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Mit Erinnerung gegen Veränderungsscheu?
Oh Elend aller Biographie", klagt der Erzähler in Rainald Maria Goetz' Erzählung Rave. Schaudernd hält man sie eines Tages in Händen wie eine dunkle Fotografie, auf der die Konturen verschwimmen, dazwischen quillt ein unerklärlicher Hass. "Finster und immer verfinsterter bin ich draufgekommen, immer philosophischer. Scheußlich." Was Goetz dem Spiegel Ende 1999 über seine wilden, frühen Künstlerjahre anvertraute, kommt einem irgendwie bekannt vor. Die Karriere des 1954 geborenen Autors begann mit einem literarischen Amoklauf gegen das geschlossene System der Bundesrepublik. In dem 1983 erschienenen Roman Irre verzweifelt der Assistenzarzt Raspe (!) symbolisch am Labyrinth der Psychiatrie. Bis er schließlich den Systemdienst quittiert. Mit dem 1998 erschienenen Band Rave, der zwiespältigen Fanfare der Techno-Generation, feierte Goetz die Wende von der Kritik zur Empathie. Der Erzähler will der Zwangsjacke der Nacht gar nicht mehr entkommen. Inzwischen kann der Luhmann-Fan vom Systemalltag nicht genug kriegen. Ist Goetz damit zum verabscheuungswürdigen Realisten geworden? Nein. Er hat das System entdeckt, ohne gleich daran zu verzweifeln. Oder sich ihm zu ergeben. Er hört auf die "Botschaft der Straße". Und sein alter ego erschrickt, so kann man es in seinem letzten Buch Dekonspiratione nachlesen, über den Balkankrieg.
Gleiches wird man von Deutschlands beliebtestem Verräter und Ex-Radikalen, dem grünen Realpolitiker und Außenminister, Joschka Fischer, nicht unbedingt sagen können. Von der dritten deutschen Vergangenheitsbewältigung hat Ulrich Greiner angesichts der jüngsten Debatte um ihn in der Zeit gesprochen. Nicht ganz zu Unrecht. Natürlich hat sie inzwischen etwas Scheinheiliges und weitet sich via Jürgen Trittin zum nachgeholten Kulturkampf von rechts gegen die 68er. Die Gelegenheit ist günstig. The Empire strikes back. Es hat die Niederlage in dem Kampf um die kulturelle Hegemonie nämlich nie verwunden. Aber womöglich hat die Debatte doch ihr Gutes.
Dem Frankfurter Soziologen und Psychotherapeuten Alexander Mitscherlich schien zu Beginn der siebziger Jahre die Unfähigkeit zu trauern der Elterngeneration damals die "Brücke zum Verständnis des psychischen Immobilismus, der Unfähigkeit, in sozial fortschrittlicher Weise die Probleme unserer Gesellschaft in Angriff zu nehmen." Anders als bei den rituellen Besinnungsaufsätzen zu den verflossenen 68er-Jubiläen wächst sich der Fall Fischer nun zum unvorhersehbaren Sturzbach der Erinnerung aus. Plötzlich wird die längst abgelegt geglaubte Erinnerung wirklich lebendig. Wiedervorlage war eigentlich nicht vorgesehen. Die einstigen Straßenkämpfer waren nach ein paar faden Witzchen über die linken Jugendsünden fraglos zur Realpolitik übergegangen, glaubten, sich ein paar Maßanzüge anlegen und damit ins System einsteigen zu können. Die biographischen und politischen Brüche blieben überdeckt von Pragmatismus und Schweigen. Zwar wiederholt sich mit den Angriffen auf den - wie gewohnt - arroganten Jürgen Trittin jetzt der blindwütige Distanzierungszwang, mit dem schon in den siebziger Jahren jedes gesellschaftskritische Engagement mundtot gemacht werden sollte. Und man darf bei dieser Gelegenheit vielleicht daran erinnern, dass die stille Dialog-Initiative der Grünen Antje Vollmer vor ein paar Jahren mehr zur Vergangenheitsbewältigung von RAF-Terroristen beigetragen hat als die selbstgerechte law-and-order-Empörung der CDU heute. Trotzdem ist es nicht die schlechteste Situation, dass einstmals radikale Linke nun erklären müssen, "wer wir waren", wie der Maoist, Ex-KBW'ler und jetzige Planungsstäbler