Die deutsche Bahn ist nicht einfach nur schlecht, sie hat vor allem unsere große Liebe verraten. Diese Bahn, das verstehen wir beim zweiten Nachdenken über unsere Verzweiflung, zerstört beides zugleich: die Funktionalität des mobilen Alltags und den Glückstraum eines sanften, kultivierten, menschlichen und interessanten Reisens.
Die Geschichten, die wir leidgeprüften Reisenden uns am Bahnsteig erzählen, handeln nicht von einem liebenswert altmodischen Unternehmen, das immer wieder an den Rand seiner technischen und organisatorischen Kapazität gelangt, nicht von Unperfektem und von menschlichen Schwächen, von abenteuerlichen Improvisationen und unvorhergesehenen Hindernissen. Alle unsere Geschichten handeln von Mangelwirtschaft inmitten technischer und konsumistischer Protzerei, von gebrochenen Versprechen und mangelndem Entgegenkommen, von einer Mischung aus Bösartigkeit und Inkompetenz, die sich offensichtlich durch alle Ebenen der Hierarchie dieses Unternehmens zieht: von einem Krieg, den das Unternehmen gegen seine Kunden führt. Und das alles, weil die Bahn besessen ist von einer fixen Idee: Privatisierung! Börsengang! Mitspielen beim Luft-Monopoly!
Es ist diese fixe Idee, die zu einer Ideologie geworden ist, und diese Ideologie hat sich in „Sachzwänge“ verwandelt, diese Sachzwänge haben sich in Betrug und Selbstbetrug verwandelt, und dieser Betrug und Selbstbetrug wurden zu unserer Unkultur des Reisens. Diese Unkultur des Reisens ist eine der großen Metaphern der Krise und unserer Ohnmacht. Auf einem deutschen Bahnhof konnte man lange Zeit vor der Krise spüren, was „Neoliberalismus“ bedeutet, wenn er auswegloser Alltag wird. Und lange Zeit wird man noch das andere dieser Erfahrung zu spüren bekommen: Dass nichts gelernt wird und alles so weiter geht.
Ein Blick zurück. Das deutsche Wirtschaftswunder basierte auf dem Automobil. Die Bahn blieb derweil das Sinnbild einer alten Industrialisierung, die man als lebendes Museum neben der neuen bestehen ließ. Seit den siebziger Jahren gibt es nun beides zugleich – zyklische Krisen in der automobilen Gesellschaft und eine eruptive Entwicklung der Bundesbahn von einer gesellschaftlichen Dienstleistung zu einem ökonomischen Unternehmen, von einer verschroben-gemütlichen Beamtenwelt zu einer Markt-Alternative. Damit begann ein absurder Wettlauf der Destruktion. Immer, wenn Menschen durch Notwendigkeit oder Einsicht dazu gebracht wurden, vom Automobil auf die Bahn umzusteigen, erhöhte die Bahn sogleich die Preise, verknappte ihr Angebot und verschlechterte ihre Serviceleistungen. Ein ähnliches Prinzip der Rotation wendete man im System selber an: Für jedes mehr oder weniger kundenfreundliche Angebot, für jede vernünftige Vergünstigung wurden sogleich neue Benutzungshindernisse und Tariffallen geschaffen. Was in die glänzende, werbefreundliche Vorderfront investiert wurde, wandelte sich im inneren zu einer kolossalen Verwahrlosung. Während man mehr oder weniger geschickt nach neuen Kunden fischte, misshandelte man eben jene, die auf die Schiene angewiesen waren.
Verschwörung der Kulturen
Von Technik und Dynamik zeigte sich die Bahn derart fasziniert, dass das letzte Gut, die Schönheit und Kultur des Reisens vollkommen vernachlässigt wurde. Man könnte also sagen: Wenn die Deutsche Bahn ein Teil der öffentlichen Kultur war, dann wurde ganz einfach alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Wenn allerdings das Ziel die Rendite ist, dann war die Entwicklung zu einer Art Verlidlung des Reisens für uns, die wir nicht zu den Besserverdienenden gehören, so konsequent wie am Ende die Übernahme der Bespitzelungspraktiken gegenüber den eigenen Mitarbeitern.
In dem Zusammenhang von Automobilindustrie und Bahnkultur gilt auch: Je schlechter die Bahnverbindungen zwischen einem Zentrum und seinen Arbeits- und Freizeitangeboten sowie dem Umland, desto höher der Unterschied der Mieten und Immobilienpreise zwischen Zentrum und Peripherie. Diese Differenz, das ist das alte Prinzip des Ökonomen David Ricardo, ist es, die den Preis weiter in die Höhe treibt.
Damit ist geklärt, dass ein schlechter Nahverkehr durchaus gut fürs Geschäft ist. Aber warum ist auch der Fernverkehr so unkultiviert, sieht man einmal davon ab, dass man zweifellos mit einer gewissen hierarchischen Ansteckung auf dem Schienennetz rechnen muss? Man wird ja, das weiß man aus Erfahrung, auf einem der 2,99-Euro-Flüge, die immer mal wieder ergattert werden können, in aller Regel wesentlich besser behandelt als auf einer 180-Euro-Fahrt mit der Bahn. Der Flughafen ist weder Teil des Zentrums noch Teil der Peripherie, er ist, wie auch der Luftraum selber, eine Art soziales Niemandsland. Weshalb in aller Regel das Erreichen und Verlassen eines Flughafens abenteuerlicher und zeitraubender ist als der Flug selber. Der Flug vernetzt Business und Freizeit (er vernetzt, wenn man so will, bereits Vernetztes). Er hat in aller Regel aber wenig mit dem Wert von Immobilien und Arbeit im größeren Umkreis zu tun. Er widersteht der sozialen Dynamik (nicht nur, weil man in der VIP-Lounge unter sich bleibt, auch wenn man hier für das Glas Pils nicht mehr bezahlt als der arme Kerl am Schmutztresen, der auf einen verspäteten Zug wartet), Fliegen ist installierte Differenz. Das Fliegen, sagt Roland Barthes, heißt „warten, unbeweglich sein. Nicht reisen“. So haben wir nebeneinander also eine Unkultur des Reisens und eine Kultur des Un-Reisens. Als würde unsere Kultur sich gegen das Reisen als Kultur verschwören.
Die Bahn repräsentiert dabei perfekt den Wandel einer Wirtschaft vom Realwirtschafts- auf den Finanzwirtschaftssektor. Das Geld, das man hier macht, macht man nicht mit der Zufriedenheit der Kunden, und man investiert es nicht in diese. Das Geld will zu jener Rendite werden, die die Anleger aus den Finanzmärkten anziehen; es will „spielen“. (Und wir Reisende, nebenbei gesagt, bekommen an einem Bahnhof von heute zwar nichts Anständiges mehr zu essen, aber reichlich Gelegenheiten, Geld an Spielautomaten zu verlieren.) Aber damit ist es nicht getan: Sowohl der Reisende als auch die Öffentlichkeit muss das auch zur Kenntnis nehmen, noch jeder Verkaufsstand für Kaffee und Donuts, noch jeder Zusammenstoß zwischen Wachdienst und Obdachlosen, noch jedes Scheitern ausgebeuteter migrantischer Arbeiter am allgemeinen Zorn der Bahnbenutzer, noch jeder zynische Versuch, die Reisenden mit offensichtlich falschen Informationen ruhig zu stellen, ist Teil der gleichen Erzählung: Mit der Mobilität, zu der wir Dich gezwungen haben, machen wir Dich auch fertig. Der Reisende soll nichts mehr sehen und nichts mehr erfahren dürfen, aber eine Spur der verlorenen Kaufkraft hinterlassen.
Natürlich wird auch die schlechte Behandlung des Kunden durch das Personal nicht allein durch schlechte Bezahlung, ruinöse Arbeitsbedingung und Mobbing statt Eisenbahner-Kleingarten erzeugt. Die Bahn, die einst für ihre Mitarbeiter eine möglicherweise bescheidene, idyllische und ein wenig komische Welt bereithielt, eine Welt, die von der Arbeit über das Wohnen bis zur Freizeitgestaltung reichte, scheint unter ihrem eigenen Renditezwang die Mitarbeiter in eine Sonderstellung von abhängigem Prekariat zu drängen. Der Bahnbedienstete sieht uns als Feind – und zwar umso mehr, je weiter er in dieser Hierarchie unten steht, was kein Wunder ist, da ihn sein Arbeitgeber ja auch als Feind ansieht. Jeder Arbeitnehmer, den die Mehdorn-Company noch bezahlen muss, ist ein Hindernis für den Börsengang. So wie jeder Reisende von dem Augenblick an, da man ihn erfolgreich zum Kauf einer Fahrkarte überredet hat, nur noch lästig ist. Über die Bahn zu schimpfen, ist wie gesagt das einzige kleine Vergnügen, was uns bleibt. Mittlerweile kann man Bahnhasser-Bücher kaufen; auch in der Bahnhofsbuchhandlung. Dabei könnten wir mit all diesen Leuten in den mehr oder weniger schmucken Uniformen durchaus Mitleid haben; wir würden uns gerne mit ihnen solidarisieren, wenn, ja, wenn sie nur ihrerseits eine Spur von Mitleid, einen Hauch von Solidarität mit uns, den Reisenden zeigen könnten. So haben wir das nächste Symptom: Die Bahn als Sinnbild allgemeiner und spezieller Entsolidarisierung.
