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Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Eine ganze Reihe von Beiträgen der letzten Wochen haben sich damit beschäftigt, dass es zur vorliegenden Plattform Redebedarf gebe (tag: wirmüssenreden). Daraus ist geworden eine Ideensammlung (tag: irgendwiesprechen), die, stark vereinfacht ausgedrückt: überwiegend die technische Seite einer neuen Plattform ausleuchtet. Ein Beitrag (kein tag) ragt dabei heraus, und ich stelle ihn ausdrücklich in den Kontext, weil er nicht nur den Gedanken von Community aufgreift, sondern es auf das Individuum zurückführt, aus dem solche gebildet sind. Ich schreibe von Michael Jäger und seinen kurzen Essay „Individuum und Community“, den er Christoph Leusch aka Columbus gewidmet hat.

Die Blogplattform einer Wochenzeitung einzubetten in eine „dritte Sache“, ist für mich ersichtlich der erste Versuch einer grundlegenden Erklärung dessen, was sie überhaupt sei und damit ihre Akteure. Sie wirft die Antwort auf die Einzelne(n) zurück, auf deren Selbstverantwortung und Einsichtsfähigkeit in Notwendigkeiten, welche auch immer die sein mögen. Ich interpretiere es als das Pendant zu dem sehr praktischen „Community, übernehmen Sie“, das der Verleger vor einiger Zeit ausgegeben hat (tags: freitag, community).

Nur, was wäre denn diese Plattform als „dritte Sache“? Steht es tatsächlich stellvertretend für das, was Gesellschaft ist/wäre/sein könnte/auf gar keinen Fall sein darf, was nun mit der Partizipation und deren Fluktuation, der flachen Hierarchie, der Regelungsmuster als äußere Ähnlichkeiten es leicht machten, es mit einem Modell zu verwechseln?

Dies bedeutete derzeit (!), mit dem Schwanz den Hund wedeln zu lassen. In einem kurzen Statement hat der Kulturchef des Freitag unmissverständlich erklärt, wo die Priorität (aus seiner Warte) liege, nämlich in dem Geld, das der Print verdiene und die Blogplattform erst ermögliche. Obwohl es an der Grundaussage einiges zu besprechen gäbe, so zeigt sie im Kern, dass die Blogplattform nicht getrennt von der journalistischen Präsenz „der Freitag“ betrachtet und worin das Primat erkannt wird. Und zwar auf der Seite, auf der (vermeintlich) der Hebel länger ist.

Darin liegt ein Teil der Grundspannung. Bereits vor zwei Jahren hatte ich geschrieben, dem Internetuser wie dem Leser einer Zeitung sei es herzlich egal, wie sich ein Medium rechnet. Und in einer Erwiderung auf Jakob Augstein hatte ich ausgeführt, Tiziano Terzani zitierend: „Die größten italienischen Intellektuellen kamen dorthin, nicht etwa von einem kleinen Gehalt angezogen, sondern wegen der Überzeugung zu einem großen Entwurf beizutragen.“ Das beschreibt das Verhältnis von Autoren und Journalisten, die später ganz maßgeblich die öffentliche Meinung und deren Bildung beeinflusst haben, zu der nicht nur Maschinen-, sondern vor allem Kulturfabrik Olivetti, einem „Athen der 1950er Jahre“. Und zu ihrem eigenen Medium, das für viele das der Druckerzeugnisse wurde. Auf heute angewendet könnte man sagen: Die damaligen wie die heutigen Autoren, aber nun auch der selbst gestaltende User, Blogger, das Community-Mitglied sitzen im gleichen Boot. Athen steht freilich nicht hoch im Kurs.

