Alltag

Eventkritik | 04.03.2010 16:00 | Irene Habich

Nichts besseres als die Zukunft

Frank Schätzing hat wieder mal eine Idee: Er liest nicht aus seinem Buch „Limit“, sondern stellt es multimedial vor

Es wird dunkel im Saal, alles blickt auf die Leinwand, die Bilder einer Mondlandschaft zeigt, dazu läuft Musik, die etwas an Titanic erinnert. Die Lautstärke steigert sich, dann schlurft Erfolgsautor Frank Schätzing auf die Bühne, in der Hand einen E-Book-Reader, und beginnt das erste Kapitel aus seinem neuen Roman Limit zu lesen. Die „multimediale Show Limit Live“ hat begonnen, mit der Schätzing zur Zeit durch Deutschland tourt. Er will sein Buch nicht einfach nur vorstellen, sondern nach Kräften inszenieren. Trotz Eintrittspreisen von bis zu 32 Euro ist der Termin im Leipziger Gewandhaus, seiner zweiten Station, ausverkauft.

Voll im Sternennebel

Es ist etwas schwer, sich auf das zu konzentrieren, was Schätzing liest. Alles wird mit Musik und Geräuschen unterlegt und bei der ausführlichen Beschreibung von Weltraumtechnik – Limit spielt zum Teil auf dem Mond – wollen einfach keine Bilder im Kopf entstehen. Aber dafür gibt es ja die Leinwand mit schönen Aufnahmen aus dem All. Schätzings Stimme erhebt sich, und er verfällt aufgeregt immer stärker in Kölner Mundart, als ein Astronaut gegen Ende des Kapitels im Weltraum verunglückt. Auf der Leinwand fährt die Kamera in einen Sternennebel. Dieser Auftakt wird das Maximum an Literatur bleiben, das der Autor seinen Gästen zumuten will.

Eine weitere Episode aus dem Buch hat er gleich komplett verfilmt, es geht darin um die Nachrichtensendung der Zukunft. Sie kommt teilweise vom Mond, denn Limit spielt im Jahr 2025. Schätzing hat ein paar zusätzliche Scherze eingebaut: Sein Heimatverein, der 1. FC Köln, führt demnach in 15 Jahren die Bundesliga-Tabelle an, und Joopi Heesters lebt immer noch. Das Publikum lacht. „Willkommen in der Zukunft“, begrüßt der Autor nach dem Einspieler seine Gäste und beginnt über sein Buch zu reden. Warum sein Roman in der nahen und nicht in der fernen Zukunft spiele? Anthropologen hätten herausgefunden, dass das Vorstellungsvermögen der Menschen nicht weiter als ein paar Jahre in die Zukunft reiche. Ob er das jetzt auf seine Leser bezieht oder auf die eigene Phantasie, bleibt offen. Überhaupt ist es heikel, wenn Schätzing über Einfallsreichtum redet, schließlich wird ihm oft vorgeworfen, seine Roman-Ideen der wissenschaftlichen Forschung abgeschaut zu haben. Auch vieles, worum es in Limit geht, gibt es schon als Vorhaben oder Idee – die Nutzung von Helium drei als Energiequelle etwa. Wie das funktionieren könnte, erklärt der Schriftsteller noch mal vereinfacht in Peter-Lustig-Manier und mit Hilfe einiger hübscher Video-Simulationen.

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Wer das Buch gelesen hat, dürfte sich langweilen, der Abend ist die Zusammenfassung von 1.300 Seiten. Dementsprechend entwickelt er sich zu einer Mischung aus Infotainment und seichter Comedy. Alles muss nur irgendwie mit Zukunft zu tun haben. Unfreiwillig komisch ist der Videoclip zum Thema Zukunftssorgen. Riesige, traurige Gesichter von Menschen verschiedenen Alters werden projiziert, sie rappen: „Die Zukunft schlägt mir auf den Magen“. Dazwischen schaltet sich immer wieder der Autor mit ein paar Statistiken ein. „17 Prozent der Deutschen besuchen Wahrsager. Die Menschen vertrauen bezüglich der Zukunft mehr auf Schamanen als auf sich selbst!“, ruft er empört in den Saal. Oder auch bloß auf Frank Schätzing: Sein letzter Roman Der Schwarm verbreitete mit Endzeit-Szenarien voller riesiger Flutwellen auch nicht gerade Hoffnung. Und es gibt immerhin Menschen unter seinen Lesern, die glauben, dass Schätzings Romane „bis zu 80 Prozent wahrscheinlich“ seien.

