Nur mit Mühe behielten die Ermittler Felix Stark (Boris Aljinovic) und sein ansonsten ja subordinierter Kollege Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill) in dieser „Subventionsgeschichte“ den Durchblick. Es ging um die europäische Fleischmafia und ihre mafiösen Machenschaften. Und sogar Till Ritter (Dominic Raake), der die Ermittlungen dieses Mal unfreiwillig vom Krankenbett verfolgte, wollte dabei zum Vegetarier werden.
Schön, dass anders als so mancher Tatort aus Berlin dieser hier von Anfang an wie ein Krimi daherkam: Ein düsterer Keller, ein älterer Mann, in seinen Augen die Todesangst. Eine junge Frau klingelt verzweifelt an der Tür einer schönen Villa. Ein Büro, ein Telefonat. Ein smarter Geschäftsmann steht sichtbar unter Druck. In einer Hochhauswohnung ein sehr trauriger Mensch, der gerade eine Ladung Tabletten schluckt.
Der Schnösel
Als am nächsten Morgen der Fleischmogul Hans Merklinger tot aufgefunden wird, wird kurz die Ehefrau des Toten Christa Merklinger (Maren Kroymann) verdächtig, ihr Motiv: Eifersucht. Merklinger hat sie wegen der jungen Kathi (Alexandra Finder) verlassen. Dabei ist Kathi eigentlich eine Art Ziehkind des Ehepaares gewesen und obendrein die Tochter von Merklingers Chefsekretärin Frau Balthasar (Johanna Gastdorf). So musste man auch sie als mögliche Täterin eine Weile im Auge behalten.
Doch zum Glück benötigte dieser Tatort nicht wie so oft einen Reigen an Verdächtigen. Die Unverdächtigen (Ehefrau, Sekretärin und Geliebte) blieben alles in allem unverdächtig.
Vielmehr konzentrierten sich die Ermittlungen auf Liljana (Ana Stefanovic) und Joachim Kahle (Ole Puppe), außerdem auf den Sohn Maximilian Merklinger (Lucas Gregorowicz), ein schnöseliger Bösewicht, dem man einen Mord aber nicht wirklich zutraute. Dennoch: Maximilian führt den skrupellosen Geschäftsstil seines Vaters auf noch radikalere Weise fort, und selbst die sonst eiskalten ukrainischen Brüder wunderten sich über seine Methoden; er sei eben „eine andere Generation“, worauf einer der Brüder kühl entgegenete: „oder eine andere Seele.“
Kein schlechter Dialog. Die Mafia wurde dargestellt, wie wir Coachpotatoes uns die Mafia eben so vorstellen: Skrupellos, scheut vor Mord nicht zurück (Dimitrov), fragt sich aber doch, warum der Sohn nicht einen Tag der Trauer für nötig hält (Ehrbegriff!).
Eine seltene Variante
Aber noch der beste Fall ist im Tatort bekanntlich nichts wert, wenn die Ermittlerkonstellation nicht trägt. Ritter lag also im Krankenhaus, die notgedrungene Zusammenarbeit zwischen Stark und Weber wurde dann aber „viel entspannter und schneller“, als zu erwarten war, wie Stark selbst süffisant gegenüber seinem Kollegen bemerkte. Für künftige Folgen stellt sich die Frage, ob Weber sich ohne weiteres zurück zum Assistenten degradieren lässt. Hat er nicht Morgenluft gewittert? Indizien dafür gibt es: Einmal musste Stark ihn zurückpfeifen und erinnern, dass sein Platz eigentlich der Schreibtisch ist.
Jedenfalls profilierte sich Weber als kluger Mitdenker, seine gewitzte älterer-Herr-Mentalität machte Laune, Schritt für Schritt wurstelten sich die beiden durch den irrwitzigen und undurchsichtigen „Subventionskram“, den sie sogar über den Umweg zum Vereinsfußball (die Bulgaren) bewiesen und das nur, weil Weber den Kontoauszug zuordnete.
Soviel zu Weber. Richtig spannend wurde es, als Stark wirklich im allerletzten Moment den Zugriff auf die Ukrainer befahl. Und als dann die Klassiker Rache, Eifersucht und Habgier als Motive für den Mord ausfielen, kam gar eine seltene Variante ins Spiel: Die Gerechtigkeit. Der Senior war schuld am Tod von Leyla und Vater Kahle wollte, dass Merklinger dafür grade steht, der Tod des Unternehmers war schlicht ein „Kolateralschaden“.
