07.12.2011 | 12:27

Die Beredensgemeinschaft

Eine ganze Reihe von Beiträgen der letzten Wochen haben sich damit beschäftigt, dass es zur vorliegenden Plattform Redebedarf gebe (tag: wirmüssenreden). Daraus ist geworden eine Ideensammlung (tag: irgendwiesprechen), die, stark vereinfacht ausgedrückt: überwiegend die technische Seite einer neuen Plattform ausleuchtet. Ein Beitrag (kein tag) ragt dabei heraus, und ich stelle ihn ausdrücklich in den Kontext, weil er nicht nur den Gedanken von Community aufgreift, sondern es auf das Individuum zurückführt, aus dem solche gebildet sind. Ich schreibe von Michael Jäger und seinen kurzen Essay „Individuum und Community“, den er Christoph Leusch aka Columbus gewidmet hat.

Die Blogplattform einer Wochenzeitung einzubetten in eine „dritte Sache“, ist für mich ersichtlich der erste Versuch einer grundlegenden Erklärung dessen, was sie überhaupt sei und damit ihre Akteure. Sie wirft die Antwort auf die Einzelne(n) zurück, auf deren Selbstverantwortung und Einsichtsfähigkeit in Notwendigkeiten, welche auch immer die sein mögen. Ich interpretiere es als das Pendant zu dem sehr praktischen „Community, übernehmen Sie“, das der Verleger vor einiger Zeit ausgegeben hat (tags: freitag, community).

Nur, was wäre denn diese Plattform als „dritte Sache“? Steht es tatsächlich stellvertretend für das, was Gesellschaft ist/wäre/sein könnte/auf gar keinen Fall sein darf, was nun mit der Partizipation und deren Fluktuation, der flachen Hierarchie, der Regelungsmuster als äußere Ähnlichkeiten es leicht machten, es mit einem Modell zu verwechseln?

Dies bedeutete derzeit (!), mit dem Schwanz den Hund wedeln zu lassen. In einem kurzen Statement hat der Kulturchef des Freitag unmissverständlich erklärt, wo die Priorität (aus seiner Warte) liege, nämlich in dem Geld, das der Print verdiene und die Blogplattform erst ermögliche. Obwohl es an der Grundaussage einiges zu besprechen gäbe, so zeigt sie im Kern, dass die Blogplattform nicht getrennt von der journalistischen Präsenz „der Freitag“ betrachtet und worin das Primat erkannt wird. Und zwar auf der Seite, auf der (vermeintlich) der Hebel länger ist.

Darin liegt ein Teil der Grundspannung. Bereits vor zwei Jahren hatte ich geschrieben, dem Internetuser wie dem Leser einer Zeitung sei es herzlich egal, wie sich ein Medium rechnet. Und in einer Erwiderung auf Jakob Augstein hatte ich ausgeführt, Tiziano Terzani zitierend: „Die größten italienischen Intellektuellen kamen dorthin, nicht etwa von einem kleinen Gehalt angezogen, sondern wegen der Überzeugung zu einem großen Entwurf beizutragen.“ Das beschreibt das Verhältnis von Autoren und Journalisten, die später ganz maßgeblich die öffentliche Meinung und deren Bildung beeinflusst haben, zu der nicht nur Maschinen-, sondern vor allem Kulturfabrik Olivetti, einem „Athen der 1950er Jahre“. Und zu ihrem eigenen Medium, das für viele das der Druckerzeugnisse wurde. Auf heute angewendet könnte man sagen: Die damaligen wie die heutigen Autoren, aber nun auch der selbst gestaltende User, Blogger, das Community-Mitglied sitzen im gleichen Boot. Athen steht freilich nicht hoch im Kurs.

Die damaligen Grundlegungen erfolgten in den Veröffentlichungen aus der Feder von Adriano Olivetti und dem ersten Verlag, den er gründete, die beide mit, wortwörtlich: Community zu tun haben – Die Edizioni Comunità, für die auch das erste Politik- und Kulturmagazin Comunità entstand und sein erstes Hauptwerk, L’ordine politico delle Comunità. Le garanzie di libertà in uno Stato socialista (Die politische Ordnung der Gemeinschaften. Die Freiheitsgarantien in einem sozialistischen Staat) von 1945. Ohne auf den Inhalt eingehen zu wollen, bot jedenfalls diese Grundlegung (neben dem kleinen Gehalt) eine erste „dritte Sache“, die Gemeinschaft in Gegensatz stellte zu der primärsten aller Individualisierungen, dem physischen Überlebenskampf eines gerade überstandenen Weltkriegs. Sie wurde dann, um das abzuschließen, tatsächlich Partei, was mit ein Grund war, warum der Gedanke von Comunità nach dem Tod Olivettis nicht lange überlebt hat.

Community bei der Freitag (wie auch sonst im Sprachgebrauch) ist von vorneherein ein Zufall, ein semantischer Betriebsunfall derjenigen, die knackig (eine URL-Länge) ein Phänomen beschreiben wollten, dass sich Menschen über Ort und Zeit hinweg an einem virtuellen Platz (regelmäßig) zu Kommunikation treffen. Er weckt lediglich Assoziationen, zumeist zugerichtete, die in ihrer Widersprüchlichkeit bisher viel Leerlauf erzeugt haben. Und er unterscheidet sich in einem ganz wesentlichen Merkmal von dem, was Olivetti realisiert hat: Die dortige Durchlässigkeit im Kulturbetrieb hinsichtlich politischer Vorstellungen oder sozialer Herkünfte war geprägt von zwei Nivellierungen, nämlich vergleichbaren (akademischen Aus-)Bildungen und dem menschlichsten aller Gefühle, überlebt zu haben. Da also das Damalige (wie so vieles andere, das Michael Jäger als tunlichst nicht zu wiederholen postuliert) nicht anwendbar zu sein scheint, warum erwähne ich es?

Weil einige der Ideen von Olivetti (sie werden heute als Utopien bezeichnet) Impulse waren, die gerade jetzt, da sie in Vergessenheit geraten, wieder Aktualität besitzen. Etwa der Gedanke, dass Produktivität eng verbunden sei mit der persönlichen Motivation des Arbeiters und seiner Teilnahme (noch vor der Teilhabe, was sodann hinzukam) am Leben des Unternehmens. Dies wäre die dritte Nivellierung auf höchst möglichem Niveau, nämlich die größtmögliche Einbindung unterschiedlichster Provenienzen (die sich sonst in ihren Stammtischen oder Clubs oder Parteien oder Verbänden jeweils abschotten würden) an einem physischen wie virtuellen Ort. Ersetze Arbeiter mit dem schaffenden Blogger: Kann das anonyme Werken, die calvinistisch anmutende Zurückhaltung des Zeilenknechtenden nicht doch nur als Selbstgeißelung erscheinen, auch wenn sie verbrämt wird mit einer Aussage, wie die von Michael Jäger in seinem Kommentarsatz: „Das implizite Netz soll nicht ewig implit bleiben. Wenn es gebildet ist, soll es auch hervortreten“?

Impulse, außer dem Neuen und dem Wort Projekt, sehe ich wenige, Motivationen  noch weniger. Die zumal, weil die Mit“arbeit“ freiwillig wie unentgeltlich ist, eine wesentlich größere Rolle zu spielen hätten als die des Brot Verdienens. So ehrenhaft es auch bislang war, die eine oder andere Zusammenarbeit anzustoßen mit gemeinsam Bücher lesen o.ä.: Es sollten in der Umgebung von „Community und Individuum“ die Alarmglocken läuten, wenn alleine die Tatsache, dass sich einige Blogger zum Gedankenaustausch treffen, so lange und ausführlich diskutiert wird, dass „Initiative zeigen“ oder sogar darüber zu berichten als fahrlässig erscheint.

Wer die Impulse dann geben soll? Derzeit sehe ich nur ausgestreckte Zeigefinger: Der Verleger, der auf die Blogger zeigt, sie mögen tun, die Blogger auf den Maschinenraum, der möge endlich mit der Plattform fertig werden. Ich bin nicht bereit, die Herausgeberschaft aus ihrer Verantwortung zu entlassen. e2m

 

 
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Kommentare
Michael Jäger schrieb am 07.12.2011 um 13:44
Danke. Ich finde das sehr richtig, in meinem erwähnten Essay ein Pendant zu Jakob Augsteins "Community, übernehmen Sie" zu sehen. Nur will ich darauf hinweisen, daß ich auch geschrieben habe, eine dritte Sache als spezielle Community-Sache könne ich mir nicht vorstellen, sondern nur eine gesellschaftliche oder die Suche nach einer gesellschaftlichen, die dann in die Community hineinwirkt. Wirkt sie nur so hinein, daß es versprengte Einzelne gibt, die einander bei dieser Suche beobachten? Das ist schon jetzt so und trotzdem ist die Community, wie sie ist. Oder können sich Viele auf so eine Suche einigen, so daß dadurch ein Community-Kern entstünde, der ihr etwas Halt geben könnte? Oder gäbe es andere Ziele, auf die sich Viele einigen könnten? Oder muß man sämtliche Hoffnungen in diese Richtung fallen lassen und doch einfach nur sagen, die Individuen äußern sich als Individuen, sie sind wie sie sind und deshalb ist die Community wie sie ist und anders kann es in einer Community auch gar nicht sein?

