Alltag

Alltags-Lektüre | 15.01.2010 16:15 | Mikael Krogerus

Männer, Architekten, Schwiegersöhne

Peter Stamm ist ein Meister der Knappheit. Seine neue Erzählung "Sieben Jahre" ist zwar eine aufwühlende Dreiecksgeschichte, hat aber auch etwas Elke-Heidenreich-haftes

Was habe ich gelesen?
Sieben Jahre von Peter Stamm.

Seitenzahl: 298 Seiten.

Amazon-Verkaufsrang: 2.500.

Warum habe ich es gelesen?
Wollte Mellville lesen, ließ das kleine Heftchen aber in der U-Bahn liegen. In der Not machte ich mich über eines meiner „ungelesenen“ Bücher her.

Worum geht es?
Peter Stamms vierter Roman Sieben Jahre erzählt eine klassische Dreiecksgeschichte: Verheirateter Mann hat eine Geliebte, von der er nicht loskommt. Die drei miteinander verschwurbelten Biographien sind, jede für sich und in der Beziehung zu den anderen, eine Ansammlung beklemmender Lebenslügen. Ich-Erzähler Alex und seine Frau Sonja sind zwei aufstrebende junge Architekten. Sonja erscheint als die perfekte Frau an Alex' Seite, sie ist klug, charmant, attraktiv. Warum Alex sich vom Anfang bis zum Ende der Geschichte zu Iwona aus Polen hingezogen fühlt, die sich in München mit einem Hilfsjob in einer christlichen Buchhandlung durchschlägt, kann er selbst am allerwenigsten verstehen: Iwona ist hässlich, in sich gekehrt, hat einen schlappen Körper und unreine Haut. In ihren billigen Kleidern und mit ihrem verquollenem Gesicht sieht sie aus wie jemand, „der jede Hoffnung aufgegeben hat, irgendwem zu gefallen, und sei es sich selbst“. Dennoch wird aus der ersten Begegnung eine jahrelange Abhängigkeit, und als Iwona von Alex schwanger wird, und die drei mit der Geburt des Kindes einen Pakt eingehen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles auseinanderbricht.

Was bleibt hängen?
Die konsequente Dekonstruktion eines makellosen Scheinlebens, die erbarmungslose Sicht auf die Lebenslügen der Hauptfiguren bestechen zunächst. Andererseits hat das Motiv auch etwas Abgedroschenes, ein all zu sicherer Hafen postmoderner Erzählkunst. Es soll wehtun beim Lesen, und weil einem das so unmissverständlich diktiert wird, wirkt das Ganze teilweise zu aufgesetzt, die Figuren zu unangefochten. Die makellose Sonja in ihrer Erfolgsmodell-Welt ist als Klischee zu naheliegend, die zwei kollidierenden Liebeskonzepte zu gewohnt: Hier die zugeschnittene Eigenheimidylle mit einem Sexleben nach Kalender, dort die triebhafte Begierde ohne Alltag.

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Auch der Protagonist, Alex, ist eine ebenso stereotype wie nervtötende Männerfigur. Einer, der seine eigene Entwicklung verpasst hat, sich auf nichts wirklich einlässt, einer, der zu vielem im Leben aus Zufall ja gesagt hat, und zu vielem aus Faulheit nicht nein. Alex gehört vielleicht zu jener Generation intellektueller Männer, die von intimen, familiären oder sozialen Verpflichtungen trotz Frauenemanzipation noch weitgehend verschont geblieben ist. Männer, die am reibungsvollen Alltag familiärer Netze vorbeisegeln können, oft mit irgendeiner Frau, die ihnen den Rücken freihält. Männer, die in ihrem Selbstverständnis Autoren, Architekten, Visionäre, Künstler oder eben Schriftsteller sind – und nicht Väter, Ehemänner, Liebende, Freunde oder Schwiegersöhne. Männer, die, wenn überhaupt, berufliche Entscheidungen treffen. So erstaunt es auch nicht, dass es am Ende der Geschichte Sonja ist, die Alex verlässt. Diese stille Absage an eine irgendwie schöne literarische Liebe oder Sexualität ist zwar nichts Neues, aber in Stamms Variante durchaus aufwühlend.

Wie liest es sich?
Stamm ist ein Meister der Knappheit. In seinen Büchern gibt es keine unnötigen Adjektive, keine Stilblüten. Sein Debutroman Agnes: ein Hammerbuch. Dass seine unsentimentale Erzählung Sieben Jahre fast ohne Dramatik und Furiosität auskommt, verleiht der Geschichte zwar eine flüssige Genauigkeit, aber auch etwas elke-heidenreich-haftes, das man nicht von ihm erwartet hätte.

Der typische Satz:
„Am Anfang wehrte sie sich ein wenig, aber ich war stärker als sie, und irgendwann gab sie jeden Widerstand auf.“

Was lese ich als nächstes?
Nackt von Diablo Cody.

 
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