Meine erste Begegnung mit John Davidson hatte ich im November 2022. Er öffnete die Tür, bat mich herein und dann schrie er mir ins Gesicht: „Lass uns Sex haben!” Das war der erste vokale „Tic”, den ich miterlebt habe, dem aber im Laufe des nächsten Jahres noch Tausende folgen sollten. Während der Arbeit am Drehbuch über diesen außergewöhnlichen Mann, der seit über 40 Jahren mit dem Tourette-Syndrom lebt, haben wir uns zahllose Male getroffen und über seine ebenso tragische wie humorreiche Lebensgeschichte gesprochen. Vor seinen ersten Tics war er ein ganz normaler Junge, hatte Freunde, gute Noten und gehörte zu den talentiertesten Spielern in seinem Fußballverein. Mit dem Ausbruch der Tourette-Erkrankung wurde sein Leben komplett umgekrempelt. Zwanghaftes Augenzwinkern wurde zu unkontrolliertem Zucken und bald darauf kam der Tag, an dem er seine Mutter das erste Mal hemmungslos anschrie: „Lutsch meinen Schwanz“. Seitdem wird Johns Leben von den Symptomen des Tourette-Syndroms geprägt, einer Erkrankung, die früher als „wilde Hysterie“ oder „Krankheit der Tics“ bezeichnet wurde.
Tag für Tag schrie er Obszönitäten und Beleidigungen heraus, meist gegenüber Autoritätspersonen wie Lehrern, Polizisten oder seinen Eltern. Nur wenige im Bildungswesen, im Gesundheitswesen oder bei der Polizei hatten zu dieser Zeit überhaupt schon mal etwas von Tourette gehört. Und erst recht nicht von der Minderheit der Tourette-Erkrankten mit ausgeprägter Koprolalie, die sich in unkontrolliertem Fluchen und mit Obszönitäten äußert. Häufiger sind abgeschwächte Formen des Tourette-Syndroms, wie zum Beispiel bei so bekannten Persönlichkeiten wie Lewis Capaldi oder Billie Eilish.
Bei John Davidson aber wurden in der Schule jeder seiner Ausbrüche missverstanden und geahndet, er wurde in einen Schrank gesperrt, als verrückt abgestempelt und bekam ständig zu hören, dass er entweder in der Psychiatrie oder im Gefängnis landen würde. Tatsächlich wurde er einmal von der Polizei verhaftet, weil seine ungewollten Kraftausdrücke als Angriff und Beamtenbeleidigung aufgefasst wurden. Einer seiner von einer jungen Frau zu persönlich genommenen vokalen Tics führte sogar dazu, dass er mit einer Brechstange zusammengeschlagen wurde. Entschlossen, sich trotzdem nicht von seiner Krankheit unterkriegen zu lassen, nutzte John schließlich seine eigenen Erfahrungen, um anderen zu helfen. Er gründete eine Selbsthilfegruppe und organisierte Veranstaltungen, bei denen sich Menschen mit Tourette-Syndrom austauschen konnten. 2019 wurde er für seine gemeinnützigen Verdienste von Königin Elizabeth II. mit dem Orden des British Empire ausgezeichnet und sorgte bei der feierlichen Ehrung mit einem lauten „Fuck the Queen!“ zwar für ein kurzes Aufschrecken im Saal, aber auch für echtes Schmunzeln.
Bei meinen Gesprächen mit John und bei meinen Treffen mit Dottie und Chris, die ihn seit seiner Teenagerzeit als Ersatzeltern großzogen, wurde mir klar, dass ich von jemandem erzählen wollte, der durch seine Krankheit manchmal die verstörendsten, gehässigsten und kontroversesten Ausdrücke herausschreit, aber selbst einer der freundlichsten, respektvollsten und sanftmütigsten Männer war, die ich je getroffen hatte. Gerade dieser Widerspruch zwischen seinem sanften, verletzlichen Wesen und seinen verbalen Ausfällen sorgt für einen faszinierenden Spannungsbogen und das geradezu eingebaute Gleichgewicht von Humor und Tragik dieser Geschichte.
Für die Hauptrollen konnten wir hervorragende Schauspieler und Schauspielerinnen gewinnen und haben im Kontakt mit der Tourette-Community und mithilfe eines Zugangskoordinators auch viele Laien mit Tourette nach Schottland ans Set geholt, um diese einzigartige Geschichte möglichst realitätstreu zu verfilmen. Für Rollen, die im Film unter Tourette leiden, haben wir versucht, Menschen mit Tourette-Syndrom zu finden und zu besetzen und außerdem bei fast allen Entscheidungen auch die „Tourette-Gemeinschaft“ miteinzubeziehen, um eine respektvolle Darstellung zu gewährleisten.
Wir hoffen, dass der Film unterhaltsam, emotional mitreißend und manchmal humorvoll ist. Wir wollen, dass er das Bewusstsein schärft für Menschen mit Tourette, aber auch für alle anderen, die durch Erkrankungen oder Behinderungen abgewertet oder benachteiligt werden. Mit einem Film, dessen Held rassistische, homophobe, frauenfeindliche und sexistische Äußerungen von sich gibt, begibt man sich heutzutage wahrscheinlich mehr denn je auf dünnes Eis, weil ja jede wahrgenommene Grenzüberschreitung fast schon reflexhaft für Empörung sorgt. Aber gerade dadurch, dass der Betroffene durch seine Krankheit einfach nicht in der Lage ist, seine neurologischen Impulse zu kontrollieren, verdient er eben Hilfe und Verständnis und nicht Angriffe und Kritik. Und er verdient dazu auch so einen Film wie VERFLUCHT NORMAL, der seine Geschichte erzählt und Mitgefühl fördert.
– Kirk Jones (Regisseur)