Alltag

Netzgeschichten | 15.04.2010 14:00 | Gina Bucher

Das Netz stellt die Robin-Hood-Frage

Greenpeace konfrontiert Nestlé in einem Spot mit blutigen Orang-Utan-Fingern in einer Kitkat-Verpackung. Der Vorwurf ist nicht ganz haltlos, aber auch nicht ganz korrekt

Die Guten in dieser Geschichte sind die Campaigner einer NGO, die Bösen sitzen im Hauptsitz von Nestlé. Schauplatz ist das Netz, die Spielregeln sind demokratisch. Die Guten kritisieren die Bösen mit deren Waffen und erreichen damit eine Reaktion, die sie als Erfolg werten. Aber dürfen die Guten für ihren Vorwurf einen komplexen Inhalt auf einen knackigen Slogan verkürzen, so wie das die Bösen routiniert in der Werbung tun, ohne damit an Glaubwürdigkeit zu verlieren?

Spot mit blutigen Orang-Utanfingern

Der Nestlé-Konzern verwende für den Schokoriegel Kitkat Palmöl, für das Regenwald in Indonesien abgeholzt und Orang-Utans sterben würden. Sagt Greenpeace, illustriert die Behauptung in einem Spot mit blutigen Orang-Utan-Fingern in einer Kitkat-Verpackung und stellt ihn zur viralen Verbreitung ins Netz.

Die Mobilisierung „von unten“ funktioniert lehrbuchartig. Empörte Facebook-Kommentare verleiten darauf den Konzern dazu, die Spots zu löschen, eilig beschwichtigende FAQ’s zu schalten und den Vertrag mit Sinar Mas, einem der kritisierten Palmölproduzenten, zu kündigen. Nestlé reagiert aus PR-technischer Sicht fatal, der Spot verbreitet sich umso mehr und für Greenpeace ist Nestlés Reaktion ein Erfolg bewusster Konsumenten gegen einen mächtigen Konzern.

 

Verkürzte Kausalität einer komplexeren Realität

Die Erklärung auf die Frage „Warum Kitkat schlecht für Orang-Utans ist“ erfolgt darauf in einem weiteren Spot. Die Darstellung von Greenpeace ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Nestlé verwendet zwar Palmöl für Kitkat – aber so wie zahlreiche andere Produzenten auch: für Margarine, Chips, Kosmetika oder Waschmittel. Die meisten beziehen das Öl von verschiedenen Zwischenhändlern und Anbietern, mehrheitlich aus Indonesien und Malaysia. Die Behauptung, Nestlés Kitkat töte Orang-Utans, ist damit die verkürzte Kausalität einer komplexeren Realität. Vielmehr müsste kritisiert werden, dass die Bezugsquellen von Palmöl durch die globale Verflechtung intransparent sind.

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Dürfen die ehemals Ohn-Mächtigen anfangen, ihre Macht zu missbrauchen? fragt deshalb etwa Mirko Lange in seinem Blog talkabout´s posterous. Der CEO einer PR-Agentur muss es wissen. Das Mittel der Skandalisierung ist in der Werbung und PR so legitim wie gängig, entsprechend fragen auch immer mehr Konsumenten bei großen Konzernen skeptisch nach. Agiert aber eine NGO mit demselben Prinzip, wird die Argumentation gerne kritiklos übernommen. Sind denn die Bösen sowieso böse und die Guten per se gut?

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Frontbumpersticker schrieb am 15.04.2010 um 17:13
Oh, Danke für die Blumen. :)
Michael Preiner schrieb am 15.04.2010 um 21:40
Der Artikel beleuchtet für mich eine wichtigen Aspekt des Netzes, allerdings diesen auch nur halb. Denn Greenpeace war und ist auch in der Offlinewelt seit Jahren nicht zimperlich, wenn es um Aufmerksamkeitsökonomie geht. Mit seinen nahezu 3 Mio. Fördermitgliedern weltweit ist Greenpeace natürlich eine riesige Macht und weiß dies auch immer wieder zu nutzen. Die Frage, die ich mir seit längerem stelle ist, warum viele Glauben das Netz müsse besser sein als das "normale" Leben. Das Netz ist ein - wenn auch verzerrter - Spiegel unserer Gesellschaft. Und die spannende Frage wird sein, ob die Aufschauklungsmechanismen im Netz auch für eher destruktive Zwecke genutzt werden könnten. Mit Unibrennt und ähnlichem werden immer wieder Fälle von demokratiepolitisch positiv rückwirkenden Aufschauklungsmechanismen präsentiert so auch Prof. Kruse bei der re:publica. Was aber wenn diese Aufschauklungsmechanismen gegen Minarette, Burka oder "grauhaarige" Michaels losgetreten werden. Die Veränderung von Massenmedien zu Medien der Massen müssen in ihrer gesellschaftlichen Relevanz noch deutlicher und auch nachhaltiger diskutiert werden. Ich betrachte diesen Artikel mal als Anfang einer entspannten, aber trotzdem interessanten Wertediskussion innerhalb der Internetcommunity.
data schrieb am 16.04.2010 um 17:01
Ich kann die Kritik nicht ganz nachvollziehen. Es ist praktisch unmöglich, den Sachverhalt mit irgendeinem Grad von Genauigkeit in die Medien zu bringen.
Erfahrungen aus den Gesprächen zeigen auch, dass die Aufmerksamkeitsspanne oftmals nicht ausreicht, um derart komplexe Sachverhalte vollständig zu erklären. Von daher finde ich es durchaus legitim.