Toller Weltraumsex

Auf der Leinwand erscheint Jan Josef Liefers als fiktive Romanfigur von Schätzing, eine etwas abgenutzte Idee. Er soll eine Szene nachspielen, allerdings handelt es sich dabei um eine Verfolgungsjagd, und Liefers darf immer nur „Achtung“ und „da geht’s lang“ brüllen. Begeisterung brandet hingegen auf, als Schätzing zum Thema Weltraumsex kommt („die Amerikaner waren zu prüde, die Russen zu besoffen“), die Kölner Stadtbetriebe mit al Qaida vergleicht und das Publikum zu mehr Mut für die Zukunft aufruft („Wir wollen den Kuchen, haben aber nicht die Eier dazu!“).

„Willkommen in der Zukunft“, wiederholt sich Schätzing am Ende der Show. In seinem Buch ist es der Lieblingssatz eines größenwahnsinnigen Mondhotel-Besitzers, der seine eigenen Werke gerne in spektakulären Multimedia-Events präsentiert. Was nicht nötig wäre, weil sie eben schon spektakulär sind, zum Beispiel das Mondhotel. Eine gute Analogie zu Schätzing, fragt man sich doch, was die Show überhaupt will. Schätzing hat sich dem Allround-Marketing verschrieben, ohne es nötig zu haben. Seine Bücher haben sich bestens verkauft, auch ohne Show und bevor sich Schätzing für den Unterwäschehersteller Mey ausgezogen hat – wobei er immerhin eine bessere Figur gemacht hat als an diesem Abend. Sie haben sich als Bücher verkauft, nicht als Event und (noch) nicht als Film, hinter dessen Möglichkeiten eine solche Show ja zwangsläufig zurückbleiben muss.

Komisches Marketing

„Ehrlich gesagt, war ich schon enttäuscht davon, was hier als multimedial angekündigt wurde“, murrt ein Besucher. Ein anderer: „Da ist heute doch eigentlich einiges mehr möglich. Von dem Geld hätte ich zweimal in Avatar gehen können.“ „Das war nicht mehr als ein Versuch“, so das harte Urteil seiner Begleiterin. Hätten die Gäste nicht gerne etwas mehr vorgelesen bekommen? „Da wäre er ja schön blöd“, sinniert eine andere Frau, „der will das ja verkaufen.“ Ob es nicht auch blöd sein kann, eine Marketingveranstaltung zu besuchen und dafür das gleiche Geld auszugeben wie später noch einmal für den Roman, ist eine andere Frage. Wer das Buch kauft, kann es immerhin noch signieren lassen. Schätzing wirkt charmant und natürlich, immer wenn Frauen zu ihm kommen, sagt er laut: „Halloo!“ Ein Fan schenkt ihm Gutscheine für sechs Kölsch, andere lassen sich mit ihm fotografieren. Vermutlich kaufen sie das Buch nicht wegen, sondern trotz der seltsamen Show.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
misterl schrieb am 04.03.2010 um 22:51
Ich war ja nicht dabei - aber vielleicht verkauft man in naher Zukunft Zeitungen wie Bücher genau so, weil die Kinder der Generation Spassgesellschaft mit Playstation 7 und drei Mobiltelefonen gross geworden auf andere Reize gar nicht mehr reagieren wird?
hest schrieb am 10.03.2010 um 16:41
Ich habe die Limit-Show gestern in Berlin gesehen. Ganz so dämlich, wie im Artikel beschrieben, war sie nicht. Klar, den Vorwurf, hier selbstdarstellt eine Art Selbstüberschätzing auf einer Bühne herum, die er an sich nicht nötig hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso die Feststellung, dass ihn eine, wenngleich charmante Eitelkeit treibt. Wäre da nicht die Tatsache, dass sein erster Roman vier Millionen mal verkauft wurde. Denn Verkaufszahlen, Quoten, Kassenumsatz, Werbeumsatz, Lizenzeinnahmen – wer in diesen Disziplinen Rekordzahlen generiert, der hat – nach Logik der Massenmedien jedenfalls – sowieso immer recht. Also ist so eine „Show“ keine schlechte Idee. Warum soll „Literatur“ nur als Lesung, in Talkshows oder via Rezensionen zu medialen Märkten getragen werden?

