pivovarov.

Inside Russia [1/2] | SPIEGEL TV

Seit vier Jahren greift Putin die Ukraine an. Sein Ziel: die Wiederherstellung Russlands in den Grenzen der Sowjetunion. Doch wie sieht es im eigenen Land aus? Viele Regimekritiker sind entweder tot, im Gefängnis oder haben sich ins Ausland abgesetzt

Inside Russia 2/2 | Spiegel TV

Putins Blitzkrieg sollte nur wenige Tage dauern. Fast fünf Jahre später ist der Krieg auch in Russland angekommen. Ukrainische Drohnen treffen Raffinerien, Industrieanlagen und Versandzentren tief im Landesinneren.