Kultur

Hauptfilm | 23.02.2010 21:00 | Matthias Dell

Im Volksgefängnis

Vor 25 Jahren sorgte Thomas Harlans „Wundkanal“, das Verhör eines Nazis zu den Toten von Stammheim, für Furore. Nun ist der Film endlich auf DVD erhältlich

Thomas Harlans Wundkanal ist nicht nur ob seiner Entstehungsgeschichte ein ungewöhnlicher Film. Auch seine Rezeption verläuft eigenartig. Bei der Premiere auf den Filmfestivals von Venedig (1984) und Berlin (1985) macht Wundkanal, der gemeinsam mit der von Robert Kramer auf Anregung Harlans während der Dreharbeiten angefertigten Selbstbeobachtung Notre Nazi gezeigt wird, Furore. „Wie ein böser Traum beherrschten sie das Festival und die Diskussionen. Sondervorführungen fanden statt, weil immer noch nicht alle die Filme gesehen hatten, und verstört, erregt, hasserfüllt kam man aus dem Kino“, schreibt etwa der Zeit-Korrespondent aus Venedig.

Nach der Aufregung verschwinden die Filme aus der Wahrnehmung. Obwohl sie eine der eminentesten Auseinandersetzungen mit deutscher Vergangenheit im 20. Jahrhundert liefern, Nationalsozialismus und RAF kurzschließen, kommen Rückblicke in den Feuilletons zu diesen Themen ohne den Verweis auf das Doppelfeature aus. Das Filmmuseum München schließt diese Lücke nun, indem es Wundkanal/Notre Nazi nach einem Vierteljahrhundert auf DVD wieder zugänglich macht.

Thomas Harlans Blick auf die Geschichte ist so verführerisch wie angreifbar, seine Hypothese über die Toten von Stammheim so fiktiv wie bestechend. „Sie bringen sich um, um zu beweisen, dass sie ermordet worden sind“, lautet die Annahme, auf deren Grundlage Harlan den SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert in einem verspiegelten „Volksgefängnis“ verhören lässt, das wie eine Kunstinstallation aussieht. Filbert ist ein widersprüchlicher Protagonist: Verzückt, vom Sohn seines Lieblingsregisseurs Veit Harlan (Immensee rührt ihn noch immer zu Tränen) hofiert zu werden, setzt sich der verbitterte Nazi einer Gegenüberstellung aus, die er verbal und physisch zu vermeiden trachtet.

Wundkanal und auch Notre Nazi, der als gewöhnlicherer Dokumentarfilm wirken mag, befriedigen nicht die Vorstellungen, die man von etwas wie Aufklärung in einer solchen Situation hegen mag, obwohl Wundkanal Filbert auch Nazi-Strukturen erklären lässt. Dass man Mitleid mit dem alten Mann in dem artifiziellen Rahmen haben könnte, scheint aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich: Man kann, auch dank des drängenden, selbst schuldig werdenden Thomas Harlans, in Filbert nüchtern den Menschen als arme Sau erkennen. Ohne dass damit irgendetwas beschönigt wäre.

 
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