Ein Beitrag von Daniel Bax und Frederik Eikmanns, taz, 03.05.2026:
taz: Frau Albanese, warum kritisieren Sie ständig Israel?
Francesca Albanese: Ich wurde von den Vereinten Nationen beauftragt, Menschenrechtsverstöße in den besetzten palästinensischen Gebieten zu dokumentieren und darüber zu berichten. Warum kritisiere ich Israel? Weil Israel dort die Besatzungsmacht ist. Es gibt auch andere Länder, die unter besonderer Beobachtung der Vereinten Nationen stehen. Aber mein Mandat ist sehr heikel, gerade für die deutschen Behörden.
taz: Manche sagen, Sie seien eine Aktivistin.
Albanese: Ist das schlimm? Was wäre denn das Gegenteil?
taz: Eine neutrale Beobachterin?
Albanese: Soll ich meine Berichte vorlegen und schweigen, während Menschen, darunter Kinder, abgeschlachtet werden? Ich weiß nicht, ob ich eine Aktivistin bin, aber ich bin sehr aktiv. Ich verteidige die Menschenrechte und verstecke mich nicht hinter irgendwelchen Statuten. Meine Aufgabe ist es, Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen und dafür zu sorgen, dass etwas dagegen getan wird. Andere Sonderberichterstatter, etwa für den Kampf gegen den Terror und für das Recht auf Nahrung, sagen übrigens das Gleiche über Israel wie ich.
taz: Außenminister Johann Wadepuhl (CDU) hat Ihren Rücktritt gefordert. Deutsche Universitäten haben Sie 2025 auf Druck ausgeladen, Ihr jüngster Besuch wurde von Protesten begleitet. Ist Deutschland ein schwieriges Pflaster für Sie?
Albanese: Anders als in Spanien, Südafrika, Irland, Slowenien oder Belgien werde ich hier nicht mit offiziellen Ehren empfangen, sondern von Privatpersonen eingeladen. Aber es gibt hier viele gute Wissenschaftlerinnen, Aktivisten und ganz normale Bürger, die sich gegen die Schikanen zur Wehr setzen. Deshalb freue ich mich immer, nach Deutschland zu kommen.
taz: Sie legen alle sechs Monate einen Bericht vor. Worauf legen Sie dabei den Schwerpunkt?
Albanese: Seit Amtsantritt im Mai 2022 habe ich acht Berichte verfasst, fünf von ihnen beziehen sich auf den Völkermord in Gaza – was Israel dort getan hat und warum es nicht gestoppt wurde. Das liegt an der Komplizenschaft von über 60 Staaten, darunter Deutschland und Italien, die politische, finanzielle, militärische oder diplomatische Unterstützung geleistet haben. Und an Unternehmen, Universitäten und Pensionsfonds, die davon profitiert haben.
taz: Ihr letzter Bericht beleuchtet die Lage palästinensischer Häftlinge in israelischen Gefängnissen.
Albanese: Es geht nicht nur um die Häftlinge, sondern um alle Palästinenser und was mit ihnen vor dem Hintergrund dieses Völkermords passiert ist. Die ersten dokumentierten Fälle von Folter und Vergewaltigungen palästinensischer Gefangener reichen bis ins Jahr 1967 zurück, dem Beginn der Besatzung. Aber das Ausmaß an Grausamkeit und Entmenschlichung seit dem 7. Oktober 2023 ist unglaublich.
taz: Was meinen Sie damit?
Albanese: Wir haben mit hunderten Palästinenserinnen und Palästinensern gesprochen und Berichte von Menschenrechtsorganisationen gesammelt – israelischen, palästinensischen und internationalen. Man muss sich ihre Zeugenaussagen durchlesen. Sie schildern, wie sie nackt mit verbundenen Augen ausharren mussten und geschlagen oder angepinkelt wurden. Andere erlitten Knochen- und Schädelbrüche, ihnen wurden Zähne ausgeschlagen. In Militärgefängnissen wurden ihre Wunden nicht behandelt, ihnen wurden ohne Betäubung Gliedmaßen amputiert.
Ein Zeuge berichtet, dass Joghurt auf den Boden geworfen wurde und sie gezwungen wurden, ihn aufzulecken. Andere wurden so schwer geschlagen, dass sie einen Herzinfarkt erlitten. Frauen und Männer haben ausgesagt, von Soldaten vergewaltigt worden zu sein, wiederholt und in Gruppen, mit Metallstangen, Flaschen oder Messern, manche durch Hunde. Es ist wirklich monströs.
taz: Und das sind Ihrer Ansicht nach keine Einzelfälle?
Albanese: Nein. Schläge und Demütigungen sind an der Tagesordnung, und Gefangenen wird systematisch Nahrung vorenthalten. Ärzte und Journalisten werden oft besonders schlecht behandelt. Der Holocaust-Überlebende Jean Améry hat gesagt, Folter zerstöre die Welt eines Menschen unwiderruflich, und ich stimme dem voll und ganz zu. Und leider kann ich nicht die Vergangenheitsform verwenden, denn das geht immer noch so weiter. Israel hat über 18.500 Palästinenser verhaftet und inhaftiert, und ich bezweifle, dass es unter ihn einen gibt, der keine Folter erlebt hat. Aber die Welt will es einfach nicht wissen.
taz: Sie selbst können nicht nach Israel und in die besetzten Gebiete reisen. Wie kommen Sie an die Informationen für Ihre Berichte?
(...)
Weiterlesen: https://taz.de/Francesca-Albanese-ueber-ihre-Arbeit/!6170795/
Über Francesca Albanese:
1977 in Italien geboren, ist Rechtswissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Internationales Recht und Menschenrechte. Seit 2022 ist sie UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas.