archinaut

nirgends.......... sicher... nie

08.06.2010 | 01:12

Wenn Soldaten träumen

Die Namen leuchten wie aus dem Nichts auf, heißt es auf der Webseite des Bundesverteidigungsministeriums mit Datum vom 29.05.2009: Ein Element der individuellen Trauer ist die Nennung der Namen derjenigen, die in Folge der Ausübung ihrer Dienstpflichten für die Bundesrepublik Deutschland ihr Leben verloren haben. „Diese Namen scheinen auf – und zwar in einer Art, bei der Sie als Besucher nicht erkennen können, wie das technisch gelöst worden ist“, so beschreibt der Architekt seine Leitidee für das Ehrenmal. Hauchzarte Glasfasern leiten Reflexe durch massiven Beton:  „Die Namen leuchten sozusagen aus dem Nichts auf dem Beton auf: Das Licht nimmt in einer kurzen Phase zu und dann steht dieser Name einige Sekunden, bevor er wieder ausgeblendet wird und ins Nichts zurückgeht.“

Wunderwerk Deutscher Ingenieurkunst: das tüchtige Ehrenmal könnte hunderte oder gar tausende von Nominierten an einem einzigen Tag entsorgen, dank Transluzentem Beton steht dieser Name einige Sekunden: ist es das, was sich Soldaten wünschen? Die Einweihung erfolgt im Herbst 2009, Medienvertreter wenden sich für nähere Informationen bitte an: Oberstleutnant i. G. Norbert Rahn.

Soldat, findest Du im Traum die Heimat nicht mehr, dann hat der Krieg Deine Seele gefressen....

 

 

Are You ready for something complete different? Vor wenigen Jahren erst haben die langfristig stationierten Besatzungsarmeen die friedlich gewendeten deutschen Republiken verlassen, in sechzehn Ländern erblühend finden sich deutsche Städte und Kommunen im zweiten Frühling, Konversion heißt das Gebot der Stunde, Sieger und Besiegte besiegeln das Ende des Kalten Krieges. In memoriam hier unser Beitrag zum städtebaulichen Ideenwettbewerb für die Entwicklung des Kasernen- und Übungsstandorts Neustadt-Ost am Rand der Stadt Erlangen.

Modell und Pläne bunt wie ein Flickenteppich..... zur zivilen Rekultivierung des militärisch genutzten Areals in der Entdichtungszone zwischen Stadt, Wald und Außenlagen wird eine spielerische Imaginations-Strategie vorgeschlagen: Coney Island heißt der Festplatz, Texas und die Everglades sind Grün- und Freiflächen, die alten Kasernen finden sich zum Hochschulcampus Boston, Malibu und Atlanta die Reihenhausgebiete, verdichtete Wohnstrukturen bieten die Quartiere Chicago, Detroit, Los Angeles und Santa Fé, Einfamilienhäuser baut man in California oder Hollywood, Doppelhäuser in Nashville, der Mobilhome-Port liegt vor dem Studentenwohnheim am Waikiki Beach, das Jugendzentrum auf der Insel Alcatraz.....

Unsere Arbeit wird freundlicherweise mit einem Ankauf bedacht, Zuspruch kommt von verschiedenen Seiten, bei der Preisverleihung nimmt der Bürgermeister mich zur Seite: Er ist für unseren Entwurf, aber er sei kein Fachmann und daher nur als Sachpreisrichter ohne Stimmrecht im Preisgericht zugelassen...

 

 

 

 

Die verbotene Stadt wird zur Neuen Welt


Die Befreier sind entlassen....

 

Ein halbes Jahrhundert

Lebten sie in der verbotenen Stadt:

Wovon träumten die Soldaten

In der langen Nacht des kalten Krieges?

 

Die heimlichen Tränen der Sieger

tränkten die Erde,

ihre Herzen sangen den Blues:

Wovon träumte der alte Exerzierplatz

Unter den weißen Sternen?

 

Er träumte vom weiten Grasland,

von den großen Ebenen

eines anderen Kontinents,

er träumte von Baumwollfeldern

im Delta eines alten Flusses,

von mutigen Siedlern

und wilden Idealisten und Sektierern

von freien Menschen....

