Kultur

Linker Haken | 20.03.2009 12:45 | Thomas Rothschild

Sex gegen Abschlussexamen

Die Schlagzeile "Sex gegen Abschlussexamen" empört uns. Doch der Kampf gegen widerwärtige Zustände dient oft genug als Vorwand, die Sexualität an sich zu verteufeln

Der Spiegel berichtet von einer Studentin, die einem Hochschullehrer für den Fall eines Versagens bei der Abschlussprüfung 5.000 Euro angeboten habe oder auch, dass sie für ihn kochen und putzen würde. Der Professor aber habe von ihr stattdessen "sexuelle Leistungen" gefordert.

Das erscheint dem ehemaligen Nachrichtenmagazin, das sich längst auch mit Klatsch und Tratsch beschäftigt, offenbar besonders verwerflich. Damit befindet es sich im Konsens einer Wertordnung, die von der Kirche, maßgeblichen Teilen der Frauenbewegung und dem Boulevard in gemeinsamer Anstrengung aufrechterhalten wird: Unter dem Vorwand des Kampfes gegen tatsächlich widerwärtige Zustände wird die Sexualität verteufelt.

Dass eine Frau ihre Arbeitskraft verkauft oder, wie hier, gegen eine vorteilhafte Beurteilung eintauschen will, bewegt sich noch im Rahmen des Normalen. Wenn jemand für einen Spottlohn oder, wie halblegale Einwanderer, für eine Aufenthaltsgenehmigung kocht und putzt – warum nicht für eine bessere Note? Wenn diese Frau aber ihren Körper verkauft, dann ist das pfui.

Dass der Bestechungsversuch und die Erpressung der Skandal sind, unabhängig davon, was als Gegenleistung geboten wird, ob das nun Geld, Arbeitskraft oder eben Sex ist, kommt niemandem in den Sinn. Was empört, ist die sexuelle Prostitution. Oder deren Anordnung. Es sei denn, sie findet innerhalb der Ehe statt.

Die Versorgungsehe, in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten die Regel, in unserer Gesellschaft seit nicht viel mehr als einem Jahrhundert hinter allerlei ideologischem Brimborium verborgen, erregt keinen Anstoß, auch wenn der von den Ehemännern bezahlte Preis für den Gebrauch des weiblichen Körpers meist geringere Vorzüge einbringt als ein bestandenes Abschlussexamen.

Der eigentliche Skandal ist die Nötigung, nicht die Art der Dienstleistung

Gewiss, die Einforderung von „sexuellen Leistungen“, die ohne Druck nicht erbracht würden, ist ekelhaft. Aber ist es die Einforderung von Dienstleistungen anderer Art unter den gleichen Umständen nicht auch? Wenn der abgenötigte „Liebesdienst“ die Fantasie der Kommentatoren weitaus stärker beschäftigt als abgenötigtes Kochen oder Putzen, dann besagt das nicht nur etwas über die gesellschaftlichen Normen, sondern auch über die Verklemmungen derer, die sich erregen. Es darf unterstellt werden, dass sie sich insgeheim wünschen, was zu verurteilen sie vorgeben.

Die Sexualfeindschaft unter dem Deckmantel der Abwehr eines tatsächlichen Übels ist kein Einzelfall. Wenn seit einigen Jahren allenthalben von „sexueller Gewalt“ die Rede ist, die bekämpft, bestraft, angezeigt werden müsse, dann liegt der Verdacht nahe, dass es nicht um Gewalt geht, sondern um Sexualität.

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Dass Sexualität mit Gewalt verbunden sein kann, ist keine neue Erkenntnis. Das Wort „Vergewaltigung“ bedarf keines Attributs, um seine Herkunft aus dem Umfeld der Sexualität erkennen zu lassen. Was aber hat es zu bedeuten, wenn die Ächtung der sexuellen Gewalt gefordert wird anstelle der Ächtung von Gewalt ganz ohne Attribut? Ist die Gewalt von Eltern gegen ihre Kinder, die Gewalt von Terrorkommandos gegen Systemkritiker, die Gewalt von Soldaten gegen Zivilisten weniger verdammenswert als Gewalt, die mit sexueller Lust verbunden zu sein scheint?

Die eher marginal gebliebene feministische These, dass jeder Sexualakt, insbesondere jede „Penetration“ ein Akt der Gewalt sei, bestärkt die Vermutung, dass mit den Kampagnen gegen „sexuelle Gewalt“ in Wahrheit die Sexualität gemeint ist. Wie mit den „religiösen Gefühlen“ die Religion und nicht die Gefühle, wie mit dem „islamischen Fundamentalismus“ der Islam und nicht der Fundamentalismus gemeint ist. Warum sonst bedürfte es des Beiworts?

