Wie ROSE mich gefunden hat
Vor einigen Jahren machte mich eine befreundete Historikerin auf einen interessanten deutschen Gerichtsfall aufmerksam: Exakt 250 Jahre vor meiner Geburt, am gleichen Tag, hatte man in Halberstadt eine Frau hingerichtet, die sich als Mann ausgegeben und die man der Sodomie schuldig gesprochen hatte. Sie gilt in der deutschen Gerichtsgeschichte als letzte Frau, an der man dieses Urteil vollstreckte. Als Sodomie galt damals die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern, Unzucht mit Tieren und die Penetration mit einem Gegenstand.
Es war der Beginn einer längeren Recherche, in der ich mich mit hunderten Frauen in verschiedenen Jahrhunderten beschäftigte, die aus unterschiedlichen Gründen in die Hose gestiegen waren, um sich öffentlich als Mann zu geben. Und sei es nur für kurze Zeit. Gründe dafür waren mannigfaltig: Erleichterter Zugang zu Arbeit, Flucht, Gaunereien, die Hoffnung, Vergewaltigungen zu entgehen, die Hoffnung, Zwangsheiraten zu entgehen, die Hoffnung, dadurch selbstbestimmter zu leben, die Hoffnung, dadurch Zugang zu Bildung zu erlangen, lesbisches Begehren, Transsexualität, Patriotismus, Exotismus... Ich stieß auch auf eine Handvoll Eiserner Jungfrauen und Piratinnen.
Das daraus entstandene Drehbuch folgt aber keiner solitären Biografie, sondern stellt ein Konglomerat einzelner Schicksale dar, die mir auf meiner Reise mit dem Thema begegnet sind. „In der Hose steckt mehr Freiheit“, sagt Rose gegen Ende des Films zum Richter. Genau das verbindet alle Frauenschicksale, auf die ich gestoßen bin.
ROSE
Rose ist unsere Heldin. Ihre Geschichte ist die einer Selbstverwirklichung. Ihr Wunsch, als Mann zu leben, resultiert aus der Freiheit, die sie ganz persönlich dadurch gewinnt. Sie erkennt für sich Möglichkeiten, ein bestimmtes Leben zu führen, und setzt diese in die Tat um. In ihrer Zeit von unumstößlichen Definitionen umgeben, beginnt Rose, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie soll zwar niemand anderem nutzen als ihr selbst. Sie ist nicht bahnbrechend revolutionär. Aber dennoch ist es ein bewusster Akt, sich gegen das Vor-
formulierte zu behaupten.
Wenig werden wir über ihr Vorleben erfahren. Denn es ist zum einen genau diese Existenz, an die sich Rose nicht mehr erinnern und mit der sie nicht mehr identifiziert werden will. Zum anderen bleibt der Stoff
dadurch universell, meint uns alle, die wir etwas vermeintlich Unerreichbares schon einmal ersehnt haben, und vermeidet dadurch auch jede Form der Opfererzählung. Im Gegenzug verheimlicht die Geschichte nicht, dass Rose selbst, in ihrem unbändigen Wunsch nach Freiheit, die Freiheiten anderer begrenzt. Sie belügt, misshandelt und missbraucht.
Jeder, der wirklich wünscht, ist angreifbar und verletzlich. Kann ungerecht werden und blind, für das Wollen der anderen. So ist Rose auch ein ambivalenter, brüchiger und berührender Charakter. Es ist eines der schwierigsten Dinge in der Welt, den eigenen Platz zu finden, ihn für sich zu beanspruchen, ihn zu halten. Aber das Wollen und das Wünschen ist in uns alle eingeschrieben. Sich über Begrenzung, Ohnmacht und Lethargie hinwegzusetzen ist ein bewusster Akt gegen Hoffnungslosigkeit. Auch wenn wir Rose das Erreichen ihrer Ziele mit anderen Mitteln oder zu anderen Zeiten wünschen würden.
Ich empfinde es sehr stark, dass wir aktuell wieder in einer Zeit leben, in der man nicht ein bisschen mutig sein kann oder ein bisschen aufmerksam. Sondern in der man Haltung zeigen muss. In der das größte gesellschaftliche Verbrechen darin liegt, lethargisch zu sein, ruhiggestellt, still und, leider ja, eingeschüchtert und ängstlich. Deshalb suche ich nach dialektischen Charakteren, an denen ich mich aufrichten kann.
Rose ist unbeirrbar. Bereut am Ende zwar ihre Taten und deren Konsequenzen, vor allem wenn sie andere betroffen haben, zweifelt aber nicht an der Richtigkeit ihres eingeschlagenen Weges. Rose ist eine Pionierin, wie andere, die in unbekannte Welten vorgestoßen sind, sich ans Kreuz haben schlagen lassen oder durch Strahlung vergiften. Weil sie an der Möglichkeit ihrer Gedanken festgehalten haben. Und es sind immer die Pioniere, die die Ränder dieser Welt erweitern.
