archinaut

nirgends.......... sicher... nie

13.06.2010 | 15:34

Siebte Forderung an Utopia

Hör den Chor der Ermüdeten: Was erwarten wir von der Stadt unserer Träume? Überraschung!

Die Attraktionen der alten Stadt sind durch Topographie, Wegenetz und Parzellierung fest verortet: Dom oder Marktplatz, Rathaus und Richtplatz, die Gassen der Handwerkszünfte, vielleicht das Schloss der Landesherren. Der Rhythmus der Generationenfolge generiert Entwicklungsprozesse, die sich wie die Zellteilung von biologischen Organismen im Stadtgrundriss abbilden: neben der Stadt besiedeln Neubürger oder Zugewanderte die erste Neustadt, dann die zweite: eigenständig jeder Entwicklungskern, ein eigener Markt, eine neue Kirche....

Die schnell wachsenden und hochaktiven Stadtsysteme der Neuzeit entwickeln dagegen ein weiträumiges dynamisches Kräftefeld. Wo gestern noch ein Hafenspeicher stand, liegt heute der Strand.... öffnet hier demnächst ein Opernhaus? Spekulative Investitionen lassen die Attraktionen von gestern verglühen, das urbane Territorium wird zum Archipel der Sensationen.

Zwischen den Inseln nähren fruchtbare Sedimente der Gezeiten die Brutgebiete: Trendforscher durchstreifen Dschungel und Sümpfe der Stadt und beobachten die jugendlichen Peer-Groups. Was ist als Nächstes angesagt?

 

Der Topist* pflegt sein empfindliches Sensorium für Vergänglichkeit und Vorschau der Begehrlichkeit: was ist in, was ist out?

Der Topist* nutzt die Metropole für seine Projekte wie ein Insekt, das einen Kadaver als Brutstätte wählt. Neue Ideen verbreiten sich von Kopf zu Kopf als virulente Seuche. Was ist die Sensation von morgen? Politiker zum Auspeitschen? Meerschweinchen-Döner? Glam-Funerals? Es wird heute Nacht entschieden....

 

 

 

*Topist: wie lange habe ich dieses Wort schon gesucht!

PAOLI:... Wie kann man bestimmte Theorien recyclen? Nicht neue entwerfen. Wir sind keine Utopisten, sondern Topisten. Utopie ist ein nicht existierender Ort, Topos aber ist das, was da ist. Topisten sind Leute, die mit dem, was da ist, basteln und spielen, und nicht den großen Gegenentwurf machen.

Interview Guillaume Paoli im kreuzer online am 15.09.2008

 

Hier endet der 97. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

Erste Forderung -  Gesellschaft

Zweite Forderung - Freiheit

Dritte Forderung -  Reichtum

Vierte Forderung - Recht

Fünfte Forderung – Wissen

Sechste Forderung – Erinnerung

Siebte Forderung – Überraschung

Achte Forderung - Geheimnis

Neunte Forderung - Spiegelbild

Zehnte Forderung - Dauer

 

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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 13.06.2010 um 17:24
Lieber archie,

eine Überraschung die Überraschung als siebte Forderung an Utopia.
Solange das eine angenehme Überraschung ist, lasse ich mich gern überraschen. ;)

Herzliche Grüße

rr
archinaut schrieb am 13.06.2010 um 18:12
Lieber rr,

das Unerwartete ist nicht immer angenehm,
mir jedenfalls ist auch eine unangenehme Überraschung lieber
als ewiges Warten in der Flaute :-))

Vielen Dank für Deinen lieben Kommentar,
Herzliche Grüße
archie
poor on ruhr schrieb am 13.06.2010 um 18:17
Lieber archie,

Dien Antwortkommentar leuchtet mir ein. Vielen Dank dafür.

