Alltag

Trendkritik | 14.04.2009 14:35 | Jan Pfaff

Wer bremst, verliert

Erst sind nur Fahrrad-Kuriere in New York und London mit Fixed-Gear-Rädern gefahren, mit Fahrrädern ohne Bremse. Nun sind die Fixies überall. Warum nur?

„Es ist die puristischste Form des Fahrradfahrens“, sagen Fixie-Fans. Und ja, wie das Rad so da steht – ohne Gangschaltung, ohne Bremsen und ohne Rücktritt –, kann man ihnen schlecht widersprechen. An einem Fixed-Gear-Rad ist nicht mehr als das Nötigste dran, es ist die zweirädrige Reduktion auf das Wesentliche. Dieser Purismus verströmt offenbar einen unwiderstehlichen Reiz. Auf den Straßen in Hamburg, Berlin und München sind immer mehr Fixies zu sehen. Sehr zum Ärger der Ordnungshüter, denn damit verstößt man selbstredend gleich gegen diverse Auflagen der Straßenverkehrsordnung.

Genau das macht aber auch einen Teil der Faszination aus. Ein Fahrrad ohne Bremse – das ist wild, ausgefallen, so was traut sich nicht jeder. Und ein Fixie kann tatsächlich nicht jeder fahren, es braucht Übung. Die Radnabe ist fest fixiert, die Pedale drehen sich immer im Gleichklang mit dem Hinterrad. Wer bremsen will, muss sich gegen die Drehbewegung der Pedale stemmen. Hat man das erst mal gelernt, verschafft einem ein solches Rad natürlich einen Distinktionsgewinn in der Großstadt. Nur blöd, dass dieser immer kleiner wird, je mehr Leute auf den Trend aufspringen. Zunächst hatten die Räder etwas Avantgardistisches, mittlerweile sind sie fast schon massenkompatibel.

Ursprünglich kommen Fixies aus dem Bahnradsport. Fahrradkuriere in New York und London brachten sie auf die Straße, aus simplen ökonomischen Gründen. Die Kurier-Räder im Dauereinsatz haben einen hohen Verschleiß an einzelnen Teilen. Je weniger Bauteile ein Fahrrad hat, desto weniger kann kaputt gehen, desto weniger muss ersetzt werden.

An den Fixies lässt sich aber gut beobachten, wie aus pragmatischen Gründen ästhetische werden, wie eine Mode entsteht. Mit der Etablierung der Fahrradkurier-Szene entwickelte diese ihren eigenen Stil - und da galt es schnell als schick, ein Fahrrad mit möglichst wenig Bauteilen zu fahren. Das schönste Fahrrad war das minimalistischste. Respekt bekam nicht, wer die meisten Zahnkränze für seine Gangschaltung aufzog, sondern wer sich am geschicktesten ohne Bremse durch den Verkehr schlängelte – natürlich möglichst ohne überhaupt die Geschwindigkeit zu verringern. 

Die Herkunft der Räder aus New York und London – den Epizentren der großen Wirtschaftskrise – gibt aber auch einen Hinweis darauf, warum sie gerade jetzt so angesagt sind. Das Fixie ist das richtige Gefährt für die Krise. Nachdem das kapitalistische Versprechen des Immer-mehr an ein Ende gekommen ist, geht es darum, mit weniger klar zu kommen. Viele fangen erstmal beim Fahrrad damit an. Dass ein besonders toughes Image an diese Räder geknüpft ist, kann auch nicht schaden. Die Zeiten werden härter – und wer bremst, verliert.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Michael Angele schrieb am 14.04.2009 um 16:51
diese fixies sind ja nur die sichtbare spitze des eisberges. ich bin auto- und radfahrer. aber als autofahrer habe ich angefangen, die radfahrer zumindest hier in berlin zu hassen. viele benehmen sich wirklich unverschämt, so nach dem motto, mir kann keiner. ohne bremsen geht so gar nicht - ich wäre für konsequente bestrafung schon von fehlendem licht
Magda schrieb am 14.04.2009 um 23:02
Ein Zustimmungsexzess wird Dir zuteil. Genau so isses.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.04.2009 um 18:55
'Distinktionsgewinn' kommt sozioanalytisch immer gut. Da fällt mir der 60er-Jahre-Klamaukfilm "Schussfahrt nach San Remo" ein. In diesem erzielt Bourvil einen erheblichen Distinktionsgewinn mit dem Gegenteil eines Fixies: Sein Rad hat nämlich als einziges im Pulk der Oldtimer-Radrennfahrer einen Freilauf! Damals zur vorletzten Jahrhundertwende wären aber eigentlich hölzerne Laufräder a la Drais das gewesen, was die Fixies heute sind, obercool... - Eigentlich waren's aber pragmatische Gründe für den Rückfall in frühere Stadien der Fahrradtechnik? Die sich dann, man kennt das, in 'ästhetische' (sprich modische) Gründe verwandelt haben? Klar, aus Sport- und Militärklamotten wird auch immer wieder Szenekneipen-Outfit. Hier ein Tipp für die Distinktionssüchtigen unter den motorisierten Stadtverkehrsteilnehmern: Fahrt Trecker und Gartengeräte! - Aber tendenziell ist es kapitalismuskritisch, so Rad zu fahren? Oder doch eher affirmativ (wenn die Bourgeoisie 'immer mehr' knausert, begnügt man sich halt mit immer weniger? Vielleicht wären noch ein paar andere Interpretationsmuster in Erwägung zu ziehen: Fixies, die ironische Art des Radfahrens, die selbstreferenzielle, die dekonstruktivistische, die wertkonservative; mit nichts als Stahlrahmen durch's Stahlgewitter; wenn du zum Weibe radelst, lass alle Bremsen zu Hause...
Magda schrieb am 14.04.2009 um 23:04
Hier muss ich gleich mein verstärktes Amüsement annoncieren. Ironisches Radfahren - eisernes Radfahren. Herrliches. Endlich kann ich mal voll affin sein.

Pardon - ich bin bei der dritten Runde Bier light.
Joachim Losehand schrieb am 14.04.2009 um 18:58
Gerade in sog. Radler-freundlichen Städten wie Heidelberg, Tübingen und besonders Oldenburg kann man Fußgeher nur mit einem Baseballschläger bewaffnet aus dem Haus lassen.

Denn der junge wie alte Mob fährt überall, meist zu zweit oder dritt in einer Reihe, immer auf Bürgersteigen, immer im Volltempo, bei Nacht und Nebel kaum mit Licht und nie auf den überall vorhandenen gekennzeichneten Radwegen sondern stets direkt auf den Fußgeher zu. Für Menschen mit Seh- oder anderen Körperbehinderungen muß es die Hölle sein.

(Wenn ich einen Radlfahrer anlächle, dann inzwischen nur, weil ich mir vorstelle, wie er mit einem verbeulten Regenschirm zwischen den Speichen seines Vorderreifens an irgendeiner Platane klebt.)

Der Kontakt des menschlichen Hintern mit einem Radlersitz muß jedenfalls irgendwelche Dr.-Jekyll-&-Mr.-Hyde-mäßigen Substanzen ausschütten, anders ist das Phänomen "Radler" nicht zu erklären.
Usul schrieb am 14.04.2009 um 22:24
Sorry, aber wenn Mode bzw. Trends zum Sicherheitsrisiko werden, und das auch noch eventuell für andere, Unbeteiligte, dann hört bei mir jedes Verständnis auf. Wer unbedingt einen "Distinktionsgewinn" braucht (geiles Wort nebenbei, dient das zur Profilierung oder gibt's da etwa kein verständlicheres?), der kann ja mal das probieren:

gelardi.com/portfolio/contrail/

Ist nicht ganz so gefährlich bzw. illegal, dafür wahrscheinlich auch nicht so unheimlich cool ...
floffimedia schrieb am 14.04.2009 um 22:42
Jetzt muss ich mich doch unbedingt einmal für diese Räder aussprechen.
Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, mir eines zuzulegen, denn für mich stellt es die befreiteste Form der Fortbewegung dar. Mein aktuelles Fahrrad verfügt über viel unnötigen Müll, wie Gangschaltung, Bremse, Licht etc. Das Problem: Diese Funktionen sind ständig kaputt. Ich hatte erst kürzlich einen Unfall, der aus der defekten Bremse resultierte. Wenn ich nun gar keine Bremse gehabt hätte, hätte ich mich darauf einstellen können und wäre nicht über den Lenker geflogen. Deshalb denke ich, auch bei diesem "Sport" gilt die Devise: Er mag zwar auf den ersten Blick als gefährlicher erscheinen, ist aber letztendlich sicherer, weil man sich der drohenden Gefahr ständig bewusst ist.
Außerdem kann ich es nicht verstehen, dass sich Menschen, die jeden Meter in der Stadt mit dem Auto zurücklegen, sich über "rücksichtslose" Radfahrer aufregen. Im Gegenteil sollten diese die Vorfahrt gegenüber luftverpestenden Autofahrern bekommen, um so endlich den CO²-Ausstoß und den Ölverbrauch zu reduzieren.
Joachim Losehand schrieb am 15.04.2009 um 07:09
Für wen "sicherer"? Für den Radfahrer oder für die Fußgeher? "Licht" und "Bremse" (und/oder "Glocke") mag für einen selbst ja unnötiger Ballast sein, für diejenigen, die einen nicht sehen und hören können, ist das kaum "unnötiger Müll".

Sie haben natürlich Recht: die Tendenz, jeden Kilo-Meter mit dem Auto zurückzulegen, ist - auf einer anderen Ebene und gesamtgesellschaftlich rücksichtslos. Wer aber - wie ich - ausschließlich zu Fuß geht oder mit der Bahn fährt, der muß leider sagen, daß im Straßenverkehr nicht die Autofahrer, sondern die Radfahrer die Gefährlichen und Rücksichtslosen sind. Vor allem, weil sich Autofahrer an Verkehrsregeln halten und Sicherheitseinrichtungen an ihren Fahrzeugen instand und nicht für "unnötigen Müll" halten.
Magda schrieb am 14.04.2009 um 23:00
Fixie heißen die Dinger? Das ist doch eine Wegwerfwindel. Aha, deshalb. Mit dem Fahrrad kann man schnell fahren und dann kann man das wegwerfen, vor allem wenn ein Fußgänger dran klebt, den man mitgenommen hat.
Kurzerhand. Ich bin beruhigt, dass es kein Altersschaden ist, wenn man sich vor Fahrrädern fürchtet .
Und dann noch ohne Bremse. Du liebe Güte, das wird meine Blicke nach rückwärts intensivieren.

Krise hin oder her - Fahrradfahren ist nur dann als umweltfreundlich zu betrachten, wenn man andere Menschen, schnödes Pack wie Fussgänger usw. nicht zur Umwelt zählt.

Mit Fixie in die Krise - und wenn es wieder bergauf geht, womit auch immer, dann wird wenigstens eine Bremse angebaut. Purismus kann lebensgefählich sein.
floffimedia schrieb am 14.04.2009 um 23:49
Vielleicht muss man jung sein, wie ich, um das zu kapieren.
Ich konnte jedenfalls nicht umhin und habe dem Thema einen Blogpost gewidmet: floffimedia.de/?p=499
Joachim Losehand schrieb am 15.04.2009 um 07:16
Das ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellung. Und es sind ja auch nicht die Räder, sondern die Radler. Die meinen, sie könnten fahren wie sie wollten. Die wenigstens können, wie sie wollen, fahren aber so. Und das kapieren junge und alte Radfahrer gleichermaßen nicht.
Jan Pfaff schrieb am 15.04.2009 um 10:17
Erstaunlich, welche Abneigung gegen Radfahrer sich hier in vielen Kommentaren Bahn bricht. Dass man nicht ohne Bremse durch die Stadt heizen muss - klar! Aber im Moment beobachte ich gerade hier in Berlin so eine Mobbing-Stimmung gegenüber harmlosen, den Frühling genießenden, Ressourcen-schonenden Radfahrern. Das schlägt sich vor allem in völlig unsinnigen, schickanösen Polizeikontrollen nieder. Man wird gezwungen auf völlig leeren Straßen treu-doof zu warten, bis eine Fußgängerampel wieder auf Grün wechselt, bei der nun wirklich kein Fußgänger weit und breit die Straßenseite wechselt.
Außerdem - wer will wirklich behaupten, dass Autofahrer oder Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel freundlicher mit ihren Mitmenschen umgehen. Schon mal versucht, am Alexanderplatz während der Rush Hour von der U-Bahn in die S-Bahn umzusteigen. Das ist nun wirklich kein Spaß. Da geht es auf den Radwegen viel gesitteter zu.
Magda schrieb am 15.04.2009 um 11:43
Herr Jan Pfaff mosert rum: "Aber im Moment beobachte ich gerade hier in Berlin so eine Mobbing-Stimmung gegenüber harmlosen, den Frühling genießenden, Ressourcen-schonenden Radfahrern."

