Nach ihrer Schauspielausbildung zog es Alexandra Lamy ab 1990 zunächst ans Theater. Ihren ersten offiziellem Kamerauftritt erlebte sie 1995 in einem Werbespot und erreichte durch „Un gars, une fille“ eine größere Bekanntschaft in Frankreich. Bis heute ist sie neben ihrer Arbeit als Film- und Serienschauspielerin am Theater tätig. Im Interview erzählt Lamy, dass auch eine 50-jährige Frau als Vorbild dienen kann, um weibliche Lust zu erzählen.
Was hat sie zu diesem Projekt gezogen?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass Reem Khericis Begeisterung so ansteckend war, dass es schwer fiel, ihrem Angebot zu widerstehen. Ich brauchte nicht länger als einen Abend, um das Drehbuch zu lesen, und es war so witzig, subtil und elegant, dass ich am nächsten Morgen zusagte. Das ist ein wichtiges Thema, und im Kino selten zu sehen!
Während männliche Lust die Welt in Filmen wie „Verrückt nach Mary“ oder „American Pie“ zum Lachen gebracht hat, ist weibliche Lust immer noch ein großes Tabu. Und Reem hatte die Intelligenz, sich dem Thema über ein glückliches, harmonisches Paar zu nähern, was diese Geschichte zu einer großartigen Liebesgeschichte macht. Der Film besticht durch die Originalität, eine romantische Komödie zu sein ... in der das Paar von Anfang an verheiratet ist!
Beschreiben Sie Ihre Rolle der Fanny!
Sie ist eine 50-jährige Frau, die zu viele Jahre geschwiegen hat, aber endlich die Kraft findet, ihre Gefühle auszudrücken. Sie ist eine sehr berührende Figur, weil man spürt, wie sehr sie blockiert war, aber es ist beflügelnd, sie zu spielen, weil sich in ihr ein kleiner Funke der Begeisterung aufbaut. Sie hat auch eine Naivität, die mich interessiert hat, wie zum Beispiel, wenn sie die Gesten der Therapeutin nachahmt, um sich Selbstverrauen zu geben und dieselbe Freiheit zu erlangen.
lles beginnt mit der Beichte Fannys an Ihren Mann, dass Sie niemals einen Orgasmus erlebte...
Mir gefiel dieser sehr zeitgemäße Ansatz, bei dem eine 50-jährige Frau es endlich wagt, über ihren Kör- per und ihre Lust zu sprechen. Das erinnerte mich an einen Moment in meiner Jugend, als ich zufällig hörte, wie meine Mutter und ihre Freundinnen über Orgasmen sprachen. Eine von ihnen sagte, ihr Mann sei „ein echtes Kaninchen“, und meine Mutter sagte ihr, dass Lust wichtig sei. Das ist mir im Gedächtnis geblieben, und dieser Film hat diese Erinnerung sofort wieder wachgerufen. Da ich fest an das Körper-Gedächtnis glaube, überrascht es mich nicht, dass es so lange gedauert hat, bis Frauen sich zu Wort gemeldet haben.
Das intime Geständnis macht den Film zu einem Pärchen-Film...
Ja, und genau das macht es so schön! Im Kino sprechen Frauen oft untereinander über Sex, manchmal sehr explizit, aber nur wenige Filme zeigen Paare, die miteinander darüber reden. Was ich liebe ist, dass die Komödie die Herausforderungen nicht ignoriert, denen alle Paare gegenüberstehen: Der Film legt die unausgesprochenen Probleme offen und zeigt, wie man gemeinsam eine Beziehung aufbaut – in jedem Alter.
Und die Herausforderung, vor der Fanny und Tom stehen, ist keine Kleinigkeit! Nach dem Geständnis müssen sie noch eine Lösung finden. Da fangen wir erst richtig an, uns mit ihnen zu identifizieren. Und wenn wir sofort eine Abneigung gegen alle verspüren, die ihnen raten, „sich woanders umzusehen“, dann deshalb, weil wir wollen, dass sie zusammenbleiben und gemeinsam Freude erleben!
Was hat Sie der Film als Frau und Schauspielerin gelehrt?
Als Frau wurde mir klar, dass es noch ein langer Weg ist, bis weibliche Lust kein Tabu mehr ist. Ich habe aber auch gesehen, dass wir endlich das Recht haben, in jedem Alter darüber zu sprechen, und dass eine 50-jährige Frau ein Vorbild für Schönheit und Erfüllung sein kann. Als Schauspielerin habe ich zwar immer noch Lampenfieber, aber von Film zu Film fühle ich mich freier in meiner Darstellung und wohler beim Improvisieren.
Ich wage mehr, weil ich verstehe, dass, wenn man Raum zum Spielen bekommt, das Ziel darin besteht, Spaß zu haben und Dinge auszuprobieren, auch wenn man Fehler macht. Letztendlich geht es darum, den unbeschwerten Geist wiederzufinden, den wir im Theaterunterricht hatten.