Die damaligen Grundlegungen erfolgten in den Veröffentlichungen aus der Feder von Adriano Olivetti und dem ersten Verlag, den er gründete, die beide mit, wortwörtlich: Community zu tun haben – Die Edizioni Comunità, für die auch das erste Politik- und Kulturmagazin Comunità entstand und sein erstes Hauptwerk, L’ordine politico delle Comunità. Le garanzie di libertà in uno Stato socialista (Die politische Ordnung der Gemeinschaften. Die Freiheitsgarantien in einem sozialistischen Staat) von 1945. Ohne auf den Inhalt eingehen zu wollen, bot jedenfalls diese Grundlegung (neben dem kleinen Gehalt) eine erste „dritte Sache“, die Gemeinschaft in Gegensatz stellte zu der primärsten aller Individualisierungen, dem physischen Überlebenskampf eines gerade überstandenen Weltkriegs. Sie wurde dann, um das abzuschließen, tatsächlich Partei, was mit ein Grund war, warum der Gedanke von Comunità nach dem Tod Olivettis nicht lange überlebt hat.

Community bei der Freitag (wie auch sonst im Sprachgebrauch) ist von vorneherein ein Zufall, ein semantischer Betriebsunfall derjenigen, die knackig (eine URL-Länge) ein Phänomen beschreiben wollten, dass sich Menschen über Ort und Zeit hinweg an einem virtuellen Platz (regelmäßig) zu Kommunikation treffen. Er weckt lediglich Assoziationen, zumeist zugerichtete, die in ihrer Widersprüchlichkeit bisher viel Leerlauf erzeugt haben. Und er unterscheidet sich in einem ganz wesentlichen Merkmal von dem, was Olivetti realisiert hat: Die dortige Durchlässigkeit im Kulturbetrieb hinsichtlich politischer Vorstellungen oder sozialer Herkünfte war geprägt von zwei Nivellierungen, nämlich vergleichbaren (akademischen Aus-)Bildungen und dem menschlichsten aller Gefühle, überlebt zu haben. Da also das Damalige (wie so vieles andere, das Michael Jäger als tunlichst nicht zu wiederholen postuliert) nicht anwendbar zu sein scheint, warum erwähne ich es?

Weil einige der Ideen von Olivetti (sie werden heute als Utopien bezeichnet) Impulse waren, die gerade jetzt, da sie in Vergessenheit geraten, wieder Aktualität besitzen. Etwa der Gedanke, dass Produktivität eng verbunden sei mit der persönlichen Motivation des Arbeiters und seiner Teilnahme (noch vor der Teilhabe, was sodann hinzukam) am Leben des Unternehmens. Dies wäre die dritte Nivellierung auf höchst möglichem Niveau, nämlich die größtmögliche Einbindung unterschiedlichster Provenienzen (die sich sonst in ihren Stammtischen oder Clubs oder Parteien oder Verbänden jeweils abschotten würden) an einem physischen wie virtuellen Ort. Ersetze Arbeiter mit dem schaffenden Blogger: Kann das anonyme Werken, die calvinistisch anmutende Zurückhaltung des Zeilenknechtenden nicht doch nur als Selbstgeißelung erscheinen, auch wenn sie verbrämt wird mit einer Aussage, wie die von Michael Jäger in seinem Kommentarsatz: „Das implizite Netz soll nicht ewig implit bleiben. Wenn es gebildet ist, soll es auch hervortreten“?

Impulse, außer dem Neuen und dem Wort Projekt, sehe ich wenige, Motivationennoch weniger. Die zumal, weil die Mit“arbeit“ freiwillig wie unentgeltlich ist, eine wesentlich größere Rolle zu spielen hätten als die des Brot Verdienens. So ehrenhaft es auch bislang war, die eine oder andere Zusammenarbeit anzustoßen mit gemeinsam Bücher lesen o.ä.: Es sollten in der Umgebung von „Community und Individuum“ die Alarmglocken läuten, wenn alleine die Tatsache, dass sich einige Blogger zum Gedankenaustausch treffen, so lange und ausführlich diskutiert wird, dass „Initiative zeigen“ oder sogar darüber zu berichten als fahrlässig erscheint.

Wer die Impulse dann geben soll? Derzeit sehe ich nur ausgestreckte Zeigefinger: Der Verleger, der auf die Blogger zeigt, sie mögen tun, die Blogger auf den Maschinenraum, der möge endlich mit der Plattform fertig werden. Ich bin nicht bereit, die Herausgeberschaft aus ihrer Verantwortung zu entlassen. e2m

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.