Schreiben
Vor allem und zuallererst bin ich Autor. Schreiben ist meine erste Liebe. Aber den Eindruck zu vermitteln, es ist ein linearer Prozess, wäre falsch. Gemeinsam mit meinem Co-Autor Alexander Brom habe ich Reisen unternommen, Wissenschafter:innen und Historiker:innen kontaktiert, zu diversen Themen Schreibübungen gemacht, gemeinsam sind wir auch daran verzweifelt, haben den Kreis erweitert, haben Texte aus der Hand gegeben, mit anderen diskutiert. Am Ende dieses Prozesses ziehe ich mich dann immer mit einem massiven Konvolut zurück und schreibe ein Buch. An manchen Tagen geht es schnell von der Hand, an anderen hadere ich mit jedem einzelnen Wort.
Ich habe einen langen Weg im Schreiben mit Sandra Hüller in meinem Kopf zurückgelegt. Für mich gab es keine Alternative. Ich habe mir ihre Filme erneut oder zum ersten Mal angesehen. Auch meine Interpretationen ihres Talentes haben den Text geformt, haben ROSE entstehen lassen, in den stillen, implodierenden Momenten ebenso wie im starken, emotionalen Äußeren. Es ist ein ungeheurer Glücksfall, wenn diese Darstellerin, die vorab nichts von ihrem Glück weiß, sich dann dieser Figur auch annimmt.
Zwei weitere Menschen hatte ich bereits beim Schreiben im Kopf. Marisa Growaldt, mit der mich ein langer gemeinsamer Weg verbindet und die bereits in meinem letzten Film gespielt hat, wollte ich unbedingt bitten, die Erzählerin zu sprechen. Mit ihrem Sprechen und ihrer Art zu denken im Kopf sind ihre Texte entstanden. Und Sven-Eric Bechtolf als Richter. Seine Eloquenz, Sprache zu denken, hat mich immer beeindruckt. Mit Godehard Giese durfte ich selbst wochenlang als Schauspieler zusammenarbeiten. Es war eine Freude, ihn jeden Tag zu beobachten. Ich habe ihm das Drehbuch zu ROSE gegeben und ihn gebeten, sich eine Rolle auszusuchen. Voilà.
Genre und Stilistik
Mit Gerald Kerkletz (DOP) habe ich schon einen weiten Weg zurückgelegt. Es ist unser dritter gemeinsamer Film. Wir sind wie ein altes Ehepaar. Haben eine gemeinsame Sprache entwickelt, die bereits über den Gebrauch von tatsächlicher Sprache hinausgeht. Haben uns ein gemeinsames Verständnis erarbeitet, wie man auf Menschen blickt und welche Nähe oder Distanz welcher Moment erfordern muss. Gerald hat dafür ein außerordentliches Gespür. Seine Kamera ist niemals ungeduldig. Sie erzwingt nichts von der Person, die vor ihr steht. Und das ist unglaublich selten.
Vieles, was den Film später definiert, geschieht in einer frühen Phase, lange bevor wir überhaupt Kameras einschalten – wir sitzen zusammen, schauen Filme, betrachten Gemälde, diskutieren über Rhythmus und Material und versuchen langsam zu verstehen, was der Film nicht sein und tun sollte. Diese Langsamkeit schafft Vertrauen. Und ohne dieses Vertrauen könnte ich nicht die Filme machen, die ich machen möchte. Was andere Umwege nennen, nennen wir Prozess. Im Deutschen haben wir dafür das schöne Wort „Suchbewegung“ – und ich finde, es beschreibt perfekt unsere Arbeitsweise.
Für ROSE war diese Art der Vorbereitung essenziell. In einer frühen Vorbereitungsphase war ich in den Niederlanden und habe mir Gemälde angesehen, in denen Alltägliches und nicht Höfisches abgebildet war. Was mich faszinierte, war, wie physisch und unspektakulär und wenig verklärend diese waren: die Körper, Arbeit, Bewegung, Stoffe, Tiere, Schmutz. Durch diese Gemälde verstand ich plötzlich etwas über das Western-Genre. Viele Bilder aus dem 16. bis 18. Jahrhundert – mit Pferden, Kutschen, Hüten, Schals – enthalten bereits eine Logik, die später zum „Western“ wurde. Europäische Siedler brachten diese visuelle Logik nach Amerika. In diesem Sinne kann Rose auch als eine Art europäischer Western verstanden werden. Deshalb haben wir uns gemeinsam auch viele dieser Filme angesehen – frühe amerikanische und japanische Western. Natürlich stand „Die sieben Samurai“ ganz oben auf der Liste.