Alltag

Netzgeschichten | 28.01.2010 19:00 | Dominik Bardow

Heddesheim gegen das Schicksal

Lokalblogs erfüllen Peter Sloterdijks Forderungen und nehmen den Kampf gegen die elektronische Globalisierung auf. Die Verlage dagegen sperren lieber die Leser aus

Peter Sloterdijk hatte es geahnt: Das Lokale sei aufgerufen, der Schicksalsmacht der elektronischen Globalisierung die Stirn zu bieten, schrieb der Philosoph 2005 in seiner Schrift Im Weltinnern des Kapitals. Fünf Jahre später tritt das Lokale tatsächlich seinen Siegeszug an, allerdings ausgerechnet im Globalisierungsmedium Internet.

Während Großzeitungen an Auflage verlieren, Löhne kürzen und Mitarbeiter entlassen, blühen Lokalblogs auf und stellen sogar ein. Gerade verkündete der Macher des Senkrechtstarters Heddesheimblog, fünf weitere Lokal­blogs aufzubauen und drei bis vier Mitarbeiter einzustellen, mit einem Gehalt von 3.000 Euro monatlich. Der Blog aus der 11.500-Einwohner-Gemeinde bei Mannheim ist eine der vielen kleinen Erfolgsgeschichten im Netz: Im Mai 2009 begann der Lokaljournalist Hardy Prothmann zu bloggen, im September hatte heddesheimblog.de laut eigenen Angaben bereits 640.000 Seitenzugriffe – mehr als etwa die Regionalzeitung Potsdamer Neueste Nachrichten im selben Monat.

Angetreten war Prothmann mit dem Motto „Bratwürste gehören auf den Grill, nicht in den Journalismus“. Damit kritisiert er vor allem die Lokalberichterstattung der Zeitungen, die nur Termin- und Gefälligkeitsberichte lieferten, sprich: „Bratwurstjournalismus“.

Damit befindet er sich in bester Gesellschaft: Lokalblogs wie hohenlohe-ungefiltert.de oder Lokalsportportale wie fussball-passau.de ernten Tausende von Klicks mit Inhalten, die Lokalzeitungen nicht mehr oder nur ungenügend abdecken.

Auch der Mikroblog-Dienst Twitter hat die Zeichen der Zeit erkannt: Mit dem neuen Angebot „Local Trends“ können Nutzer das Gezwitscher künftig nach Land und Städten filtern. Lokalnachrichten im Sekundentakt also. Allerdings ist das Angebot noch auf 15 Städte in den USA beschränkt und vorerst kann es nur rund ein Prozent der Twitter-User nutzen.

ANZEIGE

Die Verlage haben dagegen das Lokale als Melkkuh ausgemacht. Nach dem Axel-Springer-Verlag will nun auch die WAZ-Gruppe I-Phone-Apps herausbringen, hauptsächlich für Lokalnachrichten. Gegen Geld natürlich.

Der Schweizer Verleger Urs Gossweiler kritisiert: „Wenn wir jetzt Bezahlcontent einführen, dann schwächen wir die Kanäle Internet und Mobile und verlieren Werbeerlöse. Ich begreife nicht, dass sich Verleger so viele Gedanken darüber machen, wie sie Aufmerksamkeit und Kunden verlieren können.“ Die Lokal­blogs wird es freuen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Nouveau Cologne schrieb am 28.01.2010 um 22:33
Verglichen mit Hardy Prothmann bleibt Sloterdijk ein Bratwurstphilosoph.
André Rebentisch schrieb am 29.01.2010 um 23:21
"Lokalblogs erfüllen Peter Sloterdijks Forderungen und nehmen den Kampf gegen die elektronische Globalisierung auf..."

Nein, die schreiben einfach nur was.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG