archinaut

nirgends.......... sicher... nie

24.01.2011 | 01:00

Durch die Eisnacht

In dieser Nacht reist Mies in einen eiskalten, klaren Traum: Lebhafter und dichter drängen sich tanzende Eiskristalle und Schneeflocken im blendenden Licht, die Suchscheinwerfer streifen von den Gerüsten über das Schussfeld um die Schlossbaustelle, in alle Winkel und Ecken werden die Kristallflocken vertrieben...... auch wenn es den unbelebten Kristallen scheinbar gegeben ist, sich in magnetisierten Schwärmen zu verbünden, um den wütenden Böen des Nachtsturms zu widerstehen....... die Wolken, die Himmel, die eisigen Sphären entladen ihre gefrorenen Frachten in die weiche Lichtglocke über der frostklirrenden Stadt, stopfen die Weiten ohne jeden Laut mit kalt stiebend wattiger Stofflichkeit, nach Stunden erst lagern sich Milliarden kristalliner Flugkristalle zu mächtig geplusterten Schneewehen, die überdeckt jegliches Leben, alle Flächen und Bauten meterhoch, am Ufer des Schlossplatzes auch den archinaut: wie ein eiskaltes Souflé....

Ein Eisfuchs schnürt durch lichte Polarnacht, verwandelt liegt die Stadt als bleiches Gletscherfeld wie gemalt von Caspar David Friedrich.... im blauen Tagesanbruch ziehen die ersten Menschen schweigend ihre Loipen durch die blendend strahlende Wüstenei..... tief begraben in der mächtigen Schneedüne brummen die Aggregate des archinaut:

Mies sieht im Traum die fahle Sonne über den gefrorenen Schlossplatz wandern, immer wieder im langsam steigenden Lauf, eisstarrend funkeln die verlassenen Gerüste der verschneiten Baustelle, Tauschnee friert zu Eis und Firn, die Sonne steilt ihren Lauf langsam mit jeder Umrundung der gleichmäßig kreisenden Erde, kürzer fallen die blauen Schatten von Tag zu Tag, Schmelzwasser sucht sich einen Lauf in die vereiste Spree.....

Wie kalbende Gletscher bersten Teile der Schlossgerüste, tiefe Spalten durchziehen das Eismassiv mit dumpfem Knirsch und Peitschenknall, Frühlingswind zieht von Süden, saugt Kälte und Wasser aus den verwehten Schneebergen, die ersten grünen Spitzen brechen durch die dünn gespannten Eisschichten....... Achse für Achse, Geschoss für Geschoss schmelzen Gerüste, Verschläge und Planen, Stahl und Beton bis auf den blanken Boden des Schlossgrunds... nichts bleibt vom Schlossmassiv außer frischen Trieben, die allmählich die frühlingsfeuchten Erdschollen erobern.....

 

Hier endet der 139. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.01.2011 um 10:53
@archinaut: Ich habe Dich "durch die Eisnacht" begleitet; ich habe in der "weichen Lichtglocke" das Wirbeln der Eiskristalle in den "wütenden Böen" gesehen, ich habe der matten Stille unter den "geplusterten Schneewehen" gelauscht, den Hauch der Eiskristalle wie einen Abschied auf meinem Gesicht gespürt und den Geruch der aufbrechenden Erde wahrgenommen. Danke für's Mitnehmen.
archinaut schrieb am 24.01.2011 um 19:09
....ach, leichtfüssige Leif,
diese Begleitung ist sehr tröstlich,
auch ein Polarfuchs wandert im Rudel......

Liebsten Dank für Deine Hellsicht!
poor on ruhr schrieb am 24.01.2011 um 20:09
Lieber archie,

Leif Miles hat das so gut kommentiert, dass ich das nicht toppen kann und darum geht es ja auch gar nicht. Du hast es wirklich wunderschön ngeschrieben. Ich lese gerne Deine Blogs. Perfekt.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 25.01.2011 um 01:40
Vielen Dank, lieber por,
gerne unterstütze ich, dass es, wie Du richtigerweise schreibst,
hier in der FC nicht um das "Toppen" gehen sollte....

Dein Kommentar ist ein wichtiger Ansporn für mich,
und so habe ich schnell noch ein Wort gelöscht,
um der Perfektion einen kleinen Schritt näher zu kommen
(auch wenn ich befürchte,
wahre Perfektion nie zu erreichen ... ;-((

Vielen lieben Dank für Deine motivierende Begleitung!

archie
poor on ruhr schrieb am 25.01.2011 um 20:58
Lieber archie,

Vielen Dank für Deinen nette Antwort. ;)

Herzliche Grüße

por
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.01.2011 um 10:16
Lieber ruhrrot,
es ist schon richtig, ich gebe mir schon etwas Mühe bei der Kommentierung von archies Texten ;-)...Ich finde sie, wie auch du, erstens sehr gut und zweitens möchte ich ihm etwas von der Freude, die ich beim Lesen seiner Texte empfinde, auf meine ganz eigene Art, zurückgeben. Deine Kommentare finde ich genauso herzlich. Und letztendlich geht es doch darum, oder?
Gruß
Leif
poor on ruhr schrieb am 25.01.2011 um 21:00
Liebe Leif Miles ,

danke. Finde ich auch. Alle Kommentare sind wichtig und beleuchten des Bloggers Werk aus verschiedenen Perspektiven.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 25.01.2011 um 23:09
Lieber por,

die Gelegenheit zu kommentieren,
auch die Möglichkeit, Kontrapunkte zu setzen,
Relativierungen oder Korrekturen nachzuführen,
gibt dem Schreiben hier im Blog der FC einen ganz eigenen Echoraum....
man ist versucht, sich die eine oder andere Stimme bereits vorzustellen, wenn man ein neues Stückchen vom Stapel läßt......
und im Gegenzug ist es immer wieder reizvoll, Texte wie Deine zu kommentieren, einen Ping-Pong-Austausch sozusagen am Leben zu erhalten, hat ja ein bisschen was vom klassischen Briefwechsel......
und ich freue mich über jedes posting von Dir!

Herzlichst
archie
archinaut schrieb am 25.01.2011 um 23:18
Liebe Leif,
was Du zurückgeben möchtest, wie Du schreibst,
"erquickt meine Seele";-))

Na gut, "voll Laser" heisst das heute....
Freu mich einfach dran !

Herzlichst
archinaut
koslowski schrieb am 25.01.2011 um 23:36
Ich bin, wie immer, beeindruckt von deiner Fantasie, der Genauigkeit und der Bildhaftigkeit deiner Sprache. Sehr gern gelesen.
archinaut schrieb am 26.01.2011 um 00:38
Freue mich über Deinen Besuch hier zu so später Stunde,
und danke für die Blumen....;-))

Für mich gibt es auch immer wieder neue Begegnungen, wenn ich an diesen Fragmenten werkele: Bei diesem hier habe ich mich an eine mehrtägige Radtour von Hannover nach Hamburg erinnert, mit einem Freund, wir waren gut sechzehn Jahre alt und beide begeistert von Caspar David Friedrich.... in Hamburg gab es eine große CDF-Ausstellung, das war unser Ziel, wir waren fünf Tage unterwegs unter heftigen Regenschauern, meistens gegen den Wind....
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