Alltag

Mobile Friseurin | 15.07.2010 14:00 | Susanne Lang

Cut'n'Roll

Marlies Weigert wäscht, schneidet und legt die Haare ihrer Kunden bei ihnen zu Hause. Sie ist die erste mobile Friseurin Berlins: Abenteuer oder zeitgemäße Alternative?

Das Navigationssystem hat gute Nachrichten: „Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht“. Marlies Weigert lässt den Wagen langsamer rollen. Einige Meter weiter findet sie die Lücke. Sie parkt, steigt aus, öffnet den Kofferraum ihres blauen Kombis und holt ihr Werkzeug heraus: einen Rollkoffer, einen Kastenkoffer und eine Falttasche. Sie stapelt den Kasten- auf den Rollkoffer, hängt sich die Tasche um die Schulter. Dann läuft sie in Richtung Hausnummer vier, begleitet vom Rattern der Kofferrollen. Dort im dritten Stock hat Marlies Weigert dann ihren Bestimmungsort erreicht: Die Wohnung einer 90-jährigen Dame, die an ihren Haaren zupft, als wolle sie schon einmal vorarbeiten. Sie sagt: „Heute machen wir Locken!“ Weigert, eine zierliche Frau mit schwarzen kinnlangen Haaren, stellt die Koffer ab und lächelt zur Begrüßung: „Ja“, antwortet sie, „heute sind die Locken dran.“

Es ist kurz nach 11 Uhr an diesem Donnerstag, die Sonne scheint und Marlies Weigert trägt, passend zur Jahreszeit, statt ihrer schwarzen Arbeitshose eine weiße, dazu ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Kurzarmweste mit neongrüner Aufschrift: dierollendenfriseure.de. Die Internetadresse bezeichnet und bewirbt ein neues Geschäftsmodell: Die Friseurmeisterin hat in Berlin die erste Filiale des in Karlsruhe ansässigen Franchise-Unternehmens „Die Rollenden Friseure“ eröffnet und versorgt ihre Kunden zu Hause.

Einen Großteil akquiriert sie über das Internet, dort lassen sich nicht nur Termine buchen, sondern individuell anfallende Kosten berechnen: Grundpreis je nach Länge der zu schneidenden Haare plus Kosten für Farb- und Make-Up-Wünsche plus Anfahrt (die ersten zehn Kilometer sind frei). „Heute läuft es nur noch über Internet“, sagt Weigert, „auch bei vielen älteren Kunden, die wirklich fix sind mit ihrem Laptop.“ Was älter heiße? „Älter ist für mich ab 60“, sagt Weigert und lacht. Gut 230 Stammkunden habe sie gewonnen, seit sie sich vergangenen November als mobile Friseurin selbstständig gemacht hat – zusätzlich zu ihrem Salon, der als einziges Standbein noch nicht tragen würde.

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Eine dieser Stammkundinnen wartet nun im Wohnzimmer ihrer Wohnung und äußert den ersten Wunsch: „Unten muss viel kürzer werden,“ findet die 90-Jährige. Weigert nickt und sagt: „Erstmal waschen wir“, während sie Stühle verschiebt, ihre Falttasche mit einem lauten Kratsch ausklappt und auf den Boden legt. Neben Scheren, Bürsten und Trockengeräten ist sie ihr wichtigstes Arbeitsutensil: Die Matte soll Haarschnipsel oder Farbkleckse auffangen und so garantieren, dass die Wohnung danach genauso aussieht wie zuvor. „Das ist Grundlage unseres Modells“, betont Weigert, die es ansonsten ganz angenehm findet, mal nicht Gastgeberin zu sein. „Wollen Sie eine Tasse Kaffee?“, fragt da schon eine ebenfalls anwesende Bekannte des Sohnes der Kundin, die öfter vorbeikommt, seit die ältere Dame aufgrund eines Schlaganfalls nicht mehr sehr mobil ist. „Gerne“, sagt Weigert, während sie ihre Kundin mit nassen Haaren aus dem Bad zu ihrem Stuhl im Wohnzimmer führt. Ein Stückchen Kirschstreuselkuchen lehnt sie lächelnd ab, „bin auf Diät“. Die Bekannte nutzt die Gelegenheit, um ihre Magenprobleme zur Sprache zu bringen. Weigert hört zu, fragt nach, bekundet ihre Anteilnahme, während sie der Kundin Schutzmantel und neongrünes Handtuch über die Schultern legt, die Haare der Kundin kämmt, einen Wickler nach dem anderen in das dünne Haar eindreht und mit Gummiband verschließt.

Flexibel und frei sein

Auch die mobile Haarhandwerkerin muss in ihrem provisorischen Salon als gute Gesellschafterin überzeugen, während sie den Ansprüchen und Bedürfnissen einer flexibilisierten Gesellschaft entgegenzukommen versucht. Nicht nur ältere Menschen, für die ein Salonbesuch zu beschwerlich wäre, auch viele junge Mütter und Familien nutzten laut Weigert den Homeservice. „Ich wurde aber auch schon ins Hotel gerufen,“ erzählt sie, „vor der Verleihung der Goldenen Kamera zum Beispiel.“ Für heute jedoch heißt Weigerts Auftrag: Locken, ohne Glamour.

Die Luft beißt mittlerweile beim Einatmen, Weigert hat die Lösung für die Dauerwelle auf die Haare aufgetragen und macht Pause. 15 Minuten Einwirkzeit. Warten, bis die Chemie die Haare lockt. Der Kanarienvogel im Käfig neben dem Sofa zirpt und piept und putzt sich mit einem Fuß am Kopf. Weigert nimmt einen Schluck Kaffee und hört ihre Mailbox ab, auf der eine ihrer Mitarbeiterinnen im Salon eine Terminänderung durchgegeben hat. Auch eine mobile Haarhandwerkerin muss eine gute Wirtschafterin sein.

Geld in Form von Eigenkapital zählt jedoch im Unterschied zu anderen Franchiseketten nicht zu den Voraussetzungen für eine „Rollende Friseurin“, betont Sebastian Klumpp, der gemeinsam mit seiner Frau die Geschäftsidee hatte und die Franchise-Zentrale in Karlsruhe leitet. „Wir suchen Friseure mit richtig viel Leidenschaft und einem eisernen Willen, Erfolg zu haben,“ sagt Klumpp. Ein Arbeitstag wie dieser, mit den vielen Stunden des Wartens, auf dem Weg zu den Kunden oder in Einwirkpausen – lohnt sich der denn? „Es rechnet sich,“ sagt Weigert. „Meistens mache ich drei bis vier Termine pro Tag, mehr wäre fast nicht zu schaffen.“

Auch Klumpp betont die Vorteile der mobilen Dienstleistung, die meisten rollenden Friseure an den bundesweit mittlerweile zehn Standorten wollten das Gefühl beruflicher Freiheit nicht mehr missen. „In vielen anderen Branchen sprechen wir von Gleitzeit, frei wählbaren Arbeitszeiten und flexibleren Arbeitsformen – wir leben dieses Zukunftsmodell bereits,“ so Klumpp. Die Kehrseite: Die Grenze der Arbeitsbelastung ist nach oben offen. Der Druck, Aufträge anzunehmen, hoch. „Ich bin jemand, der sehr schlecht Nein sagen kann,“ gesteht auch Weigert. „Da muss ich auf mich aufpassen.“

Weitere Mitarbeiter für ihren Franchise-Ableger findet sie nur schwer: „Die meisten waren zu unflexibel.“ Ab kommender Woche bekommt sie Unterstützung von einer Kollegin, mit der sie sich das Stadtgebiet aufteilen wird. Die Konkurrenz in der Branche bleibt dennoch hart, vor allem in Großstädten, wo in den Neunzigern plötzlich Friseurläden mit Nummernsystem und einem Preis ab 10 Euro pro Haarschnitt auftauchten. Weigert klingt verärgert bis verständnislos ob des Kulturwandels. „Am Ende zahlt der Kunde auch dort mehr,“ meint sie, da jede Einzelleistung extra berechnet werde. Auch der immer wieder geforderte Mindestlohn wirkt eher wie ein hilfloser Versuch, die Arbeit von Friseuren gerechter zu entlohnen. „Entscheidend ist der Umsatz eines Salons,“ sagt Weigert, „ein Mindestlohn kann auch in die Pleite führen.“

Erster Salon nach der Wende

Dafür scheint gegen eine andere Konkurrenz für Friseure nun ein Mittel gefunden zu sein: All die Schwarzarbeiterinnen, die ihre Kunden zu Hause für wenig Geld bedienen. Warum aber sollten die Leute bei Weigert mehr bezahlen? Eine der Antworten heißt bei ihrer ersten Kundin an diesem Tag schlicht: die „Eule.“ Sie habe die Haare so zuunrecht geschnitten, dass sie sich immer verunstaltet fühle. „Bei mir kämen die Kunden dann zurück und wollten ihr Geld wieder haben“, sagt Weigert.

Die Einwirkphase der Dauerwellenlösung ist fast um, Weigert steht auf und überprüft die Wickler auf dem Kopf der 90-Jährigen. Ihre erste längere Pause an diesem Arbeitstag wird Weigert gegen 16 Uhr in ihrem Salon einlegen. Bei Currywurst und Kaffee. Durchatmen, bevor sie die gereinigte Unterlegmatte wieder falten, all die Koffer im Kombi verstauen und zu ihrem Abendtermin um 18 Uhr aufbrechen wird – der zweiten von insgesamt drei Sitzungen bei einer Braut, die sich nicht nur frisieren, sondern ausführlich beraten lassen möchte, von den Haaren bis zum Make-Up. Irgendwann nach 22 Uhr wird Weigert nach Hause kommen, im Internet die Termine checken, bevor sie sich am nächsten Morgen zwischen sieben und acht Uhr wieder auf den Weg machen wird. An sechs Tagen die Woche.

Weigert löst die Wickler aus den Haaren der alten Dame. Nun wird die Trockenhaube für 20 Minuten surren und heiße Luft ventilieren. Danach frisiert Weigert mit Bürste und Festiger-Spray, klassisch, schreibt die Rechnung und nimmt ihr Honorar entgegen. Plus Trinkgeld. Und Anschlusstermin. Weigert faltet die Matte, packt die Koffer, sucht den Autoschlüssel, verabschiedet sich. Unten auf der Straße verstaut sie die Koffer in ihrem Kombi, tippt eine neue Adresse ins Navi und lässt den Motor des Wagens an. Nächster Termin. Ein Ehepaar um die 70 wartet bereits, eine halbe Auto-Stunde entfernt.

Weigert wird dieses Jahr 50. Ihr Beruf mache ihr großen Spaß, wie sie mit leuchtenden Augen erzählt. Wie lange sie ihn ausüben wird? „Mal sehen,“ sagt sie, „keinesfalls aber bis zum offiziellen Rentenalter mit 67.“ Das könne kaum jemand. Außerdem: „Wer würde gern zu einer Friseurin gehen, die mit über sechzig noch am Stuhl steht?“ Sie selbst steht dort seit 1978, als sie in der DDR eine Friseur-Ausbildung machte – bis heute ihr Traumberuf, auch wenn er sich seit damals aus politischen und gesellschaftlichen Gründen sehr verändert hat. Gestaltungsspielraum ermöglicht er aber immer noch.

Dabei spricht sie von großem Glück, dass es geklappt hat. „In der DDR war der Beruf privilegiert, Voraussetzung war mindestens die Note zwei im Schulabschluss. Oder Vitamin B.“ Heute, im Westen, könne man sich das nicht mehr vorstellen, da viele Friseur lernten, die nur mit Ach und Krach die Hauptschule geschafft hätten. „Aber die Massenabfertigung in der DDR war der Alptraum,“ erinnert sie sich. „Bis zu 15 Kunden pro Tag waren Pflicht.“ Im Unterschied zu heute kamen die Leute bis zu zweimal die Woche, und das nicht etwa, weil sie frisurbewusster gewesen wären: „Es war billig“, sagt Weigert. Die Planerfüllung im Ost-Salon machte ihr zu schaffen, auch wenn sie dafür privilegierten Zugang zu Kleiderläden bekam. „Mein Traum war es immer, mehr Freiheiten zu haben,“ erzählt sie. Gleich nach der Wende eröffnete sie ihren ersten Salon in Wittenberg, den sie vor einem Jahr verkauft hat. Zwischendurch frisierte sie für L’Oréal auf Deutschland-Touren Modelle für Shows. „Ich weiß gar nicht mehr, wo ich damals die Power hergeholt habe,“ sagt sie und lacht. „Power“ ist irgendwie ja auch als mobile Friseurin angesagt.

Na, wie sehe ich aus?

Das Navigationssystem meldet sich. Der Bestimmungsort ist mal wieder erreicht. Ein Westplattenbau. Weigert parkt, packt die Koffer und klingelt bei ihren nächsten Kunden, ein Ehepaar, Berliner-Originale. Begrüßung. Die Frau ist als erste an der Reihe. Weigert wäscht im Bad die grauen Haare, die gleich in dicken Büscheln auf die Matte fallen werden, die in der Küche ausgefaltet liegt. Der Mann schlurft hinzu und verkündet seinen Entschluss, ebenfalls auf dem Friseurstuhl Platz nehmen zu wollen.

Er: „Schau mich nicht so an!“

Sie: „Ich schau Dich nicht an.“

Er (seufzt): „Ja, das war früher, ne!“

Weigert lacht, nimmt der Frau den Umhang ab und zeigt ihr im Spiegel die neue Frisur. Die Frau nickt zufrieden. Der Mann nimmt Platz. Und hat eine Frage: „Warum können Haare nicht nach innen wachsen? Dann hätte ich meine Ruhe.“ Weigert zwar auch keine Arbeit mehr, aber sie lacht, während sie mit dem Haarschneider die Stoppeln um die Glatze herum stutzt. Die Frau guckt zu.

Er: „Na, wie sehe ich aus?“

Sie: „Sehr gut.“

Er: „Also grauenvoll wie immer, ja.“

Weigert grinst. Und nimmt das Ganze als das, was es ist: die Bekundung der Zufriedenheit. Auch wenn sie sich an diesen Humor, wie sie sagt, erstmal gewöhnen musste. Als mobile Friseurin weiß man eben nie so genau, wohin das Navigationsgerät einen führt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Technixer schrieb am 15.07.2010 um 15:44
Ich frage mich allen Ernstes wie zum Beispiel für einen Herrenhaarschnitt solche Preise zustande kommen. Der Stundenlohn vieler FrisörInnen reicht doch vorne und hinten nicht aus. Beispiel Frisör Klier, zahlt 4,50€ "netto" in Berlin Marzahn. Für einen Fassonschnitt, wo der Arbeitsaufwand bei ca. 15 Minuten liegt, und nur minimaler Materialaufwand, 18€ zu verlangen ist mehr als Dreist. Vor allem weil bei dem Arbeitssklaven nichts ankommt.