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Georg Seeßlen hat mit seiner Beschreibung sehr genau meine Gefühle getroffen, die ich gegenüber der Bahn seit langem empfinde. Sie ist für mich der Spiegel dieser nur noch auf Rendite orientierten Gesellschaft, in der die Verantwortlichen keine Verantwortung mehr für die Allgemeinheit empfinden, sondern nur noch für sich und ihr eigenes Klientel. Ich könnte stundenlang über die Verspätungen der Bahn, ihren Unservice und ihr Unvermögen zur Koordinierung erzählen. Allein wenn ich auf einem der unteren Bahnsteige des Berliner Hauptbahnhofs stehe, Eiseskälte – auch im Sommer – irgendwo weit hinten oder vorn sind 10 eiserne Sitzgelegenheiten für zig Wartende montiert, es bleibt einem nur, sich mit dem extra mitgebrachten Sitzkissen auf einem der immer schmutziger werdenden Betonpfeilerfüße zu setzen und der Dinge zu harren, die da – irgendwann –kommen -Brrrrr. Mehr kann man an geformter Feindschaft seinen Kunden kaum entgegenbringen. (Wer sich hier nur ein schönes Glasdach anschauen will oder shoppengehen ist vielleicht anderer Meinung.)
Einen wesentlichen Gedanken hat Georg Seeßlen aber in seinem Artikel leider nicht erwähnt: den Beitrag, den die Bahn für den Umweltschutz leisten könnte, wenn sie A verantwortungsvolle Leistungsträger und B verantwortungsvolle Politiker hätte. Eine Halbierung, besser wahrscheinlich eine Viertelung, der Fahrpreise würde Tausende animieren vom Auto auf die Bahn umzusteigen. Statt die Bahn an die Börse bringen zu wollen, sollte sie wieder verstaatlicht werden und zum Wohle der Allgemeinheit fahren. Statt Rendite zu erwarten sollte der Staat sie finanziell unterstützen, so dass jeder sich wieder Bahnfahren leisten kann, ja dass sie zu einer echten Alternative zum Auto wird. Leider höre ich diese Forderung von keiner Partei, nicht einmal von den Grünen. Zum Schluss: Auch die sogenannten Sparpreise der Bahn sind Betrug. Seit Jahren versuche ich einen Sparpreis zu ergattern, „zufällig“ ist das Kontingent dann immer ausgeschöpft. Nun ist es mir 10 Wochen vor der geplanten Reise gelungen – nur meine Tochter, die wir in Trier besuchen wollten, die dort arbeiten muss, da in dieser Welt ja alle so flexibel sein müssen, wird jetzt nicht da sein, da ihr Arbeitgeber sie flexibel zu einem wichtigen Termin nach Bremen berufen hat. Flexibilität – auch eine der modernen Monstranzen, die Familien und Freundschaften auseinanderbringen, ist bei dem „modernen“ Unternehmen Bahn nur teuer zu kaufen. Angelika Keune, Berlin |
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Ja, dies ist eine großartie Analyse der herrschenden Zustände, die wir uns gefallen lassen müssen, weil wir sie uns so lange haben gefallen lassen.
Auf eine Replik (andreasbraune: "Mythos Bahn und die Verlidlung der Bahn als Chance") habe ich als Replik statt viel zu ausufernder Kommentare Blogbeiträge geschrieben ("Aus der Bahn geworfen"), die ich der Lektüre anheimstelle. |
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Die "Verlidlung" der Bahn erinnert spontan an einen Beitrag von Heribert Prantl vor beinahe zwölf Monaten in der Sueddeutschen Zeitung. Vielleicht war das eine gewisse Anregung für Georg Seeßlen und seinen absolut, auch in den angedeuteten Weiterungen zutreffenden Text.
http://www.sueddeutsche.de/politik/17/439759/text/ Auf einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied zum Namensgeber dieser beiden genannten Texte sei dennoch hingewiesen. Und das macht die Sache im Kern noch wesentlich schlimmer, nachhaltiger im Negativen. Lidl hat in seiner Branche kein Monopol; nicht mal "fast"... |
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Herrlich, Herr Seeßlen! Endlich traut sich mal einer eine Gesellschafts-Analyse zu, die fundiert die Symptomatik der Verwahrlosung der Bahn rüberbringt. G* sei Dank für diesen Lichtblick!
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Man ist sie ja wahrlich gewöhnt (und von ihr verwöhnt): die Brillanz von Seeßlens Artikel, deren analytische Schärfe und poetische Kraft! Auch dieser über die liederliche, verlotterte, verlidlte Bahn ist wieder so ein Meisterstück! Dank und Kompliment!
W. Satzinger |
Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.
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