Alltag

Harry Rowohlt | 20.05.2009 11:05 | Jan Pfaff

Kruzi-Marx nochmal!

Harry Rowohlt ist kein 68er, sondern Linker in der dritten Generation. Im Gespräch erzählt er, warum er aus den Briefen von Marx vorliest und warum er nicht mehr säuft

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Der Freitag: Herr Rowohlt, ist Marx für Sie optisch ein Vorbild?

Harry Rowohlt: Mit seinem Dreiteiler und seinem Monokel? Nee, das ist mir zu viel Gedöns.

Bei der Lesung der Marx-Engels-Briefe zusammen mit Gregor Gysi wurden Sie als Marx-Doppelgänger verkauft.

Ich weiß schon, warum man mich für die Lesung ausgesucht hat – nicht weil ich gut vorlesen kann, sondern weil ich oberflächlich betrachtet so ähnlich aussehe. Für den Gysi blieb dann nur der Engels, obwohl er ihm überhaupt nicht ähnlich sieht. 

Was reizt Sie daran, Marx zu sprechen?

Mich hat dieser Briefwechsel entzückt, wie diese beiden alten Kracher so richtig losschimpfen. Sie sind unerschöpflich, was neue Schimpfworte betrifft, sei es für den verhassten Ferdinand Lasalle, die eichelfressenden Schweizer oder den reichen Onkel, den Marx endlich unter der Erde sehen wollte. Die beiden haben natürlich nicht gedacht, dass das jemals jemand anderes lesen würde.

In den Briefen zeigen Marx und Engels sich geldgierig, antisemitisch, schwulenfeindlich und lästern über die dummen Arbeiter. 

Ich finde das schön, dass diese beiden Religionsstifter hier als Menschen enttarnt werden. Als Menschen, die Vorurteile und Aversionen haben, die fluchen und schimpfen wie du und ich. Wenn sie dabei politisch nicht korrekt sind, ist das schade, aber nicht zu ändern. Sie konnten ja nicht ahnen, dass sie einst als Denkmäler in Ulan-Bator, Frunse und Bischkek enden würden. 

Wir lachen über diese Briefe, weil wir uns heute für aufgeklärter halten, für historisch klüger.

Mit jeder Form von Überlegenheitsgefühl wäre ich aber vorsichtig. Der größte Lacher bei der Lesung war ein Zitat aus einem Engels-Brief: „Krieg den Mösen, Friede den Arschlöchern.“ Das spricht nicht so sehr gegen Marx und Engels wie gegen das lachende Publikum. Ist aber auch ein grandioses Zitat.

 

Audio-Ausschnitte aus der Lesung

 

 

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Die Werke von Marx verkaufen sich gerade wieder sehr gut. Haben Sie eigentlich das Kapital gelesen?

Ich habe es mal versucht, aber ich bin zu blöd dafür. Ich habe die ersten zehn Seiten gelesen und gedacht: „Das ist ja alles sehr, sehr richtig.“ Freunde von mir, so typische 68er, haben früher in der Küche zu acht das Kapital gelesen und darüber diskutiert. Das hatte ich aber schon allein deshalb nicht nötig, weil ich kein 68er bin, sondern in der dritten Generation links – zumindest mütterlicherseits. 

In der dritten Generation links?

Mein Opa Franz Pierenkämper war 1917 einer der führenden Köpfe im Arbeiter- und Soldatenrat in Wilna. Und er war einer der ersten Minister der jungen Sowjetmacht. Da hat er sich dann allerdings nach 14 Tagen wieder abgeseilt. Mit der einfachen Begründung: „Sind mir zu links, die Brüder.“ Dann hat er die Unabhängigen Sozialdemokraten, die USPD, mitgegründet. Sein Sohn Harry – mein Onkel, nach dem ich Harry heiße – war Mitbegründer des Spartakusbundes. Man kann sich also vorstellen, was für dicke Luft es bei denen daheim gab. Es gibt ja nichts Unversöhnlicheres als Kommunisten und linke Sozis. 

Hört sich schwierig an.

In der Weimarer Republik war mein Opa dann öfter im Knast. Er war Sitzredakteur beim Bochumer Volksblatt, also verantwortlich im Sinne des Presserechts – immer wenn in der Zeitung etwas stand, das der Obrigkeit nicht passte, ging er dafür in den Knast. Deswegen auch Sitzredakteur. Sobald er im Gefängnis war, begann er Gedichte zu schreiben. Draußen immer nur Leitartikel und Reportagen, aber im Knast nur Gedichte. Muss man mal auf heute übertragen: Wenn einer unserer Prosa-Giganten sich aufs Lyrische diversifizieren will, muss man nur das geeignete Strafmaß für ihn finden. 

Wenn Sie das Kapital nicht gelesen haben, sind Ihnen die Linken eigentlich zu theorielastig?

