Alltag

Eventkritik | 09.02.2010 16:00 | Katharina Miklis

"Fick das Feuilleton, Alta!"

Während die Kritiker "Zeiten ändern dich" in der Luft zerreißen, lieben die Fans Bushidos Film. Unsere Autorin war mit der Zielgruppe im Kino

Ein Multiplexkino im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Anlaufstelle für die Kids aus dem Osten der Stadt. Hier, wo die Sneaker etwas greller glänzen und die Autos etwas tiefer liegen, steht eine Schlange von Teenagern vor dem Kino. Jogginghosen, wohin man blickt. Ihre Träger sind gekommen, um eine Biografie zu sehen, an der sich die Geister scheiden. Die Biografie von Bushido. Vom Feuilleton wurde Zeiten ändern dich von Bernd Eichinger und Uli Edel in den letzten Wochen gnadenlos niedergeschrieben. Von einem „müden Kleinbürgertheater“ und „hohlen Film“ schrieb die Zeit. Die Süddeutsche machte sich über den „dramaturgisch ziemlich misslungenen Aufsteiger-Film“ lustig. Kaum eine Zeitung, die die verfilmte Biografie des „Skandal-Rappers“ nicht verriss. Doch die Kids, die an diesem Abend vor dem Kino Schlange stehen, kümmern sich nicht ums Feuilleton. Dies ist keine Pressevorführung und am Ende warten auch keine Häppchen auf Journalisten. Hier geht die Zielgruppe des Berliner Rappers ins Kino.

Kevin zum Beispiel. Der ist zwar erst elf, aber in Begleitung eines Erziehungsberechtigten darf er sich heute den Film ansehen. „Einfach nur krass geil“ findet er Bushido und trottet mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und großem Coolness-Sicherheitsabstand Papa hinterher. Der hofft darauf, dass sein Sohn einfach noch zu jung ist, um Bushidos Texte, die zum Teil wegen menschenverachtender Inhalte auf dem Index stehen, wirklich zu verstehen. „Scheiß auf Abitur. Fick das Business. Spuck auf Pädagogen, Lehrer und Erzieher...“ Der berühmte Schulabbrecher weiß, was seine Fans hören wollen. Er hat es vom Berliner Ghetto bis ganz nach oben geschafft – als Role Model aller unterprivilegierten Problemkinder.

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"Nutte? Is doch cool!", meint das Mädchen
Im Kinosaal öffnet sich eine Gruppe von Jungs, die wie Bushido auszusehen versuchen, mitgebrachtes Bier. Zwei Mädchen, deren Outfits Mutti sicher nicht erlaubt hat, staksen mit hohen Schuhen über den Kinoteppich. Ein Problem mit den frauenfeindlichen Texten von Bushido haben sie nicht. Ihr Freund nenne sie auch Nutte, sagt die eine, findet das aber „cool“. Kichernd suchen sie ihre Plätze. Das Licht geht aus. Film ab. Der Berliner Rapper stammelt dilettantisch aus dem Off. Wenn es nach den Filmkritikern ginge, müssten alle Zuschauer in kürzester Zeit beschämt im Kinosessel versinken. Aber es kommt anders.

Zeiten ändern dich ist ein vor Pathos triefender Film über Bushidos Vorstellung von „Ehre“ und „Respekt“. Mutti geht über alles. Aber auf der Straße wird gedealt und geprügelt. Böse-Buben-Spielchen verpackt im romantischen Gossenkitsch. Eine tiefergelegte Pilcher-Schmonzette mit Berliner Ghettovierteln statt schottischer Landschaften, besprühtem Waschbeton statt saftiger Wiesen und viel Proll-Bling-Bling statt Tweed und Perlen.

All diese kleinkarierten Kritikereinwände sind den Bushido-Fans herzlich egal. Es stört sie nicht, dass ihr Vorbild alles andere als ein guter Schauspieler ist. Ihnen ist egal, wenn Kritiker keinen Sinn in dem Film erkennen. Hier im Kino ertönen Bushido-Sprechchöre. Wenn der Deutsch-Tunesier erklärt, er sei „kein Kanake, den man das Klo runterspülen kann“, wird zustimmend gejohlt. Vereinzelt stehen die Leute auf und klatschen. Es wird gelacht. Und zwar anders als bei der Pressevorführung nicht über den Film. Sie finden es wirklich lustig, wenn Bushido seine wohlerzogene Freundin im spießigen Elternhaus auf dem Katzenfell nimmt oder der Tätowierer ihn fragt, ob er Mama „auf dem Schwanz tätowiert“ habe.

