Kultur

Naher Osten | 18.09.2009 18:30 | Johannes Zang

Starker Tobak

Avraham Burg, ehemaliger Sprecher der isaelischen Knesset, will mit seinem Buch "Hitler besiegen" seinen Landsleuten ins Gewissen reden

Israel hat einen neuen Propheten. Auf diese Formel lässt sich die Essenz von Avraham Burgs Buches Hitler besiegen bringen. Der frühere Sprecher der israelischen Knesset  (1999-2003) war schon während der 2. Intifada durch aufrüttelnde Artikel aufgefallen, 2004 verschwand er von der politischen Bildfläche.
Burg (Jahrgang 1955) ist der Sohn des Dresdner Rabbiners (warum verschweigt das der Klappentext?) Josef Burg und einer, wie er es nennt „arabischen Jüdin aus Hebron”, die 1929 das palästinensische Massaker an Juden überlebt hatte.

Burg erlebte eine unbeschwerte Kindheit in Jerusalem, absolvierte dann den Militärdienst, um sich danach der Friedensbewegung "Frieden jetzt" anzuschließen. Zwei Umstände haben ihn schon früh mit der politischen, militärischen und akademischen Elite Israels vertraut gemacht:

– Sein Vater gehörte bis in die 80er Jahren verschiedenen Regierungen Israels als Minister an.

– Die Wohnung in West-Jerusalems Stadtteil Rehavia, laut Autor das „Kleindeutschland” Jerusalems, haben ihn Martin Buber und andere Geistesgrößen auf der Straße treffen lassen.

In zwölf Kapiteln erzählt Burg seine eigene und die Geschichte des Staates Israel. Er schreibt von Vorträgen vor Schulklassen, aber auch vom Eichmann-Prozess, er nimmt den „allgegenwärtigen Holocaust” unter die Lupe, berichtet von den Schwierigkeiten, in die er wegen eines geplanten Dalail-Lama-Besuches in Israel geriet und skizziert last but not least ein „neues Judentum”.  Dabei verfügt Burg über eine Gabe, die vielen seiner Landsleute etwas abhanden gekommen zu sein scheint:  Bei allem eigenen Schmerz kann er sich in das Gegenüber hineinversetzen und Selbstkritik üben.

Fast auf jeder der 280 Seiten steht ein Satz, den man unterstreichen möchte oder der einem schlicht die Luft raubt. „Die Shoah ist in unserem Leben präsenter als Gott”, beklagt der gläubige Jude den israelischen Umgang mit dem Hitlerschen Judenmord. Wiederholt stellt er ätzende Fragen, vor allem, was den Umgang mit den Palästinensern betrifft. Beispiel: „Ist es ein Wunder, dass niemand mehr unser Freund sein will, wenn wir Enteignungen, ungerechte Verfahren an Militärgerichten, Misshandlungen, Straßensperren und Nahrungsmittelblockaden praktizieren, und, was das Schlimmste ist, arabische Menschenleben verachten?”

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Das Hannah Arendt gewidmete Buch ist dabei so Vieles in einem: eine Liebeserklärung an sein Land, eine Abrechnung mit dessen Politik und eine Mahnung an das Judentum, seine Menschlichkeit nicht zu verlieren. Burg behauptet letztlich nicht mehr und nicht weniger als das: Weil Politik und Medien die Araber im Allgemeinen und die Palästinenser im Besonderen auf eine Stufe mit den Nazis stellen,  kann Israel quasi ungeschoren davonzukommen; Präsidenten, Könige und Kanzler von Tokio bis Buenos Aires drücken angesichts der seit 42 Jahren andauernden Besatzung und Beherrschung von mittlerweile fast vier Millionen Palästinensern in Ost-Jerusalem, dem Gaza-Streifen und dem West-Jordanland bis heute ein Auge zu.

Der Autor begnügt sich nicht mit der Analyse, er will seiner Gesellschaft einen Weg aus der Sackgasse weisen: „Ich (...) glaube, dass, wenn wir die Araber von der Nazi-Rolle befreien, die wir ihnen zugewiesen haben, es wesentlich einfacher sein wird, mit ihnen zu reden (...).” Man stelle sich vor, welche Herzen gewonnen werden könnten, läsen Araber vom Libanon bis Mauretanien diesen Satz auf Arabisch. Eine Übersetzung von Burgs Buch ins Arabische könnte vielleicht mehr bewirken als neue Friedenspläne oder Sondermissionen westlicher Politiker.

Missstände in Israel und den besetzten Palästinensischen Gebieten haben in der Tradition von Jeremia, Hosea und Amos schon viele propehtischen Kritiker hervorgebracht:  Israel Shakak, Yeshayahu Leibowitz, Uri Averny.... Der Unterschied zu jenen ist: Burg kommt aus höchster politischer Führungsetage. Ob dies seiner Stimme in Israel und im Ausland mehr Gewicht verleiht? Es wäre dem Buch von Herzen zu wünschen.

 

 
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Kommentare
Anubis schrieb am 03.10.2009 um 20:48
Aha, da nimmt einer den "allgegenwärtigen Holocaust" unter die Lupe. Da sagt einer Sachen, die der Boche, der hier sein hässliches Gesicht erhebt, unterstreichen möchte. Atemberaubende Sachen wie die, dass die Schoa präsenter sei als Gott.

Erschreckend, was teutschen Journalisten so den Atem raubt.

Man fühlt sich regelrecht erleichtert, dass zumindest einmal nebenbei erwähnt wird, dass es um den ISRAELISCHEN Umgang mit dem Holocaust gehen soll. Dennoch lässt mich irgendwie der Verdacht nicht los, dass es hier untergründig vor allem - um den Boche geht.


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