Also da musste Dir keinen Kopf machen, das ist wirklich nur ein Moment und dann kannste wieder loslegen. Die wissen genau, dass die Radfahrer sich in dieser Stadt immer durchsetzen.

Sicher sind Fußgänger auch eine Landplage, wie überhaupt zuviel Bevölkerung das Vorankommen welcher Beförderungsmittel auch immer hindert. Weg damit.

Ich jedenfalls weiche jedem Radfahrer innerlich grollend aber doch zügig aus und manchmal ernte ich dafür noch ein ironisches "Dankeschön", das mir aber immer als der Gipfel des Hohns erscheint. Oder diese widerlichen Hintenanschleicher, man weiß nicht, wollen sie einen umfahren oder umfahren (auf Betonung achten).
Warum gibt es keine Fahrradgaleeren, da würde ich gern immer mitfahren. Das würde mir Genugtuung verschaffen. Ich kaufe mir eine reizende kleine Peitsche und wenn es nicht schnell genug geht, dann aber...aber das ist dann auch irgendwie nicht nett. Wenn dann so ein Fahrrad so leiden muss, weil es geschunden wird.
Ha, das sind Fantasien.. mir wird gleich besser.
Joachim Losehand schrieb am 15.04.2009 um 12:42
Der "Die-sind-auch-nicht-besser"-Hinweis ist ein wirkungsloses Ablenkungsmanöver, ein tu-quoque-Argument. (Hier geht's um Radler & Räder und nicht um das, was andere machen.)

Daß es auf Radwegen gesittetet zugeht, mag sein, ist ja auch sehr schön und dem Fußgeher aber letztlich wurscht. Denn Radler bleiben ja nicht auf dem Radweg, sondern okkupieren wo immer möglich auch die Fußgeherwege, preschen in Fußgängerzonen, egal, wie groß die Schilder, Piktogramme sind und ob ein Gründstreifen dazwischen ist. Usw. etc. pp.

Wenn Radfahrer sich nicht dermaßen aggressiv-autistisch ihrer Umwelt und der StVO) gegenüber verhalten würden und sie diese überflüssige "wir-schonen-die-Ressourcen"-Rhetorik nicht andauernd als Entschuldigungsgrund für Rowdytum, Ignoranz und schlichte Unfähigkeit, sich im Verkehr zu bewegen, benutzen würden, würde niemand etwas sagen und alle könnten den Frühling genießen.
Magda schrieb am 15.04.2009 um 16:52
Auf den Radwegen geht es nur deshalb gesitteter zu, weil diese Pedaleure alle Komplizen sind. Und Komplizen haun sich nicht in die Pfanne, eher geben sie sich gegenseitig Zeichen, um zu signalisieren, wieviel andere Verkehrsteilnehmer sie wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs gefahren haben. So sieht es nämlich aus.

Und überhaupt. Man wartet an Fußgängerampeln bis sie Grün zeigen, ganz gleich ob das sinnvoll ist oder nicht. Der Straßenverkehr lebt davon, dass man auch unvernünftige und völlig unverständliche Regeln befolgt. Wenn jemand da ausbricht, dann bricht der wirkliche Wahnsinn aus. Das weiß jeder nur Radfahrer wollen selbst denken im Straßenverkehr oder denken dass sie das könnten. Ein folgenschwerster Irrtum ist das. Und das dann auch noch ungebremst. Unglaublich.

Freundlichkeit ist keine Kategorie in dem Zusammenhang, sondern die Tatsache, dass Fussgänger nicht so bedrohlich sind füreinander wie ein Radfahrer für Fußgänger.

Gleich nach den Radfahrern kommen übrigens die jungen Muttis und Vatis mit dem Kinderwagen als Waffe, die durch die Gegend förstern als hätten sie die Stillzeit verpasst.

Dann kommt Oma mit dem raumgreifenden Rollator. Auch sehr verkehrsbehindernd, allerdings mehr im Sinne von Entschleunigung.

