Matthias Dell
16.12.2009 | 16:00

Der amerikanische Baum

Kino James Camerons 3-D-Epos „Avatar“ erfüllt alle Erwartungen, die man an den größten Film aller Zeiten haben konnte

Eine kleine Geschichte vorweg: Vor zwei Jahren saß ich während eines Fluges nach New York neben einem amerikanischen Soldaten, der auf dem Weg vom Kampfgebiet im Irak in die heimatlichen Weihnachtsferien war. Zwischen uns entspann sich ein Gespräch, das irgendwann über die Wahl der Mittel ging. Mein Nachbar, der GI, konnte mit dem – aus welchen Gründen auch immer geäußerten – Nein Gerhard Schröders zum Irakkrieg wenig anfangen, wie er überhaupt die (kriegerische) Tat über jeglichen widerständigen Konservatismus stellte: Ein besonderes Übel waren ihm Leute aus Portland, die sich durch demonstrative Baumbesetzungen für den Erhalt eben dieser Bäume einsetzten. Dem GI schien solches Engagement wenig konstruktiv zu sein.

Der teuerste Film aller Zeiten bezieht aus diesem Zusammenhang – Schlachtfeld vs. Naturschutz – seinen zentralen Konflikt. Avatar, der erste „richtige“ Kinofilm des Regisseurs James Cameron seit Titanic (1997), dem seinerzeit teuersten, später auch erfolgreichsten Film aller Zeiten, spielt in den Sommermonaten des Jahres 2154. Der im Rollstuhl sitzende Soldat Jake Sully (Sam Worthington) erhält trotz seiner Behinderung die Chance, an einem wissenschaftlich-kolonialistischen Programm auf dem Planten Pandora teilzunehmen, für das sein verstorbener Bruder vorgesehen war. Wegen der genetischen Ähnlichkeit kann Sully den bereits produzierten Avatar übernehmen, der an Sullys Gehirn angeschlossen durch eine menschenfeindliche Welt schreiten kann: Auf Pandora gibt es keinen Sauerstoff, worauf die blauen, wesentlich größeren Ureinwohner (die, ironischerweise, Na’vi heißen) eingestellt sind, nicht aber die Menschen, die das Naturreich wegen eines wertvollen Bodenschatzes (der, ironischerweise, Unobtainium, „das Unbeschaffbare“ heißt) ausbeuten wollen.

Humanismus ohne Kitsch

Bei diesem zutiefst weltlichen Vorgang konkurrieren zwei Schulen: die Wissenschaft, die auf Erforschung, Dialog und Domestizierung (Englisch lernen!) der Eingeborenen setzt und von Dr. Grace Augustine repräsentiert wird (Sigourney Weaver, die, ironischerweise, als erste weibliche Actionheldin in der „Alien“-Reihe auftrat, deren zweiten Teil wiederum Cameron inszenierte). Und das Militär, an dessen Spitze der bilderbuchstiernackige Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang) steht, der seine zerstörerischen Missionen aus dem Pilotenstand immenser Flugschiffe mit der obligatorischen Tasse Kaffee in der Hand und der üblichen Lässigkeit leitet („Ich möchte zum Abendessen wieder zurück sein“). Für eine Weile in dem 160 Minuten langen Film steckt Soldat Sully in dem Dilemma, dass ihm sein Avatar zum einen uneingeschränkte Bewegung und die Entdeckung einer neuen Welt (samt neuer Liebe) ermöglicht, zum anderen der fiese Colonel ihm für den Verrat am wissenschaftlichen Ethos das Wieder-gehen-Können auf Erden in Aussicht stellt – soweit sollte die Medizin in 145 Jahren sein. Sully aber lernt auf Pandora nicht nur eine Frau kennen, sondern vor allem ein bedrohtes Naturreich schätzen und mobilisiert am Ende alle Wesen von Pandora, Na’vi wie Getier, um in einer Schlacht die feindseligen Menschen zurückzuschlagen – eröffnet freilich von einer Brandrede, die dem Colonel gut zu Gesicht gestanden hätte.

