Alltag

Aggression | 18.05.2009 11:40 | Katrin Rönicke

Das Testosteron ist schuld!

Männer sind eben aggressiv. Frauen nicht. So denken viele und manifestieren damit alte Stereotype. Wie unbrauchbar die sind, zeigt sich gerade wieder in der Finanzkrise

Diese Woche wurde ein Mädchen verhaftet, weil es vermutlich ein Bombenattentat auf sein Gymnasium geplant hatte. Viele denken nun, dies sei das erste Mal gewesen, dass eine Frau / ein Mädchen so eine Tat geplant oder durchgeführt hätte. Das stimmt nicht, aber es sind gerade einmal vier Prozent aller "Amokläufe" in der Schule und außerhalb der Schule fünf Prozent, die von Mädchen verübt werden. Das ist nicht viel.

Ein weiterer Mythos, der sich seit Wochen in den Medien hält, besagt, dass die Finanzkrise nur deshalb ein so schlimmes Ausmaß annehmen konnte, weil vor allem Männer in den Führungsetagen der globalen Wirtschaftskonzerne säßen. Viele wittern nun ihre Chance, die Rundum-Moralkeule rausholen zu können und fordern als Konsequenz mehr Frauen in den oberen Führungsetagen. Ein richtiges Anliegen wird damit durch eine Argumentation legitimiert, die alte Geschlechterrollen-Stereotype verfestigt: Männer sind aggressiv. Frauen nicht. Meistens wird dann noch das Testosteron als Beweismittel herangezogen.

Frauen wird hingegen unterstellt, dass sie hinterlistig seien. Dass sie nicht fähig seien, offen zu sagen, was sie wütend macht. Tatsächlich richtet sich weibliche Aggression oftmals vor allem nach innen, gegen sich selbst, gegen den eigenen Körper. Das liegt daran, dass Jungen und Mädchen von klein auf lernen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts auf verschiedene Arten und Weisen mit Frust, Aggression und Wut umgehen müssen. Das wird so erwartet.

Aggressive Mädchen werden tabuisiert, wohingegen man mit Jungen weniger über ihre Wut spricht. Beide Geschlechter leiden letztendlich unter diesen Erwartungen und entwickeln ungesunde Verhaltensweisen, mit Wut und Frust umzugehen – Verhaltensweisen, die sich oft ein Leben lang halten und in Muster übergehen.

Die Männer in den Führungsetagen verhalten sich wahrscheinlich weniger wegen ihres Testosteronspiegels manchmal falsch, sondern vielmehr, weil sie sich „männlich“ verhalten wollen. Schließlich stehen sie in einer Art Konkurrenz-Kampf: Es gibt um sie herum (außer der Sekretärin) nur Männer und alle sind darauf trainiert, das Alphamännchen spielen zu müssen. Herrje, dabei kann nur Mist herauskommen.