Ganz furchtbar, die Hundebesitzer - auch alles Austisten. ich warte immer, dass die anfangen zu bellen.

Was kommt noch. Achja, andere fußgehende Verkehrsteilnehmer - auch ganz entsetzlich. Furchtbar. Und so langsam unterwegs immer vor einem zögernd, wohin sie sich wenden sollen. Grässlich.

Was bleibt übrig?
Was ist ein Muster an Rücksichtnahme Umsicht und Freundlichkeit: Alles klar, ich.
Magda schrieb am 15.04.2009 um 16:52
Auf den Radwegen geht es nur deshalb gesitteter zu, weil diese Pedaleure alle Komplizen sind. Und Komplizen haun sich nicht in die Pfanne, eher geben sie sich gegenseitig Zeichen, um zu signalisieren, wieviel andere Verkehrsteilnehmer sie wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs gefahren haben. So sieht es nämlich aus.

Und überhaupt. Man wartet an Fußgängerampeln bis sie Grün zeigen, ganz gleich ob das sinnvoll ist oder nicht. Der Straßenverkehr lebt davon, dass man auch unvernünftige und völlig unverständliche Regeln befolgt. Wenn jemand da ausbricht, dann bricht der wirkliche Wahnsinn aus. Das weiß jeder nur Radfahrer wollen selbst denken im Straßenverkehr oder denken dass sie das könnten. Ein folgenschwerster Irrtum ist das. Und das dann auch noch ungebremst. Unglaublich.

Freundlichkeit ist keine Kategorie in dem Zusammenhang, sondern die Tatsache, dass Fussgänger nicht so bedrohlich sind füreinander wie ein Radfahrer für Fußgänger.

Gleich nach den Radfahrern kommen übrigens die jungen Muttis und Vatis mit dem Kinderwagen als Waffe, die durch die Gegend förstern als hätten sie die Stillzeit verpasst.

Dann kommt Oma mit dem raumgreifenden Rollator. Auch sehr verkehrsbehindernd, allerdings mehr im Sinne von Entschleunigung.

Ganz furchtbar, die Hundebesitzer - auch alles Austisten. ich warte immer, dass die anfangen zu bellen.

Was kommt noch. Achja, andere fußgehende Verkehrsteilnehmer - auch ganz entsetzlich. Furchtbar. Und so langsam unterwegs immer vor einem zögernd, wohin sie sich wenden sollen. Grässlich.

Was bleibt übrig?
Was ist ein Muster an Rücksichtnahme Umsicht und Freundlichkeit: Alles klar, ich.
Michael Angele schrieb am 15.04.2009 um 20:02
Auch wenn ich sonst den Polizeistaat bekämpfen würde. In diesem Bereich kann es gar nicht genügend Polizeikontrollen geben!
Michael Angele schrieb am 15.04.2009 um 20:02
Auch wenn ich sonst den Polizeistaat bekämpfen würde. In diesem Bereich kann es gar nicht genügend Polizeikontrollen geben!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.04.2009 um 18:28
Hallo, Leute, ich bin Euch dankbar, endlich mal 'ne richtig amüsante Streiterei. Da kann ich mich auch nicht zurückhalten. Erstmal das: solche "DIE Radler versus DIE Autofahrer (oder auch Fußgänger)"-Diskussionen liest man sonst nur in den sich bürgerlich-bürgernah gebenden Provinzblättern vom Schlage Mitteldeutsche oder Sächsische Zeitung. Dort schimpft dann Taxifahrer X auf die Radrowdies und ADFC-Aktivist Y auf die Auto-Egoisten, als wären das jeweils Angehörige einer ganz anderen Spezies. (Bezogen auf andere Menschengruppen würde man diese Attitüde rassistisch oder diskriminierend nennen.) An dieser Stelle, meine Damen und Herren, gestatten Sie mir, mich bzw. meine Mobilitätsindividualität vorzustellen: a) Bis vor ein paar Monaten besaß ich ein Auto, mit dem (und mit seinen Vorgängern) habe ich grob geschätzt 3-400 000 km zurückgelegt. b) Seit meinem 6. Lebensjahr fahre ich quasi täglich mehrere km mit meinem Rad (es hat Bremsen und noch einige andere Komponenten). c) Seit einigen Monaten Bahn- und MFG-Fahrer benutze ich bei Besuchen in anderen Städten den örtlichen ÖPNV bzw. gehe zu Fuß. Bin ich nun eine Ausnahme oder ist der hybride Mobilitätstyp nicht eher die Regel? Nicht so schöne bis hässliche Erlebnisse hatte ich mit Vertretern aus allen drei Gruppen (allerdings nicht zu gleichen Anteilen - ich verschweige aus taktischen Gründe jetzt mal, wie die Verteilung ist). Interessant ist folgende Beobachtung: Radler-Anmaßungen erlebt man signifikant häufiger im Was-kümmert-uns-die-UNESCO-Dresden. Sie stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu der Verteilung der Zuneigung der Stadtverwaltung zu Autoverkehr einerseits und Radlerinteressen andererseits. Im unverdient schlecht beleumundeten Halle und in Leipzig geht es deutlich entspannter zu (oft schlechte, aber doch vorhandene Radwege.) In Berlin muss man nach meiner Erfahrung nur aufpassen, dass man an der Fußgängerampel beim Warten auf Grün nicht auf der Radspur steht.
Ein Tipp: Macht mal einen Selbsterfahrungstrip nach Amsterdam. Dort hat jede der drei großen Festland-Mobilitätsgruppen ihren Strömungskanal, der auch von den anderen respektiert wird. Aber wehe, Du passt nicht höllisch auf, wenn Du die Wege der anderen kreuzt!! Aber das ist doch okay, oder? Wer das nicht will (das eigene Recht wahrnehmen und das der anderen achten, muss in den Wald ziehen.
Magda schrieb am 15.04.2009 um 20:15
<<(Bezogen auf andere Menschengruppen würde man diese Attitüde rassistisch oder diskriminierend nennen<<

