Alltag

Guerilla-Erotik | 01.11.2011 15:36 | Maxi Leinkauf

Gewagte Argumente

In Paris haben ukrainische Feministinnen nackt vor dem Haus von Dominique Strauss-Kahn demonstriert. Sie wollen den Sexismus bekämpfen - und bleiben selbst in ihm verhaftet

Während die großen französischen Zeitungen täglich pikantere Details über die angeblichen Verstrickungen des Ex-IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn in einen Prostituiertenring enthüllen, hockt der in seinem Pariser Stadthaus am Place des Vosges und harrt der Dinge, die da auf ihn zurollen.

Aber einfach mal in Ruhe vor die Tür gehen? Impossible.

Am gestrigen Montag wäre er da drei Damen begegnet, die (fast) bekleidet im New Yorker Zimmermädchen -Look den Boden vor der Tür wischen, später hämmerten sie auf selbige ein. Alle blond, alle sexy. Sie zeigten ihren Arsch und nackte Brüste, als sie dann anfingen, den Refrain von Voulez-vous coucher avec moi ce soir zu singen.

Mit Wischlappen und Plastikeimern bewaffnet schrien sie: "Schande auf dich" oder "Komm raus, wenn Du ein Mann bist". Auf den Transparenten, die sie vorbereitet hatten, stand: "Rausch der Macht" oder "Fuck me in Porsche Cayenne", eine Anspielung auf Strauss-Kahns Porsche-Affäre.

Die Aktivistinnen von FEMEN, einer ukrainischen Feministinnenbewegung, sahen aus wie Darstellerinnen eines weniger schmuddligen Pornos: Ein Fest für die Kameras, die bereits darauf warteten, das Happening zu filmen. Oder ist das eher eine originelle Weise der Demonstration?

Die Bewegung ist bekannt für ihre medienwirksamen "Oben ohne" - Aktionen, ihre Mitglieder wurden mehrfach verhaftet.

Seit 2008 attackieren sie, die sich in einer Kellerbar von Kiew treffen, mit ihren Auszieh-Demos die Prostitution und den Sextourismus in ihrem Land, der Ukraine, vor allem auch ihren Präsidenten, den "notorischen Sexisten" Viktor Janukovich.

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Nun sind sie auf Europa-Tournee und stellen sich zur Schau, gegen die "mächtigen und scheinheiligen Sexisten", die sie zu Fall bringen wollen: DSK, Bill Clinton, Silvio Berlusconi. "Man kann sein Geld und seine Kontakte einsetzen, um die Strafe zu vermeiden, aber die Schande wird niemals reingewaschen", rufen sie und nun sollen endlich auch die Französinnen rebellieren: "sich ausziehen und gewinnen".

Nackte Brüste als schlagendes Argument? Die Idee ist nicht neu und erinnert an das Peta-Prinzip: Für die Kampagnen der Tierschutzorganisation ziehen sich regelmäßig Promi-Frauen aus, zuletzt Clooneys Ex.

Nicht schön sein, sondern protestieren

Woodstock war in den Sechzigern die Arena, in der sich Nacktsein mit Sex, Drogen und politischem Statement verband. In den Achtzigern ketteten sich Frauen entblößt an Bäume, um die Umwelt zu schützen, doch sie spekulierten dabei weniger auf die Macht der Bilder. 1999 störten in Deutschland zwei halbnackte Pazifistinnen die Zeremonie des Gelöbnisses im Bendlerblock, als sie halb entblößt und mit Regenschirmen über den Platz liefen. Die Botschaft: "Bundeswehr abschaffen". 

Sie ernteten keinen Applaus für ihre Sexyness, lediglich die Schläge einiger Zuschauer, und einen süffisanten Kommentar von Chauvi-Kanzler Gerhard Schröder: "Es sind nicht immer die Mädchen mit den besten Figuren, die sich ausziehen."

Damals sei es nicht darum gegangen, schön zu sein, sondern um Protest, konterte die Guerilla.

Das ist nun anders geworden.

Die barbusigen ukrainischen Feministinnen sind mit Schminkkoffer und Dessous unterwegs (die nächste Station ist Rom, für eine Demo gegen Berlusconi und Papst Benedikt XVI. im Vatikan).

Die "Revolution der Frauen in Europa" rufen sie aus, schockieren mit ihren libertinen Aktionen und beschaffen sich Aufmerksamkeit, indem sie ihren nackten Körper für  feministische Werte einsetzen.

Negieren sie die damit nicht auf paradoxe Weise?

"Das ist sehr einfach, eine gute oder schlechte Werbung für sie, und die Journalisten sind zufrieden", kommentiert Blogger sachamour auf der Webseite von France-Soir. Ein anderer schreibt: "Ich verstehe die Forderung 'Fuck me in Porsche Cayenne' nicht, sie gibt DSK eher recht. Sollen das die Feministinnen sein, die die Verhältnisse ändern wollen?"

Sie wollen den Sexismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und bleiben in ihm stecken.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
r.v.puttin schrieb am 01.11.2011 um 18:20
DSK mag ein S..... sein,die darob Empörten natürlich moralisch im Recht,trotzdem sind Anprangerungen dieser Art höchst bedenklich(man denke bspw. auch an Kampagnen gegen ehem .Kinderschänder)!
Ein Rechtsbruch soll doch nach wie vor von Gerichten geahndet werden...sonst landen wir bald wieder bei Teeren,Federn und Lynchen...
eulen nach athen schrieb am 01.11.2011 um 23:38
Sie wollen den Sexismus bekämpfen - und bleiben selbst in ihm verhaftet


hierzulande nennt man sowas lutwalk.
Maxi Leinkauf schrieb am 02.11.2011 um 09:44
... und das bedeutet?
r.v.puttin schrieb am 02.11.2011 um 10:48
..."lutwalk" wie "slutwalk"?
...so wie oben:"Fuck me in my Porshe"?...oh fuck!
LuGr schrieb am 06.11.2011 um 13:50
Ja, auch mich hat die FEMEN-Aktion an die SlutWalks erinnert und ich finde es verfehlt, mit entblößter Haut GEGEN Sexismus oder für sexuelle Freiheit zu werben. Wenn Frauen mit ihrem Körper gegen Sexismus demonstrieren, sind sie selber schuld, wenn sie damit eine weitere Sexualisierung der Medien und Zentrierung - in als patriarchalisch angenommenen Gesellschaftsstrukturen - auf die reduzierte Wahrnehmung als Sexualobjekte vorantreiben.

Im Falle Strauss-Kahns mag die Protest-Aktion noch mehr Sinn machen als bei der katholischen Kirche oder gegen Berlusconi. Weil in Italien in den Medien - bei entsprechender Berichterstattung - dann Bilder gezeigt werden, die ohnehin schon von Bunga-Bunga-Parties oder von einem Berlusconi, der zwischen zwei drallen Blondinen mit großem Ausschnitt grinst, bekannt sind. In diesem korrupten Mediensystem würden entsprechende barbusige Protestaktionen eher als witzige Unterhaltung denn politisches Statement wahrgenommen.
Maxi Leinkauf schrieb am 07.11.2011 um 11:22
Ja, ein bisschen Eigentor-Happening, es ist eben nicht mehr wie 68...
LuGr schrieb am 07.11.2011 um 12:50
Zumal heute der Protest mit nackter Haut inflationär Anwendung findet und somit auch nichts Besonderes mehr ist.


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