Das Ganze ist nur eine kostenpflichtige Marketing-Veranstaltung? Ja, klar, aber das ist doch nicht ungewöhnlich. Für eine Buchmesse zahlt man ja auch Eintritt, für Tourismus-Börse, Funkaustellung, Grüne Woche, Autosalon - für eine Messe legen manche Familien mal eben 100 Euro Gesamt-Eintritt hin, um dann an hunderten von Marketing-Ständen unterwürfigst nach Werbe-Geschenken zu gieren und sich bei dümmlichen Mitmach-Spielchen wie Marken-Clowns zu benehmen. Mitmaching gab es bei Limit überhaupt nicht, doch auch Schätzing liess Goodies „verschenken“: auf jedem Sitz lag die erste CD der Hörbuchversion von Limit. „Anfixen“, na klar, denn das Gesamtwerk läuft auf 22 CD‘s (oder 1300 Seiten). Klapper, Klapper. Auch teure Pop-Konzerte werben oft unverhohlen für den Kauf von Tonkonserven und T-Shirts, obwohl die Besucher ja schon satt bezahlt haben, für Eintritt, Getränke, Toilettenbenutzung, Garderobe. Gleichwohl: solange man sich gut unterhalten fühlt ... .

Was nun „gut unterhält“, bleibt relativ. Schätzing bemüht sich als Ein-Mann-und-eine-Leinwand-Show um Abwechslung, setzt aber auf das Seichte. Das ist durchaus folgerichtig, denn vier Millionen, das meint doch, er hat breitest mögliche Leserschichten, von jung bis alt, von gering gebildet bis intellektuell, von unbelesen bis klugscheissend. Er flechtet geschickt Musik von Sci-Fi-Klassikern wie „2001“ ein, darf Einspieler zum „Weltraum-Fahrstuhl“ vom ZDF übernehmen. So bleibt er auf TV-Niveau, aber auch das muss ja nicht gleich „blöd“ bedeuten. Sind Joachim Bublath und Ranga Yogeshwar ja auch nicht (und machen ja dann auch TV zu Büchern).

Klar, den deutlich erkennbaren Science-Fiction-Fans und Technik-Nerds im Publikum dürfte Schätzings Geplauder zu lapidar sein. Doch der war jahrelang Werbeprofi. Er inszeniert Marken – hier „Limit“ – am liebsten ganzheitlich. Und er weiss, dass er mit seinen laut gedachten Umwelt-Energie-Machtpolitik-Überlegungen und den knalligen Weltraum-Fahrstuhl-Bewegtbildern vor allem eins stimuliert: das Bedürfnis, ja, die Sehnsucht der Zuschauer nach einer vorstellbaren, spannend erzählten Zukunft – und damit der nach der ganzen Geschichte, sprich: seinem Buch.

Zwingend ist die Show gewiss nicht. Ob Frank Schätzing ein zeitgenössischer Stanislaw Lem, ein neuer Herbert W. Franke oder ein deutscher John Brunner ist vermag ich nicht zu beurteilen. (So ein Vergleich mit großen Science-Fiction-Unterhaltern würde ihm gewiss gefallen; in der Show lässt er den Namen Dan Brown in abfälligem Kontext nennen). Ob die „Limit“-Show gar ein Wegbereiter für derlei Literatur-Events ist, würde ich nicht ausschliessen. Aber klar ist auch: spektakulärer, dichter und erhellender – Stichwort „No Limits“ – geht‘s bestimmt.


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