Das ist nur bedingt so. Ganz ohne Klischees geht es im Leben auch nicht.
Es hängt von den Zuschreibungen ab, die man damit verbindet.
Solange ich nicht sage, dass alle Radfahrer einen genetisch bedingten Hang zum Meucheln harmloser Fußgänger haben, geht das alles noch. Und - wenn man jede Kritik an anderen Bevölkerungsgruppen mit den Worten einleitet: Es sind ja nicht alle so, die meisten sind ja lieb und nett usw., dann kannst Du auch nichts durchsetzen. Da wird man seinen Zorn nie los und das hilft auch nichts.

Sicher ist es richtig, dass eine gute Verkehrspolitik die Lage entspannt ,aber bis dahin muss man mal ordentlich meckern dürfen, sonst kriegt mans mit den Nerven.

In Amsterdam hatte ich eher das Gefühl, dass die Leute nicht so auf Status fahren wie in Deutschland. Die Deutschen (Klischee) sind meist ziemlich rigoros bei der Verteidigung dessen, was sie für ihre Freiheit halten.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.04.2009 um 22:22
Schon richtig, Magda, niemand ist ganz frei von Vorurteilen und Klischeedenken, aber es ginge auch ohne. Und in Bezug auf das konkrete Thema hier: Hörte neulich eine junge Dame, leicht hinkende Fußgängerin, sagen 'Freiheit ist immer die Freiheit der Sich-anders-bewegenden...'
Zu Ostern musste ich, radelnd unterwegs, Leuten auf diesen komischen federnden Stahlstelzen ausweichen; Skater, Boarder, diese kleinen Elektrodinger mit Handwagengriff, Schnitzeljagden quer über Mauern, Zäune und Dächer - die Kanalisation könnte man auch noch miteinbeziehen. Und wenn dann die ersten Distinktionsprofitgierigen mit kleinen Propellern unterwegs sind...
kukidenta schrieb am 16.04.2009 um 11:35
Der nächste puristische Trend sind dann wohl Laufräder. Wozu braucht man denn eigentlich Pedalen?

Zur ewig währenden "Doofer Radfahrer vs. Bekloppter Autofahrer" Diskussion will ich nur folgenden Satz hinzufügen. Bitte fahrt vorrausschauend und bremst euer Ego!
Anna Dorothea schrieb am 16.04.2009 um 11:53
Hallo kukidenta;

"Der nächste puristische Trend sind dann wohl Laufräder"

Tatsächlich gab es in hier in Hamburg vor ein paar Jahren den "Erwachsenenroller": Nicht den kleinen, zusammenklappbaren, sondern den guten altem Kinderroller, nur weitaus hochwertiger ausgestattet und im entsprechenden Massstab. Allerdings nicht mit Ballonreifen (schade).

Die waren richtig teuer (rund 600 Euro) und sahen auch edel aus - solange sie standen. Wenn aber Anzug- und KostumträgerInnen damit rumfuhren (und nur die konnten sich die ja leisten), sah das ziemlich albern aus. Hat sich also nicht durchgesetzt.

Dabei wäre das Problem damit vielleicht gelöst: Mit Roller ist jeder schneller als zu Fuß, aber nicht so schnell wie mit einem ab- oder aufgerüsteten Fahrrad (und daher u.U. nicht so gefährlich, wie es manche hier wohl empfinden oder erlebt haben).

Herzlich

Anna
kukidenta schrieb am 17.04.2009 um 11:06
Hallo Anna Dorothea,

Ja die "Erwachsenroller". Auf der Leipziger Messe habe ich einige Schlipsis mit den motorisierten Spassraketen rumdüsen sehen. Im Leipziger Stadtbild sind sie jedoch nie heimisch geworden, was wohl auch an dem hohen Preis lag.

Mein momentaner Favorit sind Skateboards mit Elektroantrieb. In Deutschland sind sie verboten, weil sie verdammt gefährlich sind. Aber ein Freund hat sich so ein Teil aus den USA schicken lassen und es ist der pure Spass mit ihnen auf glatten Asphalt zu rollen. Absolut kein vernünftiges Fortbewegungsmittel, aber für Nerds der Wahnsinn. Das ist wie Wellensurfen, nur ohne Wellen.

Doch im Strassenverkehr bleibe ich ganz oldschool beim Drahtesel. Schont nicht immer die Nerven, dafür die Umwelt und den Geldbeutel. In Leipzig macht es zudem auch noch Spass, weil man dank reichhaltiger Natur immer eine Alternative zur Strasse hat. Das ist zwar mit oftmals mit kleineren Umwegen verbunden, dafür stresst es nicht so. Hunden und kleinen Kindern dabei auszuweichen ohne zu Fluchen sollte jeder verinnerlichen.

Immer mit Fehlern der anderen rechnen und sie in der eigenen Fahrweise einbeziehen. Das ist auch ein Teil von vorrauschauender Fahrweise. Bei mir funktioniert das ganz gut.

Herzlich

Kukidenta

Matthias Dell schrieb am 17.04.2009 um 08:40
Das Problem an dem Trend zu Fixed-Gear-Rädern ist nicht das Rad, sondern der Trend. Denn dann erst fahren Leute Räder ohne Bremse (was in den meisten Fällen übrigens gar nicht stimmt), die das nicht können. Das Fahren eines Rades mit fester Nabe erfordert nämlich ein ganz anderes Fahrverhalten, für das "heizen" eine populistische Verbrämung ist. Fixed-Gear-Räder erzwingen grundsätzlich ein viel gleichmäßigeres Treten. Das hat auch Folgen für die Verkehrswahrnehmung: Man prescht nicht von Ampel zu Ampel, sondern versucht vorausschauend jeden Halt zu vermeiden. Der Effekt von Fixed-Gear-Rädern besteht also nicht in der Steigerung des Heizens, sondern in einem viel umfassenderen, neuen Verhältnis zu Verkehr und Geschwindigkeit. Mit Polizeikontrollen hat das überhaupt nichts zu tun.
Tom Strohschneider schrieb am 17.04.2009 um 09:10
Wenn es doch so wäre, wie hier behauptet wird. Wenn zügiges Radfahren, als aggressive Marotte von Autisten verbrämt, doch wirklich die Normalität wäre. Ach, wie schnell käme man voran – Ampel hin oder her. Jenseits des vorurteilsbeladenen Fußgängerdaseins ist die Wahrheit aber eine andere: Pedaleure sind eben nicht „alle Komplizen“, wie hier von einer Blockwartin des Gehsteigs behauptet wird. Sie sind Feinde. Vor allem diese ganz unsportlich daherkullernden, auf schlecht geflickten Drahteseln rumquietschenden, von der neuesten Hutmode zum Langsamfahren gezwungenen, diese im Geschwätz über Proseminarthemen nebeneinanderrollenden Fahradfahrverhinderer. Auf dem Bürgersteig schleichen sie sich nach vorn, trampeln bei Rot los, als gelte es die steile Wand von Merane zu bezwingen, haben nach dreihundert Metern immer noch kaum die notwendige Geschwindigkeit, um die Schwerkraft sicher zu überlisten, müssen dann von unsereins auf engen Radwegen, auf Straßen voller idiotischer Autofahrer, stets bedroht von blind die Seite wechselnden Fußgängern, überholt werden. Um an der nächsten beschissenen Ampel wieder triumphierend, sich in ihrer ach so tollen Verweigerung von Verkehrs- und anderen Regeln suhlend, auf die Pole-Position zu zuckeln und bei Rot einen Vorsprung herauszufahren, der keiner ist. Bleibt bloß zu Hause, ihr Schleicher!
kukidenta schrieb am 17.04.2009 um 11:26
"Bleibt bloß zu Hause, ihr Schleicher!"