Ein gelungener Tatort. Auch wenn die Akte Weber für uns nicht ganz geschlossen werden kann, freute man sich doch, wie sich Ritter und Stark am Ende in bewährter Mainer beharkten und der Frauenheld natürlich auch im Krankenhaus nichts von seinem phallischen Charme eingebüßt hatte: Zum Abschied schaute fast jede Schwester ein bisschen verliebt.
Best geerdeter Spruch: „Ich lass mir doch nicht durch so ein bisschen Gammelfleisch den Appetit verderben“. (Ritter)
Auch ganz interessant zu wissen: Die Autoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke arbeiten seit einigen Jahren als Autorenduo. Für den Hamburger Tatort entwickelten die beiden die Figur des verdeckten Ermittlers Cenk Batu (Mehmet Kurtulus). Und für den Tatort Auf der Sonnenseite wurden sie 2009 mit dem Grimme-Publikumspreis ausgezeichnet.
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Wir fanden das ein bisschen arg verquast. Wobei Ernst Georg Schwills Aufwertung mir gefallen hat.
Ansonsten fallen diese Klischees über Mafia aus Osteuropa langsam auf die Nerven. Alle gucken sie schnöde und sind brutal und natürlich - skrupellos. Alle haben sie dicke Bärte und sehen manchmal aus wie Rasputin. Darf man sowas andauernd und immer wieder bedienen? Dass am Ende die ganze Mafiaverstrickung und der EU- Betrug nicht die Ursache für den Mord waren, gehört zu den Techniken, die in fast allen Tatorten angewandt wird. Übrigens: Der meistverwendete Satz in Krimis ist: "Warum sagen Sie das erst jetzt". In diesem Tatort fiel er aber sehr früh. |
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Achso und ich wüsste jetzt gern, ob das ständige Zeigen von Nikotinkaugummis Schleichwerbung war.
Und möchte außerdem anmerken, dass man sich das Rauchen auch ohne solche Kaugummis abgewöhnen kann. |
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Funktioniert vielleicht sogar besser so.
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@ Magda:
"Ansonsten fallen diese Klischees über Mafia aus Osteuropa langsam auf die Nerven. Alle gucken sie schnöde und sind brutal und natürlich - skrupellos. Alle haben sie dicke Bärte und sehen manchmal aus wie Rasputin." Ja, und sie haben immer diese Mäntel an (leider kann man sie wirklich immer daran erkennen, auf "Geschäftsmann" getrimmt), und gern hängt man ihnen in Krimis - auch hier bei "Dimitri" - dicke Ketten um den Hals... Ansonsten ahnst Du gar nicht, wie dankbar ich Dir für Dein gebloggtes Bild vom Pankower Schlosspark bin. Weil ich sonst allmählich, wider besseres Wissen, glauben würde, dass das "neue" Berlin so aussieht, wie in den Berliner Tatorten, trist, keine Bäume, kein Grün, nur Betonsiedlungen.... @ Katharina Schmitz: "Ein gelungener Tatort". Da bin ich doch anderer Meinung, mit Verlaub. Der Vater war gerade ermordet (!) aufgefunden worden, ein paar Türen weiter, doch der Sohn plauderte ganz ungerührt über Geschäfte. Diese mangelnde Trauer hat sich eingebürgert beim Tatort, oder die Unfähigkeit, Trauer zu zeigen. Das ist so realitätsfremd... auch, dass nichts vorbereitet wurde im Trauerhaus, keine Beerdigung, keine Erbschaftsangelegenheiten, es wurde nicht nach Papieren gekramt, es reiste keine Verwandschaft an... wenn ich sowas nochmal sehe, muss ich, fürchte ich, schreien. Oder ausschalten. "... freute man sich doch, wie sich Ritter und Stark am Ende in bewährter Mainer beharkten und der Frauenheld natürlich auch im Krankenhaus nichts von seinem phallischen Charme eingebüßt hatte: Zum Abschied schaute fast jede Schwester ein bisschen verliebt." Diese Nummer, Ritter als Casanova, finde ich einfach nur noch unglaubwürdig. Welche Frau unter 40 sollte er noch beeindrucken, unter uns? Liebe Drehbuchschreiber, gönnt ihm in dieser Hinsicht einen Abgang mit Würde (Stark finde ich ohnehin viel interessanter). @ Katharina Schmitz: |
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@Magda: Dem kann ich nur zustimmen. Die geballten Osteuropa-Klischees in diesem eher spannungsarmen Film nervten mich ziemlich. Über die Ukrainer-Mafiosi-Abziehbilder will ich mal gar nichts sagen, doch frage ich mich, warum muss eigentlich der böse Bulgare Dimitrow heißen muss, wie der bekannte Kommunist und (angebliche) Erfinder der zur "Dimitroff-Formel" verkürzten Faschismustheorie?
