Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides
Von der Schwierigkeit, dem Nächsten zu helfen
Leonards schlimme Krankengeschichte S. 245 – 313, die den Versuch schildert, eigenmächtig mit den Lithium-Gaben umzugehen und die Dosierungen zu ändern, war erschreckend, ist aber auch von anderen Leserinnen schon ins Gespräch gebracht worden.
Ab S. 313 - „Entschlafen im Herrn“ wird Mitchells Arbeit im Heim für sterbende Notleidende in Kalkutta geschildert. Mir rief das all die eigene Hilflosigkeit wieder ins Gedächtnis, die mich beim Umgang mit hilflosen älteren Menschen z. B. überfiel.
Ich hatte vor einigen Jahren mal für einige Monate solch eine Erfahrung – allerdings auf wesentlich weniger intensivem Niveau.
Hier ein Zitat aus der damaligen Geschichte
„Die größte Herausforderung des Dienstag ist es Frau W., die an spinaler Kinderlähmung leidet, aus dem Handrollstuhl in den Elektrorollstuhl zu befördern, den sie außer Haus benutzt. Sie verwendet dafür einen alten Holzhocker, den sie zwischen die beiden Stühle stellt. Sie zieht sich selbst mit den Armen erst einmal in eine bestimmte Position auf diesem Hocker und dreht sich . Und wenn sie mir Bescheid gibt, dann muss ich sie von hinten ein bisschen schieben, dann um sie rumlaufen und am Hosenbund in den Stuhl ziehen. Ich bin immer heilfroh, wenn das geschafft ist. Wenn wir wieder zu Hause ankommen geht es den anderen Weg, der leichter ist, weil es ein kleines Gefälle von dem großen Stuhl in den kleinen gibt, das man effektiv nutzen kann und so Kraft spart.
Das alles geht mir jetzt leichter von der Hand, weil sich eine gewisse Vertrautheit eingestellt hat. Man kann schlecht an einem Menschen herumzerren und schieben, den man überhaupt nicht mag oder überhaupt nicht kennt. Man kann auch besser ertragen, wenn die feuchte Hose ein bisschen nach Urin riecht.
Dann fahren wir Besorgungen machen. Meist ist es der Friseur und allerlei Einkäufe. Sie ist trotz allem eine gepflegte Erscheinung. Nach der Ausfahrt gibt es bei ihr immer Schrippen und Kaffee. Ein bisschen Plauderei. Ich gehe immer ganz fröhlich von ihr weg."
Dies war also eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, die mir aber klargemacht hat, wie schwierig Helfen sein kann.
Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ich kürzlich einen Text, der Bringedienst für die Alte hieß, so merkwürdig kenntnislos und ignorant fand.
Es ist schwer, zu helfen. Es muss Vertrauen sein zwischen Menschen und es ist nicht jedem gegeben, beherzt denen zur Hand zu gehen, die es dringend brauchen.
Außerdem braucht man auch Sachkunde für diese Arbeit.
Die Arbeit mit den schwer Kranken – das wird bei Mitchell deutlich – geht an die eigene Substanz, wenn man nicht lernt oder gelernt hat, damit umzugehen. Die Passage, in der ein fast sterbender Mann durch die Gänge zum Baden geschleift wird, ist sehr eindrücklich und macht das deutlich.
Mitchell scheitert an den Bedingungen dieser Arbeit und macht sich aus dem Staub. Es geht im Religiosität und Nächstenliebe. Eine komplizierte Verbindung. Ich behandle das Thema jetzt auch nicht gründlich, weil dazu schon soviel geschrieben und „bedacht“ wurde. Aber, ich fand Eugenides Schilderungen sehr einleuchtend.
Jetzt fehlt nur noch der Schluss.