Das ist doch ein schöner Spruch den man demnächst den modischen Quasselstrippen zurufen kann, wenn ein zügiges Fahren verwehrt wird.
Das belebt die angesprochene Feindschaft unter den Fahradfahrern ungemein.
Eigentlich schade.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.04.2009 um 13:49
Echt stark, Herr Redakteur für Politik! Jetzt schießt auch hier die Magensäure die Röhre hoch. Verstoßen Sie nicht gegen die Nettiquette Ihrer eigenen Zeitung, von wegen 'Blockwartin' und so? Über 'Schleicher' regt man sich sonst nur im Leserbriefteil des ADAC-Magazins auf. Möchten Sie dort nach Verbündeten suchen?
Magda schrieb am 20.04.2009 um 22:51
Werter Herr Strohschneider,
Sie merken an
"Pedaleure sind eben nicht „alle Komplizen“, wie hier von einer Blockwartin des Gehsteigs behauptet wird"

Ehrlich, das hat mich auch getroffen. Ziemlich sogar. Blockwartin... das ist eine echte Sauerei. Schwerst arrogant, muss ich sagen.
Magda schrieb am 20.04.2009 um 22:56
ich wollte noch anmerken, dass es - bis Sie hier gleich mit Lehm geschmissen haben - eigentlich nur Frozzelei gegeben hat.

Und dann so ein verachtungsvoller Anwurf.
manuzio schrieb am 30.03.2011 um 12:10
Zusammenfassend können wir uns vielleicht (ganz kulturpessimistisch) auf den Erklärungsansatz einigen, dass per se alle Menschen Feinde sind und im Straßenverkehr zwei unglückliche Umstände zusammenkommen: Zum einen haben wir dort die in unserer Gesellschaft einzig legalen Waffen (Automobil und Fahrrad) zur Verfügung (klar, dass die Fussgänger frustriert sind); zweitens begegnen wir uns und sind häufig genug nicht in der Lage, ausreichend Abstand zu halten, um nicht in den empfundenen Sicherheitsbereich des jeweils nächsten zu gelangen.
Um dieses Problem aufzulösen, möchte ich mich kukidenta sinngemäß anschließen und (in freiem Zitat) sagen: "Mehr Gelassenheit (alternativ: Toleranz) wagen!"

Abschließend: Natürlich darf man sich auch mal aufregen, wenn wirklich einer die Regeln in gesundheitsgefährdender Weise missachtet aber man muss nicht den Untergang des Abendlandes beschwören, wenn mal jemand nachts bei roter Ampel die Kreuzung quert (vorausgesetzt sie ist frei - siehe Satzbeginn). Ich denke, so ehrlich sollten wir alle sein und zugeben, dass ähnliche Regelverletzungen uns allen hin und wieder "passieren". Dies immer wieder zu reflektieren hilft dann auch, den anderen Verkehrsteilnehmern eine (ungefährliche!) Auslegung der Regeln zu ihren Gunsten zu verzeihen (wahrscheinlich ärgert uns in diesen Situationen immer nur, dass wir in diesem Augenblick selbst nicht dazu in der Lage sind). Damit meine ich, um mich noch einmal zu wiederholen, ausdrücklich nicht Tempo 60 in der Spielstraße :-)


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