Leseprobe : Ein Universum ohne Schatten

Eine Gesellschaft ohne Schatten, ohne Dissens verkennt die Realität: Lesen Sie hier das Vorwort zu „Über Zensur“, in dem Ai Weiwei verschiedene Formen der Zensuren und ihre Schäden für eine intellektuelle Gesellschaft beleuchtet.

Ausschnitt eines Universums.

Foto: fotograzia/Getty Images

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Über Zensur

Über Zensur

Ai Weiwei

Hardcover

126 Seiten

20 €

Erscheint am 24.08.2026!

In Kooperation mit Westend Verlag

Über Zensur

Ein Universum ohne Schatten

Ich erinnere mich an eine Anekdote aus der Zeit, als mein Vater im Exil lebte, über den deutschen Dichter Heinrich Heine. Als er eine Grenze überquerte, inspizierten die deutschen Zollbeamten seine Bücher aufs Genaueste; da soll er bemerkt haben, dass die gefährlichsten Dinge in seinem Kopf sind. Zweifellos hinterließen diese Worte einen tiefen Eindruck in meinem jungen Herzen. Sie halfen mir dabei, schon früh zu verstehen, dass gedruckte Worte zwar zensiert werden können, die Zensur jedoch niemals den Funken im menschlichen Geist vollständig auslöschen kann. Gleichzeitig war dies bereits ein Vorbote für eine neue Form der inneren Unterdrückung, eine verstecktere und tiefgreifendere Form der Zensur.

Zensur ist, im Kern, die systematische Einmischung der Macht in die Verbreitung von Ideen. Ihre Formen reichen von der Vor-Zensur bis zur Selbstzensur. Sie alle haben das Ziel, das Monopol bestimmter Ideologien, religiöser Überzeugungen, nationaler Selbstverständnisse oder vorherrschender traditioneller Werte zu bewahren. Im Laufe der Geschichte entstand Zensur oft aus der Angst vor sogenannten »ketzerischen Lehren«. Dabei wurden bestimmte Ideen als verbotenes Terrain ausgewiesen und dadurch das individuelle Streben nach Wahrheit eingeschränkt.

Stellen Sie sich für einen Moment ein »Universum ohne Schatten« vor: Hinterfragen und Dissens sind durch eine dominante Erzählung ersetzt, beleuchtet von einer einzigen Lichtquelle, die ignoriert, dass erst der Kontrast zwischen Licht und Schatten das komplexe Wesen der Realität ausmacht. Ein solches System betrifft nicht nur die Redefreiheit, sondern greift tief in die conditio humana ein; es provoziert Vertrauenskrisen, Schamgefühle und Ängste vor sozialer Isolation und fügt damit dem Mensch-Sein und der Zivilisation letztlich irreversiblen intellektuellen Schaden zu.

Auf deutschem Boden fand einst der gründlichste Prozess der »Gleichschaltung« statt, ebenso wie die Nacht der Bücherverbrennungen. In der DDR wurden gefährliche Ideen im sogenannten »Giftschrank« eingesperrt. Wenn heute das NetzDG Plattformen im Namen des »Schutzes der Demokratie« dazu verpflichtet, sogenannte »Hassrede« innerhalb von 24 Stunden zu entfernen, und bestimmte Zeitungen sich aus Angst vor »Fehlinterpretation« weigern, meine Artikel zu veröffentlichen, komme ich nicht umhin zu fragen: Ist das Gespenst der Zensur jemals wirklich verschwunden, oder hat es lediglich ein zivilisierteres Erscheinungsbild angenommen? Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes proklamiert: »Eine Zensur findet nicht statt.« Doch wenn Selbstzensur zum gesellschaftlichen Konsens wird und wenn »politische Korrektheit« einer neuen Inquisition zu ähneln beginnt, ist dieser Artikel dann nicht zu kaum mehr als einer leeren Floskel geworden?

Die Entstehung von Zensur ist kein Zufall; sie entspringt dem instinktiven Verlangen der Menschheit nach einer einheitlichen Erzählung. Ideologie ist dafür die wichtigste Quelle: Herrschende nutzen Zensur, um ihre Autorität über das nationale Bewusstsein und das historische Urteil zu wahren und damit zu verhindern, dass Dissens die Legitimität der Macht infrage stellt. In ähnlicher Weise betrachtet auch die Religion Zensur als Mittel zur Bewahrung des »einzig wahren Glaubens« und behandelt dabei Ketzerei als Bedrohung der heiligen Ordnung. Moralischer Zwang und kollektive Narrative verstärken diesen Mechanismus weiter: Dominante traditionelle Werte belegen Ideen, die gegen den Mainstream stehen, häufig mit Scham und ermutigen so den Einzel- nen zur Selbstzensur.