Wie soll sich eigentlich eine KassiererIn, AltenpflegerIn, ArzthelferIn solche Preise leisten können? Wir haben eine wachsende Altersarmut, vor allem bei Alleinstehenden, wie soll sich ein Ömchen mit 700€ Rente einen Frisörbesuch für locker 50,- € leisten?
Die Rollenden Friseure schrieb am 15.07.2010 um 23:34
Hallo Technixer, wir geben Ihnen absolut Recht, es kann nicht sein, dass einige Friseurunternehmen ihren Mitarbeitern derartige Löhne bezahlen, dass diese nicht davon leben können und somit zusätzlich unsere Gesellschaft in Form von Wohnzuschüssen etc. belasten.
Genau dagegen haben wir uns entschlossen. Ein Haarschnitt ist ein gutes Stück Handwerk und so sollte dieser auch entlohnt werden, von Arbeitgebern aber auch von Kunden. Qualität hat ihren Preis, so arbeiten wir nicht mit "einfachen" Maschinenschnitten sondern beweisen echte Handwerkskunst. Unsere Meinung ist, dass nur ein gut bezahlter Mitarbeiter Spass an der Arbeit haben kann. Spass führt unserer Meinung nach zu hervorragender Qualität. Mitarbeiter sind ein gutes Stück Verantwortung, dem werden wir mit unserer Unternehmeskultur gerecht.
goedzak schrieb am 15.07.2010 um 23:48
"Die Dauerwelle wird nie wieder kommen." - Freut mich außerordentlich. Sogar meine Mutter, kürzlich 70 geworden, hat sich von ihr verabschiedet. Jetzt sieht sie 10 Jahre jünger aus!

Ein feines Porträt, passt gut in den 'Alltag', wie ich ihn mir u.a. vorstelle.
Susanne Lang schrieb am 16.07.2010 um 15:39
Mit 70 noch so einschneidende Veränderungen - Kompliment! :)
KalleWirsch schrieb am 16.07.2010 um 10:59
Das hört sich ja alles ganz sonnig an. Aber wieviel bleibt denn nun am Ende bei der mobilen Friseurin. Wenn sie drei bis vier Kunden am Tag schafft, und mehr ist nun wirklich nicht realistisch, kann sie an einem guten Tag vielleicht 200 € Umsatz machen. Davon gehen dann die Materialien, Spritkosten und Unterhalt fürs Auto ab. Nicht ersichtlich bleibt, was sie an das Franchiseunternehmen zahlt. Das, was dann unter dem Strich übrig bleibt ist ja noch nicht versteuert und vergessen wir nicht, dass die Friseurin als Selbständige ihre Krankenversicherung selbst zahlen muss und sich um ihre Altersvorsorge selbst kümmert.
Ich will das Konzept gar nicht schölecht reden, denn ich vermute, dass wirklich mehr übrig bleibt als bei den Kolleginnen einer Kette. Es interessiert mich nur. Und der miese Lohn bei Klier und Co kann ja wohl auch nicht der Maßstab sein. Insbesondere, wenn ich als Selbständiger das Risiko selbst trage. Nicht zu vergessen die besondere körperliche Beanspruchung bei mobiler Tätigkeit, eines Berufes, der eh schon sehr gesundheitsschädigend ist.

Allgemein ist interessant, dass sich alle Leute darüber aufregen, dass Friseure so wenig verdienen, aber im gleichen Atemzug über die Preise meckern. Oder auch gerne mal über die Qualität eines 7€ Haarschnitts (tatsächlich letzte Woche noch gesehen). Wer einen Haarschnitt haben will, der lange hält und gut aussieht, der muss eben tiefer in die Tasche greifen, denn ein guter Haarschnitt braucht vor allem zwei Dinge: Gutes Handwerk und Zeit. Dass sich die meisten Menschen einen teuren Haarschnitt nicht mehr leisten können liegt ja nicht an den Friseuren.
Manchmal kommt mir das vor, als kaufe man sich ein Billig T-Shirt bei Kick o.ä. für drei Euro und druckt dann "Gegen Kinderarbeit" darauf.
Susanne Lang schrieb am 16.07.2010 um 15:45
Lieber KalleWirsch,

