Alltag

Alltagskino | 10.12.2010 14:50 | Mikael Krogerus

Im Namen des Vaters

Ein guter Vater, der seinen Sohn bei einer Lüge ertappt, verzeiht ihm. Aber einer liebt uns alle noch mehr: Gott! Wie aus einer 11-Minuten-Familienparabel heilige PR wird

Was habe ich gesehen?
Lump, 2005, Laufzeit: 11 Minuten, Regie: Rob Bell

Warum habe ich ihn gesehen?
Phil, ein amerikanischer Art Director und Freund, hat ihn mir gegeben; ähnlich vielsagend kommentarlos wie er mir letztes Jahr Die Hütte gegeben hatte, das Buch, das mich in meiner 52-Bücher-in-52-Wochen-Kolumne am meisten beschäftigte.

Worum geht es?
Zu kuscheliger Ambientmusik („Over the Pond“) erzählt ein junger Familienvater eine kleine Parabel aus seinem Alltag. Sie handelt von Fehlern, Lügen, Sünden. Und davon, dass sie uns immer wieder einholen im Leben. In seinem Beispiel geht es um den ältesten Sohn, der beim Lügen durchschaut aber nicht bestraft wird. (Es ging um einen kleinen weißen Ball, den er offensichtlich einem Nachbarsjungen gestohlen hatte). Als er einige Tage später ein zweites Mal lügt, konfrontiert ihn seine Mutter – pädagogisch schlau – mit der ersten Lüge. Der Junge fühlt sich ertappt, schämt sich und rennt nach oben, knallt mit der Tür. Dort bleibt er stundenlang unter der Bettdecke seiner Eltern verkrochen – weil es eben manchmal leichter ist, nach oben zu rennen, als der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Die Mutter ist genervt, der Vater geht nach oben, und überlegt sich, wie es weitergehen soll: Okay, der Junge muss seine Schuld zugeben. Er muss sich entschuldigen. Für die erste Lüge, für die zweite, er muss den Ball zurückgeben – eine Tortur. Kein Wunder eigentlich, dass er sich lieber hier oben versteckt, denkt der Vater. Er geht zu ihm, zieht die Decke zurück, dort liegt der Junge zusammengekrümmt, mehr ein Haufen (Lump, engl. „Klümpchen“) als ein Mensch.

Was macht man jetzt als Vater?

ANZEIGE

Riesenfrage. Die ganze Pädagogik läuft im Prinzip auf diese Frage hinaus. Im Film sagt der Vater zu dem Jungen: „There is nothing you can ever do that would make me love you less“. Groß, oder? (Da wäre ich, ganz im Ernst, nicht drauf gekommen; ich hätte genervt herumgemosert, zu müde, um richtig laut zu werden, zu uninteressiert, um ihm Kants kategorischen Imperativ näherzubringen.) Der Film endet – natürlich – mit dem Verweis, dass Gott uns liebt. Und dass er uns immer lieben wird, egal, was wir machen. („Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes.“, Römerbrief, 11).

Was bleibt?
Der Film ist im Prinzip ein Werbespot für Gott. Er ist sehr amerikanisch - also der Film, wobei, vielleicht auch Gott, – aber er ist gut. Denn er beschreibt in einer unwiderstehlichen Klarheit meine Gefühle für meine Kinder: There is nothing that you could do that would make me love you less. Ich sollte es ihnen bei Gelegenheit mal sagen.