Darüber hinaus ist der Kampf darum, wer die Autorität über die historische Erzählung hat, eine tiefere Triebkraft hinter der Zensur. Die Machthaber neigen dazu, »Schatten für Schlangen zu halten«, wie ein chinesisches Sprichwort sagt. Sie lassen sich von der Gefahr von Fehlinterpretationen erschrecken. Sie fürchten, Interpretationen, die aus Metaphern und Andeutungen entstehen, könnten der Wahrheit nahekommen und dadurch offizielle Narrative umstürzen. Warum kann Absurdität offen zur Schau gestellt werden? Weil Zensur einen geschlossenen Kreislauf schafft: Indem sie die historische Wahrheit verschleiert und verändert, wird Absurdität normalisiert.

Erst letztes Jahr, als ich einen Artikel über Meinungsfreiheit für eine bekannte deutsche Zeitung schrieb, lehnte diese die Veröffentlichung mit der Begründung ab, er könne »Missverständnisse verursachen«. Das war keine unverblümte Unterdrückung, wie wir sie in China kennen, sondern eine raffiniertere westliche Variante: ein stiller Einschnitt, vollzogen mit sanften Worten wie »sensibel«, »unangemessen« oder »potenziell schädlich«. Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Zensur heute keine Bücher mehr verbrennen muss; sie muss Dissidenten lediglich davon überzeugen, von selbst zu schweigen. Persönliche Erfahrung legt nahe, dass die Ursache für Zensur in der Furcht vor Kontrollverlust liegt: Sobald es keine verbotenen Zonen für Gedanken mehr gibt, beginnen die Fundamente der Macht zu wanken.

Wer übt die Macht der Zensur aus? Und wen betrifft sie?

Diejenigen, die Zensurgewalt ausüben, sind in der Regel der Staat, die Kirche, politische Parteien oder Gruppen, die mit der heutigen »Woke«-Bewegung in Verbindung stehen. Durch Mechanismen der Identitätsvalidierung und Verhaltensnormen zwingen sie Individuen dazu, sich einem vorherrschenden Rahmen anzupassen. Zensur betrifft jeden: Von Intellektuellen bis hin zu einfachen Bürgern stehen alle unter dem Druck, Andersdenkende und Außenseiter auszuschließen. »Ketzerische Lehren« werden als Bedrohung ge- brandmarkt und mit sozialer Ächtung bestraft.

In diesem Prozess wird Scham zu einem entscheidenden Instrument. Denn Zensur ist nicht nur äußerer Zwang; sie ruft auch innere Gefühle von Scham und Überlegenheit hervor. Diejenigen, die sich bereit- willig fügen, erlangen ein Gefühl »moralischer Überlegenheit«, während Andersdenkende in eine Vertrauenskrise geraten. Diese Krise entsteht aus einer Selbstaufgabe: Individuen regulieren aus Angst vor sozialer Isolation freiwillig ihre eigenen Gedanken. Die erdrückende Kraft der zeitgenössischen »Woke- ness« stellt eine moderne Variante dieses Mechanismus dar: Durch moralischen Zwang wird Dissens als »Hassrede« abgestempelt, und ideologische Außenseiter werden eliminiert. Die heutige »Wokeness«-Bewegung gleicht einem hocheffizienten Fleischwolf; im Namen der »Gerechtigkeit« zermahlt sie Ideen, die ihr nicht konform sind. Letztendlich betrifft Zensur jedoch nicht nur diejenigen, die ihre Meinung aus- sprechen; sie untergräbt die Art und Weise, wie das Leben gemeinhin verstanden wird, und reduziert die menschliche Natur auf eine kontrollierbare Einheit von »Normen«.

Die menschliche Natur beruht auf Liebe, Empathie und Gerechtigkeit. Der Mensch besitzt von Natur aus das Recht zu denken. Gleichzeitig verzerrt Zensur durch Vermeidung und Irreführung die Realität und erzeugt moralischen Zwang. Die Einstufung von Äußerungen als »Hassrede« veranschaulicht diese Verzerrung – Worte, die den Dialog fördern sollten, werden stattdessen als Drohungen behandelt.

Zudem standardisiert Zensur das Denken und Handeln und löscht damit individuelle Unabhängigkeit aus. Identitätsvalidierung wird zu einem Instrument, das die menschliche Natur lediglich als Bestandteil einer kollektiven Erzählung definiert. Meine persönliche Erfahrung einschließlich der Existenz in- tellektueller Tabuzonen in Deutschland weist darauf hin, dass die Bücherverbrennungen der Nazizeit und der ostdeutsche »Giftschrank« nicht nur abweichende Meinungen untersagten, sondern auch das Verständnis des Einzelnen vom Leben selbst zerstörten: Menschen wurden von freien Entdeckern in gehorsame Maschinen verwandelt.

Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird der Schaden der Zensur noch unsichtbarer als zuvor: Durch seine Definition bis ins kleinste Detail wird das Verschwinden des Individuums in seiner Einzigartigkeit Realität. Berechenbarkeit beginnt, die menschliche Natur zu bestimmen. Mithilfe von Zielgruppenansprache, selektivem Ausschluss und verdeckter Manipulation überwachen Algorithmen die Denkverläufe. Doch wenn alles berechenbar wird, weil die menschliche Natur durch Algorithmen quantifiziert wird, läuft die Menschheit Gefahr, wie ein Fehler im System behandelt zu werden. In Zukunft könnte KI-gesteuerte Zensur die Ungewissheit auslöschen, die den Menschen ausmacht, Individuen auf Daten- punkte reduzieren und damit die Vertrauenskrise dauerhaft verfestigen. Unsere Zivilisation muss daher Rechte und Pflichten neu definieren: Wenn diesem Verschwinden kein Widerstand geleistet wird, könnte die Menschheit selbst zusammenbrechen.

Der intellektuelle Schaden der Zensur für die Menschheit

Die Wiederherstellung der historischen Wahrheit wird zu einem Schauplatz des Kampfes um die Menschlichkeit: Was ist Wahrheit? Durch Verschleierung und Umschreibung schafft Zensur vielfältige Erzählungen und führt zu kognitiver Verwirrung. Sowohl die Gleichschaltung der Nazizeit als auch das zeitgenössische Phänomen der »Cancel Culture« veranschaulichen diesen Schaden: Die Menschheit wandelt sich von der Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen hin zur Durchsetzung von Einheitlichkeit und opfert individuelle Rechte für die Illusion von Harmonie. Das Gleichgewicht zwischen Rechten, Verantwortlichkeiten, Pflichten und Opfern ist gestört. Im Namen des »Schutzes der Schwachen« rauben die Zensoren in Wirklichkeit der Menschheit ihren Wesenskern: die Empathie für das Leiden anderer.

Die jüngste Kontroverse um die Berlinale bietet ein absurdes Beispiel. Unter staatlichem Einfluss erklärte der Juryvorsitzende, Film habe nichts mit Politik zu tun, und versuchte damit, Kunst von der Realität zu trennen. Eine solche Behauptung kommt der Selbsttäuschung gleich, denn alles ist politisch. Das Kino reflektiert wie ein Spiegel unweigerlich die Verflechtung von Macht, Identität und Unterdrückung. Der Versuch, diese voneinander zu trennen, ist die listige Tarnung der Zensur: Sie leugnet den inhärenten politischen Charakter der Kunst, um den Weg für politische Eingriffe zu ebnen.

Unsere Zivilisation hängt vom Hinterfragen und vom Streben nach Wahrheit ab, doch Zensur lässt sie verkümmern. Die Beziehung zwischen Hinterfragen und Wahrheit steht im Zentrum: Gibt es Wahrheit? Wird sie sich ohne Nachfragen offenbaren? Zensur schafft intellektuelle Tabuzonen, die diesen Prozess unterbrechen und es der Absurdität ermöglichen, offen zu gedeihen. Demokratie, Freiheit und Unabhängigkeit sollten die Gedankenfreiheit schützen. Doch im Paradoxon der Zensur geraten sie ins Wanken: Kann Freiheit ohne einen Standpunkt existieren, von dem aus man hinterfragen kann? Haben Sie vielleicht bereits, ohne es zu merken, begonnen zu schweigen, aus Angst davor, dass ein einziger Satz als »falsch« angesehen werden könnte?

Die westliche Zivilisation — wie beispielsweise das deutsche Grundgesetz, das Vor-Zensur verbietet — betont zwar die Offenheit des Blicks, doch es enthält immer noch implizite Tabuzonen wie etwa Gesetze gegen »Hate Speech«. China hingegen stärkt kollektive Narrative durch die Kontrolle der Geschichtsschreibung. Aus vergleichender Perspektive lässt sich sagen, dass sich die westliche Zensur eher auf moralischen Zwang stützt, während die chinesische Zensur das nationale Bewusstsein betont. Beide schaden der Zivilisation: Sie verwischen den Kontrast zwischen Licht und Schatten, erzeugen ein einheitliches Narrativ und ver- sperren damit den Zugang zur Wahrheit.

Fazit: das Recht auf Hinterfragen bekräftigen

Der intellektuelle Schaden, den die Zensur der menschlichen Natur, der Menschheit und der Zivilisation zufügt, liegt in der Schaffung von Vertrauenskrisen, der Verzerrung von Liebe und Wahrheit und der Auslöschung der Gedankenfreiheit. Ein Universum ohne Schatten ist keine Utopie, sondern ein absurdes Gefängnis. In einem solchen Universum hört das Licht auf zu erleuchten und verbrennt stattdessen. Es reduziert jeden Unterschied zu Asche und proklamiert dies als »Harmonie«. Doch ohne Schatten kann es keine Tiefe geben; ohne Hinterfragen kann es keine Wahrheit geben. Deutschland ist einst aus der Dunkelheit hervorgegangen. Wir können nicht zulassen, dass neue Schatten, gewoben aus Algorithmen, moralischer Überwachung und selbst auferlegter Angst, über dieses Land hereinbrechen. Nur dort, wo Licht und Schatten koexistieren, können wir wirklich lebendig sein.

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