mich hat das auch ehrlich gesagt gewundert, genaue Zahlen kann ich da nun nicht liefern, ist ja auch Frau Weigerts Sache, wieviel genau ihr bleibt. Dass es sehr anstrengend sein kann, al mobile Friseurin, kann ich mir dafür gut vorstellen - nach diesem einen Tag, an dem ich sie auf den Terminen begleitet habe. Die Frage ist ja auch immer, was dann ist/ wäre, wenn man selbst nicht mehr so belastbar ist...

Und was die Kunden angeht: Vielen Dank für den Hinweis, das ist wirklich ein interessanter Wiederspruch. Der dann wieder zu der Frage führt, wie sehr sich jeder in erster Linie doch als Konsument nur sieht und kostenoptimiert handeln zu versucht. Auch wenn man ansonsten überzeugt für kritischen/bewussten Konsum eintritt. Wahrscheinlich aber ist das dann etwas für Psychologen...
KalleWirsch schrieb am 16.07.2010 um 16:12
Liebe Susanne Lang,

Das wundern glaube ich gerne. Die Formulierung "Es rechnet sich" liest sich auch ziemlich ausweichend.

Und zum Körperlichen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Arbeitsbedingungen als mobiler Friseur von der Berufsgenossenschaft abgenickt werden würden. Im Salon gibt es seit Ewigkeiten die KopfÜberWaschbecken nicht mehr, Sitzhilfen für den Schnitt sind vorgeschrieben. Der Beruf ist sowieso der Bandscheibenkiller. Man kann das jetzt knickerig nennen. Aber eine Friseurin in einem normalen Salon ist mit 55 körperlich durch, ähnlich wie Altenpfleger. Auch bei der häuslichen Pflege sind die körperlichen Beanspruchungen viel höher. Auch da wird dieser Mehrbeanspruchung nicht bezahlt.

Eins noch - das Portrait an sich mochte ich sehr.
Susanne Lang schrieb am 16.07.2010 um 16:36
Danke, das freut mich zu hören :)

Das Körperliche: Wusste ich gar nicht, dass Sitzhilfen vorgeschrieben sind. Im Grunde auch eine der eher hilfloseren bürokratischen Maßnahmen gegen die körperliche Belastung, wie mir scheint...
Technixer schrieb am 16.07.2010 um 17:23
Commander Kalle; die Frage meinerseits war gewesen wie solch hohe Preise für einen Herrenhaarschnitt zustande kommen. Ich geh jedenfalls (weil Student) zum 9,- € Frisi lege der Dame für die 15 Minuten Aktion 5,-€ Trinkgeld hin, weil es direkt in ihre Tasche geht.

Wenn ich weiß, dass ein Herr Klier Millionär ist und seinen Angestellten diese erbärmlichen Löhne zahlt bei gleichzeitig 18,-€ für Herrenhaarschnitt, bin ich einfach nicht bereit diesem Geldsack noch mehr in den Rachen zu werfen. Das hat nichts mit der Geiz-ist-Geil Mentalität zu tun, sondern mit dem Realismus, zu sehen wo die ganze sauer nebenbei verdiente Knete hinwandert...

Wer viel hat der kann sich sein Haar auch gerne bei der Machts Hair Kette versilbern lassen, aber die meisten Leute verdienen einfach auch zu wenig.

Mich nervt dieses, die Leute geben nicht genug aus, "eure Geiz-ist-Geil Mentalität ist an allem Schuld" und was nicht alles. Die meisten verdienen einfach nicht mehr soviel Geld um das alles noch bezahlen zu können, also wird immer so günstig wie möglich gekauft.

