Alltag

Frauen und Religion | | Katrin Rönicke

Immer noch die Gretchenfrage

Eine Tagung der Böll-Stiftung beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Religion und Frauenrechten. Entkommt man der patriarchischen Falle, die allen Religionen innewohnt?

Wenn man zu einer Konferenz mit dem Titel „Religion Revisited - Frauenrechte und die politische Instrumentalisierung von Religion“ geht, dann tut das wahrscheinlich niemand ohne bestimmte Erwartungen. Diese können religiös geprägt sein: Vielleicht erhofft man sich Lösungen für offenkundige Dilemmata innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft. Oder man erwartet sich ein klares religionskritisches Signal und Wege zu mehr Säkularisierung im eigenen Staat oder in anderen Staaten auf der Welt. Wenn man als FeministIn hingeht, dann möchte man Antworten auf Fragen der Gleichberechtigung, religiös begründeter Gewalt gegen Frauen weltweit, reproduktiver Selbstbestimmung und viele mehr. Denn gerade als FeministIn fühlt man sich in einem kulturkritischen Dilemma: Auf der einen Seite möchte man nicht in kolonialer Manier intolerant mit den eigenen Vorstellungen als Ideal ein Urteil über andere Kulturen fällen. Auf der anderen Seite will man die notwendige Kritik an menschen- und vor allem frauenverachtender, religiös begründeter Gesetze und Handlungen äußern.

Wahrnehmung der Frauen

In den großen Religionen der Welt finden sich hierarchische Strukturen, welche traditionell ein Patriarchat begründen. Nur sehr schleppend und stets auf Druck von außen, nie durch eigene Aktivität, öffnen sich manche ein kleines bisschen, indem sie auch Frauen in hohen religiösen Ämtern akzeptieren. In anderen Religionen hingegen scheint sich entweder gar nichts zu tun, oder sie verschärfen gar ihre Unterdrückung von Frauen, wie dies in einigen islamistischen Staaten, etwa momentan in Afghanistan, der Fall ist. Die internationale Frauenrechts- und Entwicklungsorganisation AWID (Association For Women’s Rights in Development) beobachtet diese Entwicklungen kritisch und hat eine Befragung an über 1.600 Frauenrechts-AktivistInnen durchgeführt, um Auskunft über deren Wahrnehmung der Gefahr religiöser Fundamentalismen für die Rechte von Frauen zu erhalten. Diese Befragung war Basis eines Tagungs-Workshops.

ANZEIGE

Zusammenfassend: Fundamentalismen gibt es in allen Religionen der Welt – so die Wahrnehmung der Befragten, die aus vielen Ländern der Welt kamen und nahezu alle möglichen, selbst die kleinsten Religionen repräsentierten. Eine Mehrheit der Befragten AktivistInnen empfand religiösen Fundamentalismus als Problem für ihre eigene Arbeit. Als charakteristischste Merkmale nannten sie "absolutistisch" und "intolerant" (42 Prozent der Befragten). 24 Prozent gaben "gegen Frauen" und "patriarchalisch" an. AWID fand in der Beschreibung des Verhaltens verschiedener religiöser Fundamentalismen vor allem eine ganz besondere Gemeinsamkeit: Das Ziel, den Körper und die Sexualität der Frauen auf die eine oder andere Art zu kontrollieren. Ein aktuelles Beispiel ist die Sex-Pflicht in der afghanischen Ehe. Oder die Kontrolle weiblicher Körper durch verschieden starke Verschleierung derselben. Ein drittes Beispiel ist die Kontrolle der weiblichen Sexualität durch strikte Verbote von Verhütungsmitteln und durch ein Abtreibungsverbot.

Ratlosigkeit über Religionen

Sehr schnell drehte sich der Workshop um eine Gretchenfrage: Sind Fundamentalismen schon in der Basis der Religionen – meistens den Heiligen Schriften – angelegt, oder sind sie ein Produkt falscher Interpretationen und der Instrumentalisierung der Religionen durch Menschen? Diese Frage spaltete die anwesenden, die tatsächlich sehr vielfältige religiöse Hintergründe hatten, in zwei Lager. Workshopleiterin Cassandra Balchin, Consultant für AWID, erklärte der Gruppe desillusionierend, dass sie diese Frage nicht würden klären können. Dass dies stets die Frage sei, die alle Menschen in zwei Lager teilte. Und auch die Abschlussdiskussion der Konferenz, der eine Muslimin, eine Katholikin (Catholics pro Choice) und eine Protestantin angehörten, konnte eine Frage der Moderatorin einfach nicht beantworten: Können Kirchen aktive Akteure, gar die Spitze einer Bewegung für mehr Frauenrechte in den Religionen sein?

