Was habe ich gelesen? War meine Zeit meine Zeit von Hugo Loetscher.
Seitenzahl: 408 Seiten
Amazon-Verkaufsrang: 36.532
Warum habe ich es gelesen?
Ich wollte eigentlich African Psycho lesen – aber für den Taxi Driver unter der afrikanischen Literatur braucht man Muße, die richtige Stimmung, ein bisschen Atem. Also las ich in dieser mit Weihnachtskitsch und Jahresabschluss-Stress vollgepackten Woche lieber ein Buch zuende, dass ich diesen Sommer begonnen hatte.
Worum geht es?
Großer Schweizer Essayist blickt zurück auf sein Leben. (Autobiografie denkt man automatisch. Das Buch steht aber in der Belletristik). Loetscher ist am 18. August diesen Jahres in Zürich gestorben.
Was bleibt hängen?
Hugo Loetschers Buch ist eine Art autobiographisch-phantastische Reisereportage, die heute eigentlich nicht mehr erlaubt ist. Wer es doch versucht (Christian Kracht etwa) wird des Fabulierens oder schlimmer noch: des Erfindens bezichtigt. Loetscher aber sieht man alles nach, auch wenn man bei jeder zweiten Anekdote fragen möchte: Wie konnte er sich all diese Details merken? Loetscher, schien – zum Glück – verinnerlicht zu haben, dass die Wahrheit zu langweilig ist, als dass man sie nicht um ein paar gute Geschichten erweitern müsste – womit auch die Frage beantwortet wäre, warum seine Biografie kein Sachbuch ist. Ich mochte, was er über die Liebe schrieb, mir gefiel sein Seitenhieb auf die biometrischen Pässe („Auf dem Foto darf, selbst wenn es gut ausgeleuchtet ist, nicht gelächelt werden. Ich hatte immer gemeint, mein Lächeln sei charakteristisch, wenn nicht gar verräterisch.“). Und ich bewunderte mit welcher Leichtigkeit er aus fremden Ländern berichtete, ohne zu langweilen. Das Buch war meine erste Reise ins Loetscher-Tal. Ich werde wiederkehren.
Wie liest es sich?
War meine Zeit meine Zeit klingt auf den ersten Seite nach Altherrenprosa: in ihrer Präzision ermüdende Alltags-Beobachtungen, abgedroschendste Allegorien („das Leben ist ein Fluss“), und jede Menge klassische Bildung. Dann plötzlich aber nach 40 Seiten unerwartet zärtliche Sätze, in denen mehr passiert als in einem ganzen Roman von David Nicholls: „Er war ein Mann, den ich gerne gern gehabt hätte“ (Loetscher über seinen Vater).
Das beste Zitat?
Loetschers Stil ist so leicht und hingeworfen, man glaubt ihm sofort, dass es ein ganzes Leben brauchte, um so etwas zu erlernen. Auf jeder Seite Sätze, bei denen man vor Hochachtung klatschen möchte, erstaunt darüber, was man alles mit Sprache machen kann. Zum Beispiel Loetscher über erste Erfahrungen mit der Liebe: „Der Jüngere, der wissen will, was die Welt kostet, und der Ältere, der die Preise kennt“. Am Ende das Eingeständnis beim Abschied: „Die acht Tage waren acht Wochen“. Das ist alles wirklich hinreißend geschrieben, im ganzen Buch kein fauler Satz, und er, Loetscher, bringt einen immer wieder, wenn nicht zum Lachen so doch zum Schmunzeln.
Was lese ich als nächstes?
African Psycho von Alain Mabanckou
Die Alltagslektüre: In seiner Kolumne unterzieht Freitag-Autor Mikael Krogerus jede Woche ein Buch seinem persönlichen Lese-Check. Zuletzt: The Road von Cormac McCarthy.
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Lieber Mikael
leihst Du mir das Buch? Falls ja: Bringst Du es mit, wenn Du das nächste Mal in der Redaktion vorbeischaust? Dein Lektürebericht hier hat mich sehr neugierig gemacht. Schöne Grüße M. |
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Klar, du kriegst es noch vor Weihnachten. Bin gespannt, was du davon hälst. Starkes Buch (stark auch der Erscheinungstermin: vier Tag nach seinem Tod; die Die Nachrufe gerieten alle zu wohlwollenden Rezensionen).
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Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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