Auf Nachdenkseiten wurde eine Statistik veröffentlicht, wonach die Spareinlagen sogar schrumpfen. Dies trift vor allem Menschen mit einem Einkommen bis zu 1200,- € Netto, also ein Großteil der Bevölkerung gibt schon mehr Geld aus als sie es sich eigentlich leisten können. Was ja dann auch wieder mit der steigenden Privatverschuldung korreliert.

Soll man nun deswegen wie der Struwwelpeter rumlaufen?
KalleWirsch schrieb am 17.07.2010 um 10:26
@technixer

Natürlich sollst du nicht wie der Struwwelpeter rumlaufen. Wir wissen ja, wie das endet.

Wie kommst du eigentlich auf Commander. Wenn schon mit Titel, dann bitte Kleiner König KalleWirsch. So viel Zeit muss sein. ;)

Ich teile deine Kritik an Klier und ähnlichen Blutsaugern absolut. Ich habe auch bewusst allgemein gesagt. Ich würde auch nicht sagen, konsumiert mehr, sondern weniger. Und dabei eben mehr auf Qualität achten. Wenn ich mir billige Schuhe bei Deichmann kaufe, dann weiß ich, dass ich sie am Ende des Sommer spätestens wegschmeißen kann. Schuhe, wo ich für die Qualität (und nicht nur fürs Design) mehr Geld ausgegeben habe, habe ich oft über Jahre. Unterm Strich sind die Deichmannschuhe sogar teurer, wenn man das hochrechnet.
Beim Frisör ist das ähnlich. Ich verstehe ja, den Gang zum 9€ Frisör. Aber dieser Haarschnitt kann nicht lange halten, weil er schnell geschehen muss und bei diesen Preisen eine handwerklich wirklich gute Leistung nicht möglich ist. Wenn du 25€ ausgibst, dauert der Haarschnitt auch schon mal ne halbe Stunde und hält länger (sieht auch oft besser aus). Es rechnet sich am Schluss. Die Frisörin eines solchen Salons bekommt auch mehr Geld als die 9€ Frisörin. Ich finde es super, dass du der Frisörin 5 € gibts und so auch ihre Arbeit anerkennst. Was aber machen die Arbeitgeber daraus. Trinkgeld ist immer noch ein Argument schlecht zu bezahlen. Du bist mit dem Trinkgeld eher die Ausnahme. Wenn die Leute weniger Geld haben, sparen sie Sachen wie Trinkgeld als erstes ein. Dann doch bitte lieber eher einen anständigen Lohn.

Die 18€ bei Klier sind übrigens wirklich ungerechtfertigt, weil Klier nicht besser bezahlt als 9€ Friseure und der Zeitdruck genauso ist. Da zahlst du also das doppelte für dieselbe Leistung. Das ist bei allen Ketten dasselbe.
Marlies Weigert schrieb am 19.07.2010 um 14:34
Hallo,

da ich die angeregte Diskussion mitbekommen habe, wollte ich mich ganz gerne hier nochmals persönlich zu Wort melden.

Frau Lang, ehrlich gesagt, war ich auch etwas erstaunt über die Formulierung "drei bis vier Termine", was jetzt fälschlicherweise als drei bis vier Kunden angekommen ist.
Der Tag, an dem Sie mich begleitet hatten, war eine Ausnahme mit eher wenigen Terminen, da ich mir ursprünglich freigenommen hatte und dann für die Reportage schnell Termine organisiert habe. Normalerweise legen wir die Termine so, dass wenig Fahrtzeit zu vielen Terminen führt und dann reden wir von bis zu 10 Terminen am Tag, wovon einige mit höheren Preisen wie zum Beispiel dem Brautservice oder Haarverlängerungen dabei sind. Das war an diesem Tag absolut anders, wie Sie sich ja erinnern, hatten wir viel Fahrtzeit.
Um es kurz zu machen. Also ja, "es rechnet sich" ist nicht nur ernst gemeint sondern eher verhaltend ausgedrückt. Wie auch im Artikel steht, finanziere ich meinen Salon durch die Franchisepartnerschaft von Die Rollenden Friseure, ich denke, dass sollte den Gewinn verdeutlichen.

