Ode an Lutz Weber

Tatort Sogar die beste Geschichte ist im Tatort nichts wert, wenn die Ermittlerkonstellation nicht trägt. Unsere Kritik der 746. Folge: "Schweinegeld"

Nur mit Mühe behielten die Ermittler Felix Stark (Boris Aljinovic) und sein ansonsten ja subordinierter Kollege Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill) in dieser „Subventionsgeschichte“ den Durchblick. Es ging um die europäische Fleischmafia und ihre mafiösen Machenschaften. Und sogar Till Ritter (Dominic Raake), der die Ermittlungen dieses Mal unfreiwillig vom Krankenbett verfolgte, wollte dabei zum Vegetarier werden.

Schön, dass anders als so mancher Tatort aus Berlin dieser hier von Anfang an wie ein Krimi daherkam: Ein düsterer Keller, ein älterer Mann, in seinen Augen die Todesangst. Eine junge Frau klingelt verzweifelt an der Tür einer schönen Villa. Ein Büro, ein Telefonat. Ein smarter Geschäftsmann steht sichtbar unter Druck. In einer Hochhauswohnung ein sehr trauriger Mensch, der gerade eine Ladung Tabletten schluckt.

Der Schnösel

Als am nächsten Morgen der Fleischmogul Hans Merklinger tot aufgefunden wird, wird kurz die Ehefrau des Toten Christa Merklinger (Maren Kroymann) verdächtig, ihr Motiv: Eifersucht. Merklinger hat sie wegen der jungen Kathi (Alexandra Finder) verlassen. Dabei ist Kathi eigentlich eine Art Ziehkind des Ehepaares gewesen und obendrein die Tochter von Merklingers Chefsekretärin Frau Balthasar (Johanna Gastdorf). So musste man auch sie als mögliche Täterin eine Weile im Auge behalten.

Doch zum Glück benötigte dieser Tatort nicht wie so oft einen Reigen an Verdächtigen. Die Unverdächtigen (Ehefrau, Sekretärin und Geliebte) blieben alles in allem unverdächtig.

Vielmehr konzentrierten sich die Ermittlungen auf Liljana (Ana Stefanovic) und Joachim Kahle (Ole Puppe), außerdem auf den Sohn Maximilian Merklinger (Lucas Gregorowicz), ein schnöseliger Bösewicht, dem man einen Mord aber nicht wirklich zutraute. Dennoch: Maximilian führt den skrupellosen Geschäftsstil seines Vaters auf noch radikalere Weise fort, und selbst die sonst eiskalten ukrainischen Brüder wunderten sich über seine Methoden; er sei eben „eine andere Generation“, worauf einer der Brüder kühl entgegenete: „oder eine andere Seele.“

Kein schlechter Dialog. Die Mafia wurde dargestellt, wie wir Coachpotatoes uns die Mafia eben so vorstellen: Skrupellos, scheut vor Mord nicht zurück (Dimitrov), fragt sich aber doch, warum der Sohn nicht einen Tag der Trauer für nötig hält (Ehrbegriff!).

Eine seltene Variante

Aber noch der beste Fall ist im Tatort bekanntlich nichts wert, wenn die Ermittlerkonstellation nicht trägt. Ritter lag also im Krankenhaus, die notgedrungene Zusammenarbeit zwischen Stark und Weber wurde dann aber „viel entspannter und schneller“, als zu erwarten war, wie Stark selbst süffisant gegenüber seinem Kollegen bemerkte. Für künftige Folgen stellt sich die Frage, ob Weber sich ohne weiteres zurück zum Assistenten degradieren lässt. Hat er nicht Morgenluft gewittert? Indizien dafür gibt es: Einmal musste Stark ihn zurückpfeifen und erinnern, dass sein Platz eigentlich der Schreibtisch ist.

Jedenfalls profilierte sich Weber als kluger Mitdenker, seine gewitzte älterer-Herr-Mentalität machte Laune, Schritt für Schritt wurstelten sich die beiden durch den irrwitzigen und undurchsichtigen „Subventionskram“, den sie sogar über den Umweg zum Vereinsfußball (die Bulgaren) bewiesen und das nur, weil Weber den Kontoauszug zuordnete.

Soviel zu Weber. Richtig spannend wurde es, als Stark wirklich im allerletzten Moment den Zugriff auf die Ukrainer befahl. Und als dann die Klassiker Rache, Eifersucht und Habgier als Motive für den Mord ausfielen, kam gar eine seltene Variante ins Spiel: Die Gerechtigkeit. Der Senior war schuld am Tod von Leyla und Vater Kahle wollte, dass Merklinger dafür grade steht, der Tod des Unternehmers war schlicht ein „Kolateralschaden“.

Ein gelungener Tatort. Auch wenn die Akte Weber für uns nicht ganz geschlossen werden kann, freute man sich doch, wie sich Ritter und Stark am Ende in bewährter Mainer beharkten und der Frauenheld natürlich auch im Krankenhaus nichts von seinem phallischen Charme eingebüßt hatte: Zum Abschied schaute fast jede Schwester ein bisschen verliebt.

Best geerdeter Spruch: „Ich lass mir doch nicht durch so ein bisschen Gammelfleisch den Appetit verderben“. (Ritter)

Auch ganz interessant zu wissen: Die Autoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke arbeiten seit einigen Jahren als Autorenduo. Für den Hamburger Tatort entwickelten die beiden die Figur des verdeckten Ermittlers Cenk Batu (Mehmet Kurtulus). Und für den Tatort Auf der Sonnenseite wurden sie 2009 mit dem Grimme-Publikumspreis ausgezeichnet.


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21:45 01.11.2009
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