Ach ja: den Ermittler-Oppa fand ich nur mäßig lustig. Hoffentlich tritt er in Zukunft zurück ins zweite Glied. |
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"warum muss eigentlich der böse Bulgare Dimitrow heißen muss, wie der bekannte Kommunist und (angebliche) Erfinder der zur "Dimitroff-Formel" verkürzten Faschismustheorie"
Habe ich mich auch gefragt. Aber, dass Du den Ernst Georg Schwill nicht magst...schade. DDR-Urgestein. Hat übrigens auch in einem legendären Antifaschismus-Film der DDR mitgewirkt: "Sie nannten ihn Amigo". |
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"Welche Frau unter 40 sollte er noch beeindrucken, unter uns? Liebe Drehbuchschreiber, gönnt ihm in dieser Hinsicht einen Abgang mit Würde (Stark finde ich ohnehin viel interessanter)."
Der ist so knuffig, der Aljinovic, finde ich. |
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@Magda und Anna
nun ja die Mafia. Ich möchte im Tatort eben keinen sozialrealistischen Wallander sehen, und ein bisschen Ironie war doch dabei beim Beschreiben der Mafia-Figuren. und ja - es stimmt. Die Figur Ritter als Frauenheld ist von gestern. Trotzdem kann ich verstehen, dass man seinen (unverbesserlichen) Charme mag. und Berlin. Mich haben bislang auch die üblichen Schauplätze gestört, so als würde sich das Leben nur am Potsdamer Platz abspielen, und zwar in amerikanischen CSI-Farben, dieses Mal aber: Grunewald und Marzahn. Berliner Gegensätze, die für die Geschichte richtig waren. |
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Fand den gar nicht schlecht. Nachdem ich vor einiger Zeit mal durch einen von denen mit Andrea Sawatzki (mehr gewollt als gut) und einen anderen aus dem Saarland (mehr Action als alles andere) abgeschreckt wurde, finde ich mich langsam in die Tradition Tatort. Wegen dieser schlechten Erfahrungen freue ich mich aber einfach immer, wenn der Tatort einfach ein Krimi ist. Deswegen also hat mir auch dieser gefallen.
Nur diese Frage stelle ich mir: Warum muss man eine teilweise sehr gute Kameraführung durch diese Farbregie kaputt machen? Farben rausdrehen ist in etwa so, wie in Gedichten alles klein schreiben. Man macht es halt so, weil's modern ist, aber in den wenigsten Fällen hat das auch einen Sinn. Oder? |
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Naja. Nette, entspannte Unterhaltung am Sonntag abend ohne nennenswerten Spannungsboden. Selbst das Illegalen Milieu und die Mafia kommt fast gut bürgerlich daher. Was hat man gesehen? Einen Krimi? Man vergißt es während der Sendung.
Und am Schluss ist der Täter (mal wieder) ein rächendes Opfer, dass es so alles nicht gewollt haben will. Mag ja sein, aber warum kommt in bundesdeutschen Krimis die OK immer so gut bürgerlich daher? Welcher Zeit(Un-)geist steckt in dieser fast OK-freundlichen Drehbuch-Regiearbeit? Gruss misterL PS Wo ist eigentlich der Freitags-Kommentar zum 745. Tatort? |
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Wie schafft man eigentlich 3x die Woche die Tour Dtl.-Ukraine?
Zum kruden Osteuropa-Bild der Tatort-Autoren wurde ja schon alles gesagt, dem kann ich mich nur anschließen. Die Rolle des "Ermittler-Oppas" fand ich auch nicht sonderlich mitreißend oder überzeugend. Und Ernst Georg Schwill sagte mir als Name bislang nichts. Aber als Magda anmerkte, dass er auch so ein Defa-Grande ist, machte es 'klick' irgendwie. Kann es sein, dass ich sein Gesicht, noch in ganz jung, aus "5 Patronenhülsen" kenne? |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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