Den Punkt, dass es ja auch andere Konzerne gebe, und dass diese ja auch alle Palmöl verwenden, kann ich ebenfalls nicht ganz unkommentiert lassen. Greenpeace hat, auch wenn das natürlich, weil nicht spektakulär, nicht in den Medien steht, seit zwei Jahren Verhandlungen mit vielen Unternehmen in dieser Frage geführt. Der grösste Abnehmer, Unilever, konnte allerdings auch so überzeugt werden. Nestle als bekanntes Unternehmen und einer der übrig gebliebenen ist einfach das Vehikel, um den gesamten Sachverhalt überhaupt an die Öffentlichkeit zu bringen und langsam Druck u.a. auf Sinar Mas aufzubauen.

Natürlich stimmt es aber, dass häufig sehr stark Zusammenhänge vereinfacht werden, aber ohne das wäre z.B. der Klimawandel noch immer nicht auch nur ansatzweise in der Öffentlichkeit angekommen.
mirkolange schrieb am 16.04.2010 um 17:45
Lieber Freitags-Redaktion,

danke für die Verlinkung, auch an Frontbumpersticker.

@data - im Laufe der Zeit verwässert die Kritik irgendwie. Ich hatte weder die Pointierung an sich kritisiert noch den Beitrag von Nestle relativiert. Man kann, darf und soll pointieren.

Es geht um den manchmal sehr schmalen Grad zwischen "Pointierung" und "Täuschung". Kein Mensch bestreitet, das Kitkat als Produkt und Nestlé als Unternehmen *einen* Anteil an der Zerstörung des Regenwalds haben. Aber ob dieser Anteil relvant ist - auch und besonders im Vergleich zu den vielen anderen, die ja aben auch beteiligt sind - darüber sollte sich jeder Bürger ein Bild machen können.

Greenpeace hat nicht nur in großer Unverhältnismäßigkeit den Anteil übertrieben (bis hin zu dem Eindruck, dass Nestlé der Allein- oder Hauptverantwortliche wäre), Greenpeace hat auch noch gezielt den Bürger getäuscht, um ihn zu instrumentalisieren. Das klage ich an. Das ist perfide. Das erinnert mich an Lynchjustuiz. "Der Mob" läuft mit und will Blut sehen - und weiß eigentlich gar nicht genau, worum es geht.

... auch wenn es in diesem Fall für einen guten Zweck war.

Mirko Lange
Gina Bucher schrieb am 16.04.2010 um 18:57
Bleibt die Frage, wie für eine gute Sache glaubwürdig geworben werden kann? Und wie auf eine schlechte Sache differenziert, ohne Polemik aufmerksam gemacht werden kann? – und man damit trotzdem die Masse erreicht, nicht nur eine affine Splittergruppe, unabhängig von der Art des Mediums.
mh schrieb am 16.04.2010 um 19:02
ohne polemik gehts nicht mehr.

mfg
mh
Michael Preiner schrieb am 16.04.2010 um 20:06
Tja hier haben wir leider immer das selbe Problem. Eine gute Sache aus wessen Sicht ;-). Und ohne Emotionalisierung und vielleicht auch Polemik gelingt es nicht mehr das Grundrauschen in den Medien zu überwinden. Dies führt zu immer mehr Sensation ob mit oder ohne Substanz. Wenn ich mir die Klickraten bei meinen Tweets, Facebookeinträgen oder Blogbeiträgen ansehe, dann komme ich zum Ergebniss: Je mehr Reizworte, desto höher die Klickrate, je differnzierter und akzentuierter die Headline,desto weniger interessiert es jemanden. Ce la vie. Also ruhig weiter polemisch sein.


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