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„Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg zieht einige Register: Ein gekonnter Film aus der "Berliner Schule", der mit Melville liebäugelt

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Im französischen Gangsterfilm hat es Tradition, die Geschichte mit der Entlassung des Helden aus dem Gefängnis beginnen zu lassen. Für Jean-Pierre Melville, José Giovanni und Henri Verneuil, war ein solcher Auftakt Konvention. Die Seelenruhe, mit der ihre Helden vom Wachpersonal Abschied nehmen, ist Indiz dafür, dass sie der Welt nie offenbaren werden, was in ihnen vor sich geht. Ihre Lakonik signalisiert, dass wir uns in der Gesellschaft von Männern befinden, die sich für ein Leben entschieden haben, das zu führen der Normalbürger nicht wagen muss. Sie tragen leicht am Gewicht ihrer Vorgeschichte. Sie dürfen, aber müssen keine Metaphern sein. Auch der Held von Benjamin Heisenbergs zweiter Regiearbeit Der Räuber macht nicht viele Worte. Umso mehr Gravität gewinnt jedes einzelne von ihnen. Was er mit seinem Leben anfangen wolle, fragt ihn der Bewährungshelfer. In Zukunft nicht mehr im Kreis laufen, antwortet er.

Johann Rettenberger (Andreas Lust) ist Langstreckenläufer und Bankräuber. Bisher konnte er nur auf dem Laufband in seiner Zelle und dem Gefängnishof trainieren. In der Freiheit erfüllt er sich die Ziele, die er sich in der Haft gesteckt hat. Er stellt beim Wien-Marathon einen Rekord auf und raubt Banken in Serie aus; bisweilen gar, dem Vorbild Jacques Mesrines folgend, am gleichen Tag mehrere. Den Konventionen des Genres entsprechend, hat auch Rettenberger eine Frau zurückgelassen, deren Erinnerung im Gefängnis nicht verblasst ist.

Von Erika (wie Franziska Weisz sie mit bezaubernder Strenge spielt) kann man träumen, ohne sie der Realität entrücken zu müssen (sie ist beim Arbeitsamt beschäftigt). Heisenberg ist so klug, sie als integere Gefährtin zu zeichnen, die weder Gangsterliebchen noch Verkörperung der bürgerlichen Moral ist. Der Film billigt ihr eine eigene Geschichte und auch ein wenig Psychologie zu. Der einsame Wolf muss nicht durch ihre Liebe erlöst werden.

Kein Actionheld

Es ist ein begrüßenswerter Registerwechsel, wenn ein Regisseur der Berliner Schule (den es wie all seine Kollegen geniert, ihr zugerechnet zu werden) sich aus dem Einfluss Robert Bressons löst und einmal mit dem Melvilles liebäugelt. Thomas Arslan hat auf dieser Berlinale auch die Hinwendung zum Genrekino gewagt, die Christian Petzold seinen Kameraden schon seit längerer Zeit vorexerziert. Rettenberger kennt keine Sehnsucht, sondern nur Fluchtpunkte. Er ist eine unbedingte Figur – in seiner Vergangenheit harrt kein Trauma, das seine Eskapaden erklären müsste –, die allein ihrer Natur folgt. Er ist heroisch im Sinne der Genreregeln. In Situationen, die als aussichtslos erscheinen, findet er noch einen Ausweg, rettet sich mit einem tollkühnen Fenstersprung aus dem Polizeigewahrsam und findet auf einer Bergspitze ein Schlupfloch, obwohl er von einer Hundertschaft umstellt ist. Seine Flucht ist ein Weg zum Tode hin; der Protagonist des Gangsterfilms ist ein tragischer Held.

Bei Heisenberg ist er aber auch eine typische Figur der Berliner Schule. Der Räuber erzählt von Entfremdung. Er ist ein Einzelgänger in der realen Welt, das Gangstermilieu wird nicht beschworen. Reinhold Vorschneider hat seiner Kamera zwar eine souveräne Agilität entlockt, um mit ihrem Tempo mitzuhalten. Mit dem Regisseur findet er großartig emblematische Bilder (etwa das Meer der Lichter, das nachts zu einem Bergmarathon aufbricht). Bei aller kinetischen Energie will die Verwandlung Rettenbergers in einen Actionhelden nicht gelingen. Sie muss es auch nicht.

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