Alltag

Musik-Kolumne | 15.02.2012 16:15 | Verena Reygers

Was aufregt

Unsere Kolumnistin wundert sich, dass der Mittelfinger von M.I.A. im Netz für mehr Aufregung sorgt als Whitney Houstons Tod. Großartige neue Musik gibt es von Speech Debelle

 

Erstaunlich wenig reagierte die Netzcommunity auf den Tod Whitney Houstons am vergangenen Wochenende. Mehr Schlagzeilen brachte die Grammy-Verleihung am Abend drauf und Adeles sensationelles Abräumen von sechs Grammys.

Aber was sind schon goldene Grammofone gegen einen aufrechten Mittelfinger. Den hielt M.I.A. die Woche zuvor in die Kameras, als Madonna ihr Popreich in der Halbzeitpause des Superbowls verteidigte.

Man könnte meinen, dass die Amis sich nach Nipplegate  über ein gezielt gezeigtes Stück Fleisch weniger aufregen, aber nein, für so was muss sich von offizieller Seite entschuldigt und am besten nur noch mit Triggerwarnung verlinkt werden. Auch Madonna war nicht amused. Einerseits sei so ein Fingereinsatz kindisch, andererseits habe es in der Atmosphäre von Liebe und Zusammengehörigkeit nichts zu suchen gehabt.

Mehr noch wird sie sich aber darüber geärgert haben, dass sich die Welt nun nicht mehr an ihren famosen goldenen Slip erinnert, der während der akrobatischen Performance hervorblitzte, sondern eben an M.I.A.s Mittelfinger. So sieht man es auch bei alter.net und fragte sich außerdem, ob man die Geste gar verdient habe.

Nicht zu Ruhe kam auch Lana del Rey. Nach der Häme über ihren Auftritt bei Saturday Night Live spekulierte die Netzgemeinde über die – dann doch nicht – abgesagte US-Tour der Künstlerin. Del Rey kann das alles herzlich egal sein. Ihr Album Born to Die belegt weltweit die vordersten Chartsplätze. Also alles gut im Lana-del-Rey-Land.

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Richtiggehend versöhnlich mit der Sängerin zeigte sich derweil stereogum. Im Zusammenhang mit del Reys Auftritt bei einer Plattenladenkette fallen mehrfach freundliche Worte, unter anderem über ihre "really nice" Performance bei Letterman. Und einen Link zum Video, das Lana del Rey zutraulich und entspannt inmitten heulender Fans zeigt. Demnächst werden ihr noch Muttergefühle angedichtet. Und nein, es nicht immer bloß hysterische Mädels, die Jungsbands bekreischen, manchmal sind umgekehrt die Jungs über so viel Star-Herzenswärme zum Schluchzen gerührt.

Und einen dicken Schulterklopfer gab es auch von Liz Phair. Im Speakeasy Blog des Wall Street Journal schreibt die Fuck-and-Run-Ikone, dass Lana del Rey genau das verkörpere, was sie zu inspirieren gehofft hatte, als sie sich vor zwanzig Jahren mit ihrem Debüt Exile in Guyville mit dem männlichen Rock-Establishment anlegte.

Nicht übermäßig talentiert

Dass del Rey nicht überwältigend talentiert sei, ist der Knackpunkt: Ein Wie-kann-sie-es-wagen ist selten eine Reaktion, mit der sich männliche Musiker rumschlagen müssen. Die gehen einfach hin, geben sich einen dämlichen Künstlernamen, versauen ein paar Performances und glauben trotzdem, sie seien die Größten. Mehr noch, es widerspricht ihnen keiner. Aber macht es eine Frau genauso, dann gnade ihr die Popkultur.

Als selbsternannte Anarcho-Feministin kennt sich Liz Phair aus mit Gegenwind. Ihr sexuell freizügig artikulierter Gitarrenrock machte die Popwelt wegen seiner Explizität nervös, mehr aber noch wegen des unverhohlenen Selbstbewusstseins der Frau dahinter. "Das Wichtigste war", sagt sie heute, "dass ich gehört wurde". Immerhin wurde Exile in Guyville vom Musiksender VH1 zu einem der 100 wichtigsten Alben aller Zeiten ernannt.

Kein Blatt vor den Mund nimmt auch Speech Debelle, deren zweites Album Freedom of Speech bei mir in Dauerschleife dudelt. Die englische Rapperin hat für ihr Debüt vor zwei Jahren den renommierten Mercury Music Prize gewonnen und galt da schon als legitime Nachfolgerin von Missy Elliott – nicht nur wegen des gemeinsamen Nachnamens, Debelle hört auf den bürgerlichen Namen Corynne Elliott. Allerdings vereint ihr HipHop jede Menge Soul, Jazz, Funk und Spoken Word Poetry in sich. Von Missy Elliott soll es in diesem Jahr übrigens auch ein neues Album geben, wie ihr Leib-und-Magen Produzent Timbaland verlautbaren ließ.

Zuletzt erschien 2005 The Cookbook, an das ich mich null erinnern kann, was wiederum daran liegen mag, dass Missy Elliott nach ihrem '97er Durchbruch mit Supa Dupa Fly kein berechtigter Höhenflug mehr gelungen ist. Dann lieber Speech Debelle hören ...

 
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Kommentare
crumar schrieb am 17.02.2012 um 11:53
Sehr geehrte Frau Reygers,

ihre These, wonach der Unterschied zwischen männlicher Selbstanmaßung und weiblicher die Reaktion des Publikums ist, die ersteres kritiklos goutiert und letzteres in der Luft zerreißt ist genau die Blindheit und Voreingenommenheit, die mich regelmäßig stört, wenn ich Ihre Kolumnen lese.

Nach ihrer Meinung müsste es also eine Musikkritik geben, deren Gender-Bias dazu führt, dass Musik gnädig gestimmt kritisiert wird, stammt diese aus der Feder und dem Mund eines Mannes und überkritisch, ist die Urheberin weiblichen Geschlechtes.

Ich würde sagen, es war und ist das genaue Gegenteil der Fall.

Als Beispiel die von Ihnen herangezogene Liz Phair.
Nur ihr Status innerhalb einer Post-Grunge community und ihre lyrics konnten doch verhindern zu analysieren, dass ihre *Musik* einfach nur Hilfsmittel zur Ausgestaltung des Textes war.
Man(n) musste gnädig überhören, dass bspw. alleine das Gitarren-Intro des von Ihnen herangezogenen Songs verblüffende Ähnlichkeiten mit diesem hier hat:
www.youtube.com/watch?v=BEgXe-gQxX4
und das es erstaunlich ähnlich wie hier weiterentwickelt wird:
www.youtube.com/watch?v=JwNDDKsaYYE&feature=related

Liz Phair hatte die Aufmerksamkeit nicht wegen, sondern trotz ihrer Musik und das Interesse an ihr erstarb, als auch die lyrics nichts neues mehr boten.
"Whatever happened to the heroes?!", nicht wahr.

Nun kommt also Lana del Rey und ein überaus gnädiger SPON-Artikel
www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,811590,00.html
hat die Chuzpe, sie scheinheilig mit David Bowie zu vergleichen.
Und zu fragen, was denn aus Bowie geworden wäre, wäre ähnlich kritisch zu Beginn seiner Karriere mit ihm verfahren worden.
Das liegt genau auf ihrer Wellenlänge.

Nun war Bowie sowohl theatralisch als auch musikalisch als Trendsetter für Experiment und Skandal zu haben - traf jedoch auf breite gesellschaftliche Ablehnung.
Während die Inszenierung eines Skandals heute nur den Eintritt in den Massenmarkt bedeutet.
Bowie war jedoch im Verlauf seiner Karriere erkennbar daran interessiert und in der Lage, sein musikalisches Spektrum zu erweitern - selbst wenn dies sein sein Publikum (und seine Plattenfirma) vor den Kopf gestoßen hat.
Stichwort ist hier die sogenannte "Berlin Trilogie".

Während Frau del Rey sich schon in der Intonation ihrer Stücke bei Stevie Nicks Beispiel:
www.youtube.com/watch?v=_Dsh9M6qnhE

und Elizabeth Frazier Beipsiel:
www.youtube.com/watch?v=tuxYIUsKDx0

bedient und ihre Stimme auffällig heruntergepitcht ist (sie singt in ihrem Video noch nicht einmal lippensynchron).
Die beiden letztgenannten konnten jedoch wirklich singen.
Bei ihr soll die Anwendung dieses Stilmittels nur verbergen, dass sie es nicht kann.

Das jedoch heißt, der musikalische Opportunismus ihrer Musik erfolgt nicht mit dem schielen auf den Massengeschmack und als Bruch mit der rebellischen Pose, sondern er ist Grundvoraussetzung und Marketingstrategie.
Ich empfinde es als unkritisch und falsch, dies nicht zur Kenntnis zu nehmen, nur weil sie eine Frau ist.

Gruß, C.
Verena Reygers schrieb am 20.02.2012 um 13:13
Nun, Bowie hat zu Beginn seiner Karriere jede Menge Ablehnung einstecken müssen und strauchelte auch einige Jahre erfolglos, bevor er mit Space Oddity um die Ecke bog. Insofern ähnelt seine künstlerische Biographie der Lana del Reys, als sie noch unter ihrem bürgerlichen Namen auftrat. Ansonsten läge mir aber nichts ferner, als diese beiden Künstler miteinander zu vergleichen. Wenn das bei SpOn getan wird, fragen Sie doch mal dort nach...

Und natürlich gilt nicht für jeden Künstler, dass er in den Himmel gejubelt wird, weil er ein Mann ist und umgekehrt, eine Künstlerin verreißen, weil sie eine Frau ist. Das tue auch ich nicht, was Sie längst bemerkt haben müssten, wenn Sie meine Kolumne verfolgen, wie Sie sagen. Es ist aber noch viel zu oft so, dass Frauen nicht denselben Maßstäben zu genügen brauchen wie Männer – egal ob im Musikgeschäft oder in anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen.
Und diese Meinung beruht weder auf Blindheit noch auf Voreingenommenheit, sondern auf mehr als 15-jähriger Partizipation in der Musikszene.

Alles andere ist Geschmacksache und da bleibt Ihnen natürlich freie Wahl einen andere Sicht auf „gute“ oder „schlechte“ MusikerInnen zu haben.

Beste Grüße,
Verena Reygers


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