Was sehe ich als nächstes?
The Reef

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Belle Hopes schrieb am 10.12.2010 um 15:28
Herr Krogerus, ist das ein Teaser für den nächsten Freitag- Salon? Richtig großherzig ist der Satz des Vaters, stimmt, richtig groß von Ihnen ist es die Mutter als die Wahrheit erkennbar zu machen (der kleine Junge rennt nach oben und stellt sich nicht der Wahrheit, der Mutter), oder hab ich da was falsch verstanden? .-) Abgesehen davon, mit Kants Imperativen sind selbst manche Abiturienten überfordert...welch Traumata könnte dies bei den Kleinen auslösen...
Mikael Krogerus schrieb am 10.12.2010 um 17:35
Da muss ich Sie enttäuschen – die Mutter wollte ich keinesfalls groß rausstellen, schon gar nicht als "die Wahrheit". Ich glaube nicht an eine besondere Rolle der Mutter in der Erziehung. Im Gegenteil: Dieser ganze Quatsch, dass Frauen mit dem Herzen denken und Männer lösungsorientierter sind, dass Frauen für das Passive, Männer für das Aktive stehen, Frauen für das Private, Männer für das Öffentliche, Frauen besser mit Kindern sind und Männer besser mit technischen Geräten … ich kann es nicht mehr hören. Das Schlimmste an diesem Märchen: Es sind ausgerechnet die Frauen selbst, die sich mit Inbrunst auf ihre mütterliche Urweiblichkeit berufen und das Emotionale, Friedliche und ewig Weibliche betonen. Ungewollt effizient liefern die dummen Urweiber jedem Traditionalisten die Argumente, warum Frauen nach den Kindern sehen sollten, während wir Männer besser arbeiten gehen. Wir wissen heute: Es ist völlig egal, von wem ein Kind liebevoll aufgezogen wird. Es geht darum, Kindern zu zeigen, dass sie in einer Welt leben, in der Frauen und Männer arbeiten. Einer Welt, in der Frauen und Männer Kinder versorgen, und dass keiner dafür einen Orden erhält.
Ich halte diesen Moment mit der Mutter zu Hause und dem Vater, der von der Arbeit kommt deshalb auch für einen echten Schwachpunkt in dem Werbespot. Ein anderer ist die Tatsache, dass ein Kind, das sich schämt natürlich nicht die allerschwierigste Situation ist. Was ist denn zum Beispiel, wenn das Kind nicht einsehen will, dass es etwas falsch gemacht hat?! Was sagt Gott dazu?
Belle Hopes schrieb am 10.12.2010 um 17:48
Huuuch, ich hatte das zwar ironisch gemeint, eher mich selbst auf die Schippe genommen als den Text, auch ih als Teaser zu bezeichnen war nicht ernst gemeint; aber nun gut, ich versuche zu antworten: was Gott dazu sagt weiß ich nicht, der scheint sich ja schon vor einer Weile verabschiedet zu haben, vermutlich schon als er die Frau aus der Rippe eines Mannes schnitzte und das ganze Dilemma seinen Lauf nahm. Dass ein Kind sich schämt kann ich noch gut nachvollziehen, Kinder sind eben Kinder und machen dummes ohne es böse zu meinen, das ist wohl ein Unterschied zu manchen Erwachsenen. Was die Rollen angeht, so halte ich Frauen zum Beispiel für lösungsorientierter, manches Klischee ist ein Klischee, manches empfinde ich aber als wahr, was ich begründe in der Schwangerschaft, die ja nun mal die Frau durch macht. Ich denke das Problem ist einfach die oft anzutreffende Unvereinbarkeit von Beruf und Elternschaft, die Paare ohne Millionenerbschaft in Rollen zwingt. So. Ich hoffe das trägt zur Klärung bei.
Belle Hopes schrieb am 10.12.2010 um 18:04
P.S. ich habe übrigens nichts gegen Ein- Mann/ Ein- Frau- Erziehung gesagt, falls das sie aufgebracht haben sollte.
Mikael Krogerus schrieb am 10.12.2010 um 18:30
Nicht aufgebracht, nur angeregt! Und nein, ich bin kein fan von Ein-Mann/Frau-Erziehung. Mir wäre das äthiopische Modell lieber, wo angeblich ein ganzes Dorf an der Erziehung beteiligt ist und dadurch dieses ganze Abarbeiten den Eltern auch irgendwie flach fällt.
Belle Hopes schrieb am 10.12.2010 um 18:35
das kann man sich leider nicht aussuchen fürchte ich; ich bin unfreiwillig Ein- Person- Erziehungskind. von Äthiopien kenne ich nur das Essen, was man dort ohne Besteck mit Fingern erledigt, das gefällt mir. mir ist noch eine Zeile von MUSE eingefallen: I´ll show you a god who falls asleep on his job." so viel dazu. LG


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Tilman Jens Axel Cäsar Springer – Ein deutsches Feindbild Herder 2012

180 Seiten. 20 Abbildungen. Gebunden.

16,99
 
Die Abneigung gegen Springer und die Springer-Presse eint 68er wie politische Linke bis heute. Auf Springer-Seite hingegen wird gerne jede Kritik ausgeblendet. Entweder Verdammung oder Heiligsprechung. Tilman Jens untersucht in seinem Porträt vor allem, welche Rolle das Feindbild Springer für die Identitätsbildung der 68er wie ihrer Gegner spielte >> mehr
Arte-Kooperation

 portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG