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Therapeutische Bücher
Im Dezember1988 notiert der Schriftsteller und Dichter Peter Rühmkorf (1929-2008) in sein TABU I: „Das Gefühl, dass etwas zu Ende geht, Zur Hälfte bereits abgestorbenes Zeug, das man mit sich herumschleppt. Erledigte Stoffe. Hadesgepäck. Und kein tröstliches Buch, in dem man rückstandlos verschwinden kann.“.
Wer kennt solche Gefühle nicht, wer hebt nicht manchmal irritiert die Augen von einem Buch, weil es ihn soeben entlassen hat aus seiner Welt in die eigene wie sie ist. Oder, wer bekommt nicht Sehnsucht nach diesem Buch - und möchte wieder hineinflüchten, weil es so gut getan hat, drin zu verschwinden und zu lesen. Es hat weniger mit dem Bedürfnis nach Weltflucht, sondern – bei mir ist es so – mit dem Trost zu tun, den man daraus schöpft, dass es den Romanhelden ähnlich geht, wie einem selbst. Viele Leser wollen von Büchern nichts als entführt werden, ich nicht. Ich will erinnert werden, wie das wirkliche Leben ist und manchmal daran, dass es nicht so schlimm ist, nicht die Katastrophe, die ich befürchte.
Bücher mit einer therapeutische Wirkung nenne ich solche Lektüre. Manchmal nur für eine bestimmte Zeit, manchmal auch für immer.
Solche Sachen werde ich in einer kleinen Reihe vorstellen.
1. Frühherbst in Badenweiler
Das Buch stammt von Gabriele Wohmann, de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_Wohmann
einer westdeutschen Autorin, die wenige kennen. Sie gehörte der berühmten Gruppe 47 an, die – unter der Leitung von Hans Werner Richter - nach dem Krieg so prominente Autoren wie Ingeborg Bachmann oder auch Heinrich Böll zusammenbrachte.
Als das Buch „Frühherbst in Badenweiler“ 1979 erschien, war sie allerdings schon arriviert. Ich las ihre Bücher – von denen einige auch in der DDR erschienen waren – immer gern, weil sie sprachlich sehr kultiviert sind und weil sie Auskunft zu geben schienen über das Leben in einer Welt, die ich nicht kannte: Die Welt der Westdeutschen nämlich.
Die Handlung ist schnell erzählt:
Ein Komponist mit Schaffenskrise und in mittleren Jahren entschließt sich, im eleganten Badenweiler seinen längst fälligen Zusammenbruch zu absolvieren. Er quartiert sich nobel ein und muss feststellen, dass er trotz allen Grolls auf seine Frau, auf sein Leben im bundesdeutschen Kunstbetrieb doch ganz gut zurechtkommt. Das irritiert ihn, denn eigentlich will er den Ursachen seines Krisengefühls auf die Spur kommen. Dauernd sendet er fiktive innere Botschaften an die Familie, an die Verwalter des kulturellen Lebens, an die Kreativen, die ihm Konkurrenz machen.
Der Roman entstand als der Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer gerade von der RAF entführt worden war. Auch dieses Zeitgefühl fließt ein in den Roman. Aber er ist eigentlich völlig unpolitisch- nur wachsam gegenüber menschlichen Abgründen und kleinen Ängsten.
Ich habe das Buch zufällig in die Hände bekommen, als es mir selbst nicht so gut ging und als alle, denen ich mit meinen Problemen zu dicht auf die Pelle rückte, meinten, ich solle mich doch selbst nicht so ernst nehmen. Hier hatte ich eine Lektüre, in der die Autorin ihrem Protagonisten, mit allen seinen hypochondrischen Verrücktheiten, seinen ständigen Fragen an die eigene Identität, seiner Panik vor den Zumutungen der Welt und der „Anderen“, weiten Raum schenkt.
Mehr Egomanie statt Anpassung
Und ich dachte bei mir: So muss man sein, man sollte mehr Egomanie entwickeln, statt sich anzupassen, man sollte alle seine Neigungen, Überlegungen und Beweggründe genau befragen. Das war zu DDR-Zeiten ganz wichtig, schien mir. Dort waren –außer bei Christa Wolf – alle Helden auf die Veränderung der äußeren Welt aus. Bücher, in denen das Personal rebellierte, kamen zwar auch vor, aber das war dann auch immer ein Ausnahmetheater, war nicht der Alltag. Der DDR-Alltag wurde selten beschrieben und ich bin ein Alltagsmensch.
Anpassung im Modus West
Hier war es mal anders. Von Anpassung ist in dem Buch oft die Rede: Der Komponist Hubert Frey will möglichst nirgendwo anecken. Etwas, das ich mir an mir selbst vorstellen kann, das aber heute immer nur im Zusammenhang mit dem Verhalten von Bürgern aus der DDR eine Rolle zu spielen scheint.
Am Ende gibt es keinen Zusammenbruch. Es gibt eher ein trostvolles Ende, der Held geht zurück in seine Kultur-Betriebs-Welt. Wenig geschieht in dem Buch, aber er ist wie alle Wohmann-Bücher von hoher Sprachkultur.
Kramen in alten Verschrobenheiten
Zur therapeutischen Lektüre gehört, dass sie am Ende hilft. Wenn ich es heute – immer mal wieder - nachlese, dann mit einem Lächeln, weil ich es nicht mehr für unabdingbar für meine Entwicklung halte, jeder Verschrobenheit, die da benannt und begrübelt wird, im Detail nachzugehen. Überhaupt sagte man mir nach der Wende: Die Wohmann, die schreibt doch einen völlig lebensfernen Stil. Das ist ja ein Ding. Sie hat eine kleine Fan-Gemeinde, darunter auch ich, aber einen großen Durchbruch hatte sie nie. Ich lese sie und ihre bis in die Gegenwart immer ähnliche Themen und ein ähnliches Milieu umkreisenden Bücher bis heute gern.
Eine therapeutische Lektüre über Selbstreflexion und das Auskommen mit sich und der Welt. Beruhigend, ironisch, beruhigend.
Schönes Zitat: „Wem er schreiben konnte, Ich schau mich sehr kurz im Spiegel an und kann nicht verstehen, dass auch ich sterben werde, wusste Hubert nicht.“
Für die größte Not gibt’s keinen Adressaten.
Gabriele Wohmann
"Frühherbst in Badenweiler"
Taschenbuch
Verlag: Piper (1994)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3492120482
ISBN-13: 978-3492120487
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Gabriele Wohmann, von der habe ich früher viel und gerne gelesen.
Danke fürs dran erinnern, Magda. LG Feli |
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Liebe Magda,
sehr beeindruckend gut geschriebene Buchempfehlung! Danke! ;O) Herzliche Grüße por |
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Klasse. Ich freue mich schon auf Ihre weiteren Ausgrabungen.
Aktuell, hoffentlich passend, jenes kleine Feature des Hessischen Rundfunks: Fazit Gabriele Wohmanns am Ende: "Ja, ich denke, dass ich verkannt bin." www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=2039&key=standard_document_31110750 Eine Kluge gibt da Selbstauskunft. Übrigens, ähnlich wie Härtling, ist sie eine unermüdliche Leserin und Auskunftsfreudige, für Schulklassen und Studenten. Unter Garantie wurde jede Frage, selbst die seltsamste, von ihr, der "bösen Frau" (Feature), beantwortet. Sie las immer und mit Sicherheit, ob auf Schiffen oder in Zelten, z.B. bei der Mainzer Minipressen-Messe, vor, hinter und nach den Feuerschluckern. Und wer heute anfragt, bekommt ein schönes Radiointerview in alter, aber dafür glasklarer Stimme. Grüße Christoph Leusch |
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Oh danke, das ist ein schöner Tipp. Ja, die Wohmann bezeichnet sich selbst als Graphomanin. Und bleibt öffentlich in ihrer Arbeit. Nach der Wende schien ihr ohnehin kleiner Stern etwas zu versinken. Und stimmt auch: Sie ist verkannt. Sie schreibt fantastisch, wenn man es mag und gern Seelenlandschaften besucht.
Gruß Magda |
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Ich stimme zu. Vor allem dazu, die TABUs wieder mal durchzublättern, und auch dieses Die Jahre, die ihr kennt ...
Dann nimmt alles Ein unversöhnlich sanftes Ende ... als Roman, versteht sich. |
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Cherie, lies mal genauer. Hier ist Rühmkorf nur der Aufhänger. TABU I habe ich schon besprochen. Hier...Schon lange her.
www.freitag.de/community/blogs/magda/lesefruechte---peter-ruehmkorf-1929-2008?searchterm=Peter+R%C3%BChmkorf |
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schrieb am
10.01.2010 um 19:34
Zu Wohmann stimme ich nur minder zu, zu Rühmkorfs TABU vor allem.
Als Roman, in dem ich leben will nenne ich Hermann Peter Piwitts Ein unversöhnlich sanftes Ende. Als Kritik und Ausfahrt von allem. (Im Ford Mustang) |
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Ich gebe zu, liebe Magda, dass ich von der Wohmann noch niemals etwas gelesen habe, obwohl ich Vielleser bin. Werde nach deiner ausführlichen Beschreibung wohl einem Buch näher treten. Aber das therapeutische Element beim Lesen, das schätze ich auch. Gerade dass man befreit von einem Buch zurück kehrt in die jeweilige eigene Welt ist erquickend. Mit tiefstem Bedauern erlebe ich jetzt, dass die Welt des Gedruckten langsam abstirbt. Eine neue Welt ohne Leser ist eine grauenvolle Vorstellung. Eine Welt ohne literarisch Interessierte, so wie die Bundesregierung sie will, indem sie Bildung nur noch berufsbezogen definiert. Eine Welt ohne mich! Genau wie die Printwelt einen langsamen Tod stirbt wird meine Spezies langsam aussterben!
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liebe magda, das ist ein vielbesprochenes thema, das therapeutische schreiben und lesen. die wohmann kenne ich nicht, weil ich kein vielleser bin. kann mich nur an private abfällige berkungen eines penmitglieds über die schwarze dame erinnern.
aber ich kenne schon das wohlige verschwinden zwischen buchdeckeln. möglichst in einem roman in einer anderen sprache. vielleicht auch noch aus einem anderen jahrhundert. als es mir mal dreckig ging, zog ich es aber vor, in berichten über das leben der seelöwen im umkreis der antarktis zu versinken. tiere sind überhaupt für mich therapeutischer als das fiktionale gemensche. eben im garten sah ich zum ersten mal, dass sich eine ganze schar zaunkönige bei mir unterm vordach zur nachtruhe versammelte. wo die winzlinge im frühling ihre brut päppeln, in einer hohlen hand aus holzbeton, gedacht als nisthilfe für rauchschwalben, haben sie jetzt ihr winternest zur gemeinsamen übernachtung bei minusgraden gebaut. es scheint ihnen zu gefallen im winternachtquartier. das entnehme ich ihrem geflüster auf zitzerlisch. |
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"Als es mir mal dreckig ging, zog ich es aber vor, in berichten über das leben der seelöwen im umkreis der antarktis zu versinken. tiere sind überhaupt für mich therapeutischer als das fiktionale gemensche."
Danke lieber h.yuren für Deine Anmerkungen. Ich bin immer fürs Gemensche. Denn, wenn man sich immer mehr vom Menschen entfernt, dann ist es auch Selbstentfremdung. Es gibt ja diesen berühmten Spruch: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere. Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hat das mal verballhornt zu: Seit ich die Tiere kenne, liebe ich die Pflanzen. Und so kann man das betreiben, bis man in der Erde verschwindet. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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