"War ja gar nicht so schlimm", findet der Vater

Die Kids im Kino gehen ab wie Bushido auf dem Katzenfell. Das andernorts eher verkannte F-Wort ertönt häufiger als „Danke“ oder „Bitte“. Als der neue Leinwandstar sich prügelt, schreit ein Mädchen von den letzten Reihen „fick sie, Alta!“. Später wird Kenan, 16, im Foyer erzählen, dass er sich wie Bushido „von der Gesellschaft gefickt“ fühle. Derlei gehört in Wandsbek zum guten Ton, und so meint Kevins Vater nach der Vorstellung fast erleichtert: „War ja gar nicht so schlimm.“

„Du spürst die Blicke und du weißt du bist hier nicht willkommen. Ich bin wie du und du wie ich, es gibt eine Hand voll wie wir“, rappt Bushido. Und auch, wenn der millionenschwere Rapper mittlerweile mit Mutti und Golden Retriever in einer Villa im gediegenen Berlin-Dahlem wohnt, sehen die Fans da oben auf der Leinwand einen von ihnen. Einen, der es geschafft hat. Einen, der die Schule geschmissen hat, der gedealt und Wände besprüht hat und dessen Leben jetzt vom weltbekannten Mainstream-Produzenten Bernd Eichinger verfilmt wurde. Bushido hat es allen gezeigt. Sein Film steht auf Platz zwei der Charts. Er hat sie alle „gefickt“. Auch das Feuilleton.

 
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Kommentare
born2bmild schrieb am 09.02.2010 um 20:10
Bitt' Sie, was ist das eigentlich: Bushido?« fragte der Panther und spielte Eichelas aus.

»Bushido? hm,« brummte der Löwe zerstreut, – »Bushido?« –

»Na ja, Bushido,« – ärgerlich fuhr der Fuchs mit einem Trumpf dazwischen, – »was Bushido ist?«

Der Rabe nahm die Karten auf und mischte. »Bushido? Das ist der neueste hysterische ›Holler‹! Bushido, das ist so ein moderner ›Pflanz‹, – eine besondere Art, sich fein zu benehmen, – japanischen Ursprungs ... "

Das ist der Anfang einer Erzählung von Gustav Meyrink.
Weiter geht's hier:
tinyurl.com/ya5c6bc
kopfkompass schrieb am 10.02.2010 um 08:46
Sein Auftritt gestern bei Maischberger war aber wirklich kinoreif. Wie angestrengt und verkrampft er versuchte, intelligent zu spielen, was freilich scheitern muss, wenn man's kein bisschen ist, seine hanebüchenen Versuche, die Dinge wie Kunst, Freiheit oder Erziehung zu erklären und der verzweifelte Versuch, seinen fluffigen Sprechblasen durch die häufige Verwendung der Floskel "Frau Maischberger" ein kleines bisschen zu beschweren waren zum Schreien komisch.

Was hat Mutti nur falsch gemacht?
Magda schrieb am 10.02.2010 um 09:21
Hier auch ein Rap:

Bushido der Rapper der ist der ist
ein verlognes, sich fickendes Stück Mist Stück Mist
bekifft und bescheuert doch er rechnet sich
Bushido der Rapper auf dem Gelddealer-Strich

Rülps

Was mich an diesem wildgewordenen Kleinbürgertypen stört, ist die Heuchelei. Er hämmert und rappt den Kids die Worte ein und guckt dann in die Luft und redet davon, dass sich sowas - im Leben - nicht gehört.

Und sowas gefällt jungen Leuten - ich hoffe, ich denke, die meisten stehen da auch drüber.

@ vorn2bmild - Hier meldet sich Tschitrakarna das vornehme Kamel.
Vielleicht beenden ja die Leute auch mal "Bushidos" Ruhm, wenn die Ressourcen knapper werden.