Vielleicht könnten sie das. Wenn sie an einer Modernisierung der eigenen Ideologien interessiert wären. Wenn sie kein Problem damit hätten, eine „Bibel in gerechter Sprache“ übersetzen zu lassen (wie Beate Blatz von Protestantische Frauen in Deutschland berichtete, haben die MitarbeiterInnen an diesem Projekt keine Chance mehr auf eine kirchliche Karriere in der EKD). Vielleicht könnten sie das, wenn die Frage „Sind Fundamentalismen schon in der Basis der Religionen angelegt?“ definitiv mit NEIN beantwortet werden könnte. Doch wenn wir sehen, dass wirklich alle Religionen dieser Welt Fundamentalismen entwickelten; wenn wir sehen, dass ihnen allen die Kontrolle der weiblichen Sexualität gemeinsam ist; wenn wir sehen, dass alle Religionen ein Patriarchat stabilisieren – wie sollen wir dann die Hoffnung aufbringen, dass diese Religionen es selbst sein könnten, die ihre Jahrhunderte alten Strukturen, Schriften und Traditionen in Frage stellen könnten?

Was wir stattdessen erleben ist ein Vormarsch der religiösen Fundamentalismen. Ein christlicher Workshopteilnehmer stellte vorsichtig die Frage, ob nicht vielleicht auch die Emanzipation der Frauen diese Gegenreaktion hervorgerufen haben könnte. Wieder so eine Frage, die natürlich niemand beantworten konnte. Am Ende der Konferenz blieben viele Fragezeichen übrig. Und der Eindruck, dass aus religiöser Pietät eine atheistische Position unterrepräsentiert blieb. Genauso wie der ursprüngliche Ansatz der Konferenz, nämlich die Frage zu klären, wie Religionen politisch instrumentalisiert würden oder die Politik religiös instrumentalisiert (Henne oder Ei?) in den Hintergrund geriet. Zwei traurige Botschaften blieben am Ende der Konferenz stehen: a) Nein, es gibt keinen wirklich säkularen Staat und b) nein, es gibt auf die zentralen, die religionskritischen Fragen keine Antworten, denn sie gefährden die Basis der Religionen an sich. Sie sind eine inakzeptable Gefahr – selbst für religiöse FeministInnen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
skorpion schrieb am 09.06.2009 um 19:46
In den Religionen eines persönlichen Gottes - Juden, Christen, Moslem - ist Gott immer ein Mann. In der alternativen spirituellen Szene sieht das etwas anders aus. Die Esoteriker sprechen nicht von einem persönlichen Gott. Sie sagen, die göttliche Energie wohnt allem inne. Sie ist nur insofern eine Person, dass sie allen Menschen innewohnt. Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen wird da nicht gemacht. In den vorchristlichen und auch in den post christlichen Religionen (Neuheidentum) gibt es Göttinnen und Götter. Die Wicca-Hexen sprechen auch von dem Gott(symbolisch die Sonne) und der Göttin (symbolisch der Mond). Die Erde wird als Mutter Gaia, also als Frau gesehen. Im Protestantismus gibt eine feminisierte Bibel, die aber kein hohes Ansehen genießt. Es gibt in unserem Staat keine echte Trennung von Kirche und Staat. Der Staat zieht für die Kirche KirchenSTEUER ein - keine Mitgliedsbeiträge. Die Kirchen haben sogar zwei eigene Parteien CDU/CSU, sie haben eigene Schulen, die Ausbildung ihrer Priester erfolgt in den Universitäten auf Kosten der Allgemeinheit, fast sämtliche Feiertag in Deutschland haben einen christlichen Hintergrund, Christliche Kindergärten und Altenheime usw. usf.Sogar in das Arbeitslosengeld der Konfessionslosen wird die Kirchensteuer eingerechnet.
Rahab schrieb am 10.06.2009 um 09:20
erst mal fragte ich mich: wer hat das bild ausgesucht? und wer hat die bildunterschrift formuliert? und welches der ausgestellten kleider ist nun modern und welches traditionell und warum und aus welcher sicht und in welcher hinsicht?

dann fragte ich mich: ist die rede von monotheistischen konfessionen? wenn ja, dann sind diese in ihrer praxis und ihren schriften notwendig fundamentalistisch/exklusiv, weil allesamt an einem "reinheitsgebot" orientiert. dies "reinheitsgebot" wurde zu dem alles bestimmenden strukturelement in dem moment, in dem diese konfessionen begannen, mehr zu sein als ein weg neben vielen anderen, in mysterien eingeführt zu werden.
es hilft also alles nichts: die monotheistischen konfessionen werden den anspruch, sie könnten gesellschaft insgesamt organisieren, wieder aufgeben müssen! und zwar auch dann, fürchte ich, wenn sich theo-logie zu thea-logie wandelt oder kyriologie zu kyria-logie.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG