„Everytime“ ist Sandra Wollners dritte Regiearbeit und feiert im Mai 2026 Weltpremiere in der Sektion Un Certain Regard der Internationalen Filmfestspiele Cannes und gewann dort den Hauptpreis.
Sandra Wollner: Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, aber ich beneide die Menschen, die es tun. Ich glaube, dass die Bilder der Menschen, die uns nahe sind, bei uns bleiben. Dass sie sich auf irgendeine Weise in die Welt einschreiben.
Wenn ich zum Beispiel an meinen verstorbenen Vater denke, sehe ich ihn an der immer gleichen Stelle am Fluss stehen, die Angelrute in der Hand. Ob ich dabei tatsächlich an diesem Fluss in meiner Heimatstadt stehe oder mitten in Berlin, macht dabei keinen Unterschied. Dieses Bild fühlt sich manchmal so real an, als könnte ich einfach hineinspazieren und mich dazu stellen.
Diesem Gefühl wollte ich folgen. Während sich das größtmögliche Unglück entfaltet, scheint die Sonne weiter, als wäre nichts geschehen. Sie hat nicht den Anstand, stehen zu bleiben. In „Everytime“ beobachten wir eine Mutter, die ihre Tochter verloren hat, die jüngere Schwester, die ihre ganz eigenen Wege, hat damit umzugehen und einen Jungen, dem alle die Schuld geben.
Während die Sonne einfach so da hängt, als wäre nichts geschehen, sehen wir ihnen dabei zu, wie sie versuchen, das Richtige zu tun. Sie halten sich an einer fragilen Routine fest, eine einstudierte, pragmatische Form von Alltagsbewältigung, die den unmöglichen, unerfüllbaren Wunsch darunter nur schlecht verdeckt: irgendwie dahin zurückzukehren, wo „all das nie passiert ist“. Aber unsere Wirklichkeit ist dafür nicht gemacht. So funktioniert die Welt einfach nicht.
Aber dann - passiert es in diesem Film doch, und das Unmögliche wird möglich. Man biegt um eine Ecke und tritt in ein Bild hinein, und plötzlich scheint sich die Welt zu falten und die Sonne hat endlich doch den Anstand, stehen zu bleiben. Und für einen Moment, oder gar für immer, scheint alles wieder in Ordnung zu sein. Wenn man sich mit solchen Unmöglichkeiten beschäftigt, und sie wirklich zulässt, wirklich in sie hineingeht, scheint mir, dass sie etwas über das Wesen menschlichen Leidens, über unsere Sehnsucht und vielleicht über unsere Existenz selbst erzählen. Dinge, die sonst so nur in Träumen möglich sind, können wir im Kino erfahren. Dafür ist das Kino da.
Sandra Wollner
Sandra Wollner, geboren 1983 in der Steiermark, studierte Dokumentarfilm-Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr Spielfilmdebüt „Das unmögliche Bild“ gewann den Förderpreis Neues Deutsches Kino und den Deutschen Filmkritikerpreis für den besten Spielfilm 2018. Ihr zweiter Spielfilm „The Trouble with Being Born“ feierte 2020 Weltpremiere auf der Berlinale in der Sektion Encounters und wurde mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Der Film erhielt vier Österreichische Filmpreise – darunter Bester Film und Beste Regie – sowie den Deutschen Filmkritikerpreis in den Kategorien Bester Film und Beste Kamera. Beide Filme hat eksystent in Deutschland verliehen. Sandra Wollner lebt in Berlin.