Ich würde antworten, erst einmal muß das Printprodukt Freitag der Community-Kern sein und ist es auch schon. Wenn man das Gefühl hat, das bringe schon sehr viel, reiche aber nicht aus, dann ist es vielleicht tatsächlich hilfreich, wenn in der Community selbst noch "Zusatz-Kerne", zusätzliche inhaltlich zentrierende Strukturen geschaffen werden. Im Grunde wissen wir das ja ohnehin und unser Support arbeitet in diese Richtung, wenn er bestimmten Debatten einen übergeordneten Platz einräumt oder wenn alle Beiträge zu einem Tag an derselben Stelle versammelt werden. Ich weiß nicht, was der Support noch mehr tun können sollte. Es läuft wirklich auf "Community, übernehmen Sie" hinaus - sie, oder Gruppen in ihr, müssen selbst wissen oder herausfinden, was sie wollen.
ed2murrow schrieb am 07.12.2011 um 13:58
Lieber Michael Jäger,

nur kurz: Ich schrieb bei Impulsen von Herausgeberschaft und nicht von einem (delegierten) Support mit Editierungsbefugnissen.

"Ich weiß nicht, was der Support noch mehr tun können sollte" gibt die offenkundige Ratlosigkeit wieder, benennt zudem lediglich eine mögliche Schnittstelle. Sie werden also verstehen, dass ich mit der Einlassung auch insoweit nichts anfangen kann. Muss auch nicht.

Beste Grüße, e2m
anna T. schrieb am 07.12.2011 um 14:28
lieber ed2murrow
Danke dir für diesen Absatz:

>Dies bedeutete derzeit (!), mit dem Schwanz den Hund wedeln zu lassen. In einem kurzen Statement hat der Kulturchef des Freitag unmissverständlich erklärt, wo die Priorität (aus seiner Warte) liege, nämlich in dem Geld, das der Print verdiene und die Blogplattform erst ermögliche. Obwohl es an der Grundaussage einiges zu besprechen gäbe, so zeigt sie im Kern, dass die Blogplattform nicht getrennt von der journalistischen Präsenz „der Freitag“ betrachtet und worin das Primat erkannt wird. Und zwar auf der Seite, auf der (vermeintlich) der Hebel länger ist.<

der Kulturchef kam irgendwie so verbissen rüber...auch seine" Ratschläge " an FC UserInnen fand ich etwas "befremdlich"..
ed2murrow schrieb am 07.12.2011 um 14:39
Liebe Anna T.,

mir scheint, niemand kann derzeit so recht aus seinem jeweils eigenen Rollenverständnis raus. Möglicherweise ist das auch gar nicht erwünscht, im Opponieren läßt es sich wunderbar einrichten.

Beste Grüße, e2m
anna T. schrieb am 07.12.2011 um 14:49
lieber ed2murrow,

hört sich an, als ob wir uns hier alle in der Pubertät befinden ; )
ed2murrow schrieb am 07.12.2011 um 14:52
Ich bezeichne es eher als Interessensgegensätze, die, solange sie nicht überwunden sind, eine Situation in der Schwebe halten.
Achtermann schrieb am 07.12.2011 um 22:31
@ed2murrow & Michael Jäger

Was ist überhaupt eine Community? Schaute ich mir die des Freitag an, würde ich zunächst einen Blick mit empirischem Charakter auf sie werfen: Wie viele sind es denn überhaupt? Wie lange bleiben die Blogger im Schnitt aktiv? Wie viele Bloggerleichen liegen mittlerweile im Freitag-Keller und müssten aus dem Karteikasten entfernt werden?

Die Community fluktuiert permanent. - Eigentlich ein begrifflicher Widerspruch. - Niemand ist zu irgendwas verpflichtet. Liest man ein älteres Blog und macht sich mal die Mühe nachzuschauen, welche damals allgegenwärtig erscheinenden Blogger heute vermutlich nicht mehr mittun, weil sie schon Monate keinen Buchstaben mehr in der FC untergebracht haben, würde sich manches höher gestecktes Ziel von vornherein als Wunschdenken entblößen.

Michael, du hast in deinem Text (1. Diskussionsbeitrag), die Frage nach dem Selbstverständnis der FC aufgeworfen und mögliche Antworten nebeneinandergestellt. Ich meine, alle Bemühungen, die über die Anwesenheit des individuellen Bloggers hinausgehen, schaffen Ungleichheiten, wie als Folge der Anstrengungen des Berliner Kerns, der sich aufgrund der räumlichen Nähe treffen kann, zu beobachten war. Dass daraus Enttäuschungen resultieren, weil Erwartungen nicht erfüllt werden, liegt auf der Hand. Deine etwas resigniert formulierte Möglichkeit, des "versprengten Bloggers" ist mir die genehmste, weil sie meinem Bloggerselbstverständnis aufgrund der realen Umstände des Bloggens, wie etwa räumliche Distanz, technikbasierte Art des Austauschs, am nächsten kommt und eine andere, eventuell kommunikativ weiterentwickelte Form, die in ein gemeinsames politisches Selbstverständnis münden könnte, nicht möglich ist.

Der Primat gehört der Redaktion. Ich habe den Freitag im Abo. Als eine Zusatzleistung erhalte ich die Möglichkeit des schriftlichen Diskutierens. Ich sehe mich als Gast.
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