Kultur

Film | 08.07.2009 15:00 | Barbara Schweizerhof

Wer auf den Clou wartet, verpasst das Beste

In seinem neuen Film "Kommissar Bellamy" führt Claude Chabrol vor, dass eine Geschichte, wenn man ihr nachforscht, sich keineswegs immer aufklärt, sondern oft verwirrender wird

Claude Chabrol hat seinen ersten Film (Le beau Serge) vor über 50 Jahren gemacht, als Filmemacher noch davon ausgehen konnten, dass ein Publikum sich für ihre Werke interessieren würde, ohne dass eigens um deren Aufmerksamkeit gebuhlt wurde. Manche mögen das als Warnung vor dem Unterhaltungswert von Chabrols jüngstem Werk verstehen, andere bekommen vielleicht erst richtig Appetit: Kommissar Bellamy ist ein Film, der den Zuschauer für seine Aufmerksamkeit belohnt. Nicht mit der spektakulären Aufklärung raffiniert gestellter Rätsel wie im modernen Mystery-Genre, sondern subtiler und, fast möchte man sagen, erwachsener: mit jenem Quäntchen Ironie, dem die Erkenntnis über die Beschränktheit der eigenen Wahrnehmung innewohnt.

Was sieht man zu Beginn? Einen dickleibigen Kommissar, verkörpert von Gérard Depardieu, der Kreuzworträtsel löst. Ein anderes Wort für „Felicité“? „Bonheur“ notiert die Gestalt, begleitet von Zufriedenheitslauten eines wohlgenährten Körpers und entspannten Geistes. Bellamy scheint sich im Glück zu befinden: auf Urlaub in Südfrankreich, umsorgt von einer schönen Frau (Marie Bunel), mit der er ein Eheleben wie aus dem Bilderbuch führt. Doch wie das bei Chabrol so ist: In der Idealisierung steckt schon die Entblößung.

Das Glück wird bald durch zwei Männer gestört. Da ist ein Unbekannter, der im Vorgarten herumschleicht und Bellamy zu sprechen wünscht. Der Zuschauer weiß schnell, dass es sich um den gesuchten Versicherungsbetrüger handelt, von dem Bellamy aus dem Fernsehen erfahren hat. Er soll seinen eigenen Tod vorgetäuscht und dafür jemanden umgebracht haben.

Alltag oder Indiz?

Für den erfahrenen Kommissar wie für den Zuschauer bietet der „Fall“ keine Schwierigkeiten, geschweige Überraschungen. Scheinbar geheimnislos entrollt Chabrol das Geschehen in einer Kette von Dialogen, die an Fernsehkrimis von früher erinnern. Wer noch auf den Clou wartet, hat das Wesentliche schon verpasst: Auf fast hinterhältige Weise nämlich führt Altmeister Chabrol hier vor, dass eine Geschichte, wenn man ihr nachforscht, sich keineswegs aufklärt, sondern im Gegenteil, eigentlich immer verwirrender wird.

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Am Ende hat selbst Kommissar Bellamy Zweifel daran, ob seine Ermittlungen das Richtige ergeben haben. Vielleicht hätte er seine Neugier mehr dem jüngeren Bruder widmen sollen, dem zweiten Eindringling ins häusliche Ferienglück der Bellamys. Dieser Jacques (Clovis Cornillac) ist eine gescheiterte Existenz, ein Tunichtgut und Trinker, der bei Bellamy alte Schuldgefühle weckt. Als er einmal nach Hause kommt, tritt ihm der Bruder mit nacktem Oberkörper entgegen, scheinbar aus der Richtung des ehelichen Schlafzimmers. Und als er nachschaut, ist dort die werte Gattin gerade dabei, das zerwühlte Bett zu machen. Ist das noch Alltag oder schon ein Indiz?

Dem Offensichtlichen nachzugehen ohne sich darauf zu verlassen, das deuten allein die Namen an: der Bruder ist ziemlich am Boden, sein Nachname lautet Lebas; Gentil, der Nette, nennt sich der Versicherungsbetrüger, dessen eigentlicher Name Leullet den „Hässlichen“ heraushören lässt. Ein Fräulein Bonheur taucht auf, und ist als Glücksfall zur Stelle, im Baumarkt und als Zeugin. Bellamy selbst erweist sich als vielleicht zu guter Freund des Angeklagten. Und das ist der Lohn der Aufmerksamkeit: nicht die „Lösung“ einer Geschichte, sondern ein Anknüpfungspunkt für eine Vielzahl davon.

 
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