Herzliche Grüße

rr
jayne schrieb am 13.06.2010 um 18:31
"Die schnell wachsenden und hochaktiven Stadtsysteme der Neuzeit entwickeln dagegen ein weiträumiges dynamisches Kräftefeld." - schreibst Du, doch Traditionen oder Vertraulichkeiten können sich so kaum neu bilden, und das finde ich für ein Wohlfühlen und die Orientierung in der Stadt ebenso wichtig. Anfang der 90er war ich Zeugin des Abrisses "alter" in den endsechziger oder siebziger jahren errichteter Parkhäuser, die gewiß nicht von Reiz, aber plötzlich war die gerade erkundete Topographie eine andere. Irgendwie ist das alles im Zeitalter der Vorherrschaft von Investoren aus dem Gleichgewicht geraten, und den Bürgerinnen und Bürgern fehlt trotz installierter Ortsbeiräte fast jegliche demokratische Einflußnahme auf das Baugeschehen in ihrer Stadt, also ihre Gestalt(ung) ...
archinaut schrieb am 13.06.2010 um 19:56
Liebe jayne,

die Geschwindigkeit der Veränderungen im Stadtbild ist manchmal erstaunlich, und ich gebe Dir auch recht, wenn Du die fehlende Beteiligung bzw. fehlende Mit/Gestaltungsmöglichkeit als Ursache von Entfremdung, Enttäuschung und Unmut benennst.......
aber ich möchte im Text gerne den Wunsch nach (möglichst positiver) Veränderung ("Überraschung") loben, der auch die Um- oder Neunutzung einer Ruine ermöglicht.
Es liegt an die Menschen, Vertraulichkeit zu entwickeln, ob sie ihre Traditionen nun in alten oder in neuen Häusern pflegen (wie z.B. in der neuen Synagoge in Dresden)
archinaut schrieb am 13.06.2010 um 21:48
auweia:
"..an den Menschen",
natürlich....
(wo liegt das Tippex für die Kommentare???)
seering schrieb am 13.06.2010 um 22:45
überraschungen finde ich gut. und den begriff rhythmus in diesem zusammenhang. zuhören, und sei es der stadt ...
archinaut schrieb am 13.06.2010 um 22:54
O
ein überraschender seering,
freu mich über Deinen Kommentar,
vielen Dank!
luggi schrieb am 15.06.2010 um 06:46
Gilt das auch für Dörfer? Z.B. Düsseldorf?
archinaut schrieb am 15.06.2010 um 23:29
Die Düsseldörfer Walkönigin
liebt unerklärbare Fortschritte
nachdem bundesweit die Herren
überraschende Rücktritte üben....
das überrascht auch die Düsseldörfler!
hibou schrieb am 22.06.2010 um 07:18
In jeder/m von uns sind - ach - zwei Seelen vorhanden: die eine möchte ewig am Alten festhalten, die andere mag lieber Katastrophen als Flauten :-)). Im Ganzen gesehen fehlt unseren Staedten der Überraschungsmoment eher?
archinaut schrieb am 22.06.2010 um 22:50
Auf dem Land wachsen Gerste und Hafer,
in der Stadt wachsen die Wunder
(aber man muss schon genau hingucken :-))
hibou schrieb am 22.06.2010 um 17:32
Wir bringen in der Folge einen Auszug aus dem schmalen Bändchen „Nebengeleise der Literatur“ und bedanken uns beim Verlag „Die Schwelle“ für die Abdruckgenehmigung!

„Vogliate lasciare questo posto nello stato in cui lo vorreste trovare. Grazie!“

lese ich, fast mit dem Tempo einer Gewehrkugel dahinschießend, zwischen Fulda und Frankfurt, oder zwischen Göttingen und Kassel-Wilhelmshöhe, oder zwischen Stuttgart und Mannheim auf dem Klo des Intercity-Express.
Eine nur zu billige Forderung. Verlassen Sie den Ort in dem Zustand, in dem Sie ihn vorzufinden wünschen!
Ein grün-alternativer Sprayer hinterließ die einleuchtende Variante an der Friedhofsmauer: Verlassen sie diese Welt in dem Zustand...(Was mich an den Grabstein erinnert, auf dem in römischer Antiqua eingemeißelt steht: KOMME GLEICH WIEDER).
Schön wär’s, denke ich. Sitze nachdenklich im Getöse und Gezisch dieses Örtchens...
Aber halt - ist das nicht doch zu wenig? Immer nur den jetzigen Zustand zu konservieren? Die Welt als Mumie....
Vielleicht sollte es heißen:
Hinterlassen Sie diese Welt EIN BISSCHEN SCHÖNER, als Sie sie vorgefunden haben?
(Luigi Pendolino)
archinaut schrieb am 22.06.2010 um 22:53
Was für ein berührender Gedanke,
lieber hibou,
der pendelnde Luigi scheint ein wahrer Idealist zu sein,
auch auf dem stillen Örtchen hat er
philosophische Erbauung zu bieten :-))
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