Kultur

Literatur | 20.09.2009 11:30 | Alison Flood, guardian.co.uk

Kafka macht klug

Vergessen Sie Sudoku und Kreuzworträtsel: Wenn Sie Ihre Denkfähigkeit schärfen möchten, sollten Sie surreale Kafka-Geschichten lesen

Forschungsergebnisse von Psychologen der University of California in Santa Barbara und der University of British Columbia können angeblich belegen, dass der Umgang mit Surrealistischem jene kognitiven Mechanismen fördert, die für implizites oder unbewusstes Lernen verantwortlich sind.

Die Psychologen legten einer Gruppe von Probanden die Kafka-Erzählung Ein Landarzt vor. In der verstörenden und surrealen Erzählung reist ein Arzt auf einem „unirdischen Pferd“ zu einem kranken Patienten, nur um dann zu diesem ins Bett zu steigen und sodann „nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalter ausgesetzt“ aus dem Fenster zu fliehen.

Eine zweite Gruppe erhielt dieselbe Lektüre, allerdings in einer umgeschrieben Fassung, in der die Handlung realistischer schien. Beide Gruppen sollten dann eine künstliche Grammatikaufgabe lösen, bei der ihnen in Buchstabenfolgen versteckte Muster präsentiert wurden. Anschließend sollten sie dann andere Buchstabenreihen auf verwandte Muster untersuchen.

„Diejenigen, die die widersinnige Geschichte gelesen hatten, untersuchten mehr Buchstabenfolgen – sie waren motivierter, Strukturen aufzudecken,“ berichtet Travis Proulx von der UCSB. Er hat die Studie, über welche in der Septemberausgabe des Journals Psychological Science ein Artikel erscheinen wird, mit durchgeführt. „Wichtiger ist aber, dass sie dabei mit größerer Genauigkeit vorgingen als diejenigen, die die 'normalere' Version der Geschichte gelesen hatten.“

Proulx erklärt, dass hinter der Studie die Überlegung stand, wonach unser Gehirn in der Umwelt „nach andersartigen Strukturen“ suche, wenn wir mit Dingen konfrontiert würden, die „fundamental keinen Sinn ergeben“ .

„Ob man Kafka liest oder einen Zusammenbruch des eigenen Identitätsbildes erlebt – die Auswirkungen sind in ihrer Struktur vergleichbar“, so Proulx. „Man fühlt sich unwohl, wenn die erwarteten Zusammenhänge gebrochen werden. Hieraus wiederum entsteht der unbewusste Drang, sich auf die Dinge in der Umwelt einen Reim zu machen. Besagtes Gefühl des Unbehagens kann von einer surrealen Geschichte hervorgerufen werden, aber auch vom Vergegenwärtigen eigenen widersprüchlichen Verhaltens – eigentlich ist es egal wovon, man will es bloß loswerden. Deshalb ist man dann motivierter, neue Strukturen zu erlernen.“

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Anders sei es, wenn die betroffene Person erwarte, ein Gefühl der Befremdung oder Verwirrung zu erleben. Man muss schon von dem Unerwarteten überrascht werden und nicht in der Lage sein, sich einen Reim darauf zu machen. Erst dies bringe einen dazu, zu versuchen, woanders Sinnhaftes zu finden. „Wichtig zu erwähnen ist, dass man bei einer Prüfung wahrscheinlich nicht besser abschneiden wird, wenn man sich kurz vorher mit einer Kafka-Geschichte hinsetzt,“ fügt Proulx hinzu.

 

Übersetzung: Zilla Hofman
 
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