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Auf der Transmediale in Berlin wurde mit "Artistischer Software"und interaktiven Installationen der öffentliche (Medien-)Raum neu ausgeleuchtet
Die Transmediale, jährliches Medienfestival in Berlin, wird immer mehr zum Treffpunkt für Künstler und andere Interessierte, die sich Computer und Software auf sonst nicht vorgesehene Weise aneignen wollen. Vor 14 Jahren als Festival für Videokunst gegründet, ist diese Sektion auch heute noch dominant. Die Aura des Neuen, Avantgardistischen strahlen aber eindeutig die Künstler der Neuen Medien aus.
Schon bei der feierliche Eröffnung wurden die Gäste mit dem eigenwilligen Anarcho-Charme eines Hackers konfrontiert, der sich damit vergnügt, ein elektronisches Gerät wie den Gameboy seinem Zweck zu entfremden und ihn zum Musikinstrument umzubauen (Christoph Kummerer). Im Verlauf der Woche wurden dann die Dimensionen des kreativen Missbrauchs und das Motto des Festivals Do it yourself!" diskutiert und entsprechende Projekte vorgestellt. Eine großangelegte Aufforderung zum Codeknacken - die Gewinner sollten mit der Aussicht gelockt werden, ihre Messages in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt Hamburg publizieren zu können -, entglitt bezeichnenderweise den Initiatoren: Das vorgegebene Programm haben Hacker in zwei Nächten eleganter und effektiver umgeschrieben, als es die Projektleiter in zwei Monaten vermochten.
Die Frage, die sich hier aufdrängt, nämlich wer eigentlich wen steuert, verweist auf zwei wesentliche Perspektiven der Neuen Medien, die die Transmediale aufzuzeigen vermochte. Interessant für die Künstler ist die Frage, wie mit Soft- und Hardware neue, zugleich ästhetisch gestaltende und kritisch reflektierende Kunstformen ausgebildet werden können. Welche Normen und Konventionen werden von den Software-Entwicklern geschaffen und wie spiegeln diese gesellschaftliche Werte wider? Diese Fragestellung ist auch in Projekten mit politischen Ambitionen sichtbar, die das Netz als alternativen öffentlichen Raum entdecken und ausbauen wollen.
Der Preis für artistic software, der zum ersten Mal in Europa vergeben wurde, spricht dafür, dass dies eine neue und relevante Gattung von Kunstwerken ist: Die Künstler haben sich eine Kunstform erarbeitet, in der Software nicht mehr nur zum Erzielen bestimmter Wirkungen eingesetzt wird. In der artistic software werden die Codes vielmehr selbst zum Kunstobjekt gemacht. Die Diskussion um eine genaue Definition, vor allem von den Jurymitgliedern und Fachleuten auf dem Podium geführt, zog sich bis tief in die Nacht. Deutlich war hier eine Aufbruchsstimmung zu spüren, die von dem Bewusstsein zeugt, dass tatsächlich etwas Neues entsteht.
Prämiert mit zwei zweiten Preisen wurden Auto-Illustrator von Adrian Ward (UK) und Nebula.M81 von Netochka Nezvanova. Beiden Arbeiten verweisen auf Konventionen in der Darstellung von Programmiersprachen und Benutzeroberflächen. Der Auto-Illustrator spielt mit der Erwartungshaltung des Benutzers, die sich an normierten Programmen orientiert. Er wähnt sich einem herkömmlichen Grafik-Programm gegenüber, muss dann aber erfahren: Das Programm folgt durchaus nicht seinen Anweisungen, sondern generiert unerwartete Grafiken und Bewegungen. Auf einer abstrakteren Ebene funktioniert das Programm Nebula.M81. Es reflektiert die Tatsache, dass auch Programmiersprachen - ebenso wie unsere normale Alltagssprache - nur deswegen funktionieren, weil Normierungen ein allgemeines Verständnis ermöglichen. Nebula.M81 interpretiert die Quellcodes von Websites neu, so dass - je nach angewählter Option - schneller oder langsamer, geräuschvoll oder stumm Linien über die Bildfläche ziehen.
Artistic Software ist allerdings eine Kunstform, die - außerhalb von Festivals wie der Transmediale - ausschließlich von Besitzern (leistungsstarker) PCs genossen werden kann und sich auf dem Bildschirm, also im virtuellen Raum abspielt.
Im realen Raum sichtbar und intensiv sinnlich erlebbar wird das Zusammenspiel von Software und menschlichen Aktionen dagegen in interaktiven Installationen. Besonders eindrucksvoll war die Arbeit Spatial Sounds von Marnix de Nijs und Edwin van der Heide. Sie montierten einen Lautsprecher auf eine Achse, die mit bis zu 100 km/h rotieren konnte. Bewegungen der Besucher lösten diese bedrohlich schnelle Rotation aus, wobei der Einschüchterungseffekt noch von brachialer akustischer Beschallung verstärkt wurde. Leider konnten solche Arbeiten in diesem Jahr nur via Videodokumentationen vorgestellt werden: Für eine ausführliche Ausstellung reichte der gekürzte Etat nicht.
Die Leistung von Rechnern wird aber nicht nur als Mittel eingesetzt, das menschliche Aktionen in Geräusche und Bewegungen umsetzt. Rechner werden auch dazu benutzt, virtuelle Begegnungsstätten zu schaffen, die sich zum Treffpunkt und Publikationsorgan ganz normaler Benutzer entwickeln können. In Zeiten, in denen Macht sich nicht vordringlich in Verboten manifestiert, sondern durch die Beschneidung des öffentlichen Raumes beziehungsweise durch die Besetzung der Medien mit wenig öffentlich, will heißen politisch relevanten Themen (siehe Big Brother) ausgeübt wird, ist das Netz als alternativer öffentlicher Raum besonders interessant.
Die dänische Gruppe Superflex bietet kleineren kommunalen Gruppen eine Kommunikationsplattform an, um sie zum Austausch über ihre Lebenssituation zu nutzen. Sie können aber auch Einfluss auf die Entscheidungen der lokalen Stadtentwicklung nehmen, wenn sie etwa einen runden Tisch ins Leben rufen, um den Verkauf ihres Hauses zu verhindern. Ein weiteres berühmt gewordenes Projekt, die virtuelle Parallelstadt Amsterdam City, beruhte auf dem gleichen Prinzip: Neben kommerziellen Projekten konnten sich auch die Bewohner der Stadt kostenlos ein "Haus" sichern, um die eigene Homepage wirkungsvoll zu veröffentlichen.
Die Idee vom Netz als einem Ort, an dem sich möglichst alle gleichberechtigt und unter gleichen Bedingungen darstellen, treffen und austauschen können, wird allerdings zunehmend durch die Kommerzialisierung in Frage gestellt. So wird die Vergabe von Adressen im Internet rechtlich und vertraglich geregelt, ohne dass die Netzöffentlichkeit an diesem Prozess hinreichend beteiligt wird. Auch Informationen sind längst nicht mehr für alle kostenlos zugänglich, und die anfangs gemeinschaftliche Entwicklung von Software ist nur noch in einzelnen Projekten möglich. Monopolisten wie Microsoft, deren Programme die weiteste Verbreitung finden, schließen die kreative Mitarbeit durch Verschlüsselung der Quellcodes aus.
Die Teilnehmer der Transmediale waren sich einig: Künstlerische wie sozial ausgerichtete Projekte sollten weiterhin dieser Entwicklung entgegenarbeiten. Sei es durch die kreative Umfunktionierung vorgegebener Tatsachen, wie dies die Hackergemeinden versuchen, oder durch eine kritische Reflexion der Voraussetzungen zur Teilnahme.
An der Basis steht dabei immer noch der Hinweis auf die finanziellen Bedingungen. Nicht jeder kann sich überhaupt einen Computer, geschweige denn die alljährlichen Updates von Hard- und Software leisten. Rena Tangens, Netzpionierin und Spezialistin für Kryptographie, entwickelt deswegen Programme, die auch mit wenig Speicherkapazität arbeiten, und die eine weitreichende Offlinearbeit ermöglichen. Wie wenig eine solche kostenreduzierte Nutzung des Internet im Interesse der Netzanbieter liegt, zeigte sehr eindrucksvoll ihre Demonstration einer Original-Telekom-Graphik. Zu sehen war das Schema einer Verkabelung privater Haushalte, wobei ein dickes Kabel in das Haus führte, nur ein sehr mageres dagegen aus dem Haus heraus. Die einzigen vorgesehenen Funktionen lauteten order (bestellen) und pay (bezahlen).
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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