im Auswärtigen Amt, Joscha Schmierer, kürzlich einen Aufsatz in der FAZ überschrieb. Weil sie die Motive zur - horribile dictu - Gesellschaftsveränderung freilegt. Gerade weil er sich so zögerlich an die Scheidelinie zur RAF heranarbeitete, könnte Fischers Wende von 1976 manchem Nationalrevolutionär heute zu denken geben. Natürlich hat er es sich mit seiner staatstragenden Rhetorik und seinem verfassungswidrigen Krieg selbst eingebrockt. Trotzdem nervt, wie die linke Häme seine politische Entwicklung seit der Frankfurter Zeit wieder und wieder auf bloßen Opportunismus reduziert. Als ob man den in den Genen hätte. Der Kalte Krieg ist vorbei. Joschka erhalte uns unsere Feindbilder! So wird Erinnerung nicht produktiv. Der Vorwurf ist so steril und unhistorisch wie das Geschrei der Union oder die vom früheren Erbfeind Springer gutbezahlte Infamie Oskar Lafontaines, der einen einzigen Bogen von den Frankfurter Molotow-Cocktails, die Fischer wohl nicht geschmissen hat, bis zu den Kosovo-Bomben zieht. Als ob Biographien nicht in Brüchen reifen. Arbeitet man sie wirklich durch, wie Mitscherlich wollte, wird man auf Unliebsames und Verdrängtes stoßen.
Die Gnade der späten Geburt hat mich davor bewahrt, in die gleichen Gewissenskämpfe verwickelt zu werden, wie sie Fischer, Klein und andere in meiner Heimatstadt durchmachten. Die Frankfurter Straßenschlachten durften wir Schüler des Lessinggymasiums nur durch die hastig versperrten Glastüren des humanistischen Altbaus verfolgen, der direkt neben dem Hauptquartier der V. US-Armee im Haus der IG Farben stand, ebenfalls Schauplatz eines anderen blutigen Attentats. Der Vertrauenslehrer unserer Schule verfolgte die verworrene Lage vom Dach des Hauses. Davor standen die Sandsteinstatuen von Lessing und Melanchton und zerbröselten im sauren Regen. Bei 1968 war ich Zaungast. Und es war vergleichsweise undramatischer, als es mich sehr viel später, zu Beginn der neunziger Jahre im beschaulichen Bonn am Rhein, politisch fast meinen SPD-Kopf gekostet hat, dass ich in dieser müden Putztruppe des Reformismus aus trotzigem Zorn über ihre Sozialismusphobie, Erich Honecker öffentlich einen "großen alten Mann der Arbeiterbewegung" genannt habe. Das Wort gefällt mir nicht mehr. Tragisch hätte besser gepasst. Trotzdem blicke ich noch heute mit Respekt auf den Irrweg seines Lebens, gegen den der rheinische Möchtegernrandaleur Friedrich Merz ein wildgewordenes Mainzelmännchen ist und - jedenfalls vorerst - bleibt.
Rotgrün begann nicht gerade als Rotte von Systemveränderern. Obwohl der Wahnsinn in dem Rinder- und Schweinesystem schon so weit fortgeschritten war, dass, wie bei Dagobert Duck, nur der eine berühmte Kreuzer zuviel im Geldspeicher fehlte, um es zusammenfallen zu lassen. Stellen wir uns für eine Nanosekunde idealistisch. Auch wenn die jüngste Bonner Machterhaltungspirouette nach dem Muster: eins links (Ökolandwirtschaft), eins rechts (Kurswechsel in der Genpolitik), zwei fallen lassen (Fischer und Funke) dagegenspricht. Vielleicht erschüttert der ungewollte Erinnerungsschub die Derealisierung der angepassten Generationencrew. Und rehabiliert, nachdem man die Spreu der Gewalt vom Weizen der Veränderung getrennt hat, ein paar der immer noch brauchbaren Impulse der hässlichen, vergessenen Zeit. Selbst der Bundeskanzler fiel vergangene Woche im Bundestag plötzlich in die Rolle zurück, die wir von ihm schon immer mehr schätzten als die paar Marx-Brocken, die er für die Juso-Papierkriege angelernt hatte, die des Anwaltes nämlich, der Linke verteidigt. Für einen Moment lag da plötzlich wieder etwas offen.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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