Diese schöne Geschichte, die schon bei oberflächlicherer Analyse Spurenelemente ziemlich vieler Mythen des Abendlandes erkennen lässt (Bibel, Faust, Pocahontas), die zudem relativ optimistisch erzählt wird (ein amerikanischer Soldat optiert mit aller Macht seines Guerillatums für das Andere anstelle des Eigenen) und einen Universalhumanismus vorstellt, der auch kitschiger propagiert werden könnte (Rocky 4), diese schöne Geschichte ist nicht das, was Avatar samt seiner angeschlossenen Verwertungskette zu einem erfolgreichen, wenn nicht dem erfolgreichsten Film machen soll – trotz seines Budgets im Bereich von 300 Millionen Dollar. Diese Geschichte ist ein Vorwand für die Technikschau, die Avatar darstellt.

James Cameron hat sich bei der Realisierung dieses Projekts gedulden müssen, bis die technologischen Möglichkeiten das aufwändige Filmen in 3 D sowie die Integration der ebenfalls dreidimensionalen Spezialeffekte erlaubten. Die Zeit zwischen Titanic und Avatar hat der Regisseur, über den sich im ökonomisch zugerichteten Hollywood vielleicht als einzigem noch die Geschichten genialen Größenwahns und explodierender Budgets erzählen lassen, mit Naturfilmen über den Meeresgrund und Fingerübungen in 3 D zugebracht. Von diesen beiden, an den Rändern des Erzählkinos existierenden Disziplinen der Kinematografie aus, will Avatar verstanden sein: Der Mythos von der unentdeckten, bedrohten Welt kann nicht vergessen machen, dass es sich eigentlich um bildgestalterisch avancierte Expeditionen ins Tierreich handelt. Bunt schillert das Biotop der Na’vi, und die fauchenden Nacktsäbelzahntigerähnlichen und der Hammer-Triceratops schließen die Urzeit der Erde mit ihrer Zukunft kurz. Auf der anderen Seite füllt die Avatar-Geschichte die Leere der Technikhuberei auf, die im 3-D-Kino zumeist nur dürftig bemäntelt ist. Für die Liebe etwa verlangsamt Cameron seine Erzählung jedes Mal, lässt sentimentale Musik ertönen (Komposition: James Horner), und possierliche Quallentierchen fliegen wie Pollen durch die Luft, um dem 3-D-bebrillten Zuschauer vor der Nase herumzutanzen.

Beherrschung in jedem Pixel

Avatar ist von einer technischen Perfektion, die staunen macht. Ob damit aber tatsächlich eine neue Epoche des Kinos ihren Anfang nimmt, mag bezweifelt werden. Noch immer ist die 3-D-Technik etwas, das beherrscht werden will, und eben dieses Bemühen um Technikbeherrschung ist Camerons Film in jedem Pixel anzumerken – es wirkt auf die Geschichte, die perfekt designt ist, es ist der Integration von Bildgestaltungen anzusehen, die man bislang aus versonnenen Werbespots von Digitalkamerafotodruckern kannte, es äußert sich im Blick aufs Andere, der Elemente aus dem Tourismusmarketing nicht verhehlen kann.

Avatar erinnert ein wenig an einen SUV, dieses überdimensionierte Panzerauto für den Stadtverkehr: Man kommt damit theoretisch überall hin, fährt aber vor allem auf Straßen wie all die anderen Autos, die vier Räder haben, und ist am Ende eben ein Auto, bei dem man auf dem Rücksitz die Kinder und im Kofferraum die Einkäufe unterbringt. Avatar ist in gewisser Weise Alles-in-einem, anschlussfähig in alle Richtungen, wofür es im Film ein treffendes Bild gibt. Die Na’vi und Avatare müssen sich mit ihrem Fluggerät immer über ein nervenbündeliges Bioport am Haarausgang vernetzen; die Bedeutung der riesigen Bäume für das Zauberreich Pandora verdankt sich ebenfalls diesem Verbindungsgedanken: Die Wissenschaftler um Dr. Grace haben herausgefunden, dass die Bäume untereinander verbunden sind – wie ein Nervensystem oder eben auch wie das Internet. So kommt man mit Avatar zwar theoretisch überall hin, am Ende ist es aber doch nur: ein Film.