Jeder Mensch hat ein Religionszentrum im Hirn, das irgendwie stimuliert werden muss. Die Linken haben dafür die Schriften von Marx und Engels – und sie haben ihre Rituale. Gysi hat das mal gut formuliert, als seine Partei noch PDS hieß: ‚Die PDS-Versammlung mit den Fahnen und den Gesängen hat so etwas Religiöses. Das kann die CDU gar nicht nachvollziehen.‘ Schöne Beobachtung, dass Christdemokraten etwas Religiöses nicht nachvollziehen können.

Wie sieht es mit Ihrem Religionszentrum aus?

Das ist möglicherweise etwas unterentwickelt. Fahnen und Gesänge lassen mich jedenfalls kalt. Wenn mich etwas richtig beeindruckt, merke ich das immer daran, dass ich Gänsehaut an den Beinen bekomme. Deshalb trage ich auch nie kurze Hosen, muss ja nicht jeder sehen. Das letzte Mal, dass mir das passiert ist, war neulich in meiner Küche, als das Radio lief. Ein schöner Country-Fetzer mit einem ausgedehnten Pedal-Steel-Solo – wunderbar. 

Früher haben Sie bei Lesungen gern viel getrunken. „Schausaufen mit Betonung“, hieß das. 

Ja, aber das ist vorbei. Seit dem 26. Juni 2007, seitdem ich weiß, dass ich Polyneuropathie habe, schiebe ich stramme Ethanol-Karenz. Alkohol ist nun mal leider ein veritables Nervengift, und da die Krankheit nicht aufzuhalten ist, brauche ich sie nicht auch noch künstlich zu beschleunigen.

Was ist das für eine Krankheit?

Mir sterben die Nervenzellen ab. Meine Nerven in den Fußsohlen sind größtenteils tot. Die, die übrig sind, melden nach oben nur noch bruchstückhafte Informationen. Das Gehirn ergänzt diese dann blitzschnell, aber meistens nur mit Quatsch. Man steht etwa auf Kopfsteinpflaster, und die Füße funken nach oben: Treibsand. Es gibt auch Polyneuropathen, denen signalisiert das Gehirn „Vorsicht, Stufe“, dann gehen sie treppauf, wo keine Treppe ist, und fallen auf die Schnauze. Ich habe mittlerweile gelernt, das Gehirn auszutricksen. Ich ignoriere die Signale einfach.

Hat sich Ihr Leben stark verändert?

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Kommentare
klara schrieb am 20.05.2009 um 12:54
Zum Lachen und Weinen!
Dafür muss man nicht nur Harry Rowohl, sondern auch den Freitag lieben.
Danke für diesen Lichtblick des Tages :)
Tania schrieb am 27.05.2009 um 19:34
Ein wirklich erfrischendes Interview,das schon jenseits von gut und böse ist.
Hervorragend ,und zudem weiß ich jetzt auch, was Polyneuropath ist.
Bildungswirt schrieb am 21.05.2009 um 15:21
Harry Rowohlt ist ein Original, durch-und-durch, mit Ecken, Kanten, Rundungen, Ösen, Widersprüchen, mit rhizomatisch gepinselten Linien bis ins Nirgendwo.Er ist witzig, links engagiert, bisweilen ein "arrogantes Arschloch"(Selbstbezeichung), bedingt theorieabstinent (da übertreibt er ein wenig, als ob Durchblick an der Marxlektüre festzumachen sei), sicher anarchistisch, dadaistisch, auf jeden Fall immer für eine Überraschung gut.

Das grundsätzliche Problem: Alle Menschen werden als Originale geboren, aber über 90% sterben als Kopien.
Aber dafür kann Rowohlt nichts.Schön, dass der FREITAG dieses Interview gebracht hat.

Freundliche Grüße vom Bildungswirt
Anna Dorothea schrieb am 22.05.2009 um 10:25
Wunderbar! "Solche" gibts in Hamburg zum Glück auch...

Ein dickes Danke an den Freitag und Harry Rowohlt!

Herzlich, Anna
Jan Pfaff schrieb am 22.05.2009 um 11:34
Besten Dank für das positive Feedback!

Das Gespräch hat auch viel Spaß gemacht. Immer schön, wenn Menschen einfach ganz offen sprechen...
Brunopolik schrieb am 27.05.2009 um 19:03
Brunopoliks Kommentar zu Ihrem Interview mit Harry Rowohlt finden Sie hier: promi-galerie.blog.de/
Streifzug schrieb am 27.05.2009 um 19:49
Einfach nur gut :-)
I.D.A. Liszt schrieb am 27.05.2009 um 23:07
Super!
Das wwar das erste Mal seit dem 'relaunch' des Freitag, dass mir ein Portrait im Alltags-Teil gefallen hat.
Da liegt natürlich an der Person des Porträtierten und seinen klugen Antworten, doch es liegt sicher auch an den Fragen.
Harry Rowohlt ist schon beindruckend, und das nicht nur als Übersetzer.

Dieses Interview hat für mich den "Alltag" zum ersten Mal seit Februar so aufgewertet, dass ich eine Seite mit Vergnügen gelesen habe.
Danke.
Steffen Kraft schrieb am 28.05.2009 um 09:40
Vielen Dank für das süße Gift. Wir trinken es gerne. Und hoffen, es heilt uns ein für alle mal.


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