In der Freitag(s)-Kolumne "Linker Haken" beklagt Thomas Rothschild Woche für Woche, dass alles immer schlimmer wird. Manchmal hat er aber auch andere Sorgen: Letzte Woche: Wie gut das Beste ist. Über Sinn und Unsinn von Bestenlisten und anderen Auszeichnungen

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
quenzel schrieb am 20.03.2009 um 14:15
Nicht dass ich hinter ihrem einen ähnlichen Verdacht gegen Sie hervorziehen wollte, was nicht schwer fiele, aber ich finde, ihr Thema bedarf dringend der Mittel von Witz und Satire, über die Sie offenbar nicht verfügen.
Stattdessen nähern Sie sich dem Dauerbrenner - kein Tatort ohne Rotlicht, natürlich- wie ein Professor mit dem bierernsten, alten Besinnungsaufsatz .
Natürlich, wir feministisch Belehrten - als Männer eh naturgemäß penetrante Wesen- können nie genau sagen, wo die Sexualität aufört und die Gewalt anfängt. Etwa beim Putzen? Ist Putzen als Dienstleistung nicht genauso erniedrigend wie Sex? Das wollten sie fragen und landen im Übereifer am Ende bei ganz schiefen Vergleichen. Denn natürlich hat es einen Sinn, von islamischem Fundamentalismus zu reden, schon um diesen nicht mit dem marxistischen Dogmatismus zu verwechseln. Oder dem feministischen Fundamentalismus. Diese fundamentalen Unterschiede bedürfen doch der attributiven Unterscheidung, sonst kämen wir ja gleich wieder ins Halbdunkel, wo alle Kühe grau erscheinen und Sex fast so demütigend ist wie Putzen und Kochen.
Das wollen Sie doch gerade nicht, Herr Rotschild.
Oder irre ich mich schon wieder ?
Deef schrieb am 20.03.2009 um 16:36
Guter Artikel.
Albi schrieb am 21.03.2009 um 17:46
"Es darf unterstellt werden, dass sie sich insgeheim wünschen, was zu verurteilen sie vorgeben."

Ziemlich anmassend.

"Wenn seit einigen Jahren allenthalben von „sexueller Gewalt“ die Rede ist, die bekämpft, bestraft, angezeigt werden müsse, dann liegt der Verdacht nahe, dass es nicht um Gewalt geht, sondern um Sexualität"

Präziser ausgedrückt geht es um sexualisierte Gewalt und gewalttätige Sexualität. Beiworte haben schon Ihre Berechtigung.
Joachim Losehand schrieb am 21.03.2009 um 18:21
Der wahre Skandal ist die prinzipielle und umfassende Diskriminierung all' derjenigen in abhängigen Positionen, deren Geschlecht und bzw. oder äußere physische einen Austausch solcherlei Dienstleistungen von vornherein ausschließt.
Joachim Losehand schrieb am 21.03.2009 um 18:23
deficit: ... Ausstattung ...

[Auch das Fehlen einer Editier-Funktion für Kommentare ist ein Defizit.]
ChristianBerlin schrieb am 23.03.2009 um 15:01
Du hast ein kleines, aber wesentliches Detail weggelassen. Die Studierende bot dem Dozenten laut Anklageschrift neben Geld und häuslicher Dienstleistung noch eine dritte Sache an: Mit ihm "ins Kino zu gehen".

Hast Du dieses Detail für unwesentlich gehalten, weil das dem Dozenten das eigentlich überhaupt nichts bringen kann? Dann verzeih mit bitte, wenn ich es demselben Grund für sehr wichtig halte.

Jeder, der schon mal mit Frauen zu tun hatte - wenn es nicht gerade Nonnen oder die von Dir zitierten Extra-Femininen waren - würde spätestens bei diesem Angebot einen möglichen Hintersinn wahrnehmen, denselben übrigens, den Frauen bei einer entsprechenden unvermittelten Einladung ins Kino z.T. unterstellen könnten (und meist auch zu Recht unterstellen).

Berücksichtigt man das verschwiegene Detail, sieht es deshalb eher so aus, dass sie zuerst ihn mit erotischen Angeboten zu ködern versucht hat, allerdings romantisiert und nicht so erniedrigend vund ersachlichend, wie er es dann unbedingt wollte. Statt des romantischen Abenteuers, das er vielleicht hätte haben können, hat er nun die Rache der verschmähten Frau am Hals - einschließlich der Fortsetzung des Geschlechterkampfes vor Gericht und in den Medien, zusammen auf der Anklagebank gelandet, statt im Bett.

Das von Dir benannte Problem der Bigotterie entstünde erst, wenn die Richter nicht begreifen, worüber sie hier zu richten haben oder Journalisten missverstehen, worüber sie hier schreiben. Auf letzteres würde zwar nicht der Bericht, aber die Headline bei Spiegel.de hindeuten - aber nicht wirklich: Ich vermute eher, dabei ging es um das Prinzip "Sex sells", also um die sichere Aufmerksamkeit (hier übrigens dto.).

Unsere hormonelle Bestechtlichkeit dagegen ist ubiquitär und unkontrollierbar. Nur wenige Lehrer/innen oder Dozent/inn/en sind dermaßen robbespierrehaft gerecht, dass sie absolut ausschließen könnten, nie durch Männer- oder Frauen-Liebe oder -Hass in ihrer Urteilskraft vom schmalen Grat der Objektivität abzuweichen. So etwas ausdrücklich aushandeln zu wollen, bricht aber die Regeln und muss Konsequenzen haben, sonst würde ein Präzedenzfall geschaffen, der zur Nachahmung nötigt.

Wenn ich den Spiegel-Beitrag richtig verstehe, sieht die Anklage die besondere Schwere der Nötigung hier jedoch nicht auf Seiten des Dozenten, sondern bei der Studierenden, und das nicht, weil es um Sex ging. Es geht vielmehr darum, dass ihre Aufzeichnung mit versteckter Kamera zu erpressersichen Zwecekn gegen eine weitere einschlägige strafrechtliche Bestimmung verstößt (Bruch der Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes).

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,613902,00.html

Insofern könnte der linke Haken diesmal eher ein Schattenboxen sein, weil er irgendwie am Faktenmaterial vorbeischlägt.
Magda schrieb am 23.03.2009 um 20:16
Eine herrliche Posse, ein Gesamtkunstwerk, wenn man die Kommentare noch dazu zählt.

Zum Thema Versorgungsehe:
Ein Bekannter hat mir vor vielen Jahren einmal offenbart, er habe nur wegen des geregelten Geschlechtsverkehrs geheiratet. Womit der seine Frau sonst noch versorgt hat, weiß ich nicht, denn sie hat gut verdient. Die Vorteile auf Seiten der Gattin waren auch gering, wie ich nach eigener Erfahrung bestätigen konnte.

Zitat: Gewiss, die Einforderung von „sexuellen Leistungen“, die ohne Druck nicht erbracht würden, ist ekelhaft. Zitatende

Ekelhaft ist bei der Einforderung von sexuellen Leistungen außerhalb professioneller Angebote, dass man beim Gewähren dieser Leistung dem, der sie fordert, so nahe kommen muss. Das ist meistens erschwerend, weil diese Nähe nicht freiwillig hergestellt wird. Das ist was für Profis nicht für Amateurinnen. Die leiden darunter schwer.

@ Joachim Losehand
Zitat: Der wahre Skandal ist die prinzipielle und umfassende Diskriminierung all' derjenigen in abhängigen Positionen, deren Geschlecht und bzw. oder äußere physische einen Austausch solcherlei Dienstleistungen von vornherein ausschließt. Zitatende

Ich denke, auf dem Gebiet ist schon ordentlich Gleichstellungsarbeit geleistet. Beide Geschlechter prostituieren sich bei Bedarf. Ich bestreite aber nicht, dass die physisch Benachteiligten unter den Männern und nicht nur sie sehr vehement bis brachial versuchen, doch in die Position derer zu gelangen, die solche eine Dienstleistung erwerben bzw. erzwingen können statt sie anbieten zu müssen. Männer sind einfach keine Servicetypen. Frauen, wenn sie physisch benachteiligt sind, haben da allerlei Möglichkeiten auf dem Gebiet des "special interest"

@ChristianBerlin

Zitat: Jeder, der schon mal mit Frauen zu tun hatte – Zitatende

Oha, das hätte ich aber nicht eingestanden. Naja, ein Scherz.
Mir scheint immer weniger Männer haben schon mal mit Frauen zu tun gehabt und immer mehr wollen mit der Dienstleistung „Frau“ zu tun haben. Das wird die Prozesshäufigkeit steigern.

Zitat: Berücksichtigt man das verschwiegene Detail, sieht es deshalb eher so aus, dass sie zuerst ihn mit erotischen Angeboten zu ködern versucht hat, Zitatende

Das kommt bei Männern immer raus: Die Frau hat angefangen.

Zitat: Statt des romantischen Abenteuers, das er vielleicht hätte haben können, hat er nun die Rache der verschmähten Frau am Hals Zitatende

Männer haben eine schnelle Neigung, eine verschmähte Frau da zu wähnen wo sie selbst verschmäht wurden. Sie brauchen das einfach. Insgesamt aber ist das keine Tatsachenschilderung mehr, sondern schon die reine Exegese, aber damit versorgen die Schriftgelehrten seit Jahrhunderten die Welt.Immer das Theologen Tool im standby haben - in allen Lebenslagen. Das heiligt.

Resümee. Der reine unverstellte Stammtisch, natürlich von der gehobenen Sorte. Ein Bier her bitte...
ChristianBerlin schrieb am 23.03.2009 um 20:52
[Zitat Magda]Männer haben eine schnelle Neigung, eine verschmähte Frau da zu wähnen wo sie selbst verschmäht wurden. Sie brauchen das einfach. Insgesamt aber ist das keine Tatsachenschilderung mehr[/Zitatende]

...erwischt. Das geben die Tatsachen aus der Anklageschrift tatsächlich nicht her, zunächst jedenfalls nicht. Der Vorstoß mit dem Privatdetektiv diente noch nicht der Rache, sondern der nächsten Erpressung.

Die Frage ist nur: Warum war sie so unvernünftig, die 1.000 Euro im Strafbefehl nicht zu akzeptieren? Schließlich scheint sie mit 4,3 bestanden und so insgesamt 4.000 Euro (abzüglich Detektiv) gegenüber ihrem ursprünglichen Angebot gespart zu haben. Das ist Selbstbeschädigung und riecht nach Rache - die Logik, nach der die Frau immer das Opfer männlicher Begierde sein muss, scheint jedenfalls die Staatsanwaltschaft nicht sonderlich überzeugen zu können.

Jetzt könnten wir natürlich noch fragen, wer die Anklage geschrieben hat - ein Theologe scheint es aber eher nicht gewesen sein, und Männer-Mythen liegen ihr wohl auch nicht zugrunde. ;-)
Magda schrieb am 23.03.2009 um 22:49
Also, dass das nach Rache riecht kann ich nicht erkennen. ich sehe eher, dass sie sich ungerecht behandelt fühlt und überhaupt nichts bezahlen will. Sie wollte ihn ja nur überführen. Ich denke mir, der Staatsanwalt sieht darin eher eine Art von Notwehrüberschreitung.

Zitat: die Logik, nach der die Frau immer das Opfer männlicher Begierde sein muss, scheint jedenfalls die Staatsanwaltschaft nicht sonderlich überzeugen zu können Zitatende

Logik, phh....Das ist ja auch ein Kerl, der Staatsanwalt. Die stecken doch alle unter einer Decke. Und was das für ein Arsch von Prof sein muss, na Hilf Himmel.

Aber man kann sich vielleicht einigen, dass die ganze Chose nicht so richtig was mit bigotter Ablehnung von Sexualität an sich zu tun hat. Glaube ich nicht.
ebby schrieb am 27.03.2009 um 13:46
Wie auch immer er es gemeint hat, anscheinend hatte er es nötig! Armseelig finde ich beide Personen. Wenn ich nicht die nötigen Anstrengungen an den Tag lege, dann werde ich entweder knallhart abstürzen oder habe verdammtes Glück und komme mit meiner Faulheit durch. Wenn ich meine Faulheit dann aber auch noch weg kaufen will, in Form von solch Dingen, sollte ich vielleicht darüber nachdenken, ob nicht auch die Hauptschule gereicht hätte und die nächste Putzstelle meine sein wird. Genauso verwerflich ist die Idee des Lehrers. Der sollte sich vielleicht doch lieber das 70€ Angebot aus Berlin abholen, anstatt seiner Schülerin eine gute Note zu geben, wenn die "ihn" in den Mund nimmt. Daher endet für mich das Thema in einem ausgeglichenen Unentschieden, in dem beide Personen verwerfliches beigefügt haben. Sicherlich ist aber besonders verwerflich, dass der Pädagoge sich zu solch einem Angebot hat veleiten lassen.


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