Studien, wie sie zum Beispiel McKinsey immer wieder durchführt, belegen tatsächlich, dass oft schon eine Frau reicht, die in diesem Machtkampf kritische Nachfragen stellt oder völlig andere Bewältigungsstrategien einführt, um das ganze Klima zu verändern. Plötzlich scheint ein Kreislauf durchbrochen. Das sollte das Hauptargument für mehr Frauen in den Führungsetagen sein. Denn nur gemeinsam können wir alle einfach menschlich sein und müssen uns nicht in getrennten, geschlechtshomogenen Gruppen beweisen, wer am „männlichsten“ oder „weiblichsten“ ist.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Rahab schrieb am 18.05.2009 um 17:21
aber ... wenn nun das testosteron doch nicht schuld ist, wie kriege ich es denn dann noch hin, mich in x-berg zu fürchten? ich meine... wenn die testosteron-bomben nun garkeine sind ... was mach ich denn da? soll ich die einfach nur für blöd halten?
und wie erklär ich dem nächsten mann, welcher sich auf sein testosteron beruft, dass er im irrtum sei - ohne dass der mir eine haut? viele werden ja auch ganz schrecklich böse, wenn ich versuche ihnen zu erklären, dass Darwin mit dem "survival of the fittest" sie so ganz persönlich und in fleisch und blut garnicht gemeint hat (sondern zuweilen ganz im gegenteil)...
und was ich dann ja überhaupt nicht verstehe: also wenn eine frau das gesamte klima verändert, dann ... nein, das meine ich jetzt nicht, sondern... dann frag ich mich, wieso ich trotzdem nicht glauben darf/soll, dass frauen friedlicher wären, wenn doch männer auch dran glauben.
und ... bedeutet das, dass sich an der frage, ob Israel Iran vielleicht wegen des verdachts angreifen dürfe, sich in den eigenhändig erarbeiteten&bezahlten besitz von a-bomben (testosteron?) setzen zu wollen, auch dann nichts ändern würde oder doch, wenn frau Ahmadineshad für mindestens sechs monate ihren gatten bei der arbeit vertreten würde?
Rahab schrieb am 18.05.2009 um 17:22
aber ... wenn nun das testosteron doch nicht schuld ist, wie kriege ich es denn dann noch hin, mich in x-berg zu fürchten? ich meine... wenn die testosteron-bomben nun garkeine sind ... was mach ich denn da? soll ich die einfach nur für blöd halten?
und wie erklär ich dem nächsten mann, welcher sich auf sein testosteron beruft, dass er im irrtum sei - ohne dass der mir eine haut? viele werden ja auch ganz schrecklich böse, wenn ich versuche ihnen zu erklären, dass Darwin mit dem "survival of the fittest" sie so ganz persönlich und in fleisch und blut garnicht gemeint hat (sondern zuweilen ganz im gegenteil)...
und was ich dann ja überhaupt nicht verstehe: also wenn eine frau das gesamte klima verändert, dann ... nein, das meine ich jetzt nicht, sondern... dann frag ich mich, wieso ich trotzdem nicht glauben darf/soll, dass frauen friedlicher wären, wenn doch männer auch dran glauben.
und ... bedeutet das, dass sich an der frage, ob Israel Iran vielleicht wegen des verdachts angreifen dürfe, sich in den eigenhändig erarbeiteten&bezahlten besitz von a-bomben (testosteron?) setzen zu wollen, auch dann nichts ändern würde oder doch, wenn frau Ahmadineshad für mindestens sechs monate ihren gatten bei der arbeit vertreten würde?
witscore schrieb am 19.05.2009 um 11:06
"Tatsächlich richtet sich weibliche Aggression oftmals vor allem nach innen, gegen sich selbst, gegen den eigenen Körper. Das liegt daran, dass Jungen und Mädchen von klein auf lernen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts auf verschiedene Arten und Weisen mit Frust, Aggression und Wut umgehen müssen. Das wird so erwartet."
Ja, und die Erwartungshaltung ist da nicht ohne Grund. Man denke nur mal an das unterschiedliche Verhalten von Spermien und Eizelle. Letztere braucht nur abwarten, welcher der vielen kleinen X- und Y-Racker, vom Duft gelockt, es bis zu ihr schafft. Alles was um sie herum gebaut wurde diente dazu, dass die Beiden zusammenkommen. Das Männliche muss sozusagen aus sich heraus, damit eine Befruchtung stattfinden kann. Schon daher ist es eher geneigt, extovertiert mit Aggression umzugehen, zumal auch noch mit Kontrahenten zu rechnen ist.

Natürlich(!) wird eine zur Schau gestellte Aggression vom Weiblichen nicht vorausgesetzt. Es mag sein, dass es Erziehungsmethoden gab und gibt, die als Attraktivitätsmerkmale identifizierte Wesensunterschiede stärker herausarbeiten, und manche Kulturen haben das auch degeneriert, pervertiert und grausam erzwungen.

Doch wer in unserem Kulturkreis schon mal versucht hat, aus einem burschikosen Teil ein "richtiges" Mädchen oder einem hochsensiblen Jungen einen "richtigen" Mann zu machen weiß, dass es da Grenzen gibt. Ich würde daher nicht davon ausgehen, dass der eingangs zitierte Umgang mit Aggression in der Rollenerziehung begründet ist. Umgekehrt ergibt es für mich mehr Sinn.
Rahab schrieb am 19.05.2009 um 15:56
ach du dickes ei!
ich werd auch noch mal meine zwei lebenden eier fragen, warum sie nicht weiter da abwarten konnten, wo und wie es sich für
w-ei-bliches gehört. stattdessen mußten die mit macht ins extra-uterine leben drängen. pfui aber auch! wie un-w-ei-blich!
Juergo-F schrieb am 01.06.2009 um 13:58
"Das Testosteron" ist sicher nicht schuld, da stimme ich auf alle Fälle zu. Testosteron allein macht nicht aggressiv und nicht gewalttätig. Transmänner z.B. fühlen sich nach der Gabe von Testosteron keineswegs plötzlich aggressiv, sondern ausgeglichen und gut. Diskutabel ist m.E. allenfalls, inwieweit es bei Männern eine größere biologische Neigung zu einer Störung der hormonellen und/oder psychischen Balance gibt, bzw. inwieweit diese zu dramatischeren Folgen führen kann.