 

Saat der Träume...

Feld der Erinnerungen...

Am Ende des amerikanischen Jahrhunderts

wächst eine junge Stadt:

Durch das Tor zur Neuen Welt

ziehen Pioniere auf das Exerzierfeld

und gründen Quartiere

Philadelphia und Atlanta,

Memphis und Los Angeles

Und sie ziehen weiter

nach Kalifornien....

 

 

 

Dezember 1994

 


 

Ausschnitt Modell

 

 

Chicago, Los Angeles, Santa Fé

 

 

Skizze Santa Fé

 

 

Santa Fé

 

 

Skizze Nashville

 

 

Atlanta, Hollywood, Waikiki Beach, California

 

 

Skizze Waikiki Beach

 

 

Alcatraz (Jugendzentrum)

  

Hier endet der 95. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
eykiway schrieb am 08.06.2010 um 01:49
1991 ich reisste nach Strassburg wollte zur Fremden legion Soldat das wollte ich werden Ddr hinter mir vor mir keine Ahnung und kein wissen
Doch ich versagte bzw meine Muskeln nicht geeignet nach Hause schlich ich mich wie ein geprügelter Hund um nie zu Dienen selbst die Bundeswehr gab mir T7
archinaut schrieb am 08.06.2010 um 21:41
Du armer ungedienter Hund :-))
Ich mußte mich gegen den Kriegsdienst verteidigen...
Mingus schrieb am 08.06.2010 um 10:10
sag mir, wo die Blumen sind.... schwingt mit.

Danke für die Texte und Bilder.
archinaut schrieb am 08.06.2010 um 21:42
Es freut mich sehr,
dass Du die Blumen hörst :-))
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.06.2010 um 10:21
@Archinault, du zitierst die Leitidee für das Ehrenmal: „Diese Namen scheinen auf – und zwar in einer Art, bei der Sie als Besucher nicht erkennen können, wie das technisch gelöst worden ist“.
Wichtiger noch, dass Besucher auch nicht erkennen werden können und sich fragen, warum diese Namen, als "hauchzarte Glasfasern, deren Reflexe" - gleich dem Netz feiner Blutgefäße - "durch massiven Beton" geleitet werden müssen…
archinaut schrieb am 08.06.2010 um 21:50
Liebe Leif Miles,
wer weiß, ob man überhaupt was lesen kann.....
und wenn ich ehrlich bin,
würde ich mir gerne wünschen,
dass dieses Ehrenmal erlischt,
weil keine Soldaten mehr
"in Folge der Ausübung ihrer Dienstpflichten für die Bundesrepublik Deutschland ihr Leben" verlieren....
(das bleibt gewiss ein unerfüllter Wunsch)
goedzak schrieb am 08.06.2010 um 15:21
Danke für den Einblick in diese spezifische Sparte des Architekturwettbewerbswesens! Ich als Gedenkstätten- und Ehrenmalsskeptiker muss mir Euren Entwurf noch etwas durch den Kopf gehen lassen...

Ein Jugendzentrum namens Alcatraz, holla!
archinaut schrieb am 08.06.2010 um 22:02
Lieber goedzak,

unser städtebauliche Entwurf für Erlangen versteht sich als "Anti-Depressions-Architektur", vielleicht sieht man das ja auch an den Bildern?

Der Entwurf für das Mahnmal ist von Andreas Meck, der einige sehr schöne, minimalistische Gebäude realisiert hat, das möchte ich hier der Vollständigkeit halber nachtragen.
poor on ruhr schrieb am 08.06.2010 um 16:34
Lieber archie,

umwerfend gut! Ich bin wirklich ein Fan von Dir. Das ist nicht nur Gerede! ;)
Du bringst sogar die Steine dazu spannende Geschichten zu erzählen.

Herzliche Grüße

rr
archinaut schrieb am 08.06.2010 um 22:07
Lieber rr,

Du erfreust mein Herz mit Deinem Lob !-))

Herzlichst
archie
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