@ kopfkompass - Mir gings auch so gestern bei der Maischberger so: So ein absolutes A... ist ein Vorbild für Jugendliche. Nee, ein warnendes Beispiel kann sowas mieses nur sein. Aber ich merke schreckensstarr - er weckt Emotionen. Furchtbar.
SteinMain schrieb am 10.02.2010 um 09:46
Na ich beneide diese jungen Typen auch nicht gerade, die so, mal 30 jahre jünger als ich, mit dem schwulen wirtschaftskonservativen Dreck konfrontiert werden, so 20 jahre nach dem Ende des "sozialistischen schlendrians", ich glaub ich werde gleich wieder mal zensiert, hihi, ....
Aber mal im Ernst, ich war auch mal so 15 oder 20, und habe durchaus Respekt vor einem Menschen, der sich sein Recht erkämpfen will.
Früher waren wir halt mehr so drauf, unsere Intelligenz herauszubilden, wenn man heute mal in der Türkenschule war, ist das wohl anders.

Trotzdem, RESPEKT.
born2bmild schrieb am 10.02.2010 um 18:59
"Früher waren wir halt mehr so drauf, unsere Intelligenz herauszubilden"
Man merkt, wo nichts war, konnte nichts 'herausgebildet werden'. In einer 'Türkenschule' hätte eventuell noch etwas gefunden und 'herausgebildet' werden können.
Pech gehabt. Kein Respekt.
Jan Jasper Kosok schrieb am 10.02.2010 um 12:16
Ein Link zum Thema.

"Mit ihm bewohnst du jetzt samt Mama und vielen, vielen stiernackigen Bodyguards anscheinend eine Villa im biederen Lichterfelde. So heißt es in den Medien. Da grillst du, schneidest die Hecken und hörst Depeche Mode. Okay. Ich gönn es dir. Nur erzähl uns nichts vom Ghetto, von Verzweiflung und Ehre." Alice Schwarzer
Maike Hank schrieb am 10.02.2010 um 12:27
Mit dem Schrieb hat sich wiederum die Mädchenmannschaft auseinandergesetzt.
Jan Jasper Kosok schrieb am 10.02.2010 um 12:42
Dann verlink sie doch auch. ;) fixed
digitus schrieb am 10.02.2010 um 22:55
Danke für diese "Frontberichterstattung" ...