Darüber streiten sich die Gelehrten ja seit Ewigkeiten. Aber klar ist doch, daß es zwischen einzelnen Menschen des gleichen Geschlechts oft viel größere Unterschiede gibt als zwischen Männer und Frauen. KLar ist auch, daß der Mensch sich sehr stark von seiner Umgebung, Familie, Gesellschaft, Kultur prägen läßt, und das sein Bewußtsein bestimmt. Wir könnten heute nicht mehr so denken wie Menschen vor 500 Jahren, auch wenn die Gehirne im Grunde dieselben sind.

Kürzlich kam ja ein Artikel über ein Matriarchat irgendwo in China, in dem Gewalt praktisch unbekannt sei. Im Patriarchat (in dessen Zerfall wir ja leben) ist Gewalt normal und mit "Männlichkeit" verknüpft, d.h. gewalttätige Männer können u.U. mit irgendeiner Form von "Respekt" rechnen, gewalttätige Frauen eher nicht.
Goofos schrieb am 03.06.2009 um 01:32
Ich muss gestehen den Satz "Mehr Frauen in Führungsetagen" habe ich wohl bisher falsch verstanden wenn es darum nur um eine Art Aufpasserin für die männliche Führung geht. Als Hauptargument für mehr Frauen in Führungsetagen will ich das nicht gelten lassen.

Aber ich finde die Kolumne überhaupt etwas verwirrend. Warum man überhaupt immer davon ausgeht, dass Testosteron gleich Aggression bedeutet ist mir etwa unerklärlich, auch seitens meiner Geschlechtsgenossen. Ich lebe inzwischen seit gut 29 Jahren mit Testosteron und fühle mich so ganz und gar nicht Aggressiv. Da fallen mir doch ein paar Frauen ein, die trotz weit weniger Testosteron schon von Grund auf aggressiver sind als ich. Jedoch finde ich es schlimmer wenn man mit so einem Vorurteil, oder eher Verurteilung, schon Kinder füttert. Ich behaupte sogar mit Jungs spricht man sehr wohl auf besondere Art und Weise über ihre Wut und Aggression (... besonders Mütter und Lehrerinnen) aber auch Anti-Aggressions-Trainings® und derlei, wo ich ebenfalls behaupte, dass es davon mehr gibt wie irgendwelche Initiativen zur Förderung der Lesekompetenz.

Ich finde es auch weit her geholt, dass Männer in Führungsetagen sich "männlich" verhalten und deswegen manches "falsch" machen. Für mich ist das Bild von einem Mann in der Führungsetage der gerade 1000 Angestellte feuert weil er das männlich findet schwer vorstellbar. Ich denke bei dieser Diskussion geht es nicht um "männlich" oder "weiblich", was ich sogar eher hinderlich finde, als vielmehr einfach nur um Werte. Letztendlich mündet deine Kolumne in dem Punkt ebenfalls im doing gender indem die Männer "männlich" manches falsch machen und nur eine Frau reichen würde um das gerade zu bügeln.
Juergo-F schrieb am 03.06.2009 um 19:11
Aggressivität von Männern/Jungen durch weiblichen Einfluß zu reduzieren, ist sicher nicht gerade eine emanzipatorische Idee. Es geht aber zunächst darum, das Klischee zu in Frage zu stellen, daß Männer - quasi unter ständigem Testosterondampf stehend - gar nicht anders können, als (mehr oder weniger) aggressiv zu sein. Natürlich hat auch die patriarchale Kultur selbst einen biologischen Hintergrund, vor allem den der Gebärfähigkeit der Frau. Die daraus resultierenden sozialen Rollen sind aber nicht zwingend und waren daher in der Geschichte auch durchaus variabel. Das Patriarchat ist erst recht keine zwingende Folge biologischer Geschlechtsunterschiede, aber eben auch nicht aus reinem Zufall entstanden.

Ob man Jungen/Männer nun also künftig mit zarter weiblicher Hand steuern muß, damit sie nicht auf Abwege geraten, oder ob auch sozial-emanzipierte, egalitäre (große Worte!) Gesellschaften denkbar sind, in denen Männer sich normal-menschlich verhalten und nicht mehr so oft "entgleisen", ist eben
die offene Frage.

Klar ist, daß Aggression zur biologischen Grundausstattung von Mensch und Tier gehört (wenngleich sie kein Selbstläufer ist). Das betrifft allerdings nicht nur die männliche Seite: Jeder wird wohl wissen, mit welcher Vehemenz Tierweibchen zuweilen ihre Jungen verteidigen.


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