Ich hoffe, ich konnte etwas zur Aufklärung beitragen.

Liebe Grüße

Marlies Weigert
Susanne Lang schrieb am 20.07.2010 um 15:39
Liebe Frau Weigert,

danke für Ihren Hinweis - ich hatte dann tatsächlich Termine mehr oder weniger mit Kunden gleich gesetzt. Ich hatte diese Anmerkung von Ihnen auch auf meinem Band, aber wahrscheinlich meinten Sie dann inklusive längerer Fahrzeiten wären mehr kaum möglich...

Beste Grüße Susanne Lang
B.V. schrieb am 17.07.2010 um 13:59
Mein Haar & Bartschneider hat mich 15 Euro (bei Aldi) gekostet (vor 5 Jahren). Ich lasse meine Haare (von Ausnahmen abgesehen) 2 - 3 Jahre wachsen, bis sie schulterlang sind, dann werden sie auf 1 cm abrasiert. Meine Haare wachsen sehr schnell.
Ich kenne aber auch einen Haardiscounter, an der Frankfurter Allee, der macht mir die Igelrasur für 4,50 Euro (Arbeitszeit keine 10 Minuten!), gibt man da noch 2 Euro Trinkgeld, hat es sich gelohnt.
Titta schrieb am 23.07.2010 um 22:10
Wäre ein Stundensatz von rund 30 €, da es ja nicht ganz 10 Minuten waren. Da muß ich mir wg. der 81 € für mehr als zweieinviertel Stunden Arbeit bei meinem vorgestrigen Friseurbesuch ja keine Gedanken machen. Und die 5-10 Jahre, die man danach jünger aussieht, sind eh unbezahlbar. Von daher lohnt es sich eh immer.
B.V. schrieb am 23.07.2010 um 22:27
2 1/4 Stunden? das würde ich nur unter Vollnarkose durchstehen :-)
Titta schrieb am 23.07.2010 um 22:47
Ich penne da auch regelmäßig fast bei ein;-)
Allerdings, wenn Sie meine Friseurin sehen und fühlen würden, da würden Sie sicherlich nichts verschlafen wollen. Bei mir geht das auch nur bei ihr, weshalb ich mit ihr inzwischen bereits dreimal in einen anderen Salon umgezogen bin. Meiner heißgeliebten Xxxx bin ich inzwischen schon länger verbunden als jedem Mann, scheint also wirklich eine besondere Beziehung zu sein, so komisch es sich vielleicht auch anhören mag. Aber wer darf "als Fremder" einem sonst schon so nahe kommen, so durch die Haare fahren und so lange an einem "rumfummeln"? Mir fallen da nur noch Ärzte und Physiotherapeuten ein.
B.V. schrieb am 25.07.2010 um 15:26
"Allerdings, wenn Sie meine Friseurin sehen und fühlen würden, da würden Sie sicherlich nichts verschlafen wollen. "

Ich bitte um die Adresse, um das gleichmal sehen und nachfühlen zu können ;-)

"Aber wer darf "als Fremder" einem sonst schon so nahe kommen, so durch die Haare fahren und so lange an einem "rumfummeln"? Mir fallen da nur noch Ärzte und Physiotherapeuten ein."

Stimmt.
Titta schrieb am 25.07.2010 um 18:37
"Ich bitte um die Adresse, um das gleichmal sehen und nachfühlen zu können ;-)"

Kann ich gut verstehen. Aber es schon schwierig genug, bei ihr einen möglichst baldigen Termin zu kriegen, ich warte doch nicht noch länger. :-p
B.V. schrieb am 25.07.2010 um 19:28
kann ich auch wieder verstehen :-))))
Titta schrieb am 26.07.2010 um 01:30
Wär außerdem von Berlin auch ziemlich weit weg.


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