*kreisch*

Scheint ja ein richtiges Kulturprogramm zu sein :-)
Albi schrieb am 11.02.2010 um 00:57
Fick beide! Das Feuilleton und Bushido!
Bushido schreibt Texte mit kindischer Gangsterromantik für 14jährige Alcopopper, die, dank der auf sie zielenden Musikvermarktungsmachinerie, scharenweise das Album kaufen. MTV, Labels und Musikmarkt sind das eigentlich interessante, nicht Bushido.
Ich finde es schade, dass die Feuilletons der FAZ, Zeit etc pp, und auch hier beim Freitag ihre Fähnchen munter in den WInd hängen. Ein Artikel über Bushido, der polarisiert - kommt gut. Aber welchen Mehrwert hat der Leser davon? Es gäbe genug gute deutsche Rapper. In den Tiefen des sog. "Untergrunds" scheinen die Mainstreammedien aber nichts zu sehen.
Albi schrieb am 11.02.2010 um 01:26
aprospos:
Ingo Arend schrieb am 13.02.2010 um 10:52
hallo albi, nichts gegen das ficken. macht schon laune. aber das feuilleton? und auch noch das freitag-feuilleton? was meinst du damit, dass wir hier unsere feuilleton-fähnchen in den wind hängen? wir haben bushido souverän ignoriert und uns in der jüngsten print ausgabe wirklicher, ernsthafter kunst, nämlich der agrippina-premiere in der berliner staatsoper gewidmet (seite 14, ist leider noch nicht im netz). wenn das kein anti-mainstream ist?! :-)
im ernst: was vermisst du, was gefällt dir? du müsstest vielleicht konkreter sagen, was dir aufstößt, sonst kann man darauf schlecht antworten.
hier noch ein hinweis auf einen bushido-artikel im freitag. ist noch nicht so ewig her. und immer noch super.
www.freitag.de/2007/39/07391602.php
schöne grüße
Albi schrieb am 13.02.2010 um 17:43
"wir haben bushido souverän ignoriert und uns in der jüngsten print ausgabe ..." Ok, ich muss bei dieser Gelegenheit wohl gestehen, dass ich den Freitag nur online lese.
Zur Konkretisierung der Kritik: Sie richtete sich garnicht sosehr gegen dieses Artikel, sondern gegen die mE unausgewogene Berichterstattung zum Thema Rap. Es wird fast ausschliesslich über Berliner Mainstream-Gangsterrap a'la Bushido berichtet, der damit implizit als charakteristisch für deutschen Rap dargestellt wird. (wie gesagt: nicht durch einzelne Artikel wie diesen hier, aber durch die Flut der Artikel wie diesen und die Ignoranz anderer Rapströmungen). Die (szenefremden) Leser der genannten Medien erhalten damit ein sterotypes Bild von Rap. Das finde ich einfach schade. Gerade in den Freitag würde doch auch einmal ein Artikel passen, der dieses Bild etwas gerade rückt und den künstlerisch und politisch relevanten Rap beleuchtet. Oder?
Ingo Arend schrieb am 13.02.2010 um 19:02
das leuchtet mir vollkommen ein. wir werden uns drum kümmern!
Albi schrieb am 13.02.2010 um 20:38
Das freut mich sehr und ich bin gespannt auf das Ergebniss. Als kleine Anregung: In Berlin gibt es derzeit zwei interessante Rapper (Audio88, Yassin) mit deren Texten sich der eine oder andere Freitag-Leser evtl. identifizieren kann.. ein Beispiel: www.youtube.com/watch?v=STVjkW099pw
Albi schrieb am 14.02.2010 um 02:25
Hiermit wird meine Meinung bestens ausgedrückt, im Rap ist es ein bisschen wie beim Fussball, aber ernster. ("Im TV diskutieren sie allerernstes noch über die gut gelungenen Straßen"..."Reich"..."In die Luft" ..."Krone" ..."scheißen" ... "In die Krone"):
mustermann schrieb am 11.02.2010 um 14:22
Aggression ist geil. Flach-flacher-geht nicht.
zelotti schrieb am 12.02.2010 um 00:27
Das hält man ja im Kopf nicht aus. Früher gab es mehr Lametta. Ist der denn wirklich so populär? Oder nur nen Coon-Sänger für die mit Migrationshintergrund?
Tiefendenker schrieb am 12.02.2010 um 13:04
Im Grunde ist Buschido doch genau so eine Witzfigur wie Helge Schneider oder Horst Schlämmer, nur das das gewollte Kunstfiguren von sehr intelligenten Machern sind, die liebenswert komisch sind und ganz bewusst andere, vielleicht real ähnliche Personen, lustig auf die Schippe nehmen.

Bushido - der ja sehr real ist - kreiiert gewissermaßen auch eine Kunstfigur - und die ist auch komisch - aber eben unfreiwillig, weil er zeitgleich mit ihr identisch ist, ohne es zu merken...quasi wie ein "echter Horst Schlämmer". Er kann aus seiner Sicht der Welt, aus seiner Ontologie, nicht raus. Allein die von ihm verwendeten Begriffe (genau wie bei Helge und Horst) veranschaulichen doch, wie er alles um sich herum wahrnimmt und reflektiert. Er macht sich dabei nicht nur selbst zum Löffel, sondern ist eigentlich sehr bedauernswert...und dass sich junge Menschen reihenweise mit ihm identifizieren lässt tief blicken, was den unreflektierten Horizont dieser Generation angeht.
Albi schrieb am 14.02.2010 um 02:34
Ja schon klar "der unreflektierte Horizont DIESER Generation" ... du Mutti!
THX1138 schrieb am 14.02.2010 um 19:03
Als ich damals nachhause kam und Sex Pistols auf den Plattenteller legte, waren meine Eltern entsetzt: "Stell den KRACH ab, mein Gott, willst DU uns ins Grab treiben?!"

Nun bin ich selber Vater. Und meine Tochter, die hört... Rap. Kennt sie alle beim Namen, diese Rapper, findet sie alle total cool, Mann. Ich kannte sie damals auch alle beim Namen: the Clash, the Exploited, Violent Femmes, die goldenen Zitronen... die toten Hosen notabene u.v.a.m.

Und mein Vater wiederum, der konnte seine Eltern mit den Beatles "schockieren".

Und mittlerweile ertappe ich mich dabei, manchmal genauso reagieren zu wollen, wie seinerzeit meine Eltern bei mir und meine Grosseltern wiederum bei meinem Vater und der wiederum...

Die Zeiten ändern sich und alles bleibt beim alten, mehr gibt es dazu gar nicht zu sagen, finde ich.


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