Pedro Almodóvar, der Meisterregisseur des spanischen Kinos, erforscht in „Bitteres Fest“ die fragile Grenze zwischen Leben und Kunst, zwischen Erlebtem und Erdachtem. Der Film beleuchtet, wie Wahrheit und Fiktion untrennbar verbunden sind, manchmal auf schmerzhafte Art und Weise. Oscarpreisträger Almodóvar, bekannt u.a. für „Alles über meine Mutter“, „Sprich mit ihr“, „Volver“ oder „Leid und Herrlichkeit“, übernahm wie gewohnt Regie und schrieb das Drehbuch.
Künstlerisches Schaffen/Leben
Neben anderen Themen behandelt Bitteres Fest das künstlerische Schaffen, seine Beziehung zur Wirklichkeit und zum Leben sowie die Frage, wie ein Film gegen sich selbst rebellieren und seine eigene Daseinsberechtigung infrage stellen kann. Dieses metafilmische, pirandellianische Spiel thematisiert auch die Ethik des Erzählens: Der Künstler greift auf Autofiktion zurück, um die Handlungsstränge zu verknüpfen. Er spricht verschlüsselt von sich selbst und deutlicher davon, wie alles um ihn herum ihn beeinflusst.
Sind Bereiche im Leben anderer Menschen für ihn tabu, oder hat der Künstler das Recht, alles als Inspiration zu verwenden mit der Begründung, die Leben anderer seien Teil seines eigenen und gehörten ihm deshalb? Wo liegen die Grenzen der Autofiktion — und existieren sie überhaupt für einen Künstler, der nach Inspiration hungert und diese oft nur findet, indem er alles aufsaugt, was ihn umgibt, insbesondere den Schmerz anderer?
Das Fenster
Raúl Rossetti ist ein Name mit Prestige; Erfolg begleitet ihn seit seinen Anfängen als Drehbuchautor und Regisseur. Seine Wohnung genügt als Beleg: hell, offen, im brutalistischen Stil und mit teuren Kunstwerken an den Wänden. Gegenüber dem Schreibtisch, an dem er in den letzten fünf Jahren vergeblich daran gearbeitet hat, ein Drehbuch zu schreiben, das ihn befriedigt und mitreißt — wie er seiner Assistentin Mónica gesteht —, hängt ein Bild von Asher Liftin, das ein Fenster in den Ausmaßen eines echten Fensters darstellt: real und zugleich Darstellung der Realität. Mit diesem Fenster beginnt der Vorspann.
Durch das Bildfenster wird der Drehbuchautor die ihm nahestehende Außenwelt beobachten, um sie in Material für seine Fiktion zu verwandeln. Nähert man sich dem Zentrum des Bildes, sieht man nur ein paar abstrakte Linien, die nicht den Eindruck eines echten Fensters erwecken, bis das Bild schließlich die ganze Leinwand füllt. Es handelt sich um ein Werk in Pointillismus-Technik, das ihm einen besonders ätherischen Charakter verleiht.
Die Zeit
Die Geschichte von Elsa und ihren Freundinnen spielt 2004, am langen Wochenende um den Verfassungstag — denn genau zu dieser Zeit erlitt Raúl einen heftigen Migräneanfall, begleitet von einer Panikattacke. Die Migräne ist erblich, die Panikattacke war neu für ihn. Diese Krise von einundzwanzig Jahren hat Raúl dank der Unterstützung seines Partners Santi überwunden; das spiegelt sich dann 2004 in der Figur des Bonifacio wider.
In der Fiktion gibt es Figuren, die direkt aus Raúls Leben stammen — etwa sein Partner Santi, der in der erfundenen Welt zu Bonifacio, Elsas Lebensgefährten, wird. Santi lebt zur selben Zeit und am selben Ort wie Raúl, in seinem Haus, und fragt ihn nach der Zukunft seines Alter Egos; es ist, als wolle er wissen, was aus ihm selbst im Leben Raúls wird. Raúl antwortet, dass er es nicht weiß — um es zu erfahren, muss er es erst schreiben.
Das ist der ursprüngliche Trieb des Schriftstellers, der Motor, der ihn zum Schreiben antreibt. Findet er die Geschichte, die ihn inspiriert, in der Wirklichkeit, so ist er doch derjenige, der sie niederschreibt. Die Wirklichkeit liefert die ersten Zeilen, vielleicht die ersten Seiten — den Rest muss der Künstler selbst erschaffen. Das ist die Grundlage des Erzählens: Diese Leere und das Bedürfnis, sie zu füllen, sind der Kern des kreativen Schaffens. Und der Rausch dieses Abenteuers, wenn er ihn ganz ergreift, ist toxisch, unwiderruflich — die härteste Droge überhaupt.
„Bitteres Fest“ wurde von El Deseo produziert